Geopolitik wird häufig als Synonym für das raumbezogene, außenpolitische Agieren von Großmächten im Rahmen einer Geostrategie bezeichnet. Die engere wissenschaftliche Begriffsbedeutung von Geopolitik bezeichnet die politikwissenschaftliche Interpretation geographischer Gegebenheiten, die oftmals im Rahmen von Politikberatung erfolgt. Geopolitik wurde aus der Politischen Geographie abgeleitet und stand anfangs in Opposition zu ihr. Besondere Bedeutung hatte sie in Deutschland in den beiden Weltkriegen und der Zwischenkriegszeit.
Definitionen und Begriffsverwendung Sowohl in den Medien als auch in weiten Teilen der Politikwissenschaft wird der Begriff Geopolitik als Synonym für gewaltträchtige und skrupellose Machtpolitik verwendet. Amerikanische und britische Wissenschaftler verstanden unter Geopolitik ursprünglich dagegen eine Analyse politischer (und wirtschaftlicher) Phänomene, die sich auf geographische Kausalfaktoren konzentriert.Sören Scholvin: Geopolitik in den internationalen Beziehungen. In: GIGA Focus. Nr. 9. 2014 (Online), S. 1. Geopolitik als akademische Disziplin ist eine Analysemethode im politikwissenschaftlichen Forschungsfeld Internationale Beziehungen mit besonderem Bezug zur Geographie. Die akademische Geopolitik untersucht mit analytisch-deskriptivem Anspruch die Einflüsse, die geographische Gegebenheiten und Dynamiken auf politische Entwicklungen haben, wobei das Hauptinteresse auf außen- und sicherheitspolitischen Entwicklungen liegt. Andererseits ist Geopolitik eine praktische Methode sicherheitspolitischer Entscheidungsfindung und Umsetzung.Nils Hoffmann: Renaissance der Geopolitik? Die deutsche Sicherheitspolitik nach dem Kalten Krieg. Springer VS, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-531-19433-2, S. 44 f. Es gibt eine lange Tradition von wissenschaftlichen Geopolitikern, die sich als Regierungsberater verstanden und mit ihrer Forschung stets politische Entscheidungsträger beeinflussen wollten.Nils Hoffmann: Renaissance der Geopolitik? Die deutsche Sicherheitspolitik nach dem Kalten Krieg. Wiesbaden 2012, S. 28. Der französische Geograph und Geopolitiker Yves Lacoste betont, Geopolitik sei ein Herrschaftsinstrument, geopolitisches Wissen sei strategisches Wissen.Nils Hoffmann: Renaissance der Geopolitik? Die deutsche Sicherheitspolitik nach dem Kalten Krieg. Wiesbaden 2012, S. 64.
Als Bezeichnung für eine akademische Disziplin nennt Egbert Jahn den Begriff „unglücklich“. Niemand käme auf die Idee unter Sozialpolitik, Familienpolitik, Umweltpolitik oder Außenpolitik eine Wissenschaft zu verstehen. Vielmehr handle es sich dabei um bestimmte Sektoren und Objekte der Politik, und zwar sowohl des politischen Geschehens oder des Prozesses (politics) als auch der politischen Inhalte, Aufgaben und Ziele (policies). In diesen Fällen werde deutlich zwischen Politik und Politikwissenschaft unterschieden. Der Grund, weshalb unter Geopolitik keine Politik, sondern eine Wissenschaft oder eine Lehre von der Politik verstanden wird, liege wohl darin begründet, „daß es sich bei Geopolitik nicht um einen bestimmten Gegenstand der Politik handelt, etwa die Geosphäre oder die Erde, sondern um einen bestimmten Aspekt von Politik, nämlich ihren Raumbezug. Geopolitik ist also nicht Erdpolitik, ein Wort, das neuerdings auch zur Bezeichnung von globaler Umweltpolitik benutzt wird.“Egbert Jahn: Geopolitik – was ist das? Vortrag beim 16. Schlangenbader Gespräch, 2013 Online, PDF, S. 3 f., abgerufen am 6. Oktober 2019.
