Der Skorbut (veraltet auch Scharbock und Mundfäule) ist eine bei Menschen, Affen und Meerschweinchen auftretendeBarbara I. Tshisuaka: Skorbut. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1338 f., hier: S. 1338 Vitaminmangelkrankheit, die bei anhaltendem Fehlen von Vitamin C in der Nahrung bei Menschen nach zwei bis vier Monaten auftritt und auch als (Vitamin-) C-Avitaminose bezeichnet wurde. Bei Säuglingen wird die Erkrankung auch als Möller-Barlow-Krankheit, Möller-Barlowsche Krankheit oder Möller-Barlow-Syndrom bezeichnet, nach Thomas Barlow (1845–1945) und Julius Otto Ludwig Möller (1819–1887).

Symptome und Beschwerden Folgende Symptome treten bei dieser Mangelerkrankung – teilweise erst mehrere Monate nach Beginn des Mangels an Vitamin C – auf: mini|Zahnfleischbluten bei Skorbut mini|Einblutungen der Zunge Zahnfleischbluten und Zahnfleischwucherung (Gingivahyperplasie) sowie später Zahnausfall Anfälligkeit für Infektionskrankheiten Erschöpfung und Müdigkeit schlechte Heilung von Wunden Hautprobleme (Ekchymosen, Hyperkeratose) und Hautentzündungen sowie Hautblutungen (Petechien) und Blutungen im Bereich der Haarfollikel (perifollikuläre Hämorrhagien) Muskelschwund Knochenschmerzen durch Blutungen unter der Knochenhaut (subperiostal), hierdurch teilweise Hinken, Schonhaltung, Bewegungseinschränkung Gelenkentzündungen hohes Fieber starker Durchfall plötzlicher Schwindel

Die Leistungsfähigkeit und die Arbeitskraft lassen erheblich nach. Skorbut kann zum Tod durch Herzschwäche führen.

In Röntgenaufnahmen zeigen sich deutliche Abhebungen der Knochenhaut durch Blutungen (subperiostale Hämorrhagien), besonders an den Metaphysen. Bei Kindern und Jugendlichen sind die Wachstumsfugen verbreitert und unregelmäßig, oft mit einer zusätzlichen weißen Linie metaphysär (Frankl-Linie) und einer hypodensen „Trümmerfeld“-Zone darunter, der sogenannten „Skorbut-Linie“. Das Knochenalter ist meist ein oder zwei Jahre hinter dem biologischen Alter zurück.C. P. Duggan u. a.: . In: . Band 357, Nummer 4, 2007, S. 392 f

Ursachen und Behandlung 200px|mini|Strukturformel der L-Ascorbinsäure Die Ursache von Skorbut ist ein Mangel an Vitamin C, verursacht durch zum Beispiel zu geringen Verzehr von frischem Obst und Gemüse.Barbara L. Tshisuaka: Skorbut. In: Werner E. Gerabek (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Berlin / New York 2005, S. 1338 f Die Behandlung der Krankheit besteht somit in der Einnahme bzw. Gabe von Vitamin C oder dem Verzehr entsprechend vitaminhaltiger Nahrung.

Die meisten Symptome des Skorbuts gehen auf die fehlerhafte Biosynthese des Kollagens zurück: Bei der Hydroxylierung der Aminosäuren Prolin zu Hydroxyprolin durch das Enzym Prolyl-4-Hydroxylase (EC 1.14.11.2) und Lysin zu Hydroxylysin durch das Enzym Lysylhydroxylase (EC 1.14.11.4), während der Kollagensynthese wird von dem Sauerstoffmolekül nur ein Sauerstoffatom benötigt. Das andere übernimmt der Cofaktor Ascorbinsäure (Vitamin C), der dabei zu Dehydroascorbinsäure und Wasser oxidiert wird. Bei anhaltendem Fehlen von Vitamin C in der Nahrung kommt es zu einer gestörten Kollagensynthese und damit zu einer gestörten Bildung der Sharpey-Fasern, die nun ihrer Funktion als Strukturprotein nicht nachkommen können.

Die bei schwerem Skorbut auftretende Depression hingegen könnte mit der gestörten Bildung von Noradrenalin, sekundär Adrenalin sowie Serotonin zusammenhängen, da deren Synthese Vitamin-C-abhängig erfolgt.

