mini|„Eisberg“ am Titanic-Museum in Branson, Missouri, dessen Gebäude dem berühmten Schiff nachempfunden ist Ein Eisberg und der Transatlantikliner Titanic stießen am 14. April 1912 zusammen, was dazu führte, dass das Schiff in zwei Stunden und vierzig Minuten sank. Von den etwa 2200 Menschen, die sich an Bord befanden, kamen über 1500 beim Untergang ums Leben. Nach dem Unglück bestand großes Interesse am Eisberg, um die Umstände der Kollision aufzuklären und die dadurch entstandenen Schäden am Schiff festzustellen. Die Titanic-Katastrophe stieß auch die Gründung der Internationalen Eispatrouille im Jahr 1914 an, welche die Gefahren von Eis für die Schifffahrt verringern soll.

Weiterhin spielt der Eisberg in der kulturellen Rezeption der Katastrophe eine Rolle. In Gedichten und anderen Werken wird er häufig als Metapher für die kalte und stumme Naturgewalt dem Schiff gegenübergestellt.

Die wichtigsten Quellen für den Eisberg sind Berichte von Überlebenden des Untergangs. Außerdem existieren historische Daten zum Wetter und zu Strömungen im Nordatlantik. In der Nähe der Stelle, an der die Rettungsboote der Titanic gefunden wurden, fertigten Menschen auf Schiffen Photographien von Eisbergen an. Es ist strittig, ob einer der photographierten Eisberge tatsächlich derjenige ist, der die Titanic versenkt hat.

Herkunft und Verbleib mini|Grönland mit dem Jakobshavn-Gletscher (weiße längliche Fläche in der unteren Bildhälfte) Es kann nur spekuliert werden, wo und wann der Titanic-Eisberg von seinem Gletscher gekalbt ist. Olson, Doescher und Sinnott vermuten den Ursprung des fatalen Eisbergs im Jakobshavn-Gletscher bei der Diskobucht an der grönländischen Westküste. Er mag 1910 oder 1911 entstanden sein und könnte mit dem Westgrönland-Strom nach Norden in die Baffin Bay geraten sein, von wo er dank des Labradorstroms wieder nach Süden gedriftet wäre. Ein Eisberg kann beispielsweise an die Küste gespült werden oder auf Grund laufen. Dort schmilzt er, oder er kommt wieder frei und setzt seine Reise nach Süden fort.Donald W. Olson, Russell L. Doescher, Roger W. Sinnott: Did the Moon Sank the Titanic? In: Sky & Telescope, April 2012, S. 34–39.

Die Autoren behandeln auch die Frage, ob eine bestimmte Konstellation von Sonne, Erde und Mond einen Einfluss gehabt haben mag. Am 4. Januar 1912 gab es eine Springflut, bei der gleichzeitig der Mond der Erde näher als üblich stand. Das könnte einen Einfluss auf das Kalben von Eisbergen gehabt haben. Allerdings hätte ein solcher Eisberg kaum bereits im April desselben Jahres die Unglücksstelle der Titanic erreicht. Doch hat die Springflut eventuell eine Rolle dabei gespielt, einen gestrandeten Eisberg wieder flott zu machen.Donald W. Olson, Russell L. Doescher, Roger W. Sinnott: Did the Moon Sank the Titanic? In: Sky & Telescope, April 2012, S. 34–39, hier S. 36, 39.

Bigg und Wilton bezweifeln allerdings, dass die fragliche Konstellation von Mond, Erde und Sonne bedeutsam war. Einige wenige Tage um den 4. Januar hätten keinen großen Einfluss auf das Kalben genommen; im Winter seien außerdem viele Fjorde durch See-Eis blockiert gewesen. Auch in anderen Jahren gab es verstärkte Eisberg-Bildung. Wenn es um das Kalben geht, dann denken sie eher an Faktoren wie die Wasseroberflächentemperatur der Labradorsee.Grant R. Bigg, David J. Wilton: Iceberg risk in the Titanic year of 1912: was it exceptional? In: Weather – April 2014, Vol. 69, No. 4, S. 100–104, hier S. 103.

mini|Der Weg der Titanic über den Nordatlantik, mit Lage des Wracks Bigg und Wilton haben ihrerseits mithilfe von Computersimulationen versucht, einen möglichen Weg des fatalen Eisbergs aufzuzeigen. Dafür sind sie von der Annahme ausgegangen, dass Eisberge damals vor allem im Süden oder Südwesten Grönlands entstanden sind, während sie heute mehr aus dem Nordwesten der Insel stammen. Im Jahr 1912 wurden zwar mehr Eisberge als im Durchschnitt des 20. Jahrhunderts gesichtet, es war aber kein extremes Eisberg-Jahr.

Demnach schuf das warme und nasse Jahr 1908 die Bedingungen dafür, dass im frühen Herbst 1911 bei Südwest-Grönland ein riesiger Eisberg kalbte. Dieser wäre nach Westen Richtung Kanada gelangt und vom Labradorstrom nach Süden transportiert worden – entlang der kanadischen Küste einschließlich Neufundlands, der sogenannten Iceberg Alley (Eisberg-Allee). Wegen der damaligen systematischen Beobachtungen von Eisbergen (noch vor der Errichtung der Eispatrouille) sei es sogar sehr wahrscheinlich, so Bigg und Wilton, dass der später tödliche Eisberg dabei gesichtet worden ist.Grant R. Bigg, David J. Wilton: Iceberg risk in the Titanic year of 1912: was it exceptional? In: Weather – April 2014, Vol. 69, No. 4, S. 100–104.

mini|Die Titanic, wie sie am 11. April 1912 den irischen Hafen Queenstown verlässt. Das war der letzte Halt vor der Fahrt in den Nordatlantik. Vom 10. bis zum 15. April befand sich über dem größten Teil des Nordatlantiks ein Hochdruckgebiet. Es sorgte für eine ruhige See und einen klaren Himmel. Am 13. April trieb ein Tief über Grönland mit kalter Polarluft und Wind aus Nordwest Eisberge nach Süden in die Schifffahrtsrouten.Megan E. Linkin: Icebergs Ahead!: How Weather Doomed The Titanic. In: Weatherwise, Band 60, Nr. 5, S. 20–25, hier S. 24/25.

Auf seinem Weg in den Atlantik und auch nach der Kollision schmolz der Eisberg wegen der Wassertemperatur. Da ein Eisberg etwa zwei bis drei Jahre alt wird, verschwand er, sollte er 1910 oder 1911 gekalbt sein, möglicherweise erst Ende 1912 oder gar im Laufe des Jahres 1913. Wenn man jedoch bedenkt, dass der Eisberg bei der Kollision möglicherweise schon drei Jahre alt war, dann existierte er nach dem Unglück vom April 1912 wahrscheinlich nur noch eine oder zwei Wochen, weil er bald das wärmere Wasser des Golfstroms erreicht haben dürfte.

Eiswarnungen im April 1912

mini|Titanic: Eiswarnungen am 14. April 1912. Nur ein Teil davon war Kapitän Smith bekannt. Kapitän Edward John Smith und seine Offiziere wussten schon vor der Abfahrt von Southampton, dass das Treibeisfeld in Umfang und südlicher Ausdehnung größer war als in den vergangenen Jahren. Außerdem gingen während der Fahrt mehrere Funkberichte („Marconigramme“) von anderen Schiffen ein, die vor Treibeisfeldern und Eisbergen warnten.

Die ersten Eiswarnungen berichteten von Eis, das nördlich der Strecke der Titanic lagen. Ein Marconigramm der Amerika am Unglückstag berichtete aber erstmals von Eisbergen südlich der Strecke, und vor allem die Nachrichten der Baltic und der Mesaba warnten vor Eisfeldern und Eisbergen auf der Route der Titanic. Noch um 23:07 Uhr meldete der Funker der Californian der Titanic ein Eisfeld, um 23:40 Uhr stieß die Titanic mit dem Eisberg zusammen.

Die Schiffsführung nahm die drahtlose Telegrafie als Unterstützung der Navigation nicht ernst genug. Weder der Kapitän noch ein anderer Offizier hatten alle Eiswarnungen gesehen, und nach dem Unglück erinnerten sich die überlebenden Offiziere kaum an Eiswarnungen. Ihr Unwissen brachte sie vor der Öffentlichkeit und vor den Untersuchungen in Erklärungsnot.

Sichtbarkeit von Eisbergen mini|Die möglichen Sichtverhältnisse, als die Titanic auf den Eisberg zukam (das Schiff von vorn gesehen) Kapitän Smith ging in der Unglücksnacht davon aus, dass man einen Eisberg rechtzeitig entdecken würde, so dass man ihm noch ausweichen könne. Entscheidend war für ihn, dass die betreffende Nacht klar und wolkenlos war. Allgemein herrschte die Ansicht, dass man in klaren, wenn auch dunklen Nächten einen Eisberg auf eine bis drei Seemeilen sehen könne. (Drei Seemeilen entsprechen 5,6 Kilometern.) Nach Aussage des überlebenden Zweiten Offiziers Charles Lightoller seien er und Smith der Meinung gewesen, ein Eisberg sei in drei bis vier Seemeilen Entfernung sichtbar. Smith habe gesagt, dass beim geringsten Anzeichen von Dunst das Schiff sehr langsam fahren solle. Die Ausgucke wurden angewiesen, insbesondere auf Eis zu achten.Samuel Halpern: Account of the Ship's Journey accross the Atlantic. In: Samuel Halpern (Hrsg.): Report into the Loss of the SS Titanic: A Centennial Reappraisal. The History Press, Stroud 2016 (2012), S. 71–89, hier S. 84/85, 88.

Im Jahr 1925 war Fred Zeusler von der amerikanischen Küstenwache für die Internationale Eispatrouille verantwortlich. Seinen Untersuchungen zufolge sieht man einen mittelgroßen Eisberg in einer mondlosen, dunklen, jedoch klaren Nacht erst in einer Seemeile Entfernung. In der Unglücksnacht der Titanic 1912, so Halpern, kam noch hinzu, dass die See ruhig und glatt war. Daher konnte man einen Eisberg nicht an der Wellenbrechung erkennen. Das einzige Licht, das von einem Eisberg stammen könnte, wäre reflektiertes Sternenlicht gewesen. Noch schlechter ist die Sicht bei niedrig hängendem Dunst – die Zeugenaussagen der Überlebenden widersprechen sich jedoch, ob es diesen gegeben hat.Samuel Halpern: Account of the Ship's Journey accross the Atlantic. In: Samuel Halpern (Hrsg.): Report into the Loss of the SS Titanic: A Centennial Reappraisal. The History Press, Stroud 2016 (2012), S. 71–89, hier S. 85.

Sichtung und Zusammenstoß Überblick Am Sonntag, den 14. April um 23:40 Uhr Bordzeit, ist die Titanic in physischen Kontakt mit einem Eisberg geraten. Überlebende Besatzungsmitglieder und Passagiere haben dies vielfach bezeugt. Einige Überlebende haben den Eisberg mit eigenen Augen gesehen, andere haben einen dunklen Schatten wahrgenommen. Es gibt auch Aussagen über Eisstücke, die vom Eisberg auf das Schiff gefallen sind. Ferner liegen Aussagen darüber vor, wie der Kontakt mit dem Eisberg gehört oder gefühlt wurde.

mini|Wie das Ausweichmanöver ausgesehen haben kann: die Titanic, von Osten (auf dem Bild rechts) kommend, fährt erst nach links und dann nach rechts, damit das ausscherende Heck nicht den Eisberg trifft. (Bug in Blau, Heck in Rot.) Nachdem die beiden Männer im Ausguck der Titanic den Eisberg gesichtet hatten, schlug einer von ihnen, Frederick Fleet, dreimal die Glocke, um zu signalisieren, dass er ein Objekt geradeaus vor dem Schiff gesehen hat. Allerdings dürfte der Eisberg zeitnah oder sogar gleichzeitig auf der Brücke gesehen worden sein.Tad Fitch, J. Kent Layton, Bill Wormstedt: On a Sea of Glass. The Life & Loss of the RMS Titanic. Amberley, Stroud 2015, S. 143, 295. Die Titanic konnte vor dem Aufprall noch leicht nach Backbord (links) steuern. Dennoch schrammte sie gegen den Eisberg, was sechs bis sieben Sekunden gedauert hat. Betroffen waren 200 bis 225 Fuß (60 bis 68 Meter) an der Steuerbordseite des Schiffs.Samuel Halpern: Strangers on the Horizon. Titanic and Californian – A Forensic Approach. Halpern 2021 (2019), S. 70/71.

In der Sprache des Seerechts handelte es sich nicht um eine Kollision, sondern genau genommen um eine Allision. Dabei stößt ein Schiff nicht gegen ein bewegliches Objekt (wie ein anderes Schiff), sondern gegen ein unbewegliches. Der Eisberg hat sich nur durch die Strömung und den Wind langsam bewegt. Außerdem dürfte er, wegen seiner Masse, durch die Allision nicht wesentlich bewegt worden sein.

Wie sich herausstellte, hat der Eisberg mehrere Lecks an der vorderen Steuerbord-Seite verursacht. Wegen der hohen Geschwindigkeit der Titanic (22,5 Knoten oder umgerechnet 41,7 km/h), die so rasch nicht gestoppt werden konnte, drückte ein Teil des Eisbergs unterhalb der Wasserlinie gegen den Rumpf. Durch diesen Druck lösten sich Nieten und die Außenhaut erhielt schmale, längliche Lecks.Tad Fitch, J. Kent Layton, Bill Wormstedt: On a Sea of Glass. The Life & Loss of the RMS Titanic. Amberley, Stroud 2015, S. 78–82.Charles Weeks, Samuel Halpern: Description of the damage to the ship. In: Samuel Halpern (Hrsg.): Report into the Loss of the SS Titanic: A Centennial Reappraisal. The History Press, Stroud 2016 (2012), S. 100–130, hier S. 100/101, S. 126. Zwei Stunden und vierzig Minuten nach dem Aufprall sank das Schiff.

Zeugenaussagen zum Eisberg selbst