mini|hochkant=1.3|Angriff der Royal Scots Greys in der Schlacht bei Waterloo 1815 (Gemälde von Elizabeth Thompson aus dem Jahr 1881)

Als Kavallerie oder Reiterei bezeichnet man eine in der Regel zu Pferd kämpfende Waffengattung der Landstreitkräfte. Im 20. Jahrhundert wurden Kavallerieverbände meist aufgelöst oder in gepanzerte Truppen umgewandelt, behielten aber häufig aus Traditionsgründen ihre hergebrachten Verbandsnamen. Berittene Truppenteile werden heute meist nur noch zu Repräsentationszwecken eingesetzt.

Etymologie und Begrifflichkeit mini|Voll bewaffneter Reiter (Griechenland, um 550 v. Chr.) mini|hochkant|Römischer Hilfstruppenkavallerist aus dem Köln flavischer Zeit mini|hochkant|Sassanidischer Panzerreiter (Kataphrakt) mini|hochkant|Karolingischer Panzerreiter (8.–10. Jh.) mini|hochkant|Schlacht am Morgarten

Das Wort „Kavallerie“ wurde gegen Ende des 16. Jahrhunderts dem gleichbedeutenden französischen Wort entlehnt, das wiederum auf das gleichbedeutende italienische zurückgeht. Das Wort ist wiederum eine Ableitung des italienischen (deutsch Reiter), das von bzw. (italienisch/lateinisch für ‚Pferd‘) abgeleitet ist. Ein erster schriftlicher Beleg auf Deutsch wird auf das Jahr 1569 datiert.

Aufgrund der etymologischen Herleitung werden üblicherweise nur mit Pferden berittene Truppen als „Kavallerie“ bezeichnet, auch wenn in Wüstenregionen zuweilen auch Kamele als militärische Reittiere eingesetzt wurden. Kriegselefanten werden nicht als Teil der Kavallerie betrachtet, ebenso wenig einzelne berittene Offiziere anderer Waffengattungen oder zu Reitzwecken verwendete Tragetiere.

Geschichte Die Kavallerie war neben der Infanterie die wichtigste, bisweilen sogar stärkste militärische Truppengattung während der Antike, des Mittelalters und der Renaissance. Während der Kreuzzüge spielte sie eine wichtige Rolle. In der militärischen Taktik waren berittene Einheiten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Faktor.

mini|Video: Militärische Nutzung der Pferde Mit ihren Vorzügen – Mobilität, Schnelligkeit und Durchschlagskraft – stellte die Reiterei eine Erweiterung taktischer Möglichkeiten dar. Wahrscheinlich entstanden die ersten Pferderüstungen im antiken Zentralasien. Die an die eurasischen, von Reiternomaden bevölkerten Steppen angrenzenden Hochkulturen mussten sich durch den Aufbau eigener Reiterheere an Waffentechnik und Kriegstaktik der Nomadenvölker angleichen. Zuerst erfolgte diese Verreiterung wohl in China.

In Persien, in Osteuropa und Byzanz wurden Reiter und Schlachtrosse schon ab der Spätantike mit einem Überwurf aus Schuppen- oder später Kettengeflecht geschützt. Zur Ausrüstung der Reiter gehörten der Metallhelm, die Stoßlanze, das lange Reiterschwert, Pfeil und Bogen und (seit dem 6. Jahrhundert bei den Awaren) der Steigbügel. Im Fränkischen Reich stand die Entstehung des naturalwirtschaftlich fundierten Lehnswesens in engem Zusammenhang mit der Notwendigkeit einer dezentralen Beschaffung von Waffen und Futter durch die Reiterkrieger selbst, mit einer Agrarreform, dem verstärkten Anbau von Futterpflanzen und dem Rückgang der Bedeutung der Geldwirtschaft.Michael Mitterauer: Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs. München 2004, S. 113 ff.

Der effektivste Gegner der Kavallerie im Mittelalter waren die Pikeniere, die mit langen Stoßlanzen versuchten, die Pferde zu töten oder den Reiter aufzuspießen. Deshalb schützte man Schlachtrösser – ebenso wie den Reiter – in West- und Mitteleuropa seit dem 14. Jahrhundert mit dem so genannten Rossharnisch aus Metallplatten. Allerdings versetzte bereits der Einsatz von Pikenieren und das entsprechende Ergebnis dem Ruf der Kavallerie einen schweren Schlag.

