Ana Lupaș (; geboren 30. August 1940 in Cluj-Napoca) ist eine rumänische Installationskünstlerin. Sie verknüpft Textilkunst, Plastik und Fotografie. Werke von ihr spiegeln die rumänische Gesellschaft unter dem Ceaușescu-Regime und unterliefen subversiv die staatliche Zensur. Textile Stoffe dienen dabei als Erinnerungsträger.
Leben Ana Lupaș wuchs in einer akademisch gebildeten Familie in Rumänien auf. Ihre ersten Lebensjahre waren von den Auswirkungen des Holocaust und des Zweiten Weltkrieges geprägt. Sie studierte an der Universität für Kunst und Design Cluj-Napoca, wo sie später als Lehrende tätig war. Zunächst wandte sie sich der Weberei und Textilkunst zu. Erste internationale Anerkennung erhielt sie durch ihre Teilnahme an den Tapisserie-Biennalen von Lausanne in den Jahren 1969 und 1971, wo sie einer neuen Generation osteuropäischer Künstlerinnen zugerechnet wurde.Alina Șerban: Ana Lupaș. In: Aware. Archives of Women Artists. Centre Pompidou. 2020 Im Laufe der Jahre weitete sie ihre künstlerischen Experimente auf Installation und Fotografie aus. Während der kommunistischen Ära, als Rumänien unter sowjetischem Einfluss stand, erlebte sie, dass viele ihrer Familienmitglieder politisch verfolgt, inhaftiert, gefoltert und getötet wurden. Um nicht selbst ins Visier der Zensur zu geraten, habe sie in ihrer Kunst jeden individuellen Ausdruck vermieden. Das sei ihr gelungen, indem sie vom offiziellen figurativen Kunstbegriff radikal abgewichen und ihre Projekte „weit weg von den Machtzentren“ realisiert habe.
Werk Ana Lupaș schuf mehrere Serien textiler Arbeiten aus getragenen Stoffen. Die erste von 1969 mit dem Titel Identity Shirt beschrieb sie als „mit der Nähmaschine, mit Stiften, mit Tinte und sogar mit Blut wie Palimpseste überschriebene Stoffe“. Spuren von Flecken, Staub und Schweiß in den Stoffen standen für die durchlebte Zeit. Kurz vor dem Ende des Ceaușescu-Regimes im Dezember 1989 gab sie Mäntel aus gefärbten Stoffen von Militäruniformen an ein Netzwerk junger Künstler unter 35 Jahren in mehreren rumänischen Städten mit der Einladung, deren Namen in ein Etikett einzutragen und dieses im Inneren der Mäntel anzubringen. So blieben die Mäntel als Kunstwerk, das sie Coats to Borrow nannte, von außen nicht erkennbar. Mit diesen Werken thematisierte sie die Individualität und Einzigartigkeit von Menschen und hinterfragte den offiziellen Kunstbegriff im kommunistischen Rumänien, der sich am Kollektiv orientierte.Alexandra Wach: Von der Widerstandskraft feuchter Bettwäsche, FAZ, 7. Juli 2024
Über einen Zeitraum von fünf Jahrzehnten entwickelte sie eine soziale Kunstpraxis mit Gemeinden in Siebenbürgen. 1970 begann sie in dem Dorf Mărgău mit der Installation einer prozessualen Skulptur im öffentlichen Raum mit dem Titel Humid Installation (Feuchte Installation). Sie spannte auf einer Wiese nebeneinander mehrere Wäscheleinen in einer Gesamtlänge von 2.000 Metern auf und lud Frauen aus dem Dorf ein ihre gewaschene weiße Wäsche aufzuhängen. Von diesem Werk existieren Fotografien, Skizzen und Textilrollen. Fotografien einer zweiten Humid Installation zeigte 1994 die Bundeskunsthalle Bonn. Diesmal war die weiße Wäsche an den Spitzen und Kanten in rote Farbe getränkt, als würde sie Blut nach sich ziehen. Nach der Kunsthistorikerin Cordula Meier stellt Lupaș reine Wäsche als menschenfreundlich dar, was umschlagen könne in eine menschenunfreundliche Bedeutungsebene, die mit Kriegserlebnissen und Todesaggressionen behaftet ist.Cordula Meier: Ana Lupas: Installation im Dorf Margau, Transsylvanien (1970). In: dies.: Kunst und Gedächtnis. Zugänge zur aktuellen Kunstrezeption im Licht digitaler Speicher. Wilhelm Fink Verlag, München 2002, ISBN 978-3-7705-3621-4, S. 132–133.
