mini|Der Struwwelpeter (Fassung ab 1861)
Struwwelpeter (auch Der Struwwelpeter) ist der Titel eines Werkes des Frankfurter Arztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann aus dem Jahr 1844 und zugleich die Titelfigur des Buches. Das seit 1845 gedruckte Bilderbuch enthält mehrere Geschichten, in denen oft Kinder nach unvorsichtigem Verhalten drastische Folgen erleiden, die von einem Sturz ins Wasser bis zum Tod reichen.
Der Struwwelpeter gehört zu den erfolgreichsten deutschen Kinderbüchern und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die vielen Adaptionen werden Struwwelpet(e)riaden genannt.„Struwwelhitler“, „Truffle Eater“ und der Irrenarzt. Die „Hoffmannia“ der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg. Presseerklärung der Goethe-Universität Frankfurt am Main vom 28. April 2009, abgerufen im Portal muk.uni-frankfurt.de am 22. August 2013.
Entstehung mini|Der Ur-Struwwelpeter (Zeichnung von Heinrich Hoffmann) mini|Buchdeckel der Erstausgabe
Im Dezember 1844 suchte der Arzt Heinrich Hoffmann nach einem Bilderbuch als Weihnachtsgeschenk für seinen damals dreijährigen Sohn Carl, fand aber nichts, was ihm für ein Kind dieses Alters passend erschien. Über die Ursprünge des Struwwelpeters schrieb Hoffmann 1871 in der Zeitschrift Die Gartenlaube:
Hoffmann kam schließlich mit einem leeren Schreibheft zurück und beschloss, selbst für seinen Sohn ein Bilderbuch zu gestalten. Das Geschenk hatte die erhoffte Wirkung und erzielte schließlich in Hoffmanns Bekanntenkreis großes Aufsehen:
Es war schließlich der befreundete Verleger Zacharias Löwenthal (später Carl-Friedrich Loening), der Hoffmann zur Veröffentlichung bewegen konnte. 1845 erschien das Buch zum ersten Mal im Druck unter dem Titel Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3–6 Jahren, aber seit der 4. Auflage (1847) schließlich unter dem Titel Struwwelpeter. Seit 1858 erschien das Buch mit veränderten Darstellungen. Bei der Erstveröffentlichung hatte Hoffmann noch das Pseudonym Reimerich Kinderlieb benutzt. Die Titelfigur erhielt erst 1861 ihr heutiges Aussehen.
In seinen posthum im Jahr 1926 herausgegebenen Lebenserinnerungen äußerte sich Hoffmann befriedigt über den internationalen Erfolg seines Struwwelpeters:In: Struwwelpeter-Hoffmann erzählt aus seinem Leben. Englert u. Schlosser, Frankfurt a. M. 1926, hrsg. von Eduard Hessenberg. Zitiert nach: 170 Jahre „Der Struwwelpeter“ – Facetten eines Bestsellers (Zwischentitel Internationaler Erfolg). In: Beschreibung zur gleichnamigen Ausstellung im Österreichischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien, Februar bis Juni 2015. Abgerufen am 9. Juni 2015.
Inhalt In dem Buch erzählt Hoffmann Geschichten von Kindern, die nicht brav sind, nicht auf ihre Eltern hören und denen deshalb allerlei grausames Unheil widerfährt: So wird der „bitterböse Friederich“, der Tiere quält, entsprechend bestraft („Da biß der Hund ihn in das Bein, recht tief bis in das Blut hinein“); Paulinchen verbrennt, weil es mit Streichhölzern spielt; die Kinder, die einen Schwarzen wegen seiner Hautfarbe verspotten, werden in ein riesiges Tintenfass gesteckt und noch viel schwärzer eingefärbt; der fliegende Robert wird mit seinem Regenschirm vom Wind auf Nimmerwiedersehen fortgetragen, weil er bei Sturm trotz Verbots aus dem Haus geht; dem Konrad werden vom Schneider die Daumen abgeschnitten, weil er heimlich daran nuckelt. Daneben steht aber auch die Geschichte vom Hasen, der den Jäger mit dessen eigener Flinte aufs Korn nimmt.
Namen wie Zappelphilipp, Suppenkaspar oder Hanns Guck-in-die-Luft sind in die deutsche Umgangssprache aufgenommen worden. Textpassagen wie sind heute ebenfalls Gemeingut.
Struwwelpeter Die Titelgeschichte ist die kürzeste, Peter mag Schere und Kamm nicht an sich heranlassen: . Hoffmann selbst nannteHeinrich Hoffmann: Lebenserinnerungen. Hrsg. von Georg H. Herzog und Helmut Siefert. Frankfurt am Main 1985, S. 234. seine Titelfigur auch einen „ungeleckten Bären“. Als mögliche Vorlage des langhaarigen Peter wurden bisher eine französische Karikatur von 1842 und ein englischer Kupferstich eines Knaben („Woolly-Headed boy“ aus Knaresborough) mit unkämmbaren Haaren von 1793 vorgeschlagen.Ulrich Wiedmann: Zur Anamnese des Struwwelpeter. Ein neuer Versuch, die Herkunft des alten Kinderschrecks zu klären. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 13, 1995, S. 515–520.
