Als Zombie wird ein Mensch bezeichnet, der scheinbar gestorben und wieder zum Leben erweckt worden ist und ähnlich einem Untoten oder Wiedergänger als ein seiner Seele beraubtes, willenloses Wesen umherwandert.Vgl. Alfred Métraux: le vaudou haitien. Preface de Michel Leiris. Éditions Gallimard, Paris 1958, ISBN 2-07-029653-9, S. 249–252 sowie Wolfgang Schwerdt: Vampire, Wiedergänger und Untote. Auf der Spur der lebenden Toten (= Kleine Kulturgeschichten). Vergangenheitsverlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-940621-39-9.
Die Zombie-Apokalypse ist ein häufiges Motiv in populärkulturellen Veröffentlichungen. Häufig ist ein Krankheitserreger der Auslöser, bei lebenden Infizierten handelt es sich allerdings nicht um Zombies im heute allgemein gebräuchlichen Sinn. Als mögliches existentielles Risiko wird eine solche Pandemie selten auch ernsthaft von Politik und Wissenschaft in Erwägung gezogen.
Ursprung des Begriffs
Der Begriff Zombie leitet sich von dem Wort nzùmbe aus der in Nord-Angola beheimateten Bantusprache Kimbundu ab. Er bezeichnete dort ursprünglich einen Totengeist, eine Bedeutung, die das im Kreolischen gebräuchliche Wort zonbi (gesprochen zombi) in Haiti noch besitzt.Vgl. Ti Diksyonnè Kreyol-Franse. Dictionaire élémentaire créole haitien-francais. Maury-Imprimeur, Malesherbes 1976, ISBN 2-218-03600-2, S. 511.
Mythologie und Aberglaube
Das Zombie-Mythologem stammt aus einer neo-ethnischen Religion, die ihre Ursprünge in Westafrika hat und im Zuge der afrikanischen Diaspora nach Haiti gelangte, wo sie sich zu ihrer heutigen, synkretischen Form, dem Voodoo, entwickelte. Darin glaubt man, dass eine in der Kunst des Voodoo kundige Person über Mittel und Wege verfügt, einen Menschen in einen Zombie zu verwandeln. Von dieser religiösen Überzeugung ist die, weltweit in zahlreichen Kulturen anzutreffende, abergläubischeVgl. Gerhard Zwerenz: Magie, Sternenglaube, Spiritismus. Kapitel II: Die geschichtliche Entstehung des Aberglaubens. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1974. ISBN 3-436-02011-7. Vorstellung zu unterscheiden, der zufolge Verstorbene nicht nur als Gespenst, sondern durchaus auch körperlich in die Welt der Lebenden zurückkehren können, dann als UntoteVgl. Zora Neale Hurston: Tell My Horse. Voodoo and Life in Haiti and Jamaica. (1938), Harper & Row, Publishers, New York. 1990, S. 179–198., die sich häufig an den Lebenden für ein erlittenes Unrecht rächen wollen, wegen dessen ihre Seelen nicht erlöst wurden.Vgl. Alfred Métraux: le vaudou haitien. Preface de Michel Leiris. Éditions Gallimard, Paris 1958, ISBN 2-07-029653-9, S. 249–252. Zudem besetzt der Zombie eine Nische als Tropus zahlreicher fiktiver Handlungen und wird, besonders in Spielfilmen des Horrorgenres, als Monster genutzt.
Geschichte
Bereits aus der Frühgeschichte gibt es Hinweise darauf, dass die Menschen glaubten und fürchteten, die Toten könnten zurückkehren und möglicherweise den Lebenden Leid antun. So wurden in verschiedenen Kulturen Gräber vorgefunden, in denen die Leichen gefesselt oder von Holzpfählen durchbohrt waren. In Sierra Leone tritt diese Methode noch vereinzelt auf. Unklar ist allerdings, ob dies allein dem Zweck diente, die Rückkehr von Verstorbenen zu verhindern, oder ob nicht auch andere Zwecke oder Bedeutungen damit verbunden waren.
Bis ins 18. Jahrhundert herrschte auch in Mitteleuropa große Angst vor der Wiederkehr Verstorbener.Vgl. Otto Prokop, Wolf Wimmer: Der moderne Okkultismus. Parapsychologie und Paramedizin. Magie und Wissenschaft im 20. Jahrhundert. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1976, S. 175 ff. So war es eine Aufgabe der Totenwache, einen Verstorbenen zu erschlagen, falls er sich vom Totenbett erheben sollte. Dies konnte durchaus vorkommen, da Methoden, um den Tod festzustellen, unzuverlässig waren.Vgl. hierzu Jean Ziegler: Die Lebenden und der Tod. Luchterhand Verlag, Darmstadt und Neuwied 1977, ISBN 3-472-77024-4, S. 71–75.
