Eine Kreolsprache, kurz Kreol (Neutrum, unüblicher Plural: Kreols) oder auch Kreolisch (ohne Plural) genannt, ist eine Sprache, die in der Situation des Sprachkontakts aus mehreren Sprachen entstanden ist, wobei oft ein Großteil des Wortschatzes der neuen Sprache auf eine der beteiligten Kontaktsprachen zurückgeht. Nach dem Prozess der Kreolisierung unterscheidet sich die Kreolsprache von den beteiligten Ausgangssprachen deutlich in der Grammatik, oft auch im Lautsystem. In manchen Fällen entwickelt sich durch einen Prozess des Sprachausbaus eine Kreolsprache zu einer Standardsprache. Viele Kreolsprachen sind im Kontext der europäischen Kolonialisierung im 17. und 18. Jahrhundert und dem damit einhergehenden Sklavenhandel entstanden.
Die Kreolsprache mit den meisten Sprechern ist das Haitianisch-Kreolisch, es wird von mehr als zehn Millionen Menschen gesprochen.
Etymologie Die Bezeichnung Kreolsprache geht auf das lateinische Wort creare (dt. „erzeugen“) zurück, das im Portugiesischen zu criar wurde (im Sinne auch von „ein Kind aufziehen“). Das davon abgeleitete Partizip criado konnte sowohl „eine aufgezogene Person“ als auch „ein Bediensteter, der im Haushalt geboren wurde“ bedeuten. Der zugehörige Diminutiv Crioulo bezog sich dann im brasilianischen Portugiesisch auf einen Sklaven, der schon in der neuen Welt geboren wurde. Die Bedeutung weitete sich aus auf in Amerika geborene Nachfahren von Europäern. Die Bezeichnung Crioulo für Menschen wurde schließlich auf die von den Gruppen verwendete Sprache ausgeweitet. Die Bezeichnung Crioulo wurde schließlich auch als Lehnwort in andere europäische Sprachen übernommen, so z. B. Spanisch criollo, Französisch créole und Deutsch Kreolen (für die Menschen) bzw. Kreolsprache (für die Sprache).John Holm: An Introduction to Pidgins and Creoles. Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 0-521-58581-3, S. 9.
Definition, Merkmale und Abgrenzung zu Pidgins „Kreolsprachen auf portugiesischer, englischer, französischer oder niederländischer Grundlage sind ein Produkt der europäischen Expansion im 17. und 18. Jahrhundert.“Bollée: Beiträge zur Kreolistik. 2007, S. 164. Eine Kreolsprache ist eine Kontaktsprache zwischen zwei oder mehr Sprachen und wird von einer Sprachgemeinschaft als Muttersprache gesprochen, oft in der Regel von Menschen, deren Vorfahren die geografischen und sozialen Bindungen zu ihrer ursprünglichen Sprache verloren haben. Solche sozialen Bedingungen waren häufig das Ergebnis von Verschleppungen einer großen Zahl von Menschen im Rahmen des Sklavenhandels. In der Regel geht ein Großteil des Wortschatzes der neuen Sprache auf eine der beteiligten Kontaktsprachen zurück, häufig die Sprache der dominanten Gruppe im Sprachkontakt, der sogenannten Superstratsprache.John Holm: An Introduction to Pidgins and Creoles. Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 0-521-58581-3, S. 5–7.
Kreolsprachen werden in der Regel von Pidgin-Sprachen abgegrenzt, einer reduzierten Sprachform, die mit minimalem Wortschatz und vereinfachter Grammatik rein zur Kommunikation zwischen zwei unterschiedlichen Sprachgruppen dient, häufig z. B. zu Zwecken des Handels oder zur Kommunikation zwischen Sklaven und Sklavenhaltern. Wenn ein Pidgin nicht mehr als Fremdsprache von einer Sprachgemeinschaft gesprochen wird, sondern zur Muttersprache einer heranwachsenden Generation wird, wird es eine Kreolsprache.Bollée: Beiträge zur Kreolistik. 2007, S. 151. Neben dem Kriterium, dass eine Kreolsprache eine Muttersprache sein muss, gibt es noch weitere Merkmale, die Kreolsprachen auszeichnen. Im Gegensatz zu Pidgins haben Kreolsprachen einen weit umfangreicheren Wortschatz, eine regelbasierte Aussprache und eine ausgebaute Grammatik.
