rechts|mini|Auszahlungsschein 1989 der Berliner Bank – Vorder- und Rückseite Das Begrüßungsgeld war eine Unterstützung, die in der Bundesrepublik Deutschland jedem einreisenden Bürger der Deutschen Demokratischen Republik sowie der damaligen Volksrepublik Polen, soweit eine deutsche Abstammung nachgewiesen werden konnte, aus Mitteln des Bundeshaushaltes gewährt wurde. Es wurde 1970 in Höhe von 30 Deutschen Mark (DM) eingeführt und konnte zweimal im Jahr in Anspruch genommen werden. 1988 wurde es auf 100 DM erhöht, jedoch auf eine einmalige jährliche Inanspruchnahme beschränkt. Besondere politische und wirtschaftliche Bedeutung erlangte das Begrüßungsgeld infolge der Öffnung der innerdeutschen Grenze am 9. November 1989.

Politischer Anlass mini|Ausgabe des Begrüßungsgeldes im Lager Friedland im Mai 1982

Nach der Errichtung der Berliner Mauer am 13. August 1961 war die Grenze der DDR zur Bundesrepublik Deutschland endgültig geschlossen und der Flüchtlingsstrom in den Westen wurde entschieden eingedämmt. Besucher aus der DDR konnten nur noch aufgrund einer besonderen Ausreiseerlaubnis in den Westen gelangen, die indessen äußerst selten erteilt wurde. Aufgrund der unter der Kanzlerschaft von Willy Brandt ab 1969 abgeschlossenen Ostverträge ergaben sich auch Reiseerleichterungen für Bewohner der DDR, die vor allem Rentnern einen Besuch in der Bundesrepublik ermöglichten. Den Ausreisenden wurde aber nur erlaubt, 70 Mark der DDR mitzunehmen. Um die Bedingungen der Einreise der Besucher aus der DDR zu verbessern, führte die Bundesregierung ab 1970 die Zahlung eines Begrüßungsgeldes in Höhe von 30 DM ein,Dieter Grosser: Das Wagnis der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. (Geschichte der deutschen Einheit, Band 2). Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998, ISBN 3-421-05091-0, S. 133. das jedem Besucher gegen Vorlage seiner Identifikationspapiere ausgezahlt wurde. Bis 1984 kamen jährlich 40.000 bis 60.000 Besucher in den Genuss des Begrüßungsgeldes, ab 1985 stieg deren Anzahl aufgrund der vereinbarten Ausweitung der Besuchsberechtigungen stark und erreichte 1987 1,3 Millionen.Hans-Herrman Hertle: Der Fall der Mauer. 2. Auflage. Westdeutscher Verlag, Opladen/Wiesbaden 1999, ISBN 3-531-32927-8, S. 77–79; vgl. auch Klaus Schroeder: Der Preis der Einheit, Eine Bilanz. Carl Hanser Verlag, München / Wien 2000, ISBN 3-446-19940-3, S. 102. Am 26. August 1987 beschloss die Bundesregierung, das Begrüßungsgeld auf 100 DM zu erhöhen, jedoch gleichzeitig auf eine einmalige Auszahlung pro Person und Jahr zu beschränken.Deutsches Historisches Museum: Chronik 1987, abgefragt am 25. August 2009. Die DDR hatte ab 1. Juli den erlaubten Umtausch für ihre in den Westen reisenden Bürger von 70 auf 15 Mark gekürzt (die 1:1 in DM umgetauscht werden konnten), was durch die Erhöhung des Begrüßungsgeldes wettgemacht werden sollte. 1988 wurden insgesamt 260 Millionen DM als Begrüßungsgeld ausgezahlt,Bundesministerium des Innern (Hg.): Deutsche Einheit. Sonderedition aus den Akten des Bundeskanzleramtes 1989/90, Dokument 74, Treffen der Staatssekretäre, 6. November 1989, R. Oldenbourg Verlag, München 1998, ISBN 3-486-56360-2, S. 484. auch für 1989 sah der Haushalt diese Summe vor.

Verfahren Das Begrüßungsgeld wurde gegen Vorlage des Personalausweises oder des Reisepasses in der Bundesrepublik bei den Stadt- und Gemeindeverwaltungen beantragt und dort oder in örtlichen Banken und Sparkassen ausgezahlt. Die Auszahlung wurde in den Papieren vermerkt, um eine unzulässige wiederholte Inanspruchnahme zu vermeiden. Diese Regelung konnte durch Verlustmeldung und Neubeantragung der Ausweisdokumente umgangen werden.