Die Geschichte vom bösen Friederich „Der Friederich, der Friederich, das war ein arger Wüterich!“ Der bitterböse Friederich quält Tiere zum Scherz, bis er an einen großen Hund gerät:
Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug Die Eltern der jungen Pauline gehen aus und lassen sie mit den beiden Katzen Minz und Maunz daheim. Als Paulinchen Zündhölzer entdeckt, die ihre Eltern auf dem Tisch liegen gelassen haben, entzündet sie diese. Dabei fängt ihr Haar Feuer, und Paulinchen verbrennt bis auf die Schuhe. Minz und Maunz, die Katzen, fungieren als „Moralapostel“ der Geschichte: Als Paulinchen trotz der Warnungen verbrannt ist, vergießen die Tiere bittere Tränen. Die Zündhölzer aus der Geschichte werden im Titel „Feuerzeug“ genannt, da zu jener Zeit der Begriff noch allgemein für Utensilien zum Feuermachen benutzt wurde, also auch für Streichhölzer. Da die seinerzeit noch relativ neu eingeführten Streichhölzer das Feuermachen deutlich erleichterten, konnten sie auch von Kindern benutzt werden, wodurch eine neue Gefahr entstanden war. Die Geschichte ist somit auch eine Reaktion auf ein durch technische Neuentwicklung aktuell gewordenes Problem.
Die Initiative für brandverletzte Kinder Paulinchen nimmt mit ihrem Namen Bezug auf diese Figur.
Die Geschichte von den schwarzen Buben Ein Mohr wird von drei Knaben verspottet, die daraufhin vom „Nikolas“ (eigentlich Nikolaus) zur Strafe in schwarze Tinte getaucht werden: In der 1859 erschienenen Neuausgabe ersetzte Hoffmann die Arabesken in dieser Geschichtes:Lustige Geschichten und drollige Bilder S. 5 durch Davidsterne, möglicherweise um „die bedrückende Situation der Frankfurter Juden in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts“ zu beschreiben.Salomon Korn: Wie in der Judenschule. Der Struwwelpeter auf jiddisch. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. Oktober 1999, Nr. 239 / Seite 51
Die Geschichte vom wilden Jäger Die Geschichte vom Jäger, der vom Hasen überrumpelt wird und in den Brunnen fällt, spielt nicht im kindlichen Milieu. Es ist keine Geschichte über ein unartiges Kind, sondern über eine „verkehrte Welt“, ein beliebtes Motiv im Volksgut. Hier wird die Autorität, der Jäger, anscheinend straflos verhöhnt und sogar besiegt, der Schwächere, der Hase triumphiert.
Die Geschichte vom Daumenlutscher Der Daumenlutscher, ein Junge namens Konrad, lutscht stets an seinem Daumen, obwohl es ihm seine Mutter („Frau Mama“) verboten hat. Sie warnt ihn vor dem Schneider, der ihm seine Daumen abschneiden werde, wenn er nicht mit dem Lutschen aufhöre. Doch Konrad hört nicht auf die Warnung. Schließlich kommt der Schneider und schneidet mit einer übertrieben großen Schere dem Jungen beide Daumen ab.Die Geschichte vom Daumenlutscher auf struwwelpeter.com, abgerufen am 1. Juli 2022
Die Geschichte vom Suppen-Kaspar Der Suppenkaspar ist eines der pointiertesten Kapitel des Struwwelpeters. Es erzählt in wenigen Versen die Geschichte eines Jungen, der sich weigert, seine Suppe zu essen, und daher innerhalb weniger Tage verhungert.
