mini|400px|Karte von Sumer mit seinen Städten mini|300px|Ruinen von Ur mini|300px|Der „Fries in der Molkerei“ mit der Fassade des Tempels der Muttergöttin Ninḫursanga in Tell el-Obed in der Nähe der antiken Städte Ur, ca. 2600–2800 v. Chr., der die Herstellung von Kuhmilchprodukten in den Ställen des Komplexes darstellt – Melken auf der rechten Seite und Abfüllen in großen Behältern und Buttern auf der linken Seite um Sahne, Butter und Käse herzustellen. Irakisches NationalmuseumPhilippe Gouin: Bovins et laitages en Mésopotamie méridionale au 3ème Millénaire. In: Iraq. Band 55. British Institute for the Study of Iraq. London 1993, S. 135–145.

Als Sumer bezeichnet man die Kulturlandschaft des unteren mesopotamischen Schwemmlandes, das sich zwischen dem antiken Nippur 180 km südlich der heutigen Stadt Bagdad und dem Persischen Golf erstreckte, dessen Küste damals etwas weiter nördlich lag als heute. Ihre Bewohner werden Sumerer genannt. Die Kulturlandschaft von Sumer ist vom 4. Jahrtausend bis zum 2. Jahrtausend v. Chr. angesetzt und dauerte etwa 2000 Jahre.

In Sumer wurde erstmals in der Menschheitsgeschichte der Übergang zu einer Hochkultur vollzogen. Die Sumerer lebten in Stadtstaaten mit bis zu Zehntausenden von Einwohnern. Einige der ältesten Schriftstücke der Menschheit wurden in Sumer gefunden. Sie schrieben ihre keilschriftähnliche Bilderschrift zunächst auf Tontafeln, daraus entwickelte sich später eine Silbenschrift, die Keilschrift.

Name Die Eigenbezeichnung der Sumerer für dieses Land lautete ki-en-gir, was das „Land der edlen Herren“ (sumerisch: 𒆠 𒂗 𒄀, in lateinischen Buchstaben ki-en-gi(-r)) bedeutet, wörtlich „Land“ + „Herren“ + „Edel“. Ihre Sprache nannten sie emegi(r) (sumerisch: 𒅴𒂠, lateinisch transkribiert eme-g̃ir, oder 𒅴𒄀 eme-gi).William W. Hallo, William Kelly Simpson: The Ancient Near East. Harcourt, Brace, Jovanovich, New York 1971, S. 29.

Die Bezeichnung Sumer geht hingegen auf das akkadische Wort šumerum zurück, welches sowohl das Land als auch die Bewohner des südlichsten Mesopotamiens bezeichnete. Sie begegnet vor allem in Königstiteln der altbabylonischen Zeit, als sich die Herrscher als „König von Sumer und Akkad“ bezeichneten. Diese auch schon im 3. Jahrtausend v. Chr. in sumerischer Sprache bezeugte Bezeichnung (lugal kiengi(r) ki-uri) drückt dabei den Anspruch auf Herrschaft über das gesamte, später Babylonien genannte, südliche Mesopotamien aus, das neben dem südlichen Teil Sumer auch einen nördlichen Teil, in Anlehnung an das Reich von Akkade, Akkad genannt, hatte. Nachdem im 19. Jahrhundert zunächst die akkadische Sprache rekonstruiert worden war, bürgerte sich das akkadische Wort zur Bezeichnung der sumerischen Sprache ein, die aus den akkadischen Quellen erschlossen werden konnte.

Chronologie Die archäologische Folge für Sumer beginnt mit dem Zeitraum der Uruk-Zeit. Er ist nach dem Ort benannt, an dem erstmals eine unverwechselbare einfache Keramik gefunden wurde. Die Uruk-Zeit dauerte mehr als 1000 Jahre und wird in die drei Zeiträume Frühe, Mittlere und Späte Uruk-Zeit unterteilt. Erst die Späte Phase von Uruk ist im Süden Mesopotamiens gut belegt. Sie zeigt ein rasches Wachstum der Bevölkerung und das Auftauchen einer vierstufigen Gesellschaftshierarchie. Erstmals werden Besiedlungen so groß, dass sie als Städte bezeichnet werden können. Armeen und eine organisierte Kriegsführung entstehen. Diese Charakteristiken können bis zu einem gewissen Maß durch archäologische Zeugnisse identifiziert werden. Die Uruk-Zeit ist insgesamt die innovativste und wichtigste Phase sowohl in technologischer als auch sozialer Hinsicht in der Geschichte Mesopotamiens. Sie hatte einen Einfluss auf die Mittelmeerregionen, Anatolien, Iran und den Persischen Golf.Harriet Crawford: Sumer and the Sumerians. Cambridge University Press, Cambridge 2004, ISBN 0-521-82596-2.