„Alle Kreols weisen gewisse Gemeinsamkeiten auf, die sie untereinander ähnlich und von ihren Superstratsprachen verschieden erscheinen lassen. Nicht jedes Merkmal kommt in allen Kreols in genau der gleichen Form vor, obwohl es eine Anzahl von Erscheinungen gibt, die sehr typisch sind.“Bartens: Die iberoromanisch-basierten Kreolsprachen: Ansätze der linguistischen Beschreibung. 1995, S. 8. Sie zeichnen sich in der Phonologie, der allgemeinen Morphosyntax, dem Verbalsystem und dem Lexikon ab. Das sind z. B. SVO-Wortfolge, die präverbale Markierung von Negation, Tempus und Modus sowie Serialverbkonstruktionen.Bruyn: Grammaticalization in creoles: the developement of determiners and relative clauses in Sranan. 1995, S. 1. Kreolsprachen „besitzen [also] eine regelmäßige und einfache Grammatik und eine feste Wortstellung, vermeiden alle einigermaßen schwierigen Lautverbindungen [und] begünstigen die Zweisilbigkeit“.Schuchardt (1903) 1922, S. 318. Jared Diamond schreibt: „Gegenüber Pidgin-Sprachen zeichnen sich kreolische Sprachen durch ihr umfangreicheres Vokabular, ihre wesentlich kompliziertere Grammatik und die Einheitlichkeit des Sprachgebrauchs aus.“Jared Diamond: Der dritte Schimpanse. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-596-14092-7, Kapitel 8: „Brücken zur menschlichen Sprache“, S. 183 ff., Zitat S. 209.
Nicht alle Linguisten denken, dass Kreolsprachen allein auf der Basis ihrer sprachlichen Struktur definiert werden können, sondern es müssen auch soziolinguistische Kriterien hinzugezogen werden. „Sprachexterne Faktoren […] sind bei den Kreolsprachen von besonderer Bedeutung, da die Andersartigkeit dieser Sprachen einzig und allein soziolinguistisch begründet werden kann.“Bartens: Die iberoromanisch-basierten Kreolsprachen: Ansätze der linguistischen Beschreibung. 1995, S. 3.
Entstehungstheorien Zur Entstehung der Kreolsprachen wurden eine Reihe von Theorien in der Sprachwissenschaft entwickelt. Diese Theorien werden in der Sprachwissenschaft kontrovers diskutiert. Jede Theorie hat ihre Vertreter, aber es ist weitgehend Konsens, dass keine der vorgebrachten Theorien die Entstehung von Kreolsprachen zufriedenstellend erklären kann. Von Teilen der Sprachwissenschaft werden diese Theorien dort, wo sie sich ergänzen, auch in Kombination akzeptiert.Suzanne Romaine: Pidgins and Creoles. In: Alexander Bergs, Laurel J. Brinton (Hrsg.): The History of English. Band 5: Varieties of English. De Gruyter Mouton, Berlin/Boston 2017, ISBN 978-3-11-052279-2, S. 394.
Substrattheorie Nach der Substrattheorie beziehen Kreolsprachen ihren Wortschatz vorwiegend von der Sprache, deren Sprecher zur dominanten gesellschaftlichen Gruppe gehören (meist die Kolonialmächte).Thomason: A Typology of Contact Languages. In: Holm: Contact Languages. Critical Concepts in Language Studies Volume II, 2009, S. 45. Diese Sprache wird als Lexifier oder auch Superstrat bezeichnet und bildet die Basis der Kreolsprache. Den Gegenpart bildet die Sprache, von der grundlegende grammatische Strukturen übernommen werden – das Substrat, in der Regel die Sprache der unterdrückten Gruppe, die gezwungen ist, sich mit der dominanten gesellschaftlichen Gruppe zu verständigen.
Vereinfachung Einige Sprachwissenschaftler, darunter der Soziolinguist Charles A. Ferguson, haben die These vorgebracht, dass bei der Entstehung von Pidgin- und Kreolsprachen Vereinfachung eine Rolle gespielt haben könnte. So weisen Ferguson und andere Linguisten darauf hin, dass Eltern ihre Sprache vereinfachen, wenn sie mit Kleinkindern sprechen (sogenannter Baby-Talk). Dazu reduzieren sie die Komplexität der Grammatik, unter anderem lassen sie die Flexion bei Verben weg. Ähnliches gilt, wenn Menschen ihre Sprache gegenüber Gruppen vereinfachen, von denen sie glauben, dass diese nicht in der Lage seien, sie gut zu verstehen, z. B. Ausländer (foreigner talk) oder Schwerhörige. Die These der Vereinfachung geht davon aus, dass bei der Entstehung von Pidgin- und Kreolsprachen ähnliche Vorgänge wie bei Baby-Talk abliefen: Die dominante gesellschaftliche Gruppe, z. B. die Kolonialherren, sprachen in vereinfachter Form mit den kolonialisierten Gruppen.John Holm: An Introduction to Pidgins and Creoles. Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 0-521-58581-3, S. 58–59.
