Das deutsche Volkslied ist ein Volkslied, das durch textliche und musikalische Traditionen im deutschsprachigen Raum gekennzeichnet ist. Es erlebte seine Hochphase seit Herder und in der deutschen Romantik.Michael Fischer: Eine kurze Geschichte der Volkslied-Idee. S. 2 ff., In SWR (Hrsg.): , abger. 5. November 2010. Oft werden historische Volkslieder mit einer idealisierten ländlichen Kultur und starker Heimatverbundenheit assoziiert. Nach dem Missbrauch des Volksliedes durch den Nationalsozialismus sind solche romantisierenden Interpretationen teilweise obsolet geworden. Heute zählen zu den deutschen Volksliedern auch neuere Formen der Populärmusik, wobei das Volkslied von der volkstümlichen Musik abzugrenzen ist.Johannes Moser: Ansätze zu einer neueren Volksliedforschung (PDF; 1,0 MB), 1989, S. 69.

Geschichte

Anfänge Das deutschsprachige Lied hat seine frühesten bekannten Quellen im 12. Jahrhundert, in der Zeit der Minnesänger oder Meistersinger. Parallel zu deren Kunstliedern entstanden volkstümliche Lieder und Moritaten, die ihre Bekanntheit und Verbreitung den Bänkelsängern verdanken.

Ab der Zeit der Reformation (spätes 15. Jahrhundert) werden diese Lieder in Liederhandschriften wie dem Lochamer-Liederbuch (um 1460) oder dem Glogauer Liederbuch aufgeschrieben, bzw. in Liedsammlungen wie Georg Forsters Frischen teutschen Liedlein (1536–1556) gedruckt.

Im 17. Jahrhundert schwindet das Interesse am Volkslied. Gründe waren die Trennung in gebildete Schicht und Volk seit der Renaissance sowie das Aufkommen mehrstimmiger französischer und italienischer Liedformen (wie Villanellen, Chansons, Madrigale). Dem Zeitgeist folgend ordnet Johann Sebastian Bach in seiner Bauernkantate die Arie den kultivierteren Städtern, das Volkslied aber der bodenständigen Landbevölkerung zu.

Herder Im Zuge des Sturm und Drang und der folgenden Romantik, die gegen die Rationalität der Aufklärung opponierten, wuchs insbesondere unter Dichtern, Schriftstellern und Musikern eine sehnsüchtige Suche nach dem „Einfachen, Naturnahen, Ursprünglichen und Unverfälschten“.

Johann Gottfried Herder, selbst in Ostpreußen und Lettland angeregt, machte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf die Suche nach dem deutschen Volkslied. 1771 veröffentlicht Herder „Von deutscher Art und Kunst“. 1778/79 erscheint unter Mitwirkung von Johann Wolfgang von Goethe und Gotthold Ephraim Lessing in der Weygand’schen Buchhandlung zu Leipzig, ohne Nennung eines Herausgebers, eine erste Sammlung in- und ausländischer Lieder und Dichtungen unter dem Titel Volkslieder. Schon in dieser Sammlung wird mit der Absicht, die Lieder als „unverfälschte Äußerungen der Volksseele“ zu deuten, kein Wert auf Autorenangaben gelegt – obwohl viele der Texte von bekannten Autoren stammen. Herder selbst hat die Bezeichnung Volkslied als Übersetzung des englischen popular song – in scharfer Abgrenzung zur hochgestochenen, zeittypischen Poesie der gebildeten Schichten – für die deutsche Sprache geprägt. Mit dieser neuen Bezeichnung (anstatt Bezeichnungen wie Gassenhauer, Straßenlied etc.) wertet er die literarisch-musikalische Gattung Volkslied und deren Träger, das jeweilige „einfache“ Volk, auf. Im Volkslied offenbart sich nach Herder das eigentliche Wesen eines Volkes.

In dem 1777 veröffentlichten Aufsatz Von der Ähnlichkeit der mittlern englischen und deutschen Dichtkunst schildert Herder sein Volksliedprojekt und legt seine diesbezüglichen Motivationen offen: „Eine kleine Sammlung […] Lieder aus dem Munde jeden Volks, über die vornehmsten Gegenstände und Handlungen ihres Lebens, in eigener Sprache, zugleich gehörig verstanden, erklärt, mit Musik begleitet. […]“ Er erwartet, so mehr zu erfahren „[…] von Denkart und Sitten der Nation! von Ihrer Wissenschaft und Sprache! Von Spiel und Tanz, Musik und Götterlehre!“ Sachverhalte, „[…] auf die der Menschenkenner doch immer am begierigsten ist […]“ Er fordert am Ende berufene Personen aller Nationen zu Sammlung und Studium solchen Liedgutes auf in der Gewissheit, „[…] andern Nationen gäben sie hiermit die lebendigste Grammatik, das beste Wörterbuch und Naturgeschichte ihres Volkes in die Hände“.Herder, Johann Gottfried von: Von der Ähnlichkeit der mittlern englischen und deutschen Dichtkunst. In: Deutsches Museum. Bd. 2, Stück 11 (1777), S. 421–435, hier S. 433. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_aehnlichkeit_1777/14>, abgerufen am 14. Juli 2024.