Stoffwechsel-Untersuchungen mit 14C-markiertem Vitamin C zeigen, dass der tägliche Umsatz beim Menschen unabhängig von der Vitamin-C-Zufuhr etwa 20 mg beträgt. Die Fachinformation des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gibt für Vitamin C einen täglichen Gesamt-Umsatz von etwa 1 mg/kg Körpergewicht an. Der Tagesbedarf eines gesunden Erwachsenen beträgt laut Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung 100 mg.DGE: Gültig für den Bereich D-A-CH, Stand 2008 Zur Vermeidung von Skorbut können jedoch bereits 10 mg am Tag ausreichend sein.Karl Huth, Erich Muskat, Angelika Winzen: Ernährung, Diätetik und Lebensmittelrecht. 2. Auflage. Heidelberg/Wiesbaden 1989, S. 59 und 67

Namensherkunft Der deutsche Krankheitsname Skorbut stammt (wie ) über mittel von russisch und ist verwandt mit „schrappen“ („schaben“).Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage, hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 712

Der alte deutsche Name Scharbock (als Schorbock seit 1486 im meißnischen Binnenland belegt, als Scharbock seit 1534 in Köln) ist unter verschiedenen Anlehnungen aus dem lateinischen Namen entstellt und nicht ganz sicher geklärt (vgl. Scharbockskraut): Nach einer Erklärung hat das Wort seinen Ursprung im holländischen Scheurerbek („wunder Mund“, von bek „Mund“); im heutigen Niederländischen heißt Skorbut („wunder Bauch“ seit dem 16. Jahrhundert, vielleicht unter Einwirkung von , der „Mundfäule“). Niederdeutsch existierten im 15. Jahrhundert bereits die Formen und .Friedrich Kluge, Alfred Götze, S. 712 Nach einer anderen Erklärung stammt es vom germanischen (isländischen) Skyrbjūgr ab, von Skyr („Sauermilch“, „Quark“) und Bjúgr, einer Gewebeveränderung, womit also eine Krankheit beschrieben wurde, die hauptsächlich auftritt, wenn man sich in Notzeiten oder auf SchiffsreisenWalter Alfred Kozian: Skorbut und Beriberi auf deutschen Segelschiffen im Spiegel der Seeamtsentscheidungen. Teil 1: Skorbut. In: Deutsches Schiffahrtsarchiv. Band 22, 1999, S. 109–140Ralf Vollmuth: Anmerkungen zur Schiffshygiene, Ernährung, Gesundheitsvor- und -fürsorge in der militärischen Seefahrt des Reiches zur Zeit des Landsknechtswesens. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 11, 1993, S. 289–310, hier: S. 297 ff. (Anmerkungen zur Ernährung auf See). von länger haltbaren, aber vitaminarmen Lebensmitteln wie Zwieback ernähren musste.

Geschichte Seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. war Skorbut in Ägypten als Krankheit bekannt. Später schrieben der griechische Arzt Hippokrates und der römische Autor Plinius darüber.

Im Mittelalter verfasste beispielsweise ein Autor namens Meister Heinrich von Braunschweig einen (verlorengegangenen) diätetisch-medizinischen Text zum Skorbut mit Bade- und Ernährungsregeln sowie Verhaltensregeln und Heilmitteln dagegen.Wolfgang Wegner: Heinrich von Braunschweig, Meister. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 563

Im sogenannten Zeitalter der Entdeckungen (15. bis 18. Jahrhundert) war Skorbut eine Haupt-Todesursache bei Seeleuten; so verlor zum Beispiel das Schiff von Vasco da Gama auf einer Reise von 160 Mann Besatzung etwa 100 Mann durch Skorbut. Grund für das Auftreten von Skorbut auf See war die mangelhafte Ernährung, die hauptsächlich aus konservierter oder getrockneter Nahrung (Pökelfleisch und Schiffszwieback) bestand. Der Mannschaft des französischen Seefahrers Cartier wurde 1535 von Küstenindianern auf Neufundland mit einem Sud aus Fichtennadeln geholfen.

Im Jahr 1601 verfasste Ernst Hettenbach d. Ä., Professor zu Wittenberg, eine Abhandlung über Skorbut in lateinischer Sprache, die später in den Besitz der Sächsischen Staatsbibliothek Dresden überging.

