Die Eingeborenen von Maria Blut ist ein österreichischer Roman von Maria Lazar. Den Roman verfasste sie 1935 im dänischen Exil unter dem Pseudonym Esther Grenen. Die Veröffentlichung wurde erst im Jahr 1958 von ihrer Schwester Auguste Lazar umgesetzt, zehn Jahre nach dem Selbstmord Marias.
Der Titel des Romans vermittelt von Beginn an eine verschworene Gemeinschaft, welche sich gegen alles Fremde wehrt, sowie gegen jene, die versuchen die selbstdefinierte Ordnung zu stören. Diese real existierende Ablehnung und das Heranreifen des Nationalsozialismus Anfang der Dreißigerjahre werden anhand der fiktiven österreichischen Kleinstadt Maria Blut thematisiert. Die Dorfgesellschaft nährt sich von Tratsch, Lügen und falschen Beschuldigungen, bis sich die Lage in nur wenigen Monaten zuspitzt. Jeder ist auf der Suche nach einem Retter, welchen manche in Wunderheilern und Hochstaplern finden, andere in der vergangenen Monarchie und im aufkommenden Nationalsozialismus.
Inhalt Der sozialdemokratische Arzt Gustav Lohmann wird zur Behandlung einer akuten Fußverstauchung des Dorfpfarrers Lambert gerufen. Einige Wochen zuvor hatte Lohmann seiner kranken Frau Johanna die letzte Ölung durch den Pfarrer verweigert, um diese vor der Gewissheit des Todes zu schützen. Im Dorf wird jedoch erzählt Lohmann hätte sie mit Morphium getötet, weshalb ihm eine Mordanklage droht. Lohmann hat eine Geliebte in Wien, die jüdische Ärztin Alice, zu der er sich gelegentlich flüchtet. Seine Söhne Adalbert und Ferry entwickeln sich zu jungen Nationalsozialisten, was zunächst nur der Haushälterin Toni Votruba auffällt.
Die wirtschaftliche Lage in Maria Blut ist unbeständig, weshalb sich der Inhaber der Konservenfabrik, Herr Schellbach, zu einer Umstrukturierung zur Erzeugung von Ur- und Raumkraft verleiten lässt. Die Idee kommt von Herr Kapeller, welcher sich später als Hochstapler entlarvt. Viele Einwohner beteiligen sich durch Anteile an dem unseriösen Geschäft. Lohmann ist einer der wenigen