Das Katharineum ist ein 1531 gegründetes Gymnasium mit altsprachlichem Zweig in der Hansestadt Lübeck in Schleswig-Holstein.
Geschichte Das Katharineum wurde im März 1531 als Lateinschule bzw. Gelehrtenschule im Rahmen der reformatorischen Neuordnung von Kirche, Schule und Sozialfürsorge durch die Kirchenordnung Johannes Bugenhagens gegründet, eines Freundes Martin Luthers, der ihn auch wegen seiner Plattdeutschkenntnisse schätzte. Der erste Rektor war Hermann Bonnus. Die Schule finanzierte sich anfangs zum Teil aus dem Klostervermögen, aber auch aus den Stiftungsgeldern der Sängerkapelle der Marienkirche. Dafür hatte der Schülerchor den liturgischen Gesang in den Hauptkirchen zu übernehmen. mini|Schild am Eingang Königstraße
mini|Grundriss des Erdgeschosses 1832
Nach einem dramatischen Verfall im späten 18. Jahrhundert, nachdem die Schule 1798 nur noch 27 Schüler gezählt hatte, gelang es dem Rektor Friedrich Daniel Behn, die Schule zu reformieren. Er erweiterte den bisher lediglich auf eine Gelehrtenausbildung ausgerichteten Lehrplan durch die Einrichtung von Realklassen und die Einführung zeitgemäßerer Lehrmethoden. Ebenfalls Teil der Reform war 1801 die Abschaffung des Kantorats und damit das Ende der seit 1531 bestehenden Verpflichtung der Schüler zum liturgischen Gesang. Aus der Einrichtung der Realklassen entstand in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Zweiteilung in altsprachliches Gymnasium und Realgymnasium. In der Schulordnung von 1859 heißt es: „Das Katharineum besteht aus einer Gelehrtenschule (Gymnasium), einem Realgymnasium und einer beiden gemeinschaftlichen Vorschule.“Werner Dedekind: Die Schulordnungen des Katharineums zu Lübeck von 1531 bis 1891. Lübeck 1911, S. 81. Bis zur Gründung des Johanneums und der Ernestinenschule blieb das Katharineum die einzige höhere, für ein Studium qualifizierende Schule in Lübeck. Der weithin gute Ruf sorgte dafür, dass auch viele Schüler aus den Landgebieten Mecklenburgs und Schleswig-Holsteins hier ihr Abitur machten. Die Naturwissenschaften fanden neue Aufmerksamkeit im Lehrplan und in der Ausstattung mit Lehrmitteln: Christian Gottfried Poser legte den Grundstock zu einer Sammlung von physikalischen Lehrmitteln, und aus dem Nachlass des Arztes und Botanikers Heinrich Grabau erhielt das Katharineum 1837 ein umfangreiches Herbarium, das noch Ende des 19. Jahrhunderts in Gebrauch war.Peter Prahl (Hrsg.): Kritische Flora der Provinz Schleswig-Holstein, des angrenzenden Gebiets der Hansestädte Hamburg und Lübeck und des Fürstenthums Lübeck. Unter Mitwirkung von R. von Fischer-Benzon und E.H.L. Krause. Band 2: Teil 2: 1. Geschichte der floristischen Erforschung des Gebiets; 2. Kritische Aufzählung und Besprechung der im Gebiete beobachteten oder aus demselben angegebenen Gefäßpflanzen und ihrer Formen. Kiel 1890 (Digitalisat, HathiTrust), S. 20.
Die Mitte der 1830er in Lübeck entstandene Erneuerungsbewegung Jung-Lübeck setzte sich ausschließlich aus Lehrern und Absolventen des Katharineums zusammen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts prägten jedoch „Verpreußung und Enthumanisierung des neudeutschen Gymnasiums“Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen. In: Ders.: Gesammelte Werke in Einzelbänden. Frankfurter Ausgabe. Hrsg.: Peter de Mendelssohn. S. Fischer, Frankfurt am Main 1983, S. 239. auch das Katharineum.Vgl. das Schulkapitel der Buddenbrooks. Der Nachmittagsunterricht wurde 1883 abgeschafft, gleichzeitig die Stundendauer auf 45 Minuten verkürzt.Der Schulrat Georg Hermann Schröder führte die 45-minütige Schulstunde ein. 1893 wurde am Katharineum die erste Schülerzeitung Deutschlands, Der Frühlingssturm, von Thomas Mann veröffentlicht – allerdings, weil von Schulleitung und Kollegium deutlich unerwünscht, unter dem Pseudonym „Paul Thomas“. Später erschienen dann die zweite und dritte Ausgabe als Doppelausgabe, weitere Exemplare gab es nicht. Nur wenig später, im Jahr 1896, wurde Erich Mühsam von der Schule verwiesen, weil er Berichte über schulinterne Vorgänge an die sozialdemokratische Zeitung Lübecker Volksbote weitergegeben hatte.