Durch diesen völkerverbindenden Ansatz direkt oder indirekt inspiriert, gewinnt Herder national wie international zahlreiche tatkräftige Mitstreiter und „Nacheiferer“. Sammler und Forscher, Komponisten und Dichter suchen nun verstärkt das bis dahin vernachlässigte, mündlich tradierte Volkslied. Wesentlichen Einfluss dürften dabei die europaweiten Freiheits- und Nationalbestrebungen um die Mitte des 19. Jahrhunderts gehabt haben. Das auch wissenschaftlich orientierte Suchen und Untersuchen von Volksliedern, abseits romantisierender oder nationaler Motivationen, gewinnt jedoch erst an der Wende zum 20. Jahrhundert an Bedeutung. Johannes von Müller veröffentlicht 1807 – vier Jahre nach Herders Tod – dessen große internationale Liedersammlung Stimmen der Völker in Liedern – den von Herder neu geprägten Begriff „Volkslied“ noch bewusst vermeidend. 1808 erscheint von Achim von Arnim und Clemens Brentano die Textsammlung Des Knaben Wunderhorn, von Ludwig Uhland 1844/45 Alte hoch und niederdeutsche Volkslieder. Noch handelt es sich jedoch um reine Textaufzeichnungen ohne musikalische Notationen.

Romantik Herder beklagte: „Die Reste aller lebendigen Volksdenkart rollen mit beschleunigtem Sturze in den Abgrund hinab.“ Dieser Satz stellt fest, dass es eine gewisse Art volksläufiger musikalischer Äußerung nicht mehr gab. Diese, also das „originale Volkslied“, ist aber meist nur eine Vorstellung, die aus einem äußeren, Romantik und Exotik suchenden Blickwinkel entsteht. Mit den sich wandelnden Lebensbedingungen des beginnenden Kapitalismus und der Industrialisierung wandelte sich eben auch das, was „das Volk“ sang. Dies stellt jedoch einen originären Prozess für das Volkslied dar. In den gelehrten und sozial höher stehenden Kreisen, zu denen Herder zweifellos zählte, wurde aber gerade mit dem ausgehenden 18. Jahrhundert das vermeintliche ländliche Idyll des Bauern erst entdeckt und damit die romantische Vorstellung von „Volkslied“ geboren. Lieder aber, die mit dem zunehmend urbanen Leben korrelierten, passten nicht so recht ins Bild, das man vom Volkslied haben wollte.

Im Geiste Herders entstanden so in enger Zusammenarbeit von Dichtern wie Achim von Arnim, Clemens Brentano, Matthias Claudius, Simon Dach, Heinrich Heine, Wilhelm Müller und Ludwig Uhland auf der einen sowie Musikern und Komponisten wie Johann Friedrich Reichardt, Johann Abraham Peter Schulz, Friedrich Silcher und Carl Friedrich Zelter auf der anderen Seite neue Lieder, die das Volk in einen Pflege- und Tradierungsprozess aufnahm und sie so selbst zu Volksliedern bestimmte. Für diese Kooperation stehen Lieder wie Der Mond ist aufgegangen (Claudius/Schulz) oder Ich weiß nicht, was soll es bedeuten (Die Lorelei, Heine/Silcher) Pate. Schuberts Lindenbaum (Worte von Wilhelm Müller, 1821), ein typisches Kunstlied, wurde mit der einfacheren Melodie Silchers zu dem auch international bekannten Volkslied Am Brunnen vor dem Tore.

Insgesamt ist ab der Mitte des 18. Jahrhunderts seitens der gebildeten bürgerlichen Schichten ein Trend hin zu Liedkompositionen zu beobachten, die auch für den Laien praktikabel waren. Eine wichtige Rolle spielte hier die Berliner Liederschule, die durch Christian Gottfried Krause gegründet wurde. Ihre Devise war das „Lied im Volkston“, was bedeutete: schlichte Melodik, unter die sich die musikalische Begleitung absolut unterordnet; in diesem Sinne entstanden z. B. die oben genannten Lieder. Zu bemerken ist damit, dass das musikalische Ideal der damaligen Kunstmusik (der Musik der Klassik), wie es u. a. Carl Philipp Emanuel Bach vorprägte, keinen grundsätzlichen Gegensatz mehr zum gesuchten „Volkston“ darstellt, die Sphären Kunstmusik und Volksmusik also scheinbar problemlos ineinander übergehen konnten.