Die Geschichte vom Suppenkaspar von 1844 gilt als die erste Beschreibung der Magersucht in der Literatur. Die freiwillige Verweigerung von Nahrung war im 19. Jahrhundert, als Teile der Bevölkerung noch immer unter Hunger litten, ein tabuisiertes Thema. Hoffmann, der sowohl als Arzt als auch als Psychiater tätig war, konfrontierte als erster eine breite Öffentlichkeit mit dem Krankheitsbild der Anorexia nervosa.Suppenkasper, eine Geschichte über Magersucht von Daniel Beuschel. Aufgerufen am 5. November 2021 Den Struwwelpeter kann man somit auch als kinderärztliches Lehrbuch verstehen.Gerald Hofner: Der “Struwwelpeter”, ein kinderärztliches Lehrbuch – hätten Sie das gewusst? aufgerufen am 5. November 2021
Die Geschichte vom Zappel-Philipp In der Geschichte geht es um den Jungen Philipp, der am Tisch nicht still sitzen kann, mit dem Stuhl kippelt und daraufhin mitsamt der Tischdecke nebst Mahlzeit auf den Boden fällt – „und die Mutter blicket stumm auf dem ganzen Tisch herum“. In neuerer Zeit wurde die Geschichte teilweise als Beschreibung eines Kindes mit Hyperaktivität empfunden (siehe unten). Es gibt drei gut nachvollziehbare Quellen, aus denen Hoffmann die Idee für diese Geschichte u. a. geschöpft hat: Recherchen des Struwwelpeter-Museums ergaben bereits vor Jahren, dass der am 22. Januar 1911 verstorbene Arzt Philipp Julius von Fabricius (ein guter Bekannter Hoffmanns) sich selbst als Urbild des Zappel-Philipp geoutet hatte. Das Grab von Philipp Julius von Fabricius auf dem Hauptfriedhof Frankfurt am Main (Grab F XXII) ist deswegen seit 2024 ein Ehrengrab der Stadt Frankfurt.Jürgen Walburg: Der "Zappel-Philipp" hat jetzt ein Ehrengrab; in: Taunuszeitung vom 25. Mai 2024, S. 14. Zur Darstellung des „Zappel-Philipps“ fand Heinrich Hoffmann eine weitere Anregung im Werk seines Malerfreundes Heinrich von Rustige. Der junge Maler kam 1838 an das Städelsche Kunstinstitut in Frankfurt und schuf im selben Jahr das Ölgemälde Unterbrochene Mahlzeit, das heute in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe hängt. In seinen Lebenserinnerungen beschreibt Hoffmann seine Seereise von Amsterdam zurück nach Hamburg am 24. Mai 1836: Stürmisches Wetter, „seekrank […], dass ich im Mantel die Treppe in die Kajüte hinunterfiel und nun schnell auf Händen und Füßen in meine Koje kroch. Vor meiner Tür aber tafelte und trank lustig ein halbes Dutzend seefester Gesellen, plötzlich hörte ich ein Fallen und Scherbenklingen, einem der Helden war plötzlich schlecht geworden, so dass er vom Stuhle fiel und das Tischtuch mit allem, was draufstand, mit auf den Boden riss. Nun war ich schadenfroh zufrieden.“
Die Geschichte vom Hanns Guck-in-die-Luft In der Geschichte ist Hanns Guck-in-die-Luft ein Junge auf dem Weg zur Schule, der mit seinen Gedanken woanders ist (dargestellt, indem er den Blick zum Himmel gerichtet hatNicola Thomas-Landgrebe: Hans-guck-in-die-Luft - Verkündigungssendung vom 14. August 2021) und deshalb erst einen Hund über den Haufen rennt sowie anschließend zur Erheiterung der Fische samt Schulmappe ins Wasser fällt.
Die Geschichte vom fliegenden Robert Der fliegende Robert hält es bei wildem Wetter nicht in der Stube aus, und der Sturm trägt ihn davon.
Im gewissen Sinne bündelt diese letzte Geschichte poetisch und sachlich die Eigenart des ganzen Buches: (1) Der kindnahe Blick des Autors, der gerne wie sie das besondere Schicksal der Sachen zeichnerisch und textlich im Auge behält (so auch die Mappe des Hanns Guck-in-die-Luft), nimmt den pädagogischen Lehren das Aufdringliche und reizt die Phantasie. Hier ist es das Sonderschicksal des Hutes und der Luftball-Effekt des Schirmes. (2) Seine Erziehungsprobleme müssen nicht die heutigen sein, ihre Lösungen auch nicht – sie sind aber immer realistisch: Vor der Industrialisierung war ‚die Natur‘ für Kinder sehr viel feindseliger; und dass Kinder aus Leichtsinn Gefährliches begehen, weil sie es nicht überschauen, hat sich nicht geändert.
Vorspruch Der Vorspruch ist in der Regel auf der Rückseite des Buches zu finden.
Überlieferung mini|Das Urmanuskript des Struwwelpeters, 1844, Germanisches Nationalmuseum Das Urmanuskript des Buches „Lustige Geschichten und drollige Bilder“, welches den Struwwelpeter enthält, ist seit 1902 im Besitz des Germanischen Nationalmuseums. Erst ab der dritten, 1847 erschienenen Auflage titelte das Kinderbuch mit „Struwwelpeter“. Die Universitätsbibliothek Frankfurt besitzt eine große Sammlung zum Struwwelpeter und von Struwwelpeteriaden, u. a. die deutschen Ausgaben des Struwwelpeter-Buches von der 1. Ausgabe 1845 bis heute.