1982 nahm Anas Lupaș an dem Ausstellungsprojekt im Musée Cantonal des Beaux-Arts (Lusanne) teil. Zu ihren Ausstellungsgegenständen gehörte das Werk mit dem Titel My Baby. Es handelt sich dabei um eine Postkarte mit dem Sujet eines Einweckglases, das einen Embryo birgt. Lupaș' repräsentatives Werk sorgte für eine kontroverse Provokation über das ethnografische Prinzip des kommunistischen Regimes in Rumänien.Bis zum Fall der Ceaușescu-Diktator 1989 wurde My Baby in Rumänien stark zensiert und nicht öffentlich zugänglich gemacht. Zusammen mit Recontre avec (ein anderes Werk von Anas Lupaș) übte sie Kritik an der staatlichen Einmischung Rumäniens in das Reproduktionsrecht von Frauen. Ferner bewertete sie mit ihrer provokativen Interpretation die Trennung vom Verfall des Individuums als veraltete Form des Feminismus. Das Einmachglas wird zur metaphorischen „Falle“ für das Leben ungeborener Menschen. Lupaș thematisierte damit, dass die universale Personalität des Menschen durch die Unterdrückung des Regimes auf das Leben der Frauen leidet.Ilena Parvu: Crossed Wires. Communication with the West in the Work of Anas Lupaș. In: The Internationale? Networks in Feminist Art History Since the 1960s [Die Internationale? Netzwerke Feministischer Kunstgeschichte(n) seit den 196oern]. Tagung der Universität zu Köln von 18. bis 20. Juni 2026. URL: Feminist_Networks_Program.pdf (abgerufen am 21. Juni 2016)
In Zusammenarbeit mit Bauern schuf Lupaș das monumentale Langzeitprojekt The Solemn Process, 1964–2008 (Der feierliche Prozess). Der Titel bezieht sich auf ein traditionelles rumänisches Ritual, das mit der Ernte von Feldfrüchten einherging. Daraus entstand eine Rauminstallation mit 21 Metallskulpturen und 40 Sepia-Fotografien. Die Fotografien zeigen Strohobjekte in ländlichen, landwirtschaftlichen Siedlungen. Einige der Bilder sind auch von Menschen bevölkert, die mit den Objekten interagieren. Die Phasen des Projekts – die erste zwischen 1964 und 1974 und bis 1976, die zweite zwischen 1980 und 1985 und die dritte zwischen 1985 und 2008 –, stehen im Zusammenhang mit der sich verändernden sozialen und politischen Situation in Rumänien. Die Installation gehört seit 2016 zur Dauerausstellung der Tate Gallery of Modern Art in London.Juliet Bingham: The Solemn Process. Tate Gallery of Modern Art, 2015
Rezeption Die Museumsleiterin der Tate Modern, Frances Morris, beschrieb Lupaș als Lehrerin und Mentorin, die für Generationen rumänischer Künstler wichtig sei. Sie habe ohne große Anerkennung für sich selbst und ohne Unterstützung durch die Künstlergemeinschaft in ihrem Land und in ganz Osteuropa gearbeitet.Zitiert in: Lost Women Art: Ana Lupaș. Künstlerin zwischen Tradition und Moderne. Redaktion: Susanne Radelhof, Lilly Rinklebe
Die erste Retrospektive des Gesamtwerks von Ana Lupaș widmete ihr 2024 das Stedelijk Museum Amsterdam. Ihre Werkserie mit Selbstporträts zeigte im selben Jahr erstmals das Kunstmuseum Liechtenstein.Clara Zimmermann: Ana Lupaș in Liechtenstein. Schau mir in die Augen. In: Weltkunst, 20. Dezember 2024
Ausstellungen (Auswahl) Einzelausstellungen 2008: Ana Lupaș, Taxispalais – Kunsthalle Tirol, Innsbruck 2016: The Solemn Process, Tate Modern 2024: Ana Lupaș. On this Side of the River Elbe, Stedelijk Museum AmsterdamAna Lupaș. On this Side of the River Elbe, Stedelijk Museum Amsterdam 2024/25: Ana Lupaș. Intimate Space – Open Gaze, Kunstmuseum Liechtenstein Beteiligungen 1969 und 1971: Teilnahme an den International Tapestry Biennalen von Lausanne 1994: Europa, Europa. Bundeskunsthalle Bonn 1999–2000: Fotografien von Humid Installation, in: Global Conceptualism: Points of Origin, 1950s–1980s, Queens Museum, Walker Art Center, Miami Art Museum.Ausstellungsbesprechung von Tony Godfrey, in: The Burlington Magazine, Vol. 141, No. 1157 (August 1999), S. 503 2024: The Twist. Failing Empires, Triumphant Provinces. National Museum of Contemporary Art (MNAC), Bukarest
Literatur Tanja Boon et al. (Stedelijk Museum Amsterdam): Ana Lupas. Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln 2024, ISBN 978-3-7533-0634-6.
Sammlungen Centre Georges-Pompidou, Paris Tate Gallery of Modern Art, London Ludwig-Museum (Budapest)
Weblinks Ileana Parvu: Craftsmanship from the World Before. Artisanal Skills in Ana Lupas’s Participatory Actions. In: Ileana Parvu (Hrsg.): A Show of Hands. Crafting Concepts in Contemporary Art. De Gruyter, Berlin, Boston 2025, S. 38–61 (Open Access)
Einzelnachweise
Kategorie:Installationskünstler (Rumänien) Kategorie:Textilkünstler Kategorie:Rumäne Kategorie:Geboren 1940 Kategorie:Frau