mini|Knut Hamsun, 1939 mini|Knut Hamsun, 1890
Knut Hamsun (gebürtig Knud Pedersen, * 4. August 1859 in Garmo/GarmostrædetKnut Pedersen Garmostrædet bei Lom oder in VågåEintrag Knut Pedersen im Zensus von 1875 mit Nennung des Geburtsortes (norwegisch)., Fylke Oppland, Norwegen; † 19. Februar 1952 in Nørholm bei Grimstad) war einer der bedeutendsten norwegischen Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts und Hauptvertreter der modernen Literatur vom Übergang der Spätromantik und dem Naturalismus zur Klassischen Moderne.
Der Sohn eines Dorfschneiders wuchs bei seinem Onkel auf und erfuhr dort eine bibelnahe religiöse Bildung. Lebenspraktische Kenntnisse erwarb sich der Autodidakt bei unterschiedlichsten beruflichen Tätigkeiten, auf weiten Wanderungen durch Norwegen und später während längerer Aufenthalte in den Vereinigten Staaten von Amerika. In Norwegen waren bereits erste autobiografische Texte erschienen; die Änderung seines Namens förderte seine Popularität. 1890 erschien sein Roman Hunger, der ihn als Vertreter der Moderne in Norwegen bekannt machen sollte. 1892 wurde mit Mysterien der zweite große Roman des Autors veröffentlicht. Es folgten populäre Romane wie Pan und Victoria. 1920 erhielt er den Literaturnobelpreis für sein Werk Segen der Erde, das 1917 als Markens Grøde in Norwegen erschienen war.Les Prix Nobel eingereichte Unterlagen
Hamsuns Ruhm als Schriftsteller wird überschattet von seinem aktiven Eintreten für den Nationalsozialismus. Unter anderem schrieb er noch 1945 einen Nachruf auf Adolf Hitler, in dem er den toten Diktator als „reformatorische Persönlichkeit“ würdigte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er zeitweilig zwangsweise untergebracht, enteignet und zu einer hohen Geldstrafe wegen Kollaboration mit den deutschen Besatzern verurteilt. Diese Erlebnisse verarbeitete er literarisch in dem Buch Auf überwachsenen Pfaden.
Leben Kindheit und Jugend mini|links|Der Hamsund gård, auf dem Knut Hamsun seine frühe Kindheit erlebte mini|hochkant|Knut Hamsun 1871 mini|hochkant|Knut Hamsun 1874
Knut Hamsun wurde 1859 als viertes von sieben Kindern der Kleinbauern Peder Pedersen und Tora Olsdatter geboren und drei Wochen nach seiner Geburt in der Stabkirche von Garmo auf den Namen Knud Pedersen getauft. Sein Vater war zusätzlich als Dorfschneider tätig.
1863 zog die Familie nach Hamarøy in Nordland um und kaufte dort den kleinen Hof Hamsund. Die in vielerlei Hinsicht rückständige, fast feudale Gesellschaft mit ihren patriarchalischen Beziehungen zwischen Herren und Untergebenen hat wohl Hamsuns konservative Grundeinstellung mit bedingt.Rolf Nettum: Leben und Werk von Knut Hamsun; in Kreis der Nobelpreisfreunde, Bd. 20, Coron-Verlag, Zürich, S. 25
Als Neunjähriger kam er für mehrere Jahre zu seinem Onkel Hans Ohlsen in Presteid, bei dem die Eltern verschuldet waren, und hatte dort Hilfsdienste im Pfarrhof zu leisten und aus dem Bibelboten vorzulesen. Rückblickend bezeichnete er diese Zeit später als Martyrium. Nach seiner Konfirmation war er bei dem Kaufmann Walsøe in Tranøy als Ladengehilfe beschäftigt und kritzelte dort seine ersten Verse auf die Türrahmen des Ladens.
1875, mit sechzehn Jahren, begab sich Hamsun auf Wanderschaft durch Norwegen, um das Land kennenzulernen. Er arbeitete als Hafenarbeiter, fahrender Händler und Gemeindeschreiber.
Name Als Autor nannte sich Hamsun zunächst Knut Pedersen, 1878 fügte er den Hofnamen hinzu: Knut Pedersen Hamsund. Es wurde damals unter Gebildeten und Auswanderern üblich, außer oder statt des Vatersnamens einen Familiennamen zu verwenden, der dem Namen des Besitztums entsprach. 1879 verwendete er den nordischer klingenden Namen Knut Pederson. In einem Essay von 1885 tauchte erstmals – angeblich durch einen Druckfehler – der Name Hamsun auf, den er fortan beibehielt.Hansen 1985, S. 32, 34; Ferguson 1990, S. 406 Pflicht wurde ein Familienname in Norwegen erst 1923.
