mini|hochkant=1.5|Region um den Little Bighorn und Route des Bozeman Trails In der Schlacht am Little BighornAuch als „Battle of the Greasy Grass“ oder „Custer’s Last Stand“ bezeichnet. wurden im Sommer des Jahres 1876 fünf Kompanien des 7. US-Kavallerie-Regiments unter dem Kommando von George Armstrong Custer von einer Koalition der Indianischen Völker der Lakota- und Dakota-Sioux, Arapaho und Cheyenne am Little Bighorn River im heutigen Bundesstaat Montana in den Hügeln östlich des Flusstals eingekesselt und vernichtend geschlagen.
Die Schlacht fand im Rahmen von Auseinandersetzungen um Landnutzungs- und Siedlungsrechte zwischen der weißen Mehrheitsbevölkerung und den letzten frei lebenden Indianervölkern Nordamerikas statt.Christopher Joyce: Custers letztes Geheimnis. Ein forensischer Anthropologe fand heraus: Im Grab des amerikanischen Volkshelden liegt womöglich der falsche Mann. In: GESCHICHTE. Das Magazin für Kultur und Geschichte. Archäologie, Band 18, Nr. 4, Juli/August 1992, S. 8. Ihr Sieg in dieser Auseinandersetzung war einer der wenigen größeren Erfolge der Prärieindianer in ihrem Überlebenskampf gegen die trotz ihrer damaligen Defizite weit überlegenen US-Landstreitkräfte. Die Niederlage Custers ist hauptsächlich seiner unzureichenden Vorfeldaufklärung und falschen Lageeinschätzung zuzuschreiben. Auch die Aufteilung seines Regiments in kleinere, weit auseinandergezogen marschierende Abteilungen kurz vor Aufeinandertreffen mit seinen Gegnern schwächte dessen Kampfkraft. Die Vernichtung dieser fünf Kompanien hatte für den Operationsverlauf im Feldzug von 1876 keine nennenswerten Auswirkungen. Dennoch erregt diese Schlacht bis auf den heutigen Tag eine ihre militärische Bedeutung weit übersteigende Aufmerksamkeit.
Custer wurde durch seinen mythenumwobenen Schlachtentod zu einer der Ikonen der amerikanischen Populärkultur. Besonders seine Witwe arbeitete für den Rest ihres Lebens unermüdlich daran, das umstrittene Vermächtnis ihres Mannes wieder ins Reine zu bringen. In der Zeit danach wurden auch die daran beteiligten Soldaten zu tragischen Helden der jüngeren amerikanischen Geschichte verklärt und die Niederlage zum heroischen Kampf bis zum unvermeidlichen Ende, „Custers letztem Gefecht“ erhöht.
Die Niederlage Custers markiert den Höhepunkt der Indianerkriege und steht als Symbol für die Legende des Wilden Westens. Die Geschehnisse am Little Bighorn waren auch ein Fanal für die sonst weitgehend unbeachtet vor sich gehende Vernichtung einer vielfältigen Nomadenkultur und Lebensart. In weiterer Folge bedeutete sie das Ende der Eigenständigkeit der Ureinwohner Nordamerikas. Auf US-amerikanischer Seite wurde die Niederlage in mehr als 50 Hollywood-Filmen zur unendlichen Märtyrer-Saga und wird bis heute für revisionistische Propaganda missbraucht. Archäologische Untersuchungen des Schlachtfelds und die Auswertung der Aussagen von Augenzeugen rücken die damaligen Ereignisse aber in ein neues Licht. Custer ist heute bei den meisten als Integrationsfigur für ein multiethnisches Amerika ungeeignet, da er zu sehr mit dem Ruch des Indianerschlächters behaftet ist. Das Little Bighorn Battlefield National Monument ehrt heute alle am Kampf Beteiligten.