Die unheimliche Figur sowie ihr Name Zombie zogen in die Kulturgeschichte der Vereinigten Staaten ein, während Haiti von 1915 bis 1934 unter US-amerikanischer Besatzung stand. Der aus dem Kreolischen (zonbi = Gespenst, Totengeist) herrührende Begriff Zombie wurde in den 1920er Jahren durch das Buch The Magic Island des Abenteuerschriftstellers W. B. SeabrookDeutsch W.B. Seabrook: Geheimnisvolles Haiti. Rätsel und Symbolik des Wodu-Kultes. Matthes & Seitz Verlag, München 1982. sowie die dadurch inspirierten US-amerikanischen Kinofilme und Comics populär.Natias Neutert: Begegnung mit einem Zombie. Auf den Spuren einer Legende. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 53, 5./6. März 1994, S. II.
Ethnologische Erforschung
Als Erster hat der französische Ethnologe Michel Leiris Zombies ethnologisch erforscht. Nach seiner Definition von 1929 sind Zombies Individuen, die man künstlich in einen Scheintodzustand versetzt, beerdigt, dann wieder ausgegraben und geweckt hat und die infolgedessen folgsam wie Lasttiere sind, da sie ja gutgläubig annehmen müssen, dass sie tot sind.Zitiert nach Natias Neutert: Begegnung mit einem Zombie. Auf den Spuren einer Legende. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 53, 5./6. März 1994, S. II.
Der Ethnobotaniker Wade Davis entdeckte 1982 auf Haiti, dass das dabei zur Anwendung kommende Zombie-Gift unter anderem das hochtoxische Tetrodotoxin enthält, und führte die Zombifikation von Menschen darauf zurück. Weit verbreitet ist die Idee, das Zombie-Gift werde mit Juckpulver vermischt auf die Haut des Opfers geblasen, damit es beim Kratzen durch die dabei entstehenden Wunden aufgenommen wird und in die Blutbahn gelangt. Das Gift ruft rasch die beschriebenen krankheitsähnlichen Symptome hervor, an denen das Opfer scheinbar stirbt – ein Glaube, in dem sowohl die Gemeinde als auch das Opfer selbst befangen ist. Nach Ansicht des Anthropologen Roland Littlewood und des Neurologen Chavannes Douyon, die mehrere „Zombies“ detailliert untersuchen konnten, handelt es sich in etlichen Fällen um herumirrende, psychisch kranke oder debile Fremde, die sich nicht zurechtzufinden wissen und daher oft fälschlicherweise als Verstorbene identifiziert werden.Roland Littlewood, Chavannes Douyon: (PDF; 186 kB) In: The Lancet 350, Nr. 9084, 1997, S. 1094–1096, doi:10.1016/S0140-6736(97)04449-8 (Übersetzung)
Zombies im Voodoo Das Zombie-Phänomen ist tief in der haitianischen Kultur verwurzelt und bleibt dort bis heute präsent. Es dient als kulturelles Symbol und spielt eine Rolle in sozialen und religiösen Praktiken des Voodoo. Die Vorstellung von Zombies ist eng mit der Geschichte Haitis, insbesondere der Sklaverei, verbunden und spiegelt Ängste vor sozialer Kontrolle und Verlust der persönlichen Autonomie wider.Theresa Locker: Der Stoff, aus dem die Zombies sind, vice.com 12.10.2016 online Der Ethnologe Alfred Métraux beschreibt den Glauben an Zombies als integralen Bestandteil der haitianischen Folklore, wobei Zombies als Wesen gelten, denen durch magische Praktiken der Tod auferlegt und die anschließend wiederbelebt wurden, um als willenlose Diener zu fungieren.Métraux, Alfred: Voodoo in Haiti. Pantheon Books, 1959.
Laut diesem Glauben kann ein Bocor, ein Voodoo-Priester, der sowohl positive als auch negative Rituale ausführt, jemanden mit einem Fluch belegen, worauf die betreffende Person stirbt (Scheintod). Danach wird der (vermeintlich) Tote auf rituelle Weise wieder „zum Leben“ erweckt. Der Glaube besagt, dass eine solche Person ihren eigenen Willen verliert und unter der Kontrolle des Bocor steht. Diese als Zombie cadavres bekannten Wesen symbolisieren die Angst vor sozialer Ausgrenzung und geistiger Versklavung. Die kreolische Formel dafür lautet: Bokor kapab, yo gen pouvwa sekrè – was bedeutet: „Die Hexer sind zu allem fähig, sie besitzen die geheime Macht“, wie es Natias Neutert nach seiner Zombie-Suche übersetzt hat.Natias Neutert: Begegnung mit einem Zombie. Auf den Spuren einer Legende. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 53, 5./6. März 1994, S. II.
