Talcott Parsons (* 13. Dezember 1902 in Colorado Springs, Colorado; † 8. Mai 1979 in München) war ein US-amerikanischer Soziologe. Er gilt als einflussreichster soziologischer Theoretiker vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die 1960er Jahre hinein.

Talcott Parsons ist mit einer Handlungstheorie hervorgetreten, hat diese zum Strukturfunktionalismus weiterentwickelt und diesen schließlich zu einer soziologischen Systemtheorie ausgebaut. Seine Soziologie reagiert auf den vorherrschenden Empirismus in der angelsächsischen Soziologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Parsons entwickelte eine allgemeine soziologische Theorie und stellte Zusammenhänge mit anderen Gesellschaftswissenschaften her, insbesondere zu Ökonomie, Politikwissenschaft, Psychologie und Anthropologie.

Biografie Talcott Parsons wurde 1902 als Sohn des protestantischen Geistlichen und Präsidenten des Marietta College, Edward Smith Parsons, und der Frauenrechtlerin Mary Augusta Parsons in einem asketisch geprägten Elternhaus geboren. Er hatte eine Schwester. 1917 siedelte die Familie nach New York City um. Mit seiner Frau, Helen B. Walker, die er 1927 heiratete, hatte er drei Kinder.

Von 1920 bis 1924 studierte Parsons zunächst Biologie am Amherst College in Amherst, Massachusetts, um Arzt zu werden, wechselte dann aber an die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, wo er 1924 seinen B.A.-Abschluss erlangte. Von 1924 bis 1925 studierte er mit Hilfe eines Stipendiums Nationalökonomie an der London School of Economics and Political Science in London. Er ging dann für zwei Jahre nach Deutschland, wo er von 1925 bis 1927 an der Universität Heidelberg Nationalökonomie studierte.Hartmut Rosa, David Strecker und Andrea Kottmann: Soziologische Theorien, UTB, Stuttgart, 2. Aufl., 2013, Seite 151 Dort beschäftigte er sich mit der deutschen soziologischen Tradition, etwa mit Max Weber, dessen Frau Marianne Weber Parsons kennenlernte. Schon kurz vor Beendigung der Promotion kehrte er nach Amherst zurück und war im akademischen Jahr 1926/27 Lehrbeauftragter für den Bereich Wirtschaftswissenschaften. 1927 wurde seine Dissertation „Capitalism“ in recent German literature: Sombart and Weber in Heidelberg angenommen. Betreuer der Dissertation war der Nationalökonom Edgar Salin.Ditmar Brock, Matthias Junge und Uwe Krähnke: Soziologische Theorien von Auguste Comte bis Talcott Parsons – Einführung, Oldenbourg Verlag, 3. Aufl., München, 2012, Seite 191 ff.

Nach dem Promotionsstudium in Deutschland begann für Parsons eine 46-jährige, von 1927 bis 1973 dauernde Karriere an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts, wo er 1944 den Status eines „Full Professor of Sociology“ erlangte. Ab 1930 war Parsons im von Pitirim A. Sorokin neu geschaffenen Soziologie-Department in Harvard tätig, wo er 1937 Associate Professor wurde. Ebenfalls 1937 erschien sein Hauptwerk The Structure of Social Action (oft auch nur Structure oder SSA genannt), welches aber erst Jahre später einem breiteren Fachpublikum bekannt wurde. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges spielte Parsons eine wichtige Rolle bei der Beratung der US-Regierung in Bezug auf den Wiederaufbau Deutschlands als freiheitliche Demokratie.Dirk Käsler: Klassiker der Soziologie, Band II / Von Talcott Parsons bis Anthony Giddens, C.H. Beck, 5. Aufl., München, 2007, Seite 24 1945 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences und 1960 in die American Philosophical Society gewählt. Seit 1971 war er korrespondierendes Mitglied der British Academy.

Er gründete an der Harvard-Universität 1946 das „Department of Social Relations“. Ab 1949 war er 39. Präsident der American Sociological Association. 1951 erschien The Social System als sein zweites Hauptwerk und in den Folgejahren zahlreiche weitere Bücher und Aufsätze. Ab den 1960er Jahren wurde die Kritik an ihm immer lauter, insbesondere aus der Studentenbewegung und der akademischen Linken, die der Ansicht war, dass Parsons' Theoriegebäude eine zu konservative Grundstruktur aufwiesen, was von Beobachtern später jedoch bestritten wurde, die ihn eher als links-liberal einstuften. 1973 wurde Parsons emeritiert.

