mini|Postumes Porträt des Johannes Brenz, Epitaph in der Stiftskirche Stuttgart (Jonathan Sauter, 1584Vgl. Joachim Wahl: Die Gebeine von Johannes Brenz et al. aus der Stiftskirche in Stuttgart. Osteologisch-forensische Untersuchungen an historisch bedeutsamen Skelettresten, 2001, S. 206: „Dieses Bild wurde … nachweislich zwar erst 14 Jahre nach dem Tode von Johannes Brenz gemalt, es zeigt aber in frappierender Weise so viele Übereinstimmungen mit dem Schädel aus Kammer B, dass man ihm quasi Fotoqualität bescheinigen kann. Man muss annehmen, dass eine bereits zu Lebzeiten des Reformators angefertigte Skizze, ein anderes Gemälde oder eine Totenmaske existiert haben.“)
Johannes Brenz, latinisiert Brentius (* 24. Juni 1499 in Weil der Stadt; † 11. September 1570 in Stuttgart), war Reformator der Reichsstadt Schwäbisch Hall und des Herzogtums Württemberg. Er vertrat Martin Luthers Theologie im Südwesten des Reichs. Brenz erlebte die Reformationszeit von den Anfängen bis zur Konsolidierung nach dem Augsburger Religionsfrieden 1555 mit und war an den wichtigen Stationen oft persönlich beteiligt: So lernte er auf der Heidelberger Disputation (1518) Luther kennen und wurde sein Anhänger, 1529 besuchte er das Marburger Religionsgespräch und war auf dem Reichstag zu Augsburg (1530) Philipp Melanchthons engster Mitarbeiter bei der Abfassung der Confessio Augustana.
Indem Brenz an mehreren Kirchenordnungen wesentlich beteiligt war, übte er einen prägenden Einfluss aus, umso mehr, als er einen weitverbreiteten und in revidierter Form bis heute verwendeten Katechismus verfasste.
Brenz benutzte zeitweise auch die Pseudonyme Huldreich Engster, Ulricus Enc(h)aust(i)us (beides zu „Gebranntes“, vgl. gleichbedeutend schwäbisch Brennt’s = BrenzJulius Hartmann: Johannes Brenz, Leben und ausgewählte Schriften. Friederichs, Elberfeld 1862, S. 209. Der Vorname Huldreich bzw. Ulrich kann als Übersetzung von Johannes ( „JHWH (ist) gnädig“) verstanden werden. Vgl. Hermann Ehmer: Stiftspropst in Stuttgart, Schwäbisch Hall 1999, S. 128.) und – nach seinem Versteck auf der Burg Hohenwittlingen – Johannes Wit(t)ling(ius).
Leben Jugend und Studium mini|Das Haus Brenzgasse 2 in Weil der Stadt. Hier wird seit den 1880er Jahren Brenz’ Geburtshaus lokalisiertHermann Ehmer: 500 Jahre Brenz, Schwäbisch Hall 1999, S. 26–30. Johannes Brenz wurde am 24. Juni 1499 (Johannistag) in der Reichsstadt Weil der Stadt geboren. Er war ein Sohn des Richters und Schultheißen Martin Hess, genannt Prentz (1475–1535), und der vermutlich aus Enzweihingen stammenden Catharina Hennig. Wie es üblich war, erhielt er bei der Taufe den Namen des Tagesheiligen. Über seine Kindheit und Jugend ist wenig bekannt, städtische Oberschichtverhältnisse sind aber anzunehmen (Schultheiß war ein Ehrenamt, Wohlstand daher Voraussetzung).Hermann Ehmer: Herkunft und Ausbildung, Schwäbisch Hall 1999, S. 36. Er hatte drei jüngere Brüder Wendel, Bernhard und MartinAdolf Rentschler: Zur Familiengeschichte des Reformators Johannes Brenz. Fischer, Tübingen 1921, S. 23–29. und mindestens eine Schwester. Nach der Trivialschule in Heidelberg besuchte Johannes Brenz 1511 die Lateinschule in Vaihingen an der Enz. Hier S. 171. Er gewöhnte sich in der Schulzeit an, nachts zu lernen (Brenz litt lebenslang unter Schlafstörungen).Hermann Ehmer: Herkunft und Ausbildung, Schwäbisch Hall 1999, S. 38.
