Die Armée Juive (AJ, Jüdische Armee) war eine jüdisch-zionistische Widerstandsorganisation in Frankreich unter dem Vichy-Regime und der deutschen Besatzung. Sie wurde in Toulouse gegründet, hatte dort und den angrenzenden Regionen einen Schwerpunkt ihrer Aktivitäten, war aber auch in anderen Teilen von Frankreich aktiv. Die AJ sah ihren Kampf in Frankreich stets auch als Teil des Kampfes für einen eigenen jüdischen Staat in Palästina und unterhielt enge Kontakte zu den dort für einen jüdischen Staat kämpfenden Organisationen.

La Main forte (Die starke Hand)

Im August 1940 gründeten die revisionistischen Zionisten Dovid Knut (1900–1955) und seine Ehefrau Ariadna Skrjabina (1906–1944)Skrjabina war die Tochter des russischen Komponisten Alexandr Skrjabin. Sie konvertierte zum Judentum und heiratete den jüdischen Dichter Dovid Knut (oder Knout). Im Juni 1940 floh das Paar aus Paris und ging nach Toulouse, wo sie Mitbegründer von La Main forte wurden. (Lucien Lazare: Resistance, Jewish Organizations in France: 1940-1944). sowie Abraham und Génia PolonskiAbraham Polonski, geboren 1903 oder 1913; überlebte den Zweiten Weltkrieg; sein Todestag ist nicht bekannt. Génia Polonski starb im Juni 1941 an den Folgen einer Krankheit. (Maurice Lugassy: La Main forte). Auch zu Abraham Polonski existieren Artikel in mehreren fremdsprachigen Wikipedias. in Toulouse die Geheimorganisation La Main forte. Deren Ziel war es, die Nazis und deren Kollaborateure zu bekämpfen und die Briten aus Palästina zu vertreiben, um einen jüdischen Staat zu gründen.Mathieu Arnal: Quand Toulouse était le capitale de la résistance juive

La Main forte organisierte sich zunächst als Literaturzirkel, leistete Hilfe für die Häftlinge in den in der Region ansässigen Internierungslagern und versuchten auch, diese zur Flucht zu bewegen.Maurice Lugassy: La Main forte Genia Polonski starb im Juni 1941, und im November 1942 flüchtete David Knout in die Schweiz. Neu hinzu kam dann Aron (Lucien) Lublin (1909–1995), ein französischer Elektroingenieur und aktives Mitglied der zionistischen Arbeiterbewegung, der bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in die französische Armee eingetreten war.SHOAH Resource Center: Lublin, Lucien & Guillaume Pollack: ARON LUBLIN (LUCIEN)

Von der Main forte zur Armée Juive In der Folge der zuvor skizzierten personellen Veränderungen änderte sich die Struktur der bisherigen Organisation, und insbesondere unter dem Einfluss von Lublin wurde dann am 10. Januar 1942 aus der Main forte erst die Action Juive, bald dann die Armée Juive (AJ). Am 1. Dezember 1943 erschien in Toulouse die erste Ausgabe von Quand-Même, der Untergrundzeitung der AJ, gedruckt von Henri Lion. Die Zeitung erschien bis zum Sommer 1944.Guillaume Pollack, Fabrice Bourrée: L'Armée juive

Die AJFür eine ausführliche Darstellung der Geschichte der AJ/OJC siehe: Aron Lublin: L’organisation juive de combat (OJC) und den zuvor zitierten Artikel von Guillaume Pollack und Fabrice Bourrée. stützte sich auf die zionistische Jugendbewegungen und kämpfte außer in Toulouse auch in und um Nizza, Lyon und Paris. Sie schmuggelte Geld aus der Schweiz, um Juden beim Untertauchen zu helfen und ermöglichte über 500 Juden und Nichtjuden die Ausreise in das neutrale SpanienUSHMM-Encyclopédie Multimédia de la SHOAH: La Résistance Juive Armée : Les Partisans, wozu eigens der Service d’évasion et de regroupement (SER, Flucht- und Nachzugsdienst) ins Leben gerufen wurde. Sein Pendant war ab April 1944 der Service d’évacuation et de regroupement des enfants (SERE), der Schätzungen zufolge rund 100 Kindern zur Flucht über die Pyrenäen verhalf.