Vorgeschichte mini|Oberstleutnant George Armstrong Custer, das Foto entstand kurz vor seinem Tod im Jahr 1876
mini|Michael Reiley, F-Kompanie des 7. Kavallerieregiments, einer der einfachen Soldaten, die in der Schlacht starben Die Schlacht fand im Zuge eines Verdrängungs- und Vernichtungsprozesses gegen die amerikanischen Ureinwohner statt, der vom 16. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert andauerte. Anfangs drangen von Osten die Lakota in die Great Plains ein, ein Nomadenvolk, später bekannt unter dem Namen „Sioux“, den sie von ihren Gegnern bekommen hatten und der grob vereinfacht „Feind“ bedeutet.Die Sioux nannten sich selber „Da-coh-tah“, was so viel wie Freund oder Verbündeter bedeutet. Die Chippewas, die Erbfeinde der Dakotas, bezeichneten die Sioux als „Nadoweis-siw“, was mit Schlangen oder Feinde übersetzt werden kann. Die Franzosen machten daraus dann „Nadoues-sioux“, woraus schließlich der Name „Sioux“ entstand. Die Sioux verdrängten die Crows und Shoshonen aus ihren Jagdgründen im Norden der Plains. Als die weißen Siedler vor dem Sezessionskrieg (1861–1865) begannen, auch den äußersten Westen des Kontinents zu kolonisieren, hatten aufgrund der Trockenheit und der noch relativ großen indigenen Bevölkerung erst wenige von ihnen dort Wurzeln geschlagen. Vorher hatte man hauptsächlich in den niederschlagsreichen und stark bewaldeten Regionen beiderseits des Mississippi neue Agrarflächen erschlossen, die nur gerodet und umgepflügt werden mussten, um üppige Erträge zu liefern. Die Trecks mussten eine stetig nach Westen ansteigende Ebene mit wesentlich rauerem Klima, harten und trockenen Böden und Wüstenregionen sowie als Abschluss die Hochgebirgskette der Rocky Mountains, die sich wie ein gigantischer Riegel von Nord nach Süd erstreckte, mit den schwer beladenen Planwagen überwinden. Erst westlich davon, an der Küste des Pazifiks, fand man wieder günstigere Umweltbedingungen vor, insbesondere eine üppigere Vegetation. Die Regierung in Washington schloss mit den Indianern „ewige Verträge“ („… solange das Wasser fließt, die Büffel weiden und der Himmel blau ist …“), die ihnen zumindest einen Teil ihres Landes garantieren sollten.
Die Besiedlung der Great Plains Nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs wurde durch den hohen Einwanderungsdruck aus Europa auch das Siedlungsland in den westlich an den Mississippi grenzenden Bundesstaaten zunehmend knapper. Die Regierung in Washington gab daher zehn Prozent der Great Plains zur Besiedlung und Erschließung durch die beiden Eisenbahngesellschaften Union Pacific und Central Pacific frei. Mehr und mehr Siedler (von den Indianern als „Wasichu“ bezeichnet) drangen immer tiefer in die Indianerterritorien vor – oft mit Hilfe des US-Militärs. Die Great Plains waren das letzte Refugium der noch als Nomaden lebenden „freien Indianer“. Eine Konfrontation zwischen ihnen und den weißen Okkupanten war damit unvermeidlich geworden. Wie vorher im Osten, wurden nun auch dort die Ureinwohner zunehmend aus ihren angestammten Lebensräumen verdrängt und ihrer natürlichen Existenzgrundlagen beraubt. Der Druck auf sie erhöhte sich noch mehr durch den rasanten Ausbau des Eisenbahnnetzes, dessen Schienenstränge nach Westen mitten durch das Indianerland verlegt wurden. Die neuen Bahnlinien waren im Eigentum kapitalkräftiger Gesellschaften, die sich die dafür nötige Unterstützung in Washington durch Bestechung erkaufen konnten. Mit Hilfe der Eisenbahngesellschaften ließ sich zudem die Doktrin der „Manifest Destiny“ noch einfacher durchsetzen, d. h. die von der „Vorsehung“ geheiligte Eroberung und Erschließung des Kontinents durch die weißen Amerikaner. Die Great Sioux Nation, die Cheyenne und die Arapaho kämpften gegen diese Entwicklung an und versuchten gleichzeitig, ihre eigene Lebensweise zu bewahren. Sie attackierten die Eisenbahnlinien, störten die Erkundung ihres Landes, belagerten die Forts des amerikanischen Militärs und bedrängten die Siedler so weit wie möglich, konnten letztendlich aber das Vordringen der technisch und materiell weit überlegenen Invasoren nicht mehr aufhalten.Thema: Die Schlacht am Little Bighorn. In: br.de. 20. Jänner 2014, abgerufen am 27. Juni 2025.
