Toulouse während des Zweiten Weltkriegs beschreibt die Entwicklung der Stadt von kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, als Toulouse in der Folge des Spanischen Bürgerkriegs zur Hauptstadt des spanischen Exils wurde, sowie die Jahre unter dem Vichy-Regime und unter der deutschen Besatzung, in denen sich Toulouse zu einem der wichtigsten Zentren der Résistance entwickelte.
Toulouse – Hauptstadt des spanischen Exils Dem Reiseführer Le Petit Tou zufolge gleicht die Beziehung zwischen Spanien und Toulouse einer alten „Liebesgeschichte, die bereits während des Ersten Weltkriegs begann, als viele Spanier kamen, um den Platz der französischen Bauern einzunehmen, die in den Krieg gezogen waren“.„Toulouse et l’Espagne, c’est une vieille histoire d’amour et ce déjà durant la Première Guerre Mondiale, quand de nombreux espagnols sont venus prendre la place des paysans français partis au combat.“ (Le Petit Tou) Diese Geschichte habe sich in der Retirada fortgesetzt, die Zehntausende Flüchtlinge aus dem Spanischen Bürgerkrieg nach Toulouse führte und die Stadt „zur Hauptstadt der spanischen Exilanten“ gemacht habe. Nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs seien mehr als 450.000 Flüchtlinge über die Grenze nach Frankreich gekommen; nach dem Zweiten Weltkrieg blieben etwa 170.000 übrig, davon 20.000 in Toulouse, was in etwa 10 % der damaligen Stadtbevölkerung entsprach.Paula Pinto Gomes: Toulouse, l’espagnole
Die angebliche Liebesgeschichte hat jedoch auch ihre dunklen Seiten. Die spanischen Flüchtlinge, die zu Beginn des Jahres 1939 in den Süden Frankreichs flohen, landeten zunächst einmal in den Internierungslagern Argelès-sur-Mer, Saint-Cyprien und Le Barcarès, die aus nicht mehr bestanden, als aus einem mit Stacheldraht umzäunten Gelände.Christian Eggers: Unerwünschte Ausländer. Juden aus Deutschland und Mitteleuropa in französischen Internierungslagern 1940 – 1942. Metropol Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-932482-62-X, S. 37. Wegen der dort herrschenden unmenschlichen Bedingungen wurden Die Geflüchteten in den nächsten Wochen und Monaten in andere Lager in Frankreich verlegt. Im Zuge dessen entstand im Raum Toulouse zwischen 1940 und 1944 das dichteste Netz von Internierungslagern im Süden Frankreichs, und so „könnte Toulouse nach 1941 durchaus als die Hauptstadt der Internierung im Vichy-Frankreich angesehen werden. Das Internierungssystem war dem Pétain-Regime inhärent und die Stellung der Region Toulouse war darin zentral.“„Toulouse pourrait bien être considérée après 1941 comme la capitale de l’internement dans la France de Vichy. Le système d’internement est inhérent au régime pétainiste et la place de la région toulousaine y a été centrale.“ (Jean Estebe: Les camps de la région toulousaine 1940-1944, Abschnitt 4)
Es gibt keine Belege dafür, dass das Lagersystem um Toulouse auch eine direkte Entsprechung in Toulouse fand. Es klingt aber sehr beschönigend, wenn es in einem Artikel aus dem Jahr 2019 heißt:
Der hier nicht erwähnte Hintergrund war, dass bereits in der Dritten Französische Republik Druck auf die spanischen Flüchtlinge und auf andere in Frankreich lebende Emigranten ausgeübt wurde, Gegenleistungen für das gewährte Asyl zu erbringen. Das Vichy-Regime übernahm diese Praxis und requirierte zum Beispiel im Internierungslager Septfonds konzentrierte spanische Facharbeiter für die in Toulouse ansässige Kriegs- und Luftfahrtindustrie.Geneviève Dreyfus-Armand: Les républicains espagnols en 1939, des « indésirables » très recherchés. Le cas du camp de Septfonds, in: Marie-Claude Blanc-Chaléard, Anne Dulphy, Caroline Douki et Marie-Anne Matard-Bonucci (dir.): D’ITALIE ET D’AILLEURS. Mélanges en l’honneur de Pierre Milza, Presses universitaires de Rennes, 2014, ISBN 978-2-7535-5995-0, p. 129-138. (Online auf books.openedition.org)
Mit dem Vormarsch der deutschen Wehrmacht während des Westfeldzugs verschärfte sich die Situation. Zu den spanischen Flüchtlingen gesellten sich im Frühjahr 1940 belgische Flüchtlinge und Franzosen aus dem Norden Frankreichs, die alle im Süden Schutz vor den vorrückenden Deutschen suchten.