mini|Universität Heidelberg (Sebastian Münster, 1544) Am 13. Oktober 1514, im Alter von 15 Jahren, immatrikulierte sich Brenz an der Universität Heidelberg.Vgl. Gustav Toepke (Hrsg.): Die Matrikel der Universität Heidelberg, Band 1: Von 1386 bis 1602. Selbstverlag, Heidelberg 1884, S. 497. (Online) Er studierte zügig; bereits am 20. Mai 1516 legte er die Bakkalaureatsprüfung ab. An der Artistenfakultät lernte er unter anderem bei Theobald Billicanus. Erhard Schnepf unterrichtete ihn in Rhetorik und Philosophie. Johannes Oekolampad war sein Mentor im Griechischen, und gemeinsam mit Oekolampad nahm er hebräischen Privatunterricht bei Matthäus Adriani. Mit dem Erlernen der „drei heiligen Sprachen“ Hebräisch, Griechisch und Latein entsprach der junge Brenz einem humanistischen Ideal. Zunehmend fand er in Humanistennetzwerken Anerkennung. Für Johannes Stöfflers Calendarium Romanum Magnum (1518) verfasste er beispielsweise ein lateinisches Lobgedicht auf Papst und Kaiser.Hermann Ehmer: Herkunft und Ausbildung, Schwäbisch Hall 1999, S. 39 f. Brenz lernte in seiner Studienzeit eine Reihe von späteren Reformatoren kennen, allerdings nicht Philipp Melanchthon, mit dem er erst beim Marburger Religionsgespräch in näheren Kontakt kam.Vgl. Heinz Scheible: Brenz und Melanchthon – eine Jugendfreundschaft. In: Blätter für württembergische Kirchengeschichte 114 (2014), S. 357–380. Scheible vermutet, dass die beiden Hochbegabten sich 1510 als Schüler in Heidelberg kennenlernten (obwohl an verschiedenen Institutionen), ein Kontakt, der 1529 in Marburg wieder aufgelebt sei. Anders Martin Brecht: Brenz und die Mitreformatoren, 2000, S. 138: „Mit dem zwei Jahre älteren Melanchthon ist Brenz zunächst lediglich sporadisch in Kontakt gekommen, bis sich dann 1530 beim Augsburger Reichstag … ein längeres, intensives und nachhaltiges Beieinander ergab.“
Im Frühjahr 1518 befasste sich Brenz mit der Vorbereitung seiner Magisterprüfung. Beim Auftritt Martin Luthers im Rahmen der Heidelberger Disputation am 26. April 1518 saß er im Publikum.Christoph Weismann: Johannes Brenz und die Reformation in Schwäbisch Hall, Holzgerlingen 1999, S. 51. Ebenso wie die Mitstudenten Martin Bucer und Martin Frecht machte er sich Notizen zum Gesprächsverlauf. Die einzige Quelle zur Heidelberger Disputation ist ein Brief Bucers an Beatus Rhenanus; ob darin die Notizen aller drei Studenten verarbeitet sind oder nur Bucers eigene Mitschrift, ist in der Forschung umstritten.Für eine Gemeinschaftsproduktion von Bucer, Brenz und Frecht plädiert Martin Brecht, dagegen Thomas Kaufmann. Vgl. Thomas Kaufmann: Argumentative Impressionen: Bucers Bericht von der Heidelberger Disputation. In: Ders., Der Anfang der Reformation (= Spätmittelalter, Humanismus, Reformation. Band 67). 2. Aufl., Mohr Siebeck, Tübingen 2018, S. 334–355, besonders S. 352. Gemeinsam mit Bucer besuchte Brenz Luther anschließend in dessen Heidelberger Herberge. Später machte er sich durch das Studium von Luthers Schriften mit seiner Theologie vertraut. Brenz bewunderte Luther offenbar, versuchte aber zunächst nicht, mit ihm in Briefkontakt zu treten.Martin Brecht: Brenz und die Mitreformatoren, 2000, S. 134. Die Auswirkung der Heidelberger Disputation lässt sich bei Brenz kirchenpolitisch als „frühes Einschwenken auf die Linie Luthers“ und theologisch als Rezeption von Luthers Kreuzestheologie fassen.Karl-Heinz zur Mühlen: Die Heidelberger Disputation Martin Luthers vom 26. April 1518. Programm und Wirkung. In: Wilhelm Doerr (Hrsg.): Semper Apertus. Sechshundert Jahre Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, 1386-1803. Band 1: Mittelalter und frühe Neuzeit. Springer, Berlin u. a. 1985, S. 188–212, hier S. 200.
Am 18. Oktober 1518 erwarb Brenz den Magistergrad und begann ein Theologiestudium, das er aber nicht zielgerichtet betrieb.Ulrich Köpf: Johannes Brenz in Tübingen oder: Wie reformiert man eine Universität?, Tübingen 2020, S. 52. Am 20. Juli 1519 wurde er Rektor der sogenannten Schwaben- oder Realistenburse, einem Wohnheim, in dem er wahrscheinlich selbst seit Studienbeginn lebte. Er unterrichtete dort Philosophie und Sprachen. Insbesondere mit seiner Auslegung des Matthäusevangeliums in der Burse machte er auf sich aufmerksam.Eike Wolgast: Die Universität Heidelberg 1386–1986. Springer, Berlin u. a. 1986, S. 25. 1520 wurde er Kanoniker an der Heidelberger Heiliggeistkirche, als Angestellter der Universität bot ihm diese Vikarie eine finanzielle Absicherung.Hermann Ehmer: Herkunft und Ausbildung, Schwäbisch Hall 1999, S. 42.