Der Uruk-Zeit folgte der Zeitraum Dschemdet Nasr. Das geographische Gebiet der Kultur konnte bisher (Stand 2004) nicht eindeutig definiert werden. Es könnte auf das Tal des Diyala und die sumerische Ebene beschränkt gewesen sein. Die Zeit von Jemdat Nasr dauerte von 3200 bis 2900 v. Chr. und kann auf der Basis der archäologischen Daten auf 100 Jahre komprimiert werden.

Die Frühdynastische Zeit begann 2900 v. Chr. und endete mit der Machtergreifung des ersten akkadischen Königs 2340 v. Chr. Die Periode ist sowohl in zeitlicher Hinsicht wie auch aufgrund der überlieferten Artefakte substanziell. Die Frühdynastische Zeit wird gewöhnlich als die Periode angesehen, in der das politische Konzept der Stadtstaaten erstmals eine Form erhielt. Der Zeitraum wird aufgrund der Veränderung der Keramik und der Zylindersiegel in drei Phasen unterteilt. Für die späteste Periode und die nachfolgende Zeit von Akkad stehen keine Daten der Radiokarbonmethode zur Verfügung. Die Forscher sind auf die Daten von Königslisten und anderer Inschriften angewiesen.

Auf die Frühdynastische Zeit folgte das Reich von Akkad, das erstmals die sumerische Ebene unter einem Herrscher vereinigte. Die Quellenlage für die Zeit von Akkad ist sehr dünn, aber es sind Statuen aus Stein und Kupfer überliefert, die Hinweise auf die materielle Kultur dieses Zeitraums erbringen.

Die letzte Phase von Sumer begann mit der Herrschaft von Ur-Nammu, dessen Machtergreifung die III. Dynastie von Ur ins Leben rief. Die Periode der III. Dynastie von Ur war eine Zeit, in der Sumer wirtschaftlich prosperierte und viele große Wiederaufbauprojekte initiiert wurden. Aus archäologischer Sicht sind die monumentalen architektonischen Bauwerke bedeutend. Der Anfang der III. Dynastie von Ur ist aufgrund von Daten der Radiokarbonmethode auf 2230 v. Chr. ± 85 Jahren ermittelt. Die Daten der Zeit von Akkad und der der III. Dynastie von Ur können mit historischen Daten verknüpft und überprüft werden.

Eine wichtige historische Quelle ist die sumerische Königsliste, die nach dem Fall der III. Dynastie von Ur zusammengestellt wurde und deren historischer Wert mit Mängeln behaftet ist. Zusätzliche Informationen liefern königliche Inschriften, die manchmal die Jahre der Herrschaft und den Namen des Herrschers enthalten. Manche enthalten zeitgenössische Ereignisse wie siegreiche Feldzüge oder große Bauprojekte. Seit der Zeit von Akkad können solche Informationen in den Jahresnamen, aus dem der Kalender zusammengestellt wurde, verknüpft werden. Jedes Jahr hatte den Namen eines wichtigen Ereignisses, das sich im vorherigen Jahr ereignet hatte. Die Zeitangaben aus diesen gewonnenen Daten für die Zeit von Akkad und der III. Dynastie von Ur wurden aus den astronomischen Daten des nachfolgenden Herrschers, Hammurapi I. von Babylon, rückwärts erarbeitet. Da für die astronomischen Kalender aus Babylon verschiedene Forschungsergebnisse vorgeschlagen werden, haben diese ihre Rückwirkungen auf die Datierung der Zeit von Akkad und III. Dynastie von Ur.

Mit dem Fall der III. Dynastie von Ur erlosch die politische sumerische Macht und sie wurde nie mehr zum Leben erweckt. Man kann sagen, dass die Zeitspanne von Sumer etwa 2000 Jahre umfasste. Sie begann ungefähr 4000 v. Chr. mit der Uruk-Zeit und endete um 2000 v. Chr. mit der III. Dynastie von Ur.

mini|zentriert|hochkant=4|Zeitraum von Sumer

Geographie und Klima 400px|mini|Das 4,2-Kilojahr-Ereignis und die postglaziale Expansion im Nahen Osten (in BPBefore Present ist eine Altersangabe, zu und wird für unkalibrierte 14C-Daten gebraucht). Das Land Sumer liegt heute mehrheitlich im südlichen Staatsgebiet des Iraks, im Schwemmgebiet der Flüsse Euphrat und Tigris. Diese Region ist besonders vom küstennahen Marschland geprägt, wobei die Golfküste in der Antike deutlich weiter landeinwärts lag und sich seitdem durch Sedimentablagerungen der Flüsse immer weiter nach Südosten zurückgezogen hat. Ebendiese Sedimente bilden fruchtbare Böden, die sich grundsätzlich für den Anbau von Kulturpflanzen eignen. Aufgrund dort niedriger und variabler Niederschläge ist dies jedoch nur in der Nähe der Flussläufe oder durch künstliche Bewässerung möglich. Anders als in Ägypten stellt sich die Frühjahrsflut jedoch recht spät ein und konnte so die Ernte gefährden. Außerdem sorgen hohe Temperaturen für große Verdunstungsmengen. Der daraus resultierenden Versalzung kann nur durch ein Ausschwemmen der Böden und durch eine Brachenwirtschaft entgegengewirkt werden.