Das gesamte Erbe deutscher Volkslieder ist jedoch eine Mischung aus Liedern bekannter Autorschaft und solchen, die als überlieferte Weisen aus einer bestimmten Region angegeben werden; einige gehen auch noch auf Zeiten vor dem 18. Jahrhundert zurück, was im musikalischen Satz deutlich zu merken ist: Innsbruck, ich muss dich lassen (nach Heinrich Isaac, 16. Jh.), Es geht ein’ dunkle Wolk herein (Handschrift des Klosters Seeon, 17. Jh.), Und in dem Schneegebirge (aus d. Glatzer Bergland u. Schlesien). Solche werden z. B. sehr häufig aus der Sammlung Georg Forsters (s. o.) zitiert. Insbesondere die bis heute so bekannten Kinderspiellieder (Goldene Brücke, Wer will fleißige Handwerker seh’n, Alle meine Entchen etc.) sind zumeist ungeklärter Herkunft.

Die entstehungsgeschichtlichen Angaben zu den drei bekannten Liedern Der Mond ist aufgegangen, Ich weiß nicht, was soll es bedeuten und Am Brunnen vor dem Tore, die, wie auch zahllose andere, der Feder gebildeter Dichter und Komponisten entsprangen, widerlegen also die romantische Auffassung von einer anonym-kollektiven Volksliedproduktion. Stattdessen ist das Volk neben den oft namentlich bekannten Textdichtern und Komponisten der Dritte im Bunde in Sachen Volkslied. Es trägt die aktive Tradierung, Kultivierung und Weiterentwicklung des Liedguts. Lieder werden im Volk „zersungen“, das heißt in Text und Melodie zu Varianten fortentwickelt. Diesen Zusammenhang im Bewusstsein stellt Herder bewundernd fest: „Nichts in der Welt hat mehr Sprünge und kühne Würfe als die Lieder des Volkes!“ (Zitat aus: Stimmen der Völker in Liedern). Der Germanist, Volksliedforscher und spätere Gründer des deutschen Volksliedarchivs John Meier widerlegt 1906 auch wissenschaftlich diese romantische Theorie der anonym-kollektiven Volksliedproduktion.J. Meier: Kunstlieder im Volksmund, Halle 1906. Volkslied heißt also vor allem, dass es im Volke geschieht – gleich welcher Schöpfer am Anfang stand.

Industrielle Revolution Unter dem Einfluss der ab 1850 anhebenden industriellen Revolution mit ihrem rasanten gesellschaftlichen Wandel versiegte zunächst die Pflege und Tradierung des Volksliedes. Die nun auch notenschriftlich gefassten Volksliedsammlungen von Ludwig Erk und Franz Magnus Böhme Deutscher Liederhort (3 Bände 1893–1894) bis hin zu Louis Pincks Verklingende Weisen (4 Bände 1926–1940, Bd. 5 1963) wiesen vielfach implizit im Titel auf den voranschreitenden Verfalls- und Auflösungsprozess in der Tradierung des Liedgutes hin. Diesen mehr wissenschaftlich orientierten Werken standen mehr der Unterhaltung und Erbauung dienende Sammlungen gegenüber wie Deutsche Volkslieder mit ihren Originalweisen (Berlin 1838/1841; 2 Bände) von Andreas Kretzschmer und Anton Wilhelm von Zuccalmaglio. Diese beiden Autoren änderten äußerst geschickt dem Geschmack der Zeit folgend Texte und Melodien oder fügten verschiedene Lieder zu neuen Liedeinheiten zusammen (z. B. Kein schöner Land, Wort und Weise von Zuccalmaglio nach den alten Volksliedern Ade, mein Schatz, ich muß nun fort und Ich kann und mag nicht fröhlich sein).

Frühes 20. Jahrhundert Bei den verschiedenen Singebewegungen des 20. Jahrhunderts handelt es sich kaum noch um Musikpraxen, die „authentisch aus dem Volk geschöpft“ sind, sondern eher um ein romantisch-nostalgisches Zurückgreifen auf ein Repertoire, das längst in Liederbüchern überliefert ist und kaum noch einen Bezug zur Lebensrealität darstellt.