Nach dem Mauerfall Modalitäten und Umsetzung Die Auszahlung des Begrüßungsgeldes war ursprünglich nur auf die geringeren Besucherzahlen ausgerichtet, die sich durch die von der DDR für ihre Bürger weitgehend eingeschränkte Reisefreiheit ergaben, hatte sich aber den seit 1985 stark angestiegenen Besucherzahlen angepasst.

Als nach dem Mauerfall alle DDR-Bürger in die Bundesrepublik und nach West-Berlin reisen konnten, führte dies zu erheblichen logistischen Problemen.Hannes Bahrmann, Christoph Links: Chronik der Wende. Ch. Links Verlag, Berlin 1999, ISBN 3-86153-187-9, S. 73. Es kam kurzzeitig zu chaotischen Szenen, so am ersten Montag nach der Maueröffnung vor der Sparkasse in der Badstraße in Berlin-Gesundbrunnen, am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg oder am Zoologischen Garten in Berlin-Tiergarten, als jeweils bis zu 10.000 DDR-Bürger gleichzeitig vor den Auszahlungsstellen Schlange standen, der Verkehr total zusammenbrach und Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste auffuhren, um die Lage unter Kontrolle zu bringen.

Noch in der Nacht zum 10. November ordnete der Regierende Bürgermeister von Berlin Walter Momper die Auszahlung des Begrüßungsgeldes durch Banken und Sparkassen an, die ihre Geschäftsstellen sogar während der Nacht offenhielten.Hans-Herrman Hertle: Der Fall der Mauer. 2. Auflage. Westdeutscher Verlag, Opladen/Wiesbaden 1999, ISBN 3-531-32927-8, S. 193. Die Auszahlungsweise durch Banken und Sparkassen wurde in den nachfolgenden Tagen in der gesamten Bundesrepublik übernommen. Die Auszahlungsvoraussetzungen wurden vereinfacht und beschränkten sich auf die bloße Vorlage eines Personalausweises oder Passes, wiederholte Inanspruchnahmen waren kaum mehr kontrollierbar.

mini|Der Erhalt des Begrüßungsgeldes wurde im DDR-Personalausweis vermerkt. Auf der rechten Seite sind die beiden Auszahlungen zu sehen: einmal die 100 DM und dann die 40 DM, die Bayern ein zweites Mal zahlte. mini|Formular der Deutschen Bundespost „Begrüßungsgeld für DDR-Bürger“ 1989

Bis zum 11. November hatten bereits mehr als drei Millionen Bewohner der DDR den Westen besucht.Hans-Herrman Hertle: Der Fall der Mauer. 2. Auflage. Westdeutscher Verlag, Opladen/Wiesbaden 1999, ISBN 3-531-32927-8, S. 291. Die DDR stellte zwischen dem 9. und 13. November 4,5 Millionen Visa zum Besuch von West-Berlin und der Bundesrepublik Deutschland aus.Andreas Grünberg: Wir sind das Volk, Der Weg der DDR zur deutschen Einheit. Ernst Klett Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 3-12-490360-9, S. 65. Bis zum 20. November waren elf Millionen Besucher aus der DDR gekommen.Hans-Herrman Hertle: Der Fall der Mauer. 2. Auflage. Westdeutscher Verlag, Opladen/Wiesbaden 1999, ISBN 3-531-32927-8, S. 292; bei Klaus Schroeder: Der Preis der Einheit, Eine Bilanz. Carl Hanser Verlag, München, Wien 2000, ISBN 3-446-19940-3, S. 111, werden nur acht Millionen Besucher gezählt

Einige Bundesländer, wie Bayern, das eine Erhöhung von 40 DM je Person gewährte, und Kommunen, wie München, zahlten noch Zuschläge zum Begrüßungsgeld, was das Reiseverhalten der DDR-Bürger vermutlich beeinflusste.

Die Zahlung des Begrüßungsgeldes wurde am Freitag, den 29. Dezember 1989 eingestellt und durch den zwischen der Bundesrepublik und dem Ministerrat der DDR vereinbarten Devisenfonds, in den beide Staaten einzahlten, ersetzt. Aus ihm konnte jeder DDR-Bürger 100 DDR-Mark im Verhältnis 1:1, was sehr viele auch nutzten, und weitere 500 DDR-Mark im Verhältnis 1:5 in D-Mark umtauschen.Dieter Grosser: Das Wagnis der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. (Geschichte der deutschen Einheit, Band 2). Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998, ISBN 3-421-05091-0, S. 140; Insgesamt also 200 D-Mark.