Entgegen seinem landwirtschaftlichen Potenzial (Getreide, Flachs, Dattelpalmen, Rinder, Schafe, Fischfang etc.) verfügt das Land Sumer über nahezu keine Bodenschätze. Weder Gesteine noch Metalle sind vor Ort verfügbar, so dass sie von weit her importiert werden mussten, dasselbe gilt auch für Bauhölzer. Wichtigste Baumaterialien waren daher der überall verfügbare Lehm, Schilf (Reet) sowie Erdpeche.

4,2-Kilojahr-Ereignis Durch Untersuchungen von Matthew Konfirst (2012)Matthew Konfirst: Nomads, No Moisture, No More Sumerian: The 4.2 ka Climate Anomaly and the Death of a Language. Fall American Geophysical Union Meeting, San Francisco, California 2012. deutet sich eine lange Zeit trockeneren Wetters im Nahen Osten und Mesopotamien vor etwa 4.200 Jahren an. Es wird in der Literatur als das 4,2-Kilojahr-Ereignis bezeichnet. Diese Klimaanomalie führte dazu, dass der jährliche Niederschlag in dieser Region und in der Anzahl der Niederschläge erheblich abnahm. In der Folge wurden 74 Prozent der alten mesopotamischen Siedlungen aufgegeben, wodurch sich das besiedelte Gebiet um 93 Prozent reduzierte.

Geschichte Unser Verständnis von Sumer basiert auf den Entwicklungen der Region in der späten Kupfersteinzeit und den Hochkulturen der frühen Bronzezeit. Ihre Wurzeln liegen aber weiter zurück.

Vorgeschichte Die Vorgeschichte der Ethnie, die die sumerische Kultur prägte, ist weiter Gegenstand vieler Hypothesen. Lange Zeit galt es als sicher, dass die Sumerer kurz vor der Ausbildung einer Hochkultur oder sogar danach eingewandert seien. Dagegen wird heute vermehrt erwogen, dass die sumerische Bevölkerung bereits zu den Trägern der vorangehenden Obed-Kultur gehört hat. Eventuell lebten ihre Vorfahren in dem großen Flusstal, das bestand, ehe der persische Golf nach dem Ende der Eiszeit wieder überflutet wurde. Die Einwanderungstheorien benennen nicht alle eine spezielle Region und beruhen, wenn sie es tun, auf jeweils einer der zahllosen Verwandtschaftstheorien des Sumerischen, die alle recht spekulativ sind. Eine These nimmt die Einwanderung aus nordöstlichen Regionen an, etwa (sekundär) aus dem iranischen Hochland oder (primär) direkt aus der Kaukasus-Region.Vergleiche hierzu die Hypotheses der Dene-Kaukasischen Makrofamilie, in welcher von einigen Autoren u. a. auch kaukasische Sprachen und das Sumerische aufgrund struktureller Ähnlichkeiten zusammengefasst werden.Benno Landsberger: Three Essays on the Sumerians. Dezember 1973 (undena.com) hier S. 6.Gonzalo Rubio: On the Alleged „Pre-Sumerian Substratum“. In: Journal of Cuneiform Studies. Band 51, 1999, , S. 1–16.Dietz Otto Edzard: Geschichte Mesopotamiens. Von den Sumerern bis zu Alexander dem Großen. München 2004, ISBN 3-406-51664-5, S. 14.Jan Keetman: Sumerisch auf Tafeln der Schriftstufe Uruk III. In: Ilya Arkipov u. a. (Hrsg.): The Third Millennium. Studies in Early Mesopotamia and Syria in Honor of Walter Sommerfeld and Manfred Krebernik. (= Cuneiform Monographs. 50). Leiden 2020, ISBN 978-90-04-41807-3, S. 341–377.

Älteste Siedlungsreste stammen aus dem 6. Jahrtausend v. Chr., wobei eventuelle frühere Besiedlungen aufgrund der Mächtigkeit der durch die Flüsse abgelagerten Sedimente und des im Südirak hohen Grundwasserspiegels der Archäologie bisher nicht zugänglich sind. Von diesen frühesten Siedlungsspuren ausgehend ist jedoch eine mehr oder weniger kontinuierliche Entwicklung hin zu größeren Sozialwesen nachvollziehbar, die im späten 4. Jahrtausend v. Chr. mit der Entstehung der ersten weit über den Maßstab dörflicher Siedlungen hinausgehenden Stadt in Uruk ihren ersten Höhepunkt fand.

4. Jahrtausend v. Chr.