Die AJ verfolgte aber auch immer ihre zionistischen Ziele und sah ihren Kampf in Frankreich als Teil des Kampfes für einen eigenen jüdischen Staat in Palästina. Sie erkannte die Autorität der Institutionen des Jischuv an und unterstellte sich der Hagana, was bedeutete, dass die Mitglieder der AJ, die nach Palästina gebracht wurden, sich dort der Hagana anschließen mussten. Als oberste Ziele des Kampfes der AJ benannte Lublin:

Die Armée Juive als Teil der Organisation juive de combat 1943/44 war die AJ, in deren Reihen auch nach Frankreich geflüchtete niederländische und belgische Juden kämpftenSHOAH Resource Center: Jewish Army, France, eine der treibenden Kräfte beim Zusammenschluss mehrerer bislang eher autonom agierender jüdischer Organisationen zur Organisation juive de combat (OJC). Die bekanntesten Gruppen, die sich neben der AJ dem OJC anschlossen, waren die Éclaireurs Israélites de France (EIF, Jüdische Pfadfinder Frankreichs) Die Organisation heißt heute: Éclaireuses et Éclaireurs israélites de France (EEIF, Jüdische Pfadfinderinnen und Pfadfinder Frankreichs); zu ihr existieren Artikel in der englisch- und französischsprachigen Wikipedia., die Œuvre de secours aux enfants (OSE) und das Mouvement de la jeunesse sioniste (MJS, Bewegung junger Zionisten)Fabrice Bourrée: LE MOUVEMENT DE JEUNESSE SIONISTE (MJS).Tsilla Hershco: The Jewish Resistance in France during World War II: The Gap between History and Memory Alle im OJC zusammengeschlossenen Gruppen waren in der Anfangsphase der Besatzung gegründet worden und blieben auch bis zur Befreiung Frankreichs aktiv; aber nur die AJ und die EIF verfügten über eigene bewaffnete Kämpfer.

Von der jüdischen zur französischen Widerstandsorganisation Der jüdische Widerstand war zunächst nicht mit den französischen Widerstandsbewegungen verbunden.Yad Vashem: Résistance juive armée en France, Belgique et Afrique du Nord Das änderte sich nach der Gründung der OJC, nachdem die AJ bereits seit 1943 mit dem lokalen Widerstand im Département Tarn zusammengearbeitet hatte. Im Frühjahr 1944 gab es dann engere Beziehungen zu den Forces françaises de l’intérieur (FFI), die dazu führten, dass die OJC von der FFI offiziell als französische Widerstandsbewegung anerkannt wurde. Nach Mathieu Arnal erfolgte diese Anerkennung durch den Toulouser Ableger des Comité français de Libération nationale. Die OJC verfügte zu dieser Zeit über knapp 2.000 Kämpferinnen und Kämpfer.

Ariane Knout, die Mitbegründerin der AJ, wurde am 22. Juli 1944 ermordet, als sie auf dem Rückweg zum AJ-Hauptquartier von Mitgliedern der französischen Miliz überfallen wurde.Lucien Lazare: Resistance, Jewish Organizations in France: 1940-1944 Nach Pollak/Bourrée geschah dies in Toulouse, wo sie weiterhin Mitglied des AJ-Lenkungsausschusses war.

Die Armée Juive nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Die AJ blieb auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihren zionistischen Zielen verpflichtet.

Weblinks Lucien Lazare: Resistance, Jewish Organizations in France: 1940-1944, Artikel aus The Shalvi/Hyman Encyclopedia of Jewish Women auf der Webseite des Jewish Women's Archive Mathieu Arnal: Quand Toulouse était le capitale de la résistance juive, actu.fr, 8. Januar 2023 Aron Lublin: L’organisation juive de combat (OJC), in: Le Monde Juif, 1994/3 (N° 152), pages 67 à 77 (Online auf cairn.info). Lublin war Mitbegründer der Armée Juif; der Artikel entstand etwa ein Jahr vor seinem Tod. Maurice Lugassy auf der Webseite des Musée de la Résistance 1940–1945 en ligne La Main forte Contexte historique de La Main forte. Lugassy stützt sich unter anderem auf David Knout: Contribution à l’histoire de la Résistance juive, Paris, Ed. du Centre, 1947 SHOAH Resource Center (Yad Vashem): Lublin, Lucien Jewish Army, France Guillaume Pollack: ARON LUBLIN (LUCIEN) auf der Webseite des Musée de la Résistance 1940–1945 en ligne Guillaume Pollack, Fabrice Bourrée: L'Armée juive, le journal Quand-Même et le contexte historique auf der Webseite des Musée de la Résistance 1940–1945 en ligne USHMM-Encyclopédie Multimédia de la SHOAH: La Résistance Juive Armée : Les Partisans Fabrice Bourrée: LE MOUVEMENT DE JEUNESSE SIONISTE (MJS) auf der Webseite des Musée de la Résistance 1940–1945 en ligne Tsilla Hershco: The Jewish Resistance in France during World War II: The Gap between History and Memory, Jewish Political Studies Review, 19:1-2 (Spring 2007) Yad Vashem: Résistance juive armée en France, Belgique et Afrique du Nord

Einzelnachweise

Kategorie:Jüdischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus Kategorie:Organisation (Résistance) Kategorie:Zionistische Organisation Kategorie:Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus