mini|Phonographen, hier auf einer Reklame von 1907, … mini|… und Grammophone ermöglichten das Schlagerhören auch zu Hause. Als Schlager oder Schlagermusik, eine Erscheinungsform vor allem europäischer Musik, werden allgemein leicht eingängige instrumentalbegleitete Gesangsstücke der populären Musik mit oft landessprachigen Texten bezeichnet. Das Spektrum reicht dabei von ernsten und sentimentalen Texten bis hin zu fröhlichen und humorvollen Texten. Manche Schlager entwickeln sich zu sogenannten Gassenhauern. Ausgehend von populären Operettenmelodien machte sich seit den 1920er Jahren der Einfluss von jazzigen Rhythmen und Harmonien in der Schlagermusik bemerkbar.
Seit den 1950er Jahren wird Schlager als „schwer zu umgrenzender Begriff in der neueren Unterhaltungsmusik“ sowie als „Kurzform für leicht eingängige Tanz- und Unterhaltungsmusik“ beschrieben.Hans H. Eggebrecht: Terminologie der Musik im 20. Jahrhundert. Handwörterbuch der Musikalischen Terminologie. Franz-Steiner-Verlag, 1995, S. 392.
Die Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden definiert in ihrer 21. Auflage Schlager als „populäres Unterhaltungs-, Stimmungs- und Tanzlied.“Stichwort: Schlager In: Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden. Band 24. 21., völlig neu bearbeitete Auflage. F. A. Brockhaus, Leipzig / Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus, Mannheim 2006. ISBN 3-7653-4124-X. S. 283. Dabei konnte sich der im 19. Jahrhundert entstandene Begriff, der zunächst nur gleichbedeutend zu „Gassenhauer“ für erfolgreiche Musiktitel verwendet wurde, im Lauf des 20. Jahrhunderts als Gattungsname und somit als Bezeichnung für das musikalische Genre durchsetzen, wobei sich dies auf deutschsprachige Produktionen beschränkt.
Die große Blütezeit des Schlagers begann im Nachkriegs-Deutschland: die Sehnsucht der Menschen nach Glück und einem „Heile Welt“-Gefühl trug ebenso zum großen Erfolg des Schlagers bei, wie die zunehmende Verbreitung des Radios in Privathaushalten. Später trug auch der Siegeszug des Fernsehens ganz maßgeblich zur Popularisierung des Schlagers bei. In zahlreichen Unterhaltungssendungen waren regelmäßig Auftritte von Schlagerinterpreten zu sehen und mit eigenen Musiksendungen gab es auch Formate, die sich ausschließlich dieser Musik widmeten. Neben der massenmedialen Verbreitung war ein weiterer wichtiger Faktor die zunehmende Verbreitung von Schallplatten, die in Musikboxen und immer öfter auch auf Plattenspielern in Privathaushalten jederzeit das eigene Musikprogramm ermöglichten. Bedeutende Plattenlabel, die Schlager-Platten verbreiteten, waren beispielsweise Electrola, Polydor, Ariola, Teldec und Hansa. Heutige Plattenlabel, die Kompilationen alter Schlager anbieten, sind zum Beispiel Bear Family Records und Musictales. Moderne Schlagermusik erscheint heute bei allen Major-Labeln, aber auch bei Independent-Labeln.
Die Schlager-Texte „variieren meist die Grundthemen Liebe, Heimweh, Fernweh und Glücksverlangen.“Stichwort: Schlager In: Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden. Band 24. 21., völlig neu bearbeitete Auflage. F. A. Brockhaus, Leipzig / Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus, Mannheim 2006. ISBN 3-7653-4124-X. S. 284. Musikalisch lässt sich der Schlager nicht auf eine eindeutige Stilrichtung festlegen und hat sich immer wieder aktuellen Trends und veränderten Geschmäckern angepasst. So unterscheidet Peter Wicke in der Musikenzyklopädie Die Musik in Geschichte und Gegenwart historisch die Operetten-Schlager um 1900, die Kabarett-Schlager aus den 1910er-Jahren, die Tanzschlager der 1920er-Jahre, die Filmschlager der 1930er-Jahre sowie die Schlager der Tanz- und Unterhaltungsmusik aus den 1950er- und 1960er-Jahren und weist darauf hin, dass sich diese gravierend voneinander unterscheiden.Peter Wicke: Stichwort: Schlager. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart – Allgemeine Enzyklopädie der Musik begründet von Friedrich Blume. Zweite, neubearbeitete Ausgabe, Sachteil 8. Bärenreiter, Kassel / Metzler, Stuttgart 1998. ISBN 3-7618-1109-8 (Bärenreiter) / ISBN 3-476-41008-0 (Metzler). S. 1064. In den 1980er-Jahren öffnete sich der Schlager für elektronische Instrumente und es wurden immer öfter die bis dahin üblichen akustischen Arrangements durch den Einsatz elektronischer Instrumente ersetzt, was wiederum eine völlig neue Stilistik des Schlagers zur Folge hatte.