Von 1962 bis 1968 besuchte er mehrfach die Sowjetunion. In Moskau trat er dabei an einem von Juri Alexandrowitsch Lewada organisierten Seminar am Institut für Soziologie der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften auf sowie an der Abteilung für allgemeintheoretische Probleme des Instituts der internationalen Arbeiterbewegung; in Leningrad traf er im Rahmen eines Seminars auf den berühmten Soziologen Igor Semjonowitsch Kon.

Zu seinen Förderern gehörte Pitirim A. Sorokin (1889–1968). Zu seinen Schülern zählten u. a. Kingsley Davis (1908–1997), Robert K. Merton (1910–2003), Wilbert E. Moore (1914–1987), Albert K. Cohen (1918–2014) und Niklas Luhmann (1927–1998), der Parsons' struktur-funktionalistischen Ansatz zunächst in einen funktional-strukturellen Ansatz weiterentwickelte. Gemeinsam mit Edward Shils führte Parsons insbesondere Max Webers Werk in die amerikanische Soziologiediskussion ein.

Parsons starb am 8. Mai 1979 in München während einer Deutschlandreise anlässlich des 50. Jahrestags seiner Promotion in Heidelberg. Er wurde im Cook/Parsons-Familiengrab in New Hampshire bestattet.

Werk Phase I – Voluntaristische Handlungstheorie In The Structure of Social Action (1937) stellt Parsons die Konvergenzthese auf, dass sich vier Vordenker der Sozialwissenschaften, nämlich insbesondere Max Weber (als Vertreter des Idealismus) und Émile Durkheim (als Vertreter des Positivismus), aber auch Alfred Marshall und Vilfredo Pareto (als Vertreter einer ökonomischen Handlungstheorie) zwischen 1890 und 1920 unabhängig voneinander durch eine (nach Parsons' Ansicht ihnen weitestgehend selbst unbewusste) Kritik am Utilitarismus auf ein ähnliches Theoriegerüst zubewegt hätten, nämlich eine voluntaristische Handlungstheorie.

Parsons greift diese (angebliche) Kritik auf und wendet gegen utilitaristische Handlungstheorien ein, dass sie grundsätzlich nicht in der Lage seien, soziale Ordnung zu erklären. Denn diese, ursprünglich von Thomas Hobbes aufgeworfene Frage, will Parsons beantworten: Unter welchen Voraussetzungen ist – die ja faktisch vorhandene – soziale Ordnung möglich? So sei beispielsweise die in manchen utilitaristischen Handlungstheorien unterstellte natürliche Interessensidentität der Marktteilnehmer (Locke, Smith) nicht gegeben. Das von Hobbes entwickelte Modell des „Naturzustandes“, in dem sich die nutzenorientierten Menschen zunächst bekriegen und dann, des Frieden willens, einer staatlichen Ordnung unterwerfen, kritisiert Parsons insofern, dass unklar sei, warum die (rein nutzenorientiert handelnden) Menschen plötzlich zu der riskanten Vorstellung gelangen sollen, sich einer Staatsmacht zu unterwerfen. Generell unterstellt Parsons den utilitaristischen Handlungstheorien, dass sie zwar davon ausgehen, dass der Mensch einen Nutzen verfolgt, aber keine Antwort liefern, wieso er eine bestimmte Sache für nützlich hält, wie also Wünsche, Bedürfnisse und Nutzenvorstellungen entstehen und warum sie so häufig übereinstimmen.Hartmut Rosa, David Strecker und Andrea Kottmann: Soziologische Theorien, UTB, Stuttgart, 2. Aufl., 2013, Seite 152 bis 154

Parsons Antwort, die voluntaristische Handlungstheorie, verknüpft er mit einer normativistischen Theorie der sozialen Ordnung. Demnach strukturieren vorgegebene Normen und Werte, an denen sich alle Menschen (zum Teil unbewusst) ausrichten, die individuellen Handlungsziele vor und schränken diese ein. Diese Normen und Werte sind laut Parsons immun gegen jegliche Nutzenkalkulationen, sie sind einfach vorhanden. Parsons bezieht sich hier insbesondere auf Durkheims Vorstellung eines Kollektivbewusstseins, bei Weber auf dessen Unterscheidung zwischen zweckrationalen und wertrationalen Motiven Sozialen Handelns.

Jede Handlungseinheit („unit act“) im so von ihm bezeichneten handlungstheoretischen Bezugsrahmen („Action frame of reference“) besteht nach Parsons aus vier Elementen: dem Akteur dem Ziel des Handelns der Handlungssituation den Normen und Werten des Handelns.