1652 entstand, nachdem der Vorschlag eines englischen Geistlichen der Indienkompanie von der Regierung in London abgelehnt worden war, am Kap der Guten Hoffnung eine niederländische Niederlassung, deren Zweck es vor allem war, die holländische Flotte bei Ostasienfahrten mit frischem Gemüse zu versorgen.Otto Westphal, Theodor Wieland, Heinrich Huebschmann: Lebensregler. Von Hormonen, Vitaminen, Fermenten und anderen Wirkstoffen. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 1941 (= Frankfurter Bücher. Forschung und Leben. Band 1), S. 45

Der österreichische Militärarzt Johann Georg Heinrich Kramer (nach ihm wurde Kramer Rocks benannt) war 1720 mit einer Feldarmee in Ungarn, als bei den Soldaten eine schwere Skorbutepidemie ausbrach, und forderte „antiskorbutische Kräuter“ an, die allerdings nicht frisch (und somit unwirksam) eintrafen. Er erkannte grünes Gemüse, Orangen, Zitronen als Saft, Marmelade oder Limonade als wirksame Mittel gegen Skorbut und notierte dies später in seinem Tagebuch.Otto Westphal, Theodor Wieland, Heinrich Huebschmann: Lebensregler. Von Hormonen, Vitaminen, Fermenten und anderen Wirkstoffen. 1941, S. 45 f.

1734 forderte der Theologe und Mediziner Johann Friedrich Bachstrom die Verwendung von frischem Obst und Gemüse zur Heilung von Skorbut.J. F. Bachstrom: . Conrad Wishoff, Leiden 1734

Der britische Schiffsarzt James Lind zeigte 1754 in einer Studie, dass Zitrusfrüchte gegen Skorbut helfen.James Lind: . London 1753 Linds Erkenntnisse setzten sich allerdings aus zwei Gründen nur langsam in der britischen Marine durch: Erstens waren Vitamine noch unbekannt. Selbst Lind vermutete zunächst, dass die heilende Wirkung der Säure in den Zitrusfrüchten zuzuschreiben sei. Folglich wurde nach billigeren Säuren als Skorbut-Heilmittel gesucht. Zweitens wurden die Zitrusfrüchte nur als Heilmittel betrachtet und Zitronensaft konsequenterweise nur vom Schiffsarzt ausgegeben. Dass sie eine vorbeugende Wirkung haben, blieb zunächst unbekannt (ausführlich dazu der Abschnitt Eine Therapie für Skorbut im Artikel über James Lind). Erst 1795 verfügte die britische Admiralität, dass an die Besatzung von Schiffen der Royal Navy täglich eine Ration Zitronensaft ausgegeben werden solle. Ab 1844 wurde diese Maßnahme auch in der britischen Handelsmarine beherzigt. Im 19. Jahrhundert kam statt Zitronen- zumeist Limettensaft zum Einsatz, wiewohl Limetten deutlich weniger Vitamin C enthalten als Zitronen und daher als Skorbut-Prophylaktikum auch weniger effizient sind. 1844 wurden Schiffseigner mit dem Erlass des per Gesetz dazu verpflichtet, auf allen Fahrten nach Übersee stets Zitronen- oder Limettensaft mitzuführen und diesen spätestens dann täglich auszugeben, wenn in der Mannschaftsmesse länger als zehn Tage Eingesalzenes statt frischen Proviants aufgetischt werden sollte.Christopher Lloyd: . In: . Band 35, Nr. 2, 1961, S. 123–132. Von der täglichen Ration Zitrussaft leitet sich der noch heute auch im Deutschen geläufige Spitznamen „Limey“ für britische Matrosen (oder auch die Briten im Allgemeinen) ab, dem der Ausdruck „Krauts“ für die Sauerkraut essenden norddeutschen Handelsschiffer gegenübersteht.

Georg Forster berichtet, dass man mit Malz-Maische den Skorbut sehr wirksam bekämpft habe. Die Reiseberichte von James Cook erwähnen, dass das Auftreten von Skorbut durch Verspeisen von frischem Seelöwenfleisch verhindert werden könne.Otto Westphal, Theodor Wieland, Heinrich Huebschmann: Lebensregler. Von Hormonen, Vitaminen, Fermenten und anderen Wirkstoffen. 1941, S. 45.

Auch an Land trat Skorbut auf, besonders in den Wintermonaten und in belagerten Festungen oder bei den ersten Nordamerika-Siedlern, wo Obst und Gemüse anfangs knapp waren. Maximilian zu Wied-Neuwied erkrankte am 11. März 1834 am Missouri in Fort Clark an Skorbut. Nach dem Verzehr der Blätter und Zwiebeln der weißblühenden wilden Präriezwiebel Allium textile (alter Name Allium reticulatum) genas er.

Im Jahr 1860 beschrieb Julius Möller und 1883 Thomas Barlow den Kinderskorbut.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 43