Der Ethnobotaniker Wade Davis untersuchte in Haiti die Herstellung von „Zombiegiften“. Er identifizierte dabei zwei Hauptkomponenten: Tetrodotoxin, ein starkes Neurotoxin aus Kugelfischen und Datura-Pflanzen (Stechäpfeln), die halluzinogene Eigenschaften besitzen. Davis postulierte, dass die Verabreichung dieser Substanzen einen todesähnlichen Zustand induzieren kann, gefolgt von einer Wiederbelebung, bei der die betroffene Person in einem psychotischen Zustand verbleibt und leicht zu kontrollieren ist.Davis, Wade: The Serpent and the Rainbow. Simon & Schuster, 1985.
Eine weitere Form des Zombies ist der Zombie astrale. Dies ist eine verlorene Seele, die von ihrem Körper getrennt wurde, zum Beispiel durch den Tod. Ein Houngan oder ein Bocor kann diese herumirrende Seele in einem kleinen, tönernen Gefäß oder in einer Flasche einfangen. In der Voodoo-Tradition Haitis können Familienangehörige eine solche „gefangene“ Seele aufbewahren, um eine Verbindung mit den Verstorbenen aufrechtzuerhalten. Solche den Totenkult betreffenden Riten werden noch in Haiti und teilweise im Süden der Vereinigten Staaten praktiziert. Sie werden oft dem Petro-Kult zugeschrieben, einer kämpferischen Strömung des Voodoo, die während der Zeit der Sklaverei in Haiti entstand. Allerdings ist Petro nicht automatisch mit Schwarzmagie gleichzusetzen. Die Angst vor dem „Zombie cadavre“ ist unter der ländlichen Bevölkerung so groß, dass Verstorbene manchmal durch verschiedene Maßnahmen wie Vergiftung oder das Durchbohren mit einem Pfahl davor geschützt werden, als Zombies zurückzukehren.
Die Anthropologin Zora Neale Hurston dokumentierte während ihrer Feldforschungen in Haiti Berichte über Zombies. Sie beschrieb Fälle, in denen Individuen nach ihrem vermeintlichen Tod wieder in der Gemeinschaft auftauchten, was sie auf tief verwurzelte kulturelle Überzeugungen und mögliche psychologische Phänomene zurückführte.Hurston, Zora Neale: Tell My Horse: Voodoo and Life in Haiti and Jamaica. Harper Perennial, 1938.
Das haitianische Strafrecht enthält in Artikel 246 eine Bestimmung, die Handlungen unter Strafe stellt, bei denen durch die Verabreichung von Substanzen ein lethargischer Zustand herbeigeführt wird, der zum Scheintod führt. Wird eine Person infolge dieses Zustands lebendig begraben, gilt dies als Mord. Diese Bestimmung wird oft als rechtliche Grundlage gegen die Praxis der Zombifizierung interpretiert.
Figur des Zombies in der Populärkultur
In der Pop-Kultur fungieren Zombies als gruselige Schreckensfiguren in Horrorfilmen, Comics oder Computerspielen. Sie werden meistens als träge umherirrende Untote oder Infizierte mit ausgestreckten Armen und blutig entstelltem, bereits halbverwestem Gesicht und leerem Blick inszeniert, die zwar vom Hunger auf Menschenfleisch angetrieben werden, jedoch völlig ohne Bewusstsein sind. In der letzten Zeit ist vermehrt eine Abkehr vom metaphysischen Zombiebild zu beobachten. Ersetzt wird es in einigen Fällen durch ein angeblich naturwissenschaftliches Konzept, bei dem die Zombies durch eine Virusinfektion, nicht durch Magie entstanden sind. In vielen Fantasy- und Horror-Rollenspielen dienen Zombies als „Standard-Untote“, neben animierten Skeletten und Mumien. Dabei werden sie meistens als motorisch eingeschränkte Kreaturen dargestellt, deren einzige Angriffsmöglichkeit der Hieb mit der bloßen Hand und die Zähne sind.
Oft dienen Zombies als Metapher für ein angepasstes Dahinvegetieren, unterwürfigen und kritiklosen Gehorsam („Kadavergehorsam“), passiven Konsum und Desinteresse, im Gegensatz etwa zu Rebellion, Autonomie oder unabhängiger Ästhetik. So griff zum Beispiel die Punk-Bewegung das Zombiemotiv häufig auf, unter anderem als Artwork auf Plattenhüllen oder T-Shirts. In religionskritischen Kreisen wird zuweilen Jesus Christus in Anspielung auf seine Auferstehung von den Toten satirisch als „Zombie Jesus“ karikiert.Darstellung der Entstehung der Karikatur auf knowyourmeme.com Seit 2001 gibt es wiederkehrende Zombie Walks in vielen Großstädten der Welt.