Nachdem mit den Zügen der Union Pacific Railroad die Plains für die Siedler noch leichter erreichbar wurden, führte die Expansion des Eisenbahnnetzes durch neue Bahnverbindungen wie die Burlington and Missouri River Railroad auch bald zu einer intensiveren landwirtschaftlichen Erschließung der Plains. Kleine Farmen und Viehzuchtbetriebe entstanden zunächst nahe an den Eisenbahnlinien und ließen einen Anschluss an die Märkte der nordamerikanischen Großstädte zu.Alexander Bräuer: Die „Bone Wars“ und der amerikanische Siedlerkolonialismus. Universität Rostock, Institut für Anglistik/Amerikanistik, 4. Mai 2017, abgerufen am 24. Januar 2023. Neue technische Errungenschaften wie verbesserte Pflüge und der TrockenanbauDabei bedeckte man die Saat mit Staub, um sie vor dem Austrocknen zu schützen. ermöglichten ab 1865 auch ihre (eingeschränkte) Nutzung als Ackerland. Hinzu kam bald die Nutzviehhaltung im großen Stil. Die Rinderzucht in Texas in der Mitte der 1860er Jahre beruhte auf der Ausnutzung der besonderen Bedingungen dieser Region und des natürlichen Herdenverhaltens der Longhorns. Die einst unübersehbar großen BüffelherdenMan schätzt, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch bis zu 30 Millionen ihrer Art die Prärien Nordamerikas durchstreiften. Um die wichtigste Lebensgrundlage der amerikanischen Ureinwohner zu zerstören, erlaubte die Regierung in Washington u. a. den Eisenbahngesellschaften, die Büffelherden systematisch zu dezimieren, um so ungestört ihre Schienenstränge verlegen zu können. Sie warben dafür professionelle Jäger (z. B. Buffalo Bill) an. Diese sollten in kurzer Zeit so viele Tiere wie möglich abschlachten. Oft wurden eigens für diesen Zweck eingerichtete Sonderzüge neben den großen Herden angehalten, damit die Fahrgäste die Büffel zu ihrem Vergnügen abschießen konnten. waren zu dieser Zeit wegen systematisch betriebenen Abschusses durch professionelle Jäger oder zum Zeitvertreib schon fast ausgerottet. Die Rancher konnten nun nahezu ungestört auf den Plains ihre riesigen Rinderherden weiden lassen und dabei auch ihren geografischen Verlauf ausnutzen, da sie sich durchgehend vom Süden der Vereinigten Staaten bis hinauf zur kanadischen Grenze erstreckten, wo bald große Schlachtbetriebe (z. B. in Chicago) entstehen sollten. Auch das Einzäunungsproblem in diesem waldarmen Land war mit Einführung des Stacheldrahts im Jahr 1874 gelöst worden. Dies alles führte zu einer noch nie dagewesenen Einwanderungswelle, die auf dieses ansonsten zur Besiedlung wenig geeignete Gebiet überschwappte.Marcus Junkelmann: Die Eroberung des Westens. Die USA nach dem Bürgerkrieg, 1865–1890. Weltbild, Augsburg 1993, ISBN 3-89350-561-X, S. 99.