Frühe literarische Entwicklung mini|hochkant|links|Knut Hamsun, 1890 mini|hochkant|Knut Hamsun als Straßenbahnschaffner in Chicago, 1884
Seine ersten literarischen Versuche unternahm Hamsun 1877 mit dem Werk Den Gaadefulde (Der Rätselhafte) und der Bauernnovelle Björger (Der Bürger) von 1878, in der er Erlebnisse seiner Zeit in Presteid verarbeitete. Beide Werke wurden in Kleinstädten des Nordens gedruckt und vertrieben, andernorts aber nicht wahrgenommen.
1882 wanderte Hamsun in die USA aus. Dort arbeitete er unter anderem als Straßenbahnschaffner in Chicago, Farmarbeiter, Handlungsgehilfe und Sekretär. 1885 kam er, an einer schweren Lungenentzündung erkrankt, nach Norwegen zurück. Nach seiner Genesung versuchte er kurze Zeit, als Journalist in Oslo (damals Kristiania) zu arbeiten, reiste aber 1886 erneut in die USA, wo er unter anderem Zeitungsartikel schrieb. 1888 kehrte er nach Norwegen zurück.
Hamsun vermochte in den USA nie richtig Fuß zu fassen; der American Way of Life stieß ihn von vornherein ab. Dies wird auch in mehreren Essays aus jener sowie aus späterer Zeit deutlich, darunter etwa in Fra det moderne Amerikas Aandsliv von 1899, in dem er aus Sicht des europäischen Intellektuellen das amerikanische Geistesleben polemisch abwertet, aber auch in Auf den Bänken bei New Foundland 1891, Auf der Prärie 1903 und Vagabundentage 1905.
Der 1890 erschienene Roman Sult, in der deutschen Übersetzung Hunger, brachte ihm erste literarische Anerkennung. In den nächsten Jahren lebte er für mehrere Jahre in Paris und unternahm danach ausgedehnte Reisen in verschiedene Länder (Finnland, Russland, Türkei, Persien).
Mittlere Schaffensperiode Die Werke dieser Periode, bei denen die individuelle Entwicklung weniger Hauptfiguren im Mittelpunkt steht, begründeten seinen Weltruhm. 1892 erschien Mysterier (Mysterien), in dem er die Zerrissenheit eines Menschen darstellt. 1893 kam der Roman Redaktør Lynge heraus, in dem Hamsun das Pressewesen der norwegischen Hauptstadt beobachtet und kritisiert.Karl d'Ester: Die Presse und ihre Leute im Spiegel der Dichtung. Eine Ernte aus drei Jahrhunderten. Troeltsch, Würzburg 1941 (Darstellung zu Redakteur Lynge auf 18 Seiten). Eines seiner Hauptwerke wurde der 1894 erschienene Pan. Das Werk wurde anfänglich als Glorifizierung der Natur aufgefasst, jedoch wird diese Stimmung von Hamsun im zweiten Teil des Buches konterkariert. Zwischen 1895 und 1898 entstand Hamsuns Dramen-Trilogie, die die Stücke An des Reiches Pforten, Spiel des Lebens und Abendröte umfasst. 1898 erschien der Roman Victoria. Im selben Jahr heiratete Hamsun Bergljot Bech, von der er sich 1906 wieder scheiden ließ. Mit ihr hat er die Tochter Victoria (1902–1980).
Späte Schaffensperiode mini|Marie und Knut Hamsun, 1909 mini|Marie und Knut Hamsun mit den Kindern Tore, Arild und Ellinor (1917) mini|Knut und Marie Hamsun mit ihren vier Kindern (1933)
1909 heiratete Knut Hamsun die 22 Jahre jüngere Schauspielerin Marie Andersen, die als Kinderbuchautorin unter dem Namen Marie Hamsun bekannt wurde. Das Paar bekam vier Kinder: In den Jahren 1912 und 1914 kamen die Söhne Tore († 1995) und Arild († 1988) zur Welt, 1916 und 1917 folgten die Töchter Ellinor († 1987) und Cecilia († 1985).
Die Werke nach seiner zweiten Heirat zeigen jeweils eine Vielzahl von Figuren in ihren gesellschaftlichen Verflechtungen. In den Jahren 1906 bis 1912 erschien seine Wandertrilogie, in deren Zentrum ein Wanderer steht, der sich nicht binden will, bestehend aus Under Høststjærnen (Unter Herbststernen, 1906), En Vandrer spiller med Sordin (Gedämpftes Saitenspiel, 1909) und Den Siste Glæde (Die letzte Freude, 1912). Dies waren die letzten in der Ich-Form geschriebenen Werke.
1911 erwarb Hamsun einen Hof in Hamarøy, in dessen Nähe bereits sein Vater seinen Hof gehabt hatte. 1913 und 1915 beschrieb er den Untergang der alten Gutsbesitzerfamilien und den Aufstieg neuer Gruppen in Kinder ihrer Zeit (1913) und in der Fortsetzung Die Stadt Segelfoß (1915), in denen der Erzähler in der dritten Person spricht.