Es bestand auch kein Interesse, die Sprache in ihrer ganzen Komplexität zu vermitteln. Zu dem mangelnden Interesse an der Sprachvermittlung einerseits „kommt [andererseits] die mögliche Ablehnung des korrekten Erlernens der neuen Sprache aus dem Bewusstsein heraus, die eigene Identität zu bewahren oder gar die eigene Sprache und Kultur als wertvoller zu erachten.“Christian Seidel: Genesetheorien bei Kreolsprachen. Stand: 2004, S. 5 (abgerufen am 20. September 2012) Mit der Simplifizierung des Substrats kann jedoch die Bildung neuer Regeln einhergehen, was nach Hattiger ein Kriterium für die Bildung einer Kreolsprache sein kann.J.-L. Hattiger: Le français populaire d’Abidjan: Un cas de pidginisation. Université d’Abidjan 1983. So hat sich aus dem (wegen seiner raschen Verbreitung unter einer in den 1960er Jahren noch gering alphabetisierten Bevölkerung) wenig standardisierten ivorischen Französisch das Nouchi entwickelt.
Gegen diese Theorie der Vereinfachung ist unter anderem vom Linguisten Derek Bickerton vorgebracht worden, dass die Vereinfachung vor allem die Entstehung von Pidgin-Sprachen erklären soll, diese aber sich keineswegs durch eine, wie behauptet, systematisch vereinfachte Flexion der Verben auszeichnet. Dies sei nur bei Kreolsprachen der Fall, während Pidgins in ihren grammatischen Mustern eher chaotisch sind.John Holm: An Introduction to Pidgins and Creoles. Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 0-521-58581-3, S. 60.
Bioprogramm Der US-amerikanische Linguist Derek Bickerton hat unter anderem in seiner Publikation Roots of Language von 1981 eine Theorie zur Entstehung von Kreolsprachen vorgeschlagen, die unter dem Begriff „Bioprogramm“ in die sprachwissenschaftliche Diskussion eingegangen ist. Bickerton weist darauf hin, dass Kreolsprachen sich durch viele Gemeinsamkeiten auszeichnen, darunter die Verwendung von doppelter Negation oder Eigenheiten bei der Verwendung von Artikeln, Fragewörtern und Passivkonstruktionen.John Holm: An Introduction to Pidgins and Creoles. Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 0-521-58581-3, S. 61.
Bickerton argumentiert, dass sich diese Gemeinsamkeiten nicht erklären lassen, wenn man nur von einer Entstehung der Kreolsprachen auf der Basis von Pidgins ausgehe. Stattdessen, so Bickerton, müsse man davon ausgehen, dass die von ihm beschriebenen Eigenarten der Kreolsprachen dadurch entstehen, weil Kinder eine angeborene Universalgrammatik haben. Die Theorie der Universalgrammatik geht auf den Linguisten Noam Chomsky zurück, der annimmt, dass Kinder ein angeborenes System von sprachlichen Prinzipien haben, mit dem sie Sprache auch trotz fehler- oder lückenhaftem sprachlichem Input perfekt erwerben können.Liliane Haegeman: Introduction to Government and Binding Theory. 2. Auflage. Blackwell, London 1994, ISBN 0-631-19067-8, S. 12–13. Während des Spracherwerbs verarbeiten Kinder den inadequaten Input ihrer Eltern, die ein Pidgin als Fremdsprache sprechen, und entwickeln mit Hilfe der Universalgrammatik daraus ihre Erstsprache, die Kreolsprache.Suzanne Romaine: Pidgins and Creoles. In: Alexander Berg, Laurel J. Brinton (Hrsg.): The History of English. Band 5: Varieties of English. De Gruyter Mouton, Berlin/Boston 2017, ISBN 978-3-11-052279-2, S. 393. Kinder greifen also auf eine Art Bioprogramm zurück.Bachmann: Die Sprachverwendung des Kreolischen. Eine diskursanalytische Untersuchung am Beispiel des Papiamentu. 2005, S. 179.