Der Wechsel zu neuen Taktiken verhalf der Kavallerie bis zur napoleonischen Ära erneut zu einer dominierenden Rolle auf dem Schlachtfeld. Die ständige Verbesserung der Feuerwaffen im Lauf des 19. Jahrhunderts war dann der wichtigste Faktor für den Niedergang der Kavallerie und deutete sich im Krimkrieg, amerikanischen Bürgerkrieg und im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 an, die Einführung des rauchlosen Pulvers und des Maschinengewehrs am Ende des Jahrhunderts führte vollends im Ersten Weltkrieg auf das Ende der traditionellen Schlachtenkavallerie hin.

Spätestens im Ersten Weltkrieg wurde dies auch den letzten konservativen Truppenführern bewusst, als bereits zu Beginn an der Westfront Kavallerieattacken gegen das Feuer der Infanterie nicht mehr durchdrangen, oder Teilerfolge in keinem Verhältnis mehr zu den dabei erlittenen Verlusten standen (vgl.: Gefecht bei Lagarde 1914). Lediglich an der Ostfront konnten Kavallerieeinheiten noch im begrenzten Umfang, vor allem für Aufklärungszwecke eingesetzt werden. Die letzte erfolgreiche Attacke eines berittenen Großverbandes wurde am 31. Oktober 1917 unter General Edmund Allenby von der australischen 4th Light Horse Brigade und der britischen 5th Mounted Brigade, beide als Dragoner berittene Infanterie, bei der Eroberung von Be’er Scheva geführt.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges bestanden in den meisten Staaten nur mehr im geringen Umfang berittene Truppen, auch wenn mancherorts noch gepanzerte oder motorisierte Verbände aus Traditionsgründen die Namen von Kavallerieregimentern führten. Nur in Polen bestand noch ein beträchtlicher Teil des Heeres tatsächlich aus Kavallerie, die auch als solche gegen die deutschen Invasoren eingesetzt wurde. Angriffe auf deren Infanterie waren zuweilen durchaus erfolgreich, änderten aber nichts am Verlauf des Krieges. Die Behauptung, dass polnische Kavallerie deutsche Panzer angriff, weil sie die Fahrzeuge für Attrappen hielt, ist allerdings unwahr und entstammt der deutschen Propaganda, die damit die Überlegenheit der deutschen Wehrmacht augenfällig illustrieren wollte.

In den Westfeldzügen wurde von keiner der Parteien Reiterei eingesetzt. Deutschland verfügte zu Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges 1941 über eine einzige Kavalleriedivision, die zentral durch die Prypjatsümpfe vorrückte. In den Weiten Russlands stellten die Achsenmächte zur Sicherung des rückwärtigen Raumes und offener Flanken jedoch erneut Kavallerietruppenteile auf, die in bewegungsungünstigen Räumen, insbesondere auf dem Balkan eingesetzt wurde.

Auch heute noch führen in einigen Staaten einige Regimenter aus Traditionsgründen ihre alten Kavallerie-Bezeichnungen, obwohl sie längst mit modernen Panzerfahrzeugen ausgestattet sind.

Bei der US-Armee wurden ab 1964 für den Krieg in Vietnam aus ehemaligen (inzwischen motorisierten) Kavallerie-Regimentern Luftlandeverbände mit Hubschraubern aufgestellt; auch hier hielt man an der Bezeichnung Kavallerie fest.

Bei der Bundeswehr untersagt deren Traditionserlass aufgrund des Ausmaßes der Beteiligung der Wehrmacht an den Verbrechen der nationalsozialistischen Diktatur die Pflege von Verbandstraditionen aus vordemokratischer Zeit.Zuletzt geregelt in: Die Tradition der Bundeswehr. Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege (PDF; 217 kB), Traditionserlass der Bundesministerin der Verteidigung [Ursula von der Leyen] vom 28. März 2018, dort insbesondere die Punkte 2.3, 3.4.1 und 4.9. Die Heeresaufklärungstruppe – zuvor Panzeraufklärungstruppe – hat allerdings mit der Aufklärung als Hauptaufgabe der leichten Kavallerie die goldgelbe Waffenfarbe der Kavallerie für Kragenspiegel und Litzen der Uniformen sowie die Verbandsabzeichen übernommen. Die Barettabzeichen der Heeresaufklärungs- und Fernspähtruppe weisen als Symbol zwei stilisierte gekreuzte Lanzen auf.

Kavallerie der Antike und des Mittelalters Die Unterscheidung zwischen schwerer und leichter Kavallerie richtete sich nach der Panzerung, Ausrüstung und Bewaffnung der Reiter sowie Statur der Pferde.