Die Behörden reagieren mit Repressalien gegen die Flüchtlinge; Ausländer, die keine Erlaubnis hatten, sich in Toulouse und in der Region niederzulassen, wurden nach dem 3. Juli 1940 „administrativ festgehalten“, das heißt, sie wurden ohne richterliches Urteil alleine aufgrund einer Verwaltungsverfügung auf dem Gelände des Toulouse Olympic Etudiants Club (TOEC)Das TOEC-Stadion, das später den Namen Stade Chapou trug kommt als Flüchtlingsmassenunterkunft in dem Artikel über seine „vergessene Geschichte“ nicht vor: Un stade oublié: Le Stade Chapou, 6. Juni 2019 interniert.Annie Charnay: Les sources de l'histoire de la seconde guerre mondiale Nach Annie Charnay waren von diesen Maßnahmen vor allem belgische Flüchtlinge betroffen, die außer im TOEC auch noch im Stade Toulousain festgehalten und in einem Sortierzentrum (centre de triage) in einer Veterinärschule in der Nähe des Bahnhofs Matabiau nach verschiedenen Kriterien klassifiziert wurden. Offenbar im Vorgriff auf einen geplanten Einsatz gegen die Deutschen standen sie unter militärischer Kontrolle.
Nach dem Waffenstillstand von Compiègne (1940) wurde im Juli 1940 auch diese „Rekrutierungsreserve“ demobilisiert; viele von ihnen erwartete die Zwangsrekrutierung in den Fremdarbeiterkompagnien. mini|Gedenktafel für den Exilsitz der PSOE und der UGT in der Rue du Taur 69–71 in Toulouse 1939 machte die unter Franco verbotene Partido Socialista Obrero Español (PSOE, Spanische Sozialistische Arbeiterpartei), die während des Spanischen Bürgerkriegs die Ministerpräsidenten der spanischen Republik stellte, Touluse zur Exilzentrale der Partei. Zusammen mit der in Spanien bis 1977 ebenfalls verbotenen Gewerkschaft Unión General de Trabajadores (UGT) hatten sie ihr Quartier in der Rue du Taur 69–71. ()
Zentrum des Widerstandes Für Michel GoubetMichel Goubet (1936–2020) war Lehrer für Geschichte am Lycée Pierre de Fermat und Autor und Co-Autor mehrerer Bücher über den Widerstand in Toulouse und der Region Haute-Garonne. (Bücher von Michel Gourbet) Sein Buch Toulouse et la Haute-Garonne dans la Guerre ist online einsehbar auf der Webseite von hr31 – Association „Histoire de la Résistance de la Haute-Garonne“. spielt die geografische Lage von Toulouse eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Stadt zu einem Zentrum des Widerstandes. Für die spanischen Bürgerkriegsflüchtlinge war es die Nähe zu Spanien, die sie anzog. Für andere, deutsche, österreichische oder belgische Emigranten, war es dagegen die relative Ferne zu der von den Nazis okkupierten Zone, die Toulouse als Zufluchtsort interessant machte – aber gerade auch die Nähe zu Spanien, das für die vielen nicht-spanischen Flüchtlinge zu einem wichtigen Transitland wurde.Michel Goubet: La résistance étrangère à Toulouse
Der Widerstand aus den Kreisen der politischen Flüchtlinge Die Anwesenheit der politischen Flüchtlinge war von großer Bedeutung für die Entstehung des Widerstands in und um Toulouse. mini|Monument für Marcel Langer auf dem Terre-Cabade-Friedhof in Toulouse.
mini|links|Eingang zum Gefängnis Saint-Michel, Haft- und Hinrichtungsort für viele Widerstandskämpfer während der deutschen Besatzungszeit.Siehe hierzu auch: :fr:Prison Saint-Michel (Toulouse) Aufnahme von 2015. Die MOI – Main-d’œuvre immigrée – leistete in ganz Frankreich bewaffneten Widerstand und zählte zu den aktivsten Gruppen der Résistance. Im März 1944 verübten drei Mitglieder der FTP-Moi ein Attentat auf das Kino Les Variétés in Toulouse, in dem gerade der antisemitische Propagandafilm Jud Süß gezeigt wurde. Der Anschlag kostete sie das Leben.Christian Authier: Toulouse d’avant : les héros de la Résistance
Logistisches Rückgrat des Widerstands: die Gebrüder Lion Der Widerstand in Toulouse entwickelte sich ab Herbst 1940 aus Diskussionszirkeln heraus, die erste illegale Flugblätter und Zeitungen herstellten und verteilten. Eine Gedenktafel an einem Haus in der Rue Alsace-Lorraine 13 () benennt gar den 5. Oktober 1940 als Beginn des Widerstands in der Stadt.
