Die slawischen Sprachen (auch slavisch) bilden einen Hauptzweig der indogermanischen Sprachen. Man unterscheidet gewöhnlich zwischen Ostslawisch, Westslawisch und Südslawisch.Brockhaus, B20, ISBN 3-7653-3680-7, S. 311.

Schätzungsweise 300 Mio. Menschen sprechen eine der rund 20 slawischen Sprachen als Muttersprache, 400 Millionen inklusive Zweitsprechern. Die mit Abstand sprecherreichste slawische Sprache ist das Russische mit rund 150 Mio. Muttersprachlern. Weitere bedeutende slawische Sprachen sind Polnisch (48,6–50,6 Mio. Sprecher) und Ukrainisch (47 Mio. Sprecher). Fast alle größeren slawischen Sprachen sind Nationalsprachen ihrer Länder.

Die Wissenschaft von den slawischen Sprachen, Literaturen und Kulturen heißt Slawistik.

mini|hochkant=1.2|Verbreitung der slawischen Sprachen

Urslawisch und die Entwicklung der slawischen Sprachen Der slawische Sprachzweig ist innerhalb des Indogermanischen am nächsten mit dem Baltischen verwandt, was ausnahmslos durch sämtliche lexikostatistischen und glottochronologischen Berechnungen gestützt wird.Petra Novotná, Václav Blažek: Glottochronology and Its Application to the Balto-Slavic Languages doi:10.15388/baltistica.42.3.1178, abgerufen am 9. April 2020.Balto-Slavic languages, Concise Encyclopedia of Languages of the World Einige nehmen an, dass es auch einmal eine gemeinsame balto-slawische Ursprache gegeben hat.

Die slawischen Sprachen sind aus einer gemeinsamen Protosprache entstanden, die als Urslawisch oder Protoslawisch bezeichnet wird und der die älteste bekannte slawische Schriftsprache, das Altkirchenslawische, zeitlich am nächsten kommt. Geschrieben wurde das Altkirchenslawische in zwei Alphabeten (Glagoliza und Kyrilliza). Zu einer Schriftsprache wurde das Altkirchenslawische durch die Übersetzertätigkeit der beiden Brüder Konstantin (Kyrill) und Method aus Thessaloniki im Rahmen der Slawenmission im 9. Jahrhundert. Die von Konstantin-Kyrill geschaffene glagolitische Schrift ist eine Originalschöpfung und wurde nur für rund zwei Jahrhunderte bei den Südslawen, hauptsächlich im Bulgarischen Reich, verwendet. In Bulgarien wurde die Glagoliza noch reformiert,Vgl. Nicolina Trunte: Προς το σαφεστερον. Zu Reformen in der glagolitischen Schrift. In: Glagoljica i hrvatski glagolizam. Hg. Marija-Ana Dürrigl u. a. Zagreb, Krk 2004. S. 419–434. bevor die Kyrilliza am Hofe der bulgarischen Zaren in Preslaw entstand, wo das Altkirchenslawische als Staats-, Sakral-, und Literatursprache diente.Vgl.: Nicolina Trunte: Altkirchenslavisch. 4. Auflage. Sagner, München 1994, ISBN 3-87690-480-3 (Словѣньскъи ѩзыкъ. Ein praktisches Lehrbuch des Kirchenslavischen in 30 Lektionen. Bd. 1), Kap. 1.9, S. 16–19.; Hans-Dieter Döpmann: Kirche in Bulgarien von den Anfängen bis zur Gegenwart. Biblion, München 2006; Gerhard Podskalsky: Theologische Literatur des Mittelalters in Bulgarien und Serbien 815-1459. Beck, München 2000 Auch wenn im mittelalterlichen Bulgarischen Reich die beiden Schriften, also Glagoliza und Kyrilliza, zeitweise nebeneinander existierten,Schaller (Hrsg.): Die bulgarische Sprache in Vergangenheit und Gegenwart. Vom Altbulgarischen zur Sprache der Europäischen Union, Verlag AVM.edition, 2017, S. 62–65, ISBN 978-3-95477-078-6 wurde die erste bis spätestens im 11. Jh. von der Kyrillica verdrängt.Peter Rehder (Hrsg.): Einführung in die slavischen Sprachen. 6. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009, S. 35–37. Zu den ältesten altkirchenslawischen Sprachdenkmälern zählen u. a. die Aprakosevangelien, „Savvina Kniga“ (kyrill.) und die Kiever Blätter (glagolit.).Peter Rehder (Hrsg.): Einführung in die slavischen Sprachen. 6. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009, S. 35–37. Im 12. Jahrhundert wurde das Kyrillische durch die Orthographie von Tarnowo reformiert und stellte die Grundlage für das Kirchenslawische dar.