Wohl in Umsetzung des Wormser Edikts erließ Kurfürst Ludwig V. von der Pfalz am 20. August 1522 ein Verbot von irregulären Predigten und Vorlesungen. Die Universität teilte dies den Magistern Billicanus und Brenz mit, die aber erklärten, dass ihre Veranstaltungen öffentlich und somit regulär seien. Weitere Konsequenzen gab es für beide nicht.Hermann Ehmer: Herkunft und Ausbildung, Schwäbisch Hall 1999, S. 43. Vgl. Eduard Winkelmann: Urkundenbuch der Universität Heidelberg, Band 2 (Regesten). Winter, Heidelberg 1886, Nr. 715 S. 78 (Online). Kurz darauf lud der Rat der Reichsstadt Schwäbisch Hall Brenz zu einer Probepredigt (8. September 1522) ein und berief ihn anschließend als Prediger (nicht Pfarrer) auf die vakante Prädikatur an St. Michael.
Wirken in Schwäbisch Hall (1522–1548) Prädikant an St. Michael 400px|mini|Stadtansicht von Hall um 1600 (Dötschmann-Chronik, Stadtarchiv Schwäbisch Hall) Die Predigerstelle (Prädikatur) an St. Michael war 1502 vom Stadtrat im Zuge des Konfliktes mit dem Haller Minoritenkloster von St. Jakob neu geschaffen worden und sollte deutlich machen, dass die Bürgerschaft von den Minoriten mehr Qualität erwartete – bereits seit 1483 drängte der Stadtrat das Kloster zur Annahme der strengeren Observantenregel, hatte damit aber keinen Erfolg. Darüber hinaus hatte der Stadtrat seit 1508 das Stellenbesetzungsrecht der Pfarrstelle an St. Michael.Andreas Maisch: Der Prediger von Hall, Schwäbisch Hall 1999, S. 44–47.
mini|Teile des Minoritenklosters, später Lateinschule: die Häuser Am Markt 4 und 5 in Schwäbisch Hall Als der Haller Rat Brenz die Prädikatur an St. Michael gab, war ihm wahrscheinlich bekannt, dass dieser ein Parteigänger Luthers war. Im Rat gab es sowohl Sympathisanten als auch Gegner der Reformation; dass der Rat mit der Berufung von Brenz die Stadt der Reformation zuführen wollte, ist daher unwahrscheinlich. Mit Predigten, die teilweise auch als Flugblätter gedruckt wurden, bereitete Brenz aber den Boden für Veränderungen. So predigte er am Jakobitag 1523, einem traditionellen Haller Jahrmarkttermin, gegen die Heiligenverehrung. Das Jahr 1524 brachte Neuerungen im städtischen Leben, ohne dass dies schon die Wende zugunsten der Reformation bedeutet hätte: Die Minoriten übergaben, wie der Haller Chronist Johann Herolt schrieb, ihr Kloster freiwillig (libere) dem Stadtrat. Einige Ordensleute heirateten, andere erhielten eine lebenslange Pfründe im Spital. Der Stadtrat untersagte außerdem den städtischen Klerikern den Konkubinat und forderte sie zur Eheschließung auf.Sabine Arend: Von der Wiege bis zur Bahre: Johannes Brenz ordnet das evangelische Leben in Schwäbisch Hall, 2011, S. 48 f.; Andreas Maisch: Der Prediger von Hall, Schwäbisch Hall 1999, S. 50–53.
Brenz arbeitete in Hall eng mit zwei Heidelberger Studienfreunden zusammen: Johann Isenmann, seit 1523 Pfarrer an St. Michael, und Michael Gräter, seit 1521 Pfarrer an St. Katharina jenseits des Kocher, einer Kirche, deren Patronat der Abt des Klosters Murrhardt innehatte.Andreas Maisch: Der Prediger von Hall, Schwäbisch Hall 1999, S. 44.
Nachdem er das kanonische Alter erreicht hatte, empfing Johannes Brenz 1523 oder 1524 die Priesterweihe und feierte seine Primiz daraufhin wahrscheinlich in Weil der Stadt.Christoph Weismann: Johannes Brenz und die Reformation in Schwäbisch Hall, Holzgerlingen 1999, S. 55.
mini|Schlacht bei Gottwollshausen: links die Stadt Hall mit dem Weilertor, am rechten Bildrand die fliehenden Bauern (Dötschmann-Chronik um 1600, Stadtarchiv Schwäbisch Hall)