Durch die häufig sehr eingängigen Melodien und die große mediale Präsenz in Radio und Fernsehen wurden viele deutsche Schlager im Lauf der Zeit zu Evergreens.
Definition und Begriffsherkunft mini|hochkant|Notenblatt des Walzers An der schönen blauen Donau von Johann Strauss, 1867 Eine eindeutige Definition von „Schlager“ gibt es in der Musikwissenschaft nicht und wird von einzelnen Autoren als „schwierig“ und „nicht möglich“ bezeichnet. Die systematische Abgrenzung zu anderen Genres erweist sich ebenso als schwierig. Im Jahre 1870 lässt sich der Begriff erstmals für besonders erfolgreiche Operettennummern und volkstümliche Singspiele nachweisen.Wolther Irving: Kampf der Kulturen – Der „Eurovision Song Contest“ als Mittel national-kultureller Repräsentation. Königshausen & Neumann, 2006, S. 88 ff.
Sprachlich ist der Ausdruck „Schlager“ auf das Wienerische zurückzuführen, laut Duden „wohl nach dem durchschlagenden Erfolg, der mit einem Blitzschlag verglichen wird“.Schlager. duden.de; abgerufen am 28. Juni 2014. Das DWDS übernimmt gemäß einer musikalischen ZeitungskritikZündende Melodie – Schlager nennt sie der Wiener. In: Nat.-Ztg., 34, Wien 1881, S. 526. und dem Wörterbuch von Kluge (1967)Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 652. das Jahr 1881, in dem das Wort „als Ausdruck der Musikkritik, durch die Tagespresse verbreitet“ etabliert und dann auf andere insbesondere „aktuelle und wirkungsvolle Erscheinungen (Buch, Theaterstück, eine reißend abgehende Ware) übertragen“ wurde. Bei Kluge/Götze wurde bereits vermutet, dass das Bild vom einschlagenden Blitz stamme und von der Erwähnung in der Zeitungskritik dann auf Politik und andere Gebiete übertragen wurde.
Historisch hat es ab dem ausgehenden Mittelalter scherzhafte oder auch derbe Lieder nachweislich gegeben, die im einfachen Volk kursierten und von der Kunstmusik entweder ignoriert oder assimiliert wurden – zum Beispiel als Kirchenlied mit neuem Text oder als versteckte musikalische Grundlage von geistlicher Figuralmusik. Die Erfindung des Notendrucks mit Typen im 16. Jahrhundert ermöglichte erstmals die massenhafte und europaweite Verbreitung von Musik, so dass Melodien wie Pavane de Spaigne, La Spagnoletta (beziehungsweise Españoleta und so weiter, die „kleine spanische Melodie“Frederick Noad: The Renaissance Guitar. (= The Frederick Noad Guitar Anthology. Teil 1) Ariel Publications, New York 1974; Neudruck: Amsco Publications, New York / London / Sydney, UK ISBN 0-7119-0958-X, US ISBN 0-8256-9950-9, S. 22 (Spagnoletta).Vgl. auch Jerry Willard (Hrsg.): The complete works of Gaspar Sanz. 2 Bände (Band 1: The complete musical contents of Gaspar Sanz’s masterwork, Instrucción de Música sobre la Guitarra Española. […]. Band 2: A selection of over forty-five musical gems from Gaspar Sanz’s masterwork, Instrucción de Música sobre la Guitarre Española, presented in arrangements for the modern classical guitar. Amsco Publications, New York 2006 (Übersetzung des Originaltextes ins Englische durch Marko Miletich), ISBN 978-0-8256-1695-2, Band 1, S. 38 (Españoleta), 52–53 (Españoleta) und 122–127 (Españoletas und Son de Españoletas).), La Follia und viele andere allbekannt wurden.