Das kyrillische Alphabet, das im 18. Jahrhundert unter Peter dem Großen reformiert und an die lateinischen Buchstaben angepasst wurde, wird bis heute für die meisten Sprachen der orthodoxen Slawen verwendet. Die übrigen slawischen Sprachen werden hingegen im lateinischen Alphabet geschrieben.Heinz F. Wendt: Sprachen (Das Fischer Lexikon 25). Fischer-Bücherei, Frankfurt am Main u. a. 1961, S. 285–286. Die drei Hauptzweige Ost-, West- und Südslawisch haben sich wahrscheinlich in der Mitte des 1. Jahrtausends n. Chr. aus dem Urslawischen entwickelt; danach kam es durch weitere Wanderungen zur Ausbildung der heutigen Sprachenvielfalt. Große Bedeutung bei der Ausformung des Slawischen aus dem Indogermanischen haben die Lautprozesse der Palatalisierung und der Tendenz zur steigenden Silbensonorität.

Klassifikation der slawischen Sprachen Die slawischen Sprachen zerfallen sprachlich sowie geographisch in drei Hauptgruppen: Ostslawisch, Westslawisch und Südslawisch. Insgesamt lassen sich die slawischen Sprachen wie folgt klassifizieren:

Ostslawische Sprachen Altnowgoroder Dialekt Altostslawisch (Altrussisch) Russisch Ruthenisch (Altbelarussisch, Altukrainisch) Belarussisch Ukrainisch Russinisch: Karpato-Russinisch und Jugoslawo-Russinisch Westpolessisch Westslawische Sprachen lechische Gruppe Polnisch einschließlich schlesisches Polnisch Elb- und Ostseeslawisch Kaschubisch Slowinzisch Polabisch (Elbslawisch) Pomoranisch (Ostseeslawisch) sorbische Gruppe Niedersorbisch Obersorbisch tschechisch-slowakische Gruppe Slowakisch Tschechisch einschließlich Lachisch Knaanisch (westl. Judäo-Slawisch) Südslawische Sprachen Südostslawisch Altkirchenslawisch  (auch Altbulgarisch genannt; daraus entwickelte sich das Kirchenslawische) Bulgarisch, Banater Bulgarisch Mazedonisch, Ägäis-Mazedonisch Südwestslawisch mittelsüdslawische (serbokroatische) Gruppe Bosnisch Burgenlandkroatisch Kroatisch Moliseslawisch Montenegrinisch Serbisch slowenische Gruppe Slowenisch Resianisch

Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch und Serbisch stellen aus linguistischer Sicht Standardvarietäten einer gemeinsamen plurizentrischen Sprache dar, die traditionell Serbokroatisch genannt wird. Allerdings gibt es Unterschiede z. B. im Wortschatz, der entsprechend der alten Grenze zwischen West- und Oströmischem Reich im Kroatischen mehr lateinische Lehnwörter aufweist, im Serbischen mehr griechische (vgl. Unterschiede zwischen den serbokroatischen Standardvarietäten). Nach dem Zerfall Jugoslawiens wurden in den Ländern Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Montenegro und Serbien vier verschiedene Amtssprachen als Nationalsprachen etabliert.

Das Mazedonische wird von bulgarischer und griechischer Seite oft als bulgarischer Dialekt betrachtet.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den slawischen Sprachen

Im Laufe ihrer Sprachgeschichte haben die slawischen Sprachen nicht nur Ähnlichkeiten zueinander bewahrt, sondern auch spezifische Merkmale entwickelt.

+MuttersprachlerSchriftAkzenttypZahl der KasusZahl der TemporaExistenz eines InfinitivsOstslawischBelarussisch5,1 Mio.kyrillisch (lateinisch)frei, dynamisch6 + Vokativ4jaRussisch143,8 Mio.kyrillischfrei, dynamisch63jaUkrainisch35 Mio.kyrillischfrei, dynamisch6 + Vokativ4jaWestslawischPolnisch38,6 Mio.lateinischvorletzte Silbe6 + Vokativ4jaSlowakisch5 Mio.lateinischerste Silbe64jaTschechisch10,6 Mio.lateinischerste Silbe6 + Vokativ3jaSüdslawischBosnisch2 Mio.lateinisch, kyrillischgrundsätzlich frei (selten auf der letzten Silbe), melodisch6 + Vokativ7jaBulgarisch5,5 Mio.kyrillischfrei, dynamisch0 + Vokativ9neinKroatisch8,3 Mio.lateinischfrei (jedoch nie auf der letzten Silbe), melodisch6 + Vokativ7jaMazedonisch1,3 Mio.kyrillischdrittletzte Silbe0 + Vokativ10neinSerbisch12,5 Mio.lateinisch, kyrillischgrundsätzlich frei (selten auf der letzten Silbe), melodisch6 + Vokativ7jaSlowenisch2,3 Mio.lateinischfrei, z. T. melodisch64ja