1917 erschien sein bekanntester Roman, Markens Grøde (Segen der Erde), für den er 1920 den Literaturnobelpreis erhielt und in dem er die Geschichte eines tugendhaften Ödlandbauern beschreibt, der sein Land urbar macht und von den Früchten seiner Arbeit lebt. Im gleichen Jahr zog Hamsun nach Südnorwegen, um näher an den Städten zu leben. Er schrieb Konerne ved Vandposten (Die Weiber am Brunnen, 1920), wo es um Selbstbetrug als Überlebensstrategie geht, und Siste Kapitel (Das letzte Kapitel, 1923), einen Roman über ein Sanatorium, dem eine deutliche Ähnlichkeit zum 1924 erschienenen Roman Der Zauberberg des Hamsun-Verehrers Thomas Mann bescheinigt wurde.
Eine weitere Trilogie erschien in den Jahren 1927 bis 1933 mit den drei August-Romanen Landstrykere (Landstreicher, 1927), August (August Weltumsegler, 1930) und Men Livet lever (Nach Jahr und Tag, 1933). Hier werden die Themen Auswanderung, Heimat und Industrialisierung in Norwegen behandelt. Im Jahr 1936 erschien sein letzter Roman Ringen sluttet (Der Ring schließt sich), der an Sult anknüpft und am Beispiel eines jungen Totalverweigerers alle traditionellen Werte in Frage stellt.
Hamsun und Deutschland Hamsun war ein großer Bewunderer Deutschlands und ein entschiedener Gegner des britischen Imperialismus und des Kommunismus. Entscheidend für Hamsuns antibritische Einstellung war das britische Vorgehen im Burenkrieg. Schon im Ersten Weltkrieg war er für die deutsche Position öffentlich eingetreten. Deutschland symbolisierte für Hamsun das „junge Europa“. Er blieb ein Freund Deutschlands bis zu seinem Tode, die deutsche Sprache beherrschte er allerdings nicht.
Zur Zeit des Nationalsozialismus bezog er in Zeitungsartikeln für die Politik Hitlers Stellung, während seine literarische Produktion zum Erliegen kam. So griff er 1935 Carl von Ossietzky, der in dem KZ Esterwegen gefangen saß, scharf an, unter anderem in der Zeitung Aftenposten. Er bezeichnete ihn als „merkwürdigen Friedensfreund“, der vorsätzlich in Deutschland geblieben sei, um als Märtyrer erscheinen zu können. „Wenn die Regierung Konzentrationslager einrichtet, so sollten Sie und die Welt verstehen, dass das gute Gründe hat“, schrieb er an einen Ingenieur, der sich für Ossietzky eingesetzt hatte. Als Carl von Ossietzky 1935 den Friedensnobelpreis erhielt, äußerte Hamsun öffentlich massive Kritik und rechtfertigte die Errichtung von Konzentrationslagern.
mini|Hamsun mit Tochter Ellinor, 1944
Die Entrechtung der Juden im Deutschen Reich rechtfertigte Hamsun so: „Ich habe es so verstanden, daß Deutschland nur die jüdische Macht innerhalb des Landes hemmen will, so daß es nicht die Juden sind, sondern die Deutschen, die in Deutschland herrschen sollen.“ Deutschland müsse „sich wehren können“, wenn es, so Hamsun, „von dieser fremden Rasse überwältigt“ werde. Für die Juden forderte er ein eigenes Land mit der Begründung: „Es ist für beide Parteien unbefriedigend, daß die Juden dazu gezwungen sind, unter fremden Rassen zu Hause zu sein.“
1936 rief Hamsun zur Wahl des Führers der norwegischen Nasjonal Samling, Vidkun Quisling, auf. Während der deutschen Invasion in Norwegen 1940 appellierte er an seine Landsleute: „Norweger! Werft das Gewehr weg und geht wieder nach Hause! Die Deutschen kämpfen für uns alle und brechen jetzt Englands Tyrannei über uns und alle Neutralen.“Zitiert nach Robert Ferguson: Knut Hamsun. Leben gegen den Strom, dtv, München, 1992, S. 510
Im Jahr 1947 rechtfertigte er in seinem Plädoyer anlässlich der Verhandlung gegen ihn diese und ähnliche damalige Äußerungen folgendermaßen: „Ich schrieb, um zu verhindern, daß norwegische Jugend und norwegische Männer töricht und herausfordernd gegen die Besatzungsmacht auftraten, ohne den geringsten Nutzen, nur zum Tod und Untergang für sie selber.“Zitiert nach Martin Beheim-Schwarzbach: Hamsun – mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt, Hamburg, 1958, S. 143