Leichte Kavallerie mit Bogen Die Hyksos gelten als die Ersten, die das Pferd systematisch für Kriegszwecke einsetzten und die Reit- und Streitwagenkultur nach Altägypten brachten. Wagen und möglicherweise auch Reittiere waren dabei mit Bogenschützen besetzt. Berittene Bogenschützen waren eine wirkungsvolle Waffengattung, die Völker verschiedener Epochen und Kontinente unabhängig voneinander perfektionierten.

Zu den ältesten bekannten Bogenreitern gehören die Skythen. Sehr bekannte Reitervölker der Geschichte, die auf ähnliche Weise kämpften, sind Hunnen, Mongolen und Awaren.

Die Reitertruppen des osmanischen Reiches besaßen mit den Sipahis eine spezialisierte Einheit reitender Bogenschützen.

Jedoch setzten nicht alle Reitervölker diese Kampftaktik ein; so legten die südamerikanischen Ureinwohner mit der Übernahme des Pferdes im 16. Jahrhundert den zuvor benutzten Pfeil und Bogen ab und kämpften danach mit Lanze und Bola.Peter Mitchell: Horse Nations. The Worldwide Impact of the Horse on Indigenous Societies Post-1492. Oxford University Press, 2015, S. 284.

Ausrüstung Die leichte Reiterei benutzte kleine, schnelle und wendige Pferde. Die Reiter trugen keine oder nur leichte Rüstung. Die klassischen Reitervölker benutzten kurze, starke Bögen von großer Kraft und Reichweite. Die sogenannten Kompositbögen vieler Reitervölker bestehen aus bis zu 16 verleimten Holz- und Horn­teilen. Der Vorteil von Sehnen und Horn besteht in ihrer höheren Fähigkeit, Energie zu speichern und auch wieder (an den Pfeil) abzugeben. Die Effizienz eines solchen gut gebauten Kompositbogens mit entsprechender möglicher Formgebung ist höher als die eines konventionellen Bogens aus Holz, der bei gleicher Form sofort brechen würde. Mongolische und türkische Reiterbögen hatten ein Zuggewicht von durchschnittlich 75 Pfund und schossen speziell abgestimmte leichte Pfeile 500 bis 800 m weit. Diese Kompositbögen waren in Reichweite und Durchschlagskraft dem Langbogen durchaus ebenbürtig. Mit speziellen „panzerbrechenden“ Pfeilen war es beispielsweise den mongolischen Reitern möglich, auch schwere Rüstungen zu durchschlagen.

Taktik Reiterarmeen konnten feindliche Truppen auf Distanz mit Pfeilen überschütten und mussten sich nie auf Nahkämpfe einlassen. Langsamere Gegner ohne wirkungsvolle Fernwaffen waren oft chancenlos. So vernichteten die Reitertruppen des Partherreiches in der Schlacht bei Carrhae (53 v. Chr.) die Legionen des Crassus. Bei ihrem Einfall nach Zentral- und Westeuropa im 9. und 10. Jahrhundert verbreiteten die Ungarn als berittene Bogenschützen Angst und Schrecken im gesamten West- und Ostfränkischen Reich.

Die großen Schwächen berittener Bogenschützen waren ihr Platzbedarf und ihre leichte Ausrüstung. Wenn sie auf engem Raum zum Nahkampf mit besser gepanzerten Gegnern gezwungen waren, unterlagen sie meist. Außerdem waren sie nicht für die Teilnahme an Belagerungen geeignet. Gute Reitertruppen benötigten viel Ausbildung und sehr gute Pferde. Die klassischen Reitervölker wie Hunnen oder Mongolen lebten praktisch auf dem Pferderücken. Eine Kriegslist der türkischen und hunnischen „Steppenreiter“ bestand darin, in einem scheinbar chaotischen Frontalangriff auf den Feind zuzugaloppieren. Ohne Feindberührung – oder nach kurzem Geplänkel – machten sie kehrt und ließen den Gegner im Glauben, sie würden flüchten oder sich neu formieren. Ließ sich der Feind von dieser List täuschen, so nahm er die Verfolgung auf, um die Reitertruppe zu zerschlagen. Der Scheinrückzug der Kavallerie lief nun geplant in der Mitte schneller als an den Flügeln, so dass der Gegner in der Mitte weiter vordringen konnte und dann in einer halbmondartigen Formation in die Zange genommen wurde. Die geschickten Bogenschützen konnten dabei in vollem Galopp 180° nach hinten gewendet ihre tödlichen Pfeile schießen. Diese Kriegslist, gepaart mit der Treffsicherheit der leichten Reiterei, zog die Formation der Feinde auseinander und schuf die Voraussetzung für einen neuerlichen, meist entscheidenden Angriff auf die sich lichtenden Reihen der Gegner.