Einen guten Eindruck vom Verwandtschaftsgrad der einzelnen slawischen Sprachen gibt die unten angeführte Tabelle slawischer Wortgleichungen.

Zum Zweck der Binnengliederung sind Vokabeln wichtig, die sich zwischen den Untergruppen unterscheiden (sog. Kognate). Das Wort für „vergessen“ wird in jeder der drei Untergruppen durch verschiedene Vokabeln ausgedrückt (hier zwei Beispielsprachen pro Untergruppe):

Ostslawisch Westslawisch Südslawisch RussischRussinischBelarussisch Ukrainisch SlowakischTschechisch Polnisch Kroatisch Bulgarisch „vergessen“ забывать (zabyvat')забудузабываць (zabyvacʹ) забувати (zabuvaty) zabúdaťzapomínat zapominać zaboravljati забравям (zabravjam)

Häufiger ist der Fall, dass nur eine Untergruppe eine spezielle Vokabel hat, während die beiden anderen Untergruppen zusammengehen. Je fünf Beispiele für diese Situation:

Ostslawisch Westslawisch Südslawisch Russisch Ukrainisch Slowakisch TschechischPolnisch Kroatisch Bulgarisch „Freund“ друг (drug), приятель (prijatel') друг (druh), приятель (prijatel') priateľ přítel, druhprzyjaciel prijatelj, drug приятел (prijatel), другар (drugar) „heute“ сегодня (segodnja), сей день (sej den') сьогодні (s'ohodni) dnes dnesdziś danas днес (dnes) „mehr“ больше (bol'še) більше (bil'še) viac vícewięcej više повече (poveče) „öffnen“ открывать (otkryvat') відкривати (vidkryvaty) otvárať otvíratotwierać otvarati отварям (otvarja) „unten“ внизу (vnizu) внизу (vnizu) dole dolena dole dole долу (dolu) „Brust“ грудь (grud') груди (hrudy) prsia, hruď prsa, hrud´pierś grudi гърди (gărdi) „Dorf“ село (selo), деревня (derewnja) село (selo), деревня (derewnja) dedina vesnicewieś selo село (selo) „sich freuen“ радоваться (radovat'sja) радіти (radity) tešiť sa těšit secieszyć się radovati se радвам се (radvam se) „töten“ убивать (ubivat'), забивать (zabivat') вбивати (vbyvaty), забивати (zabivati) zabíjať zabíjetzabijać ubijati убивам (ubivam) „wissen“ знать (znat'), ведать (wedat') знати (znaty), відати (widaty) vedieť, poznať vědět, znátwiedzieć, znać znati зная (znaja) „Ende“ конец (konec), край (kraj) кінець (kinec'), край (kraj) koniec koneckoniec kraj край (kraj) „Haar“ волос (volos), косы (kosy) волосся (volossja), коси (kosy) vlas vlaswłos kosa коса (kosa) „rechts“ правый (pravyj) правий (pravyj) vpravo, doprava pravýprawy desni десен (desen) „teuer“ дорогой (dorogoj) дорогий (dorohyj) drahý drahýdrogi skup скъп (skăp) „Tür“ дверь (dver'), ворота (vorota), врата (vrata) двері (dveri), ворота (vorota), врата (vrata) dvere dveředrzwi vrata врата (vrata)

Neben den hier genannten lexikalischen Kognaten gibt es auch Entsprechungen auf anderen Ebenen, wie der Grammatik oder der Lautung.

Geographische Verbreitung und Sprecherzahlen Die folgende Tabelle enthält eine Übersicht über die geographische Verbreitung und Sprecherzahlen der slawischen Sprachen, gegliedert nach den drei Hauptzweigen. In der Spalte Verbreitung sind Gebiete, in denen die betreffende Sprache Amtssprache ist, fett und Gebiete, in die die betreffende Sprache erst durch Auswanderungen in jüngerer Zeit gelangt ist, kursiv hervorgehoben.