Wer in diesem Fall die Flugblätter hergestellt hat, ist nicht überliefert; doch seit 1941 wurden Flugblätter und andere illegale Propagandamaterialien in der Druckerei von Henri Lion in der Rue Croix-Baragnon 23 – damals Rue Saint-Etienne hergestellt.Zu Henri Lion siehe: LION Antonin (dit Henri LION), in: Dictionnaire des anarchistes par Guillaume Davranche, Rolf Dupuy, mise à jour par Marie-Cécile Bouju, version mise en ligne le 21 avril 2014, dernière modification le 22 décembre 2020 Diese Druckerei war ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt der Widerstandsaktivitäten in der Region und stellte zahlreiche Dokumente für illegale Einwanderer her sowie mehrere unter dem Vichy-Regime verbotene Zeitungen. Am 4. Februar 1944 stürmte die Gestapo die Druckerei und verhaftete die Geschäftsleitung und das Personal, darunter auch wichtige Führer des lokalen Widerstands. Parallel dazu flog auch die Druckerei von Henri Lions Bruder Raoul auf.Zu Raoul Lion siehe: LION Raoul, in: Dictionnaire des anarchistes par Guillaume Davranche, Rolf Dupuy, mise à jour par Marie-Cécile Bouju, version mise en ligne le 21 avril 2014, dernière modification le 22 décembre 2020 Die Verhafteten wurden im Gefängnis Saint-Michel interniert und dann ins Transit- und Internierungslager Royallieu bei Compiègne verlegt. Von hier aus erfolgte ihre Deportation in deutsche Konzentrationslager. Im Herbst 1944 wurde Henri Lion in der Tötungsanstalt Hartheim vergast, sein Bruder Raoul starb im KZ Ebensee.David Saint-Sernin: Toulouse. Les Frères Lion, les imprimeurs de la Résistance pendant l'Occupation, actu.fr, 10. März 2019
Die Armée Juive (Jüdische Armee) Im August 1940 konstituierte sich in Toulouse eine jüdische Widerstandsgruppe, die sich zunächst La Main forte (Die starke Hand) nannte. Aus ihr ging Anfang 1942 die Armée Juive (AJ) hervor, die sich am bewaffneten Widerstand gegen das Vichy-Regime und die deutschen Besatzer beteiligte. Nachdem die AJ sich anfangs mehr auf die Unterstützung und Rettung jüdischer Menschen konzentriert hatte, wurde sie im Frühjahr 1944 im Verbund mit anderen bewaffneten jüdischen Widerstandsgruppen von der FFI offiziell als Teil des französischen Widerstands anerkannt.
Das Réseau Bertaux und die Bewegung Libérer et Fédérer Im Frühjahr 1941 entstand die erste fest organisierte Widerstandsgruppe in Toulouse. Ihr Gründer war der Germanist Pierre Bertaux. Das etwa zwanzig Personen umfassende Bertaux-Netzwerk stand in direktem Kontakt mit London und sammelte und übermittelte Informationen an die Briten. Das Netzwerk beteiligte sich an Transfers durch die Pyrenäen, organisierte Propagandaaktionen und den ersten Fallschirmabwurf über der freien Zone. Nach dem dritten Abwurf geriet das Netzwerk ins Visier der französischen Polizei und wurde im Dezember 1941 zerschlagen. Die führenden Köpfe des Netzwerkes wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt, konnten aber nach ihren Entlassungen die Arbeit im Widerstand fortsetzten.Mémorial Francois Verdier Forain
An anderer Stelle heißt es auf der Webseite des Mémorial Francois Verdier Forain, das Bertaux-Netzwerk sei aus dem „wahren Nest des Toulouser Widerstands“, der Buchhandlung von Silvio Trentin (1885–1944) in der Rue du LanguedocVermutlich Hausnummer 46, aber es unterschiedlichen Angaben hierzu. in Toulouse, hervorgegangen. Der Italiener Trentin war als Gegner des Italienischen Faschismus 1926 ins französische Exil gegangen und ließ sich 1935 in Toulouse nieder. Er engagierte sich für die Spanische Republik, motivierte Italiener in die Internationalen Brigaden einzutreten und unterstützte nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs den französischen Widerstand.