mini|Kriegsfreiwillige Oberprimaner am 17. August 1914 mini|Kriegsfreiwillige Abiturienten nach bestandener Prüfung am 18. Juni 1915 mini|Buntes Aulafenster (1912) Nach dem Bestehen der Notprüfung zogen, nach dem Erinnerungsfoto am Morgen, die ersten kriegsfreiwilligen Oberprimaner der Schule in den Ersten Weltkrieg.mini|Aula (1931) Zu ihrem 400-jährigen Bestehen 1931 hatte die Doppelanstalt 16 Klassen mit 383 Schülern sowie ein Kollegium von 30 Lehrkräften, das seit 1918 dem Direktorat von Georg Rosenthal, dem Vater von Annedore Leber und Schwiegervater von Julius Leber, unterstand. Das Jubiläum wurde groß gefeiert, unter anderem mit einer Rede Thomas Manns. Schon Mitte März 1933 wurde Rosenthal entlassen und durch Robert Wolfanger, einen überzeugten Nationalsozialisten, ersetzt.
Im Zweiten Weltkrieg konnte der Unterricht nur mit Unterbrechungen und Verlegungen durchgeführt werden. Beim Luftangriff auf Lübeck am Palmsonntag 1942 wurde die Aula zerstört und der Südflügel zur Hundestraße sowie das gesamte Dachgeschoss zur Königstraße hin schwer beschädigt. Das notdürftig reparierte Schulgebäude diente von Herbst 1944 bis zum Kriegsende als Lazarett.
Nach Kriegsende verzeichnete die Schule einen schnellen Anstieg der Schülerzahlen, auch durch Flüchtlinge. Zu Ostern 1950 wurde am Katharineum als erster höherer Schule in Lübeck die Koedukation eingeführt. 1955 wurden Realgymnasium und humanistisches Gymnasium zusammengefasst. Ein Jahr später, beim Beginn des Direktorats von Julius Braune, unterrichteten 61 Lehrkräfte 40 Klassen mit insgesamt 1058 Schülern. Bis zur Gründung des Trave-Gymnasiums in Kücknitz gab es eine Außenstelle für Sexta und Quinta in der Travemünder Steenkampschule.
Durch zwei Kurzschuljahre 1966/67 wurde der Übergang des Schuljahresbeginns von Ostern auf Herbst ermöglicht.
Julius Braunes letzte Jahre als Direktor waren vom Ende mehrerer Traditionen geprägt. Im Jahre 1965 fand zum letzten Mal das Schulfest in Israelsdorf statt, dessen Höhepunkt seit 1882 der traditionelle Primaner-Fünfkampf war.Jürgen Fick: Turnen und Sport am Katharineum im 19. Jahrhundert. In: Der Wagen. 1976, S. 150–154. Dieser hat sich im Gegensatz zum Schulfest bis heute erhalten. 1970 wurde die Tradition festlicher Entlassungsfeiern der Abiturienten, die traditionell in der Stadthalle stattgefunden hatte, unterbrochen, weil die Feiern nicht mehr in der Stadthalle, sondern in der viel kleineren Aula der Schule stattfinden sollten. Aus Protest verzichteten die Abiturienten dann komplett auf die Feierlichkeiten. Dies allerdings nur kurz. Unter Braunes Nachfolger Hans Bode wurden in der ersten Hälfte der 1970er Jahre die festlichen Abiturientenentlassungsfeiern bereits wieder aufgenommen: zuerst in der Aula, dann auf dem „Turnhof“ bzw. in St. Katharinen. 1972 wurden auch die Fahrten in das Landschulheim Nehmten aufgegeben.
1971 wurde die Orientierungsstufe eingeführt. 1976 wurde die Oberstufe durch das Kurssystem ersetzt. Gleichzeitig wurden die traditionellen Klassenbezeichnungen abgeschafft. Wegen der stark gestiegenen Schülerzahl wurden auch Räume der Geibelschule in der Glockengießerstraße sowie das Gebäude Königstraße 21, das heutige Willy-Brandt-Haus Lübeck für den Unterricht genutzt. Im Schuljahr 1972/73 war die Schülerzahl auf 1235 angewachsen, das Kollegium umfasste 75 Lehrkräfte. Bis zum Ende der 1970er Jahre stieg die Schülerzahl noch einmal auf 1300, um dann zurückzugehen.
2006 wurde das 475-jährige Bestehen unter dem Motto „Vergangenes wahren, Gegenwart leben, Zukunft gestalten“ gefeiert.
Gebäude mini|Die neogotischen Fassaden des Katharineums, von der Königstraße aus gesehen, vor dem Abriss der Flügel 1880 mini|Blick auf das Katharineum um 1911
Die Schule befindet sich zu einem großen Teil in den historischen Gebäuden des ehemaligen Franziskanerklosters St. Katharinen. Benannt nach der Heiligen Katharina von Alexandrien wurde es 1225, noch zu Lebzeiten des Hl. Franziskus, gegründet.