Der Begriff des Schlagers im heutigen Sinne entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der erste, auf ein bestimmtes Werk und eine Aufführung bezogene Nachweis des Wortes ist im Wiener Fremdenblatt vom 17. Februar 1867 zu lesen, das über die Uraufführung des Walzers An der schönen blauen Donau schrieb: „Die Eröffnungsnummer der zweiten Abteilung war ein entschiedener Schlager.“Norbert Linke: Musik erobert die Welt. Wie die Wiener Familie Strauß die „Unterhaltungsmusik“ revolutionierte. Herold, Wien 1987, ISBN 3-7008-0361-3, S. 204. In Deutschland verwendete der Journalist und Theaterkritiker Paul Lindau als einer der ersten diesen Ausdruck, zum Beispiel für die Gesangsdarbietungen der Pariser Café-chantants (in Berlin und Hamburg auch Tingeltangel oder Singspielhalle) oder für Wienerlieder.
mini|Schlager in einem Café chantant in Kopenhagen, 1919
Die Erfindung des Grammofons sowie die aufkommende Filmindustrie trugen schnell zur Verbreitung des Schlagers bei. Er ist somit ein Produkt der Industriegesellschaft. Allein seine Schnelllebigkeit zeigt, dass er eher eine Ware als ein auf Dauer setzendes Kunstwerk darstellt. Der Schlager sucht das Massenpublikum, indem er in den Texten Wunschträume anspricht, die er als „Botschaften“ in Kehrreimen stetig wiederholt. Musikalisch richtet sich der Schlager meist nach der jeweils herrschenden Tanzform. Einfache Rhythmen und Melodienfolgen, die auf schnelle Wiedererkennung angelegt sind, bestimmen seinen Charakter.
In Frankreich sowie im Französisch sprechenden Teil Belgiens werden Schlager entgegen dem deutschen Sprachgebrauch nicht „chansons“ genannt (dies ist vielmehr ein Ausdruck für Lieder mit „literarischem Anspruch“), ebenso wenig „chansons à la mode“ (diesen veralteten Ausdruck findet man allenfalls noch in alten Lexika), sondern „variétés“.
Theodor W. Adorno sagte über die Wirkung des Schlagers und seine gesellschaftliche Funktion:
Die ursprüngliche Definition von Schlager, wie sie etymologisch begründet ist, ist heute äußerst schwer an einzelnen Genres festzumachen.
Geschichte Anfangszeit (1900–1919) mini|Paul Lincke, Briefmarke der Deutschen Bundespost (1956) zum 10. Todestag
Die ersten deutschsprachigen Schlager finden sich in den zahlreichen Operetten, die vor 1900 in Wien erfolgreich waren. Johann Strauss Vater und Sohn belieferten die unterhaltungssüchtigen besseren Stände mit Operettenmelodien. Allein Die Fledermaus (1874), der Gipfel der klassischen Wiener Operette, war voll von eingängigen Melodien: Alfreds Lied Täubchen, das entflattert ist, Prinz Orlofskys Couplet ’s ist mal bei mir so Sitte, Rosalindes Csárdás und Adeles Ariette Spiel ich die Unschuld vom Lande, Alfreds Trinklied Trinke, Liebchen, trinke schnell und der Abgesang Glücklich ist, wer vergisst. Fast 500 Werke umfasst das Lebenswerk von Johann Strauss Sohn.
Auch Berlin, das Operettenzentrum Preußens, hatte entsprechende Komponisten. Der bekannteste war Paul Lincke, der mit Frau Luna 1899 seinen größten Erfolg hatte. Einzelne Lieder von Lincke waren jahrzehntelang zu hören: Das macht die Berliner Luft, Luft, Luft; Glühwürmchen, Glühwürmchen glimmre, Glühwürmchen, Glühwürmchen schimmre aus Lysistrata und Schlösser, die im Monde liegen. Eduard Künnekes Der Vetter aus Dingsda mit dem Lied des Fremden Ich bin nur ein armer Wandersgesell und dem Tango Kindchen, du mußt nicht so schrecklich viel denken wurde 1921 in Berlin uraufgeführt.
Aufstieg durch die Massenmedien Schallplatte, Rundfunk und Tonfilm (1920–1933) mini|Comedian Harmonists mini|hochkant|Otto Reutter