Charakteristisch für Geopolitik sind ihr Geodeterminismus und ihre Nähe zu den Denkschulen des Realismus und Neorealismus in den Internationalen Beziehungen. Der Geograph Benno Werlen betont in seiner Definition von Geopolitik deren Geodeterminismus, wonach menschliches Handeln durch Raum und Natur vorbestimmt sei. Dabei determiniere der Raum das politische Geschehen nicht unmittelbar, sondern vermittelt durch seinen Einfluss auf den Staat.Benno Werlen: Sozialgeographie. Eine Einführung, Bern/Stuttgart/Wien 2000, S. 383. Ähnlich ist die Definition im Lexikon der Raumphilosophie: Im Zentrum der Geopolitik stehe die Idee einer geodeterminierten Staatspolitik.Rolf Nohr, Geopolitik. In: Stephan Günzel (Hrsg.): Lexikon der Raumphilosophie, Darmstadt 2012, S. 145–146, hier S. 145. Bei Karl Haushofer hieß es schon 1928: „Die Geopolitik ist die Lehre von der Erdgebundenheit der politischen Vorgänge. Sie fußt auf der breiten Grundlage der Geographie, insbesondere der Politischen Geographie als der Lehre von den politischen Raumorganismen und ihrer Struktur. Die von der Geographie erfaßte Wesenheit der Erdräume gibt für die Geopolitik den Rahmen ab, innerhalb dessen sich der Ablauf der politischen Vorgänge vollziehen muß, wenn ihnen Dauererfolg beschieden sein soll […].“Karl Haushofer, Grundlage, Wesen und Ziele der Geopolitik. In: Ders., Erich Obst; Hermann Lautensach und Otto Maull, Bausteine zur Geopolitik, K. Vowinckel, Berlin 1928, S. 2–48, hier S. 27.
Nach Ulrich Menzel lässt sich Geopolitik als eine besondere Form der Machtpolitik definieren, wobei unter Macht die Kontrolle von politisch definierten Räumen verstanden werde. Die Verwandtschaft zu den Denkschulen des Realismus sei dabei augenscheinlich.Ulrich Menzel: Zwischen Idealismus und Realismus. Die Lehre von den internationalen Beziehungen. Frankfurt am Main 2001, S. 60. Manche Autoren sind sogar der Auffassung, dass die gesamten Theorien des Realismus und des Neorealismus in der Wissenschaft von den internationalen Beziehungen nichts anderem als geopolitischem Denken entspringt.Egbert Jahn: Geopolitik – was ist das? Vortrag beim 16. Schlangenbader Gespräch, 2013 Online, PDF, S. 15. Und Sören Scholvin meint, insbesondere die Ideen des ehemaligen amerikanischen Außenministers Henry Kissinger und des früheren Nationalen Sicherheitsberaters Zbigniew Brzeziński verdeutlichten, dass Geopolitik zu einer vereinfachten Form der realistischen Theorie der internationalen Beziehungen geworden sei.Sören Scholvin: Geopolitik in den internationalen Beziehungen. In: GIGA Focus. Nr. 9. 2014 (Online), S. 2.
Maxim Trudoljubow vom Kennan Institute schrieb 2022, dass die geopolitische Sicht auf die Welt die Sicht aus einem Bomber sei. Die Geopolitik ziehe zwingend jene politischen Führer an, die „historisches Ressentiment“ kultivierten – einer giftigen Mischung aus historischen Mythen, der Kultivierung externer Bedrohungen und Feindbilder, der Leugnung von Wertesystemen und eigener wirtschaftlicher Misserfolge.Maxim Trudoljubow: Геополитика — это расчеловечивание мира, Meduza, 19. April 2022
Von der Politischen Geographie zur Geopolitik als Wissenschaft Die ideengeschichtlichen Wurzeln der Geopolitik reichen bis in das Denken der Aufklärung. So sah David Hume 1714 in On the Balance of Power im insularen Großbritannien den Garanten der Freiheit. Montesquieu verwies 1748 im Geist der Gesetze auf den Zusammenhang von Geographie und Geschichte. Den Seemächten schrieb er den Geist der Freiheit zu, die kontinentale Großmacht Russland hingegen verkörperte den Geist der Despotie.Herbert Ammon: Geopolitik – Zur Wiederkehr eines verloren geglaubten Begriffs im 21. Jahrhundert, Online, IABLIS, Jahrbuch für europäische Prozesse, 8. Jahrgang, 2009, Abschnitt I, abgerufen am 29. November 2015.
Hinweise auf noch viel ältere Quellen sind laut Niels Werber „typisch für geopolitische Abhandlungen“, Adolf Grabowsky habe sich auf Polybios berufen, Otto Maull auf Herodot, Karl Haushofer auf Thukydides und Pytheas. Ihnen würden dann noch jüngere Autoren von Rang, wie Herder, Hegel und Carl Ritter an die Seite gestellt.Niels Werber: Geopolitik zur Einführung, Hamburg 2014, S. 28. Damit, so Sabine Feiner, werde „der Versuch unternommen, eine lange Tradition des geopolitischen Denkens in der internationalen Politik zu begründen. Da mit dieser überaus weit gefassten Interpretation alle politischen Denker und Akteure, die geographische Faktoren berücksichtigt haben, als Geopolitiker gelten können, erscheint sie wenig aussagekräftig.“Sabine Feiner: Weltordnung durch US-Leadership? Die Konzeption Zbigniew K. Brzezinskis. Wiesbaden 2000, S. 168. Auch Werber vermisst bei den antiken Geographen und Historikern wie auch den deutschen Philosophen jene Elemente und Verknüpfungen, die moderne Geopolitik ausmachen.Niels Werber: Geopolitik zur Einführung. Hamburg 2014, S. 28.