Normen und Werte wirken dabei selektiv auf die verwendeten Handlungsmittel und die angestrebten Handlungsziele.

In Values, Motives and Systems of Action (1951, mit Edward Shils) wird das Paradigma für die handlungstheoretische Analyse des „Handelnden (Akteur) in Handlungssituation“ zum Action Frame of Reference weiter ausgearbeitet. Die Pattern variables dienen zur Klassifikation gleichermaßen von Bedürfnisdispositionen (Persönlichkeit), Rollen (Sozialsystem) und Wertmaßstäben (Kultursystem).

Phase II – Strukturfunktionalismus In The Social System (1951) wird der theoretische Bezugsrahmen „Aktor – Situation“ verlassen bzw. erweitert zu dem Bezugsrahmen „System – Umwelt“.Siehe dazu die Kritik von Robert Dubin, Parsons' Actor: Continuities in Social Theory, abgedr. in Parsons, Sociological Theory and Modern Society, S. 521 ff.

Mit dem AGIL-Schema werden zunächst die Grundfunktionen des Sozialsystems charakterisiert; dann wird es auch auf das Kultursystem, das Persönlichkeitssystem und den Verhaltensorganismus angewandt.

Phase III – Systemfunktionalismus Über die strukturfunktionalistische Theorie geht Parsons schließlich hinaus und ersetzt den Struktur-Begriff durch den Systembegriff. Der Strukturfunktionalismus wird zusehends in einen Systemfunktionalismus überführt.

Die Komplexität der Austauschverhältnisse zwischen Wirtschaftssystem, Persönlichkeitssystem, Gemeinschaftsstrukturen (Familienhaushalten), politischem und sozio-kulturellem System wird in dem gemeinsam mit Neil J. Smelser verfassten Werk Economy and Society (1956) analytisch entfaltet.

Gesellschaft erscheint als ein System, dessen Entwicklung Parsons mit vorgeschichtlichen evolutionstheoretischen Begriffen der „Höherentwicklung“ des 19. Jahrhunderts analysiert. Die Studie Societies (1966) beschäftigt sich mit primitiven und archaischen Formen, den als „Saatbeet-Gesellschaften“ bezeichneten Hochkulturen, die sich durch Schriftgebrauch auszeichnen. In The System of Modern Societies (1971) wird die Heraufkunft von Gegenwartsgesellschaften, die über Kenntnis des Rechts verfügen, im Prozess sozio-kultureller Evolution nachgezeichnet.

Dabei unterteilt er vier Subprozesse der „Höherentwicklung“: Differenzierung, d. h. die Entstehung funktionaler Teilsysteme der Gesellschaft; Standardhebung durch Anpassung („adaptive upgrading“), wodurch diese Systeme ihre Effizienz steigern; Inklusion, d. h. die Einbeziehung bislang ausgeschlossener Akteure in Subsysteme; Wertgeneralisierung, d. h. die Herstellung einer breiteren Legitimationsbasis für immer komplexere Systeme.

Vor dem Hintergrund der studentischen Unruhen der 1960er Jahre analysieren Parsons und der Psychologe Gerald M. Platt in der Studie The American University (1973) das in die Krise geratene US-Universitätssystem. Den theoretischen Bezugsrahmen gibt dabei das systemtheoretisch-kybernetische „Vier-Funktionen-Schema“ ab, das über soziale Systeme hinaus auf verschiedene Dimensionen menschlichen Verhaltens und Handelns angewendet wird. Die „Theorie der symbolisch generalisierten Kommunikations- und Austauschmedien“ (Medientheorie) soll dabei dazu dienen, die vielfältigen sozialen Dynamiken zwischen z. B. Universität und Wirtschaftssystem, aber auch zwischen Bildung und Persönlichkeit transparent zu machen.

In seinem Spätwerksiehe auch die 1978 veröffentlichte Studie A Paradigm of the Human Condition weitet Parsons seine Theorien auf die Humanwissenschaften insgesamt aus. Besonders in den Vordergrund tritt eine intensive Beschäftigung mit Fragen der Religion, besonders dem Tod und den „letzten Dingen“. Das Vier-Funktionen-Schema (AGIL) wird von Parsons über die Welt und den Menschen gespannt – von seiner stofflich-organischen Umwelt, seiner Psyche, sein Leben in Gesellschaft, bis zu den letzten, metaphysischen Seinsgründen.

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