Gesamthöhe der Zahlungen mini|Empfangsbescheinigung für das Begrüßungsgeld, 1989 Allein in den ersten drei Wochen nach dem Mauerfall zahlte die Bundesrepublik das Begrüßungsgeld 18 Millionen Besuchern aus. Bei einem Gespräch vom 3. Dezember 1989 in Brüssel bezifferte Bundeskanzler Helmut Kohl dem amerikanischen Präsidenten George Bush die seit Öffnung der Grenzen gezahlte Gesamtsumme der Begrüßungsgelder auf 1,8 Milliarden DM.Bundesministerium des Innern: Dokumente zur Deutschlandpolitik. Deutsche Einheit, Dokument Nr. 109, Gespräch zwischen dem Bundeskanzler mit Präsident Bush in Laeken bei Brüssel am 3. Dezember 1989, S. 601–602. Eigenartigerweise beruhen die meisten anderen veröffentlichten Zahlen auf bloßen Schätzungen. Im Zusammenhang mit dem zum 1. Januar 1990 in Kraft getretenen Devisenfonds ließ die Bundesregierung erklären, in diesen Fonds flössen auch 1,4 Milliarden DM ein, mit denen man anderenfalls als Zahlungen an Begrüßungsgeld im Jahr 1990 rechnen müsse, Bundesminister Rudolf Seiters bezifferte die erwarteten Aufwendungen für das Begrüßungsgeld bei einem Gespräch mit dem Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz am 20. November 1989 mit 1,6 Milliarden DM.Bundesministerium des Innern: Dokumente zur Deutschlandpolitik. Deutsche Einheit, S. 59. Dies ist weniger, als Kohl allein für die ersten drei Wochen seit Öffnung der Grenzen angegeben hat. Angesichts des auch im Dezember 1989 ungebrochenen Besucherstroms ist davon auszugehen, dass in diesem Monat in etwa noch einmal der gleiche Betrag wie im November angefallen ist. Es ist daher von insgesamt drei bis vier Milliarden DM auszugehen, die im November und Dezember 1989 als Begrüßungsgeld ausgezahlt wurden.

Wirtschaftliche Bedeutung für die Bürger der DDR Bis 1987 mussten für 1 DM durchschnittlich 4 Mark der DDR gezahlt werden, 1988 stieg dann das Umtauschverhältnis auf dem freien Markt bereits auf 1:10 an und erreichte nach dem Wegfall der Grenzen schließlich 1:20.Charles S. Maier: Das Verschwinden der DDR und der Untergang des Kommunismus. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-596-14965-7, S. 357; Hannes Bahrmann, Christoph Links: Chronik der Wende. Ch. Links Verlag, Berlin 1999, ISBN 3-86153-187-9, S. 82. Damit erlangte das Begrüßungsgeld über den unmittelbaren Zweck einer Einladung, im Westen Konsumwaren einzukaufen, hinaus auch eine finanzielle Bedeutung, die Bundeskanzler Kohl in seinem Gespräch vom 3. Dezember 1989 US-Präsident Bush wie folgt aufzeigte:

Dies zeigt, dass das Begrüßungsgeld für die Besucher aus der DDR von weitaus größerer wirtschaftlicher Bedeutung war, als aus der Sicht der es als eine Art Gastgeschenk gewährenden Bundesrepublik ursprünglich angenommen. Befragungen aus den ersten Tagen der Grenzeröffnung ergaben, dass das Begrüßungsgeld unverzüglich in Lebensmittel wie Kaffee, Schokolade und Südfrüchte umgesetzt wurde.Annette Kaminsky: Konsumwünsche und Konsumverhalten der DDR-Bevölkerung. In: Günther Heydermann u. a. (Hrsg.): Revolution und Transformation in der DDR 1989/1990. Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 3-428-10003-4, S. 106.

mini|DDR-Bürger beim Schlangestehen für das Begrüßungsgeld am Postamt Berlin 36, 11. November 1989

Politische Bedeutung Die politische Bedeutung und Auswirkungen der Zahlungen des Begrüßungsgeldes nach der Öffnung der Grenzen sind umstritten. Während die einen so weit gehen, zu beklagen, die DDR-Bürger hätten gar ihre Ordnung gegen Geld verkauft,Hans-Joachim Maaz: Der Gefühlsstau. Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München 1992, S. 152–157; vgl. auch Dirk Schindelbeck: Jeder bringt noch einen mit. Forum Schulstiftung, S. 48 weisen andere darauf hin, dass in der heutigen Zeit bei Änderungen und Übergängen in Staat und Gesellschaft die Fragen des wirtschaftlichen Wohlergehens, von Einkommen, Ersparnissen und des Konsums, des Handels und der Volkswirtschaft weitaus mehr Bedeutung erlangen als solche der Souveränität und der politischen Dogmatik.Charles S. Maier: Das Verschwinden der DDR und der Untergang des Kommunismus. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 2000, ISBN 3-596-14965-7, S. 369, auch gegen Jürgen Habermas, der eine republikanische Gewissenlosigkeit gerügt hatte

Ziel Wiedervereinigung