Unumstrittene Vorläufer und Wegbereiter der wissenschaftlichen Geopolitik waren der deutsche Zoologe und Geograph Friedrich Ratzel, der schwedische Staatswissenschaftler Rudolf Kjellén, der US-amerikanische Konteradmiral Alfred Thayer Mahan und der britische Geograph Halford Mackinder. Außer bei Kjellén kommt die Bezeichnung Geopolitik bei ihnen noch nicht vor, ihre Thesen fanden vor dem Ersten Weltkrieg kaum Fürsprecher in der universitären Geographie. Erst das geopolitische Schrifttum der Nachkriegszeit machte die vier Autoren zu Klassikern des neugeschaffenen Fachs.Niels Werber: Geopolitik zur Einführung. Hamburg 2014, S. 26.
Die Etablierung des Fachs Geopolitik schreibt Yves Lacoste jungen patriotischen deutschen Geographielehrern zu, die 1919 die universitäre Politische Geographie für ungeeignet hielten, „den Nachweis zu führen, daß die durch den Versailler Vertrag festgelegten Grenzen Deutschlands nicht nur ungerecht und absurd, sondern für die Zukunft Europas gefährlich waren.“ Die Geopolitik habe ihnen Argumentationsmöglichkeiten gegeben und sei damit zur Opposition der Politischen Geographie akademischen Typs geworden.Yves Lacoste: Geographie und politisches Handeln. Perspektiven einer neuen Geopolitik. Berlin 1990, S. 24 f.
Der Staat als Organismus: Ratzel und Kjellén
Die Bezeichnung Geopolitik wurde 1899 von Rudolf Kjellén in einem Zeitschriftenaufsatz geprägt.Rudolf Kjellén, Studier öfver Sveriges politiska gränser. In: Ymer (Zeitschrift der Schwedischen Gesellschaft für Anthropologie und Geographie), 1899, S. 283–331; Angaben nach: Rainer Sprengel, Kritik der Geopolitik. Ein deutscher Diskurs. 1914–1944, Berlin 1996, S. 26. In seinem wissenschaftlichen Hauptwerk Staten som lifsformRudolf Kjellén: Staten som lifsform. Stockholm 2016; deutsche Übersetzung: Der Staat als Lebensform, Leipzig 1917. definierte Kjellén dann 1916: „Geopolitik ist die Lehre über den Staat als geographischen Organismus oder als Erscheinung im Raum.“Rudolf Kjellén: Der Staat als Lebensform. Leipzig 1917, S. 46. Kjellén war vom deutschen Zoologen und Geographen Friedrich Ratzel beeinflusst, der die Politische Geographie 1897 reformiert hatte.Friedrich Ratzel: Politische Geographie. München und Leipzig 1897.
Politische Geographen betrieben vor Ratzel lediglich die Sammlung von statistischen Daten der Ökonomie, Demographie und Politik eines Staatsgebiets. Niels Werber verdeutlicht das an der Darstellung von Gibraltar in Gustav Adolf von Klödens Handbuch der Länder- und Staatenkunde von 1875. Darin fänden sich genaueste Angaben über den Felsen von Gibraltar, zur Flächengröße der Kronkolonie, zu durchschnittlichen Temperaturen und Niederschlägen, zur Flora und Fauna, zur Einwohnerzahl und zur ethnischen Zugehörigkeit der Bewohner sowie zu Import- und Exportgütern und der Handelsbilanz. Es gäbe aber kein einziges Wort über die Beherrschung der Meerenge durch Großbritannien und die Funktion der Befestigungsanlagen. Über Malta oder Singapur ließe sich das Gleiche sagen. Solche „Politische Geographie“ sei also „geradezu unpolitisch“ gewesen.Niels Werber: Geopolitik zur Einführung. Hamburg 2014, S. 45 f. Ratzel dagegen ordnete in seiner Politischen Geographie Gibraltar neben Malta, Zypern, Sues, Singapur, Hongkong und andere in eine Reihe von festen Plätzen, Flottenstationen, Kohlenstationen und Kabelklippen in britischem Besitz ein, die entsprechend ihrer meerbeherrschenden Lage eine politische Funktion erfüllen: Die Sicherung der Seemacht des Vereinigten Königreichs.Niels Werber: Geopolitik zur Einführung. Hamburg 2014, S. 46.