Nach kleineren Umbauten bei der Umwandlung des Klosters zur Schule blieben die Klostergebäude im Wesentlichen bis ins 19. Jahrhundert unverändert. Ein Plan von Joseph Christian Lillie für einen klassizistischen Umbau 1806 kam wegen der Umstände der Lübecker Franzosenzeit nicht zur Ausführung. 1826 und 1836 wurden die beiden Giebel zur Königstraße hin in früh neugotischen Formen erneuert. Grundlegend wurde der Komplex in zwei Bauabschnitten 1879/80 und 1890/92 durch den Stadtbaumeister Adolf Schwiening neugotisch überformt. Durch den Abriss und die Überbauung der Bürgerhäuser an der Ecke zur Hundestraße (Köigstr. 29/31 und Hundestr. 1–3) im zweiten Bauabschnitt nahm der Schulkomplex nun den gesamten Block ein. Der Vorderhof wurde durch eine hohe Mauer zur Königstraße hin abgeschlossen. Im Hinterhof (auf dem Gelände des heutigen Maganzinbaus der Stadtbibliothek) entstand 1875 eine erste Turnhalle. Schwienings Idee war es, unter Einbeziehung des Altbestandes dem Bau eine gewisse monumentale Einheitlichkeit und Klarheit zu verschaffen, was insbesondere durch die etwa 65 m lange, reichgegliederte Straßenfassade zur Königstraße mit ihrem Wechsel aus roten und schwarzglasierten Backsteinen sowie durch drei Risalite mit Treppengiebeln und eine durch einen Zinnenkranz bekrönte Traufe erreicht wurde. Den mittleren Risalit zierte eine Uhr und ein Mosaik mit dem Lübecker Staatswappen. Dies ist die Situation, die Thomas Mann in seiner Schulzeit erlebte und in den Buddenbrooks literarisch verarbeitete:
mini|Biologie-Fachraum nach dem Umbau 2003
Nach der Teilzerstörung 1942 wurde dieser Schmuckreichtum jedoch nicht wiederhergestellt. Das Dachgeschoss wurde 1962 und dann noch einmal 2003 für die Nutzung durch Biologie- und Physikräume umgebaut.
Die ebenfalls zerstörte wilhelminische Aula wurde zunächst nur mit einem Behelfsdach wieder aufgebaut. Sie diente übergangsweise als Weinlager und wurde 1952 wieder für die schulische Nutzung hergerichtet. Seit 1964 erinnert ein von Curt Stoermer gestaltetes farbiges Glasfenster an das Stettiner Marienstiftsgymnasium.Eintrag in der Datenbank Kunst im öffentlichen Raum Lübeck Nach längerer Planung wurde die Aula im Jahr 2000 instand gesetzt und aufgestockt, wodurch im Obergeschoss vier neue Klassenräume entstanden. mini|Turnhalle kurz nach der Fertigstellung 1910 1910 erhielt die Schule auf dem hinteren Schulhof (Turnhof) eine neue und größere, zweistöckige Turnhalle in Heimatschutzarchitektur. In den 1960er Jahren wurde ein flachgedeckter Vorbau mit Umkleideräumen und Sanitäranlagen hinzugefügt. Aufgrund der innerstädtischen Lage musste für den Sportunterricht im Freien der Sportplatz am Burgfeld aufgesucht werden. Der Schwimmunterricht fand in den Sommermonaten im Freibad an der Falkenwiese statt; im Winter stand die Schwimmhalle in der Schmiedestraße zur Verfügung.
Neben der Schule befindet sich die Katharinenkirche, die ehemalige Kirche des Franziskanerklosters. Über den früheren Kreuzgang sind Kirche und Gymnasium heute noch verbunden. Der lange zugemauerte Zugang wurde im Mai 1961 wieder geöffnet – vor allem um die Kirche für die 1959 eingeführte evangelische Morgenandacht nutzen zu können. Diese fand dann lange Zeit am Montagmorgen vor Beginn der ersten Stunde statt.
In weiteren Räumen des Klosters entstand 1620 die Stadtbibliothek.Margrit Christensen: Die Räumlichkeiten der Lübecker Stadtbibliothek, ihre Einrichtung um 1620 im ehemaligen St. Katharinenkloster und die weitere Entwicklung. In: Jörg Fligge, Peter Borchardt (Hrsg.): Die wissenschaftliche Stadtbibliothek und die Entwicklung kommunaler Bibliotheksstrukturen in Europa seit 1945. Harrassowitz, Wiesbaden 2001, S. 391–421. Bis 1903 war der Leiter der Bibliothek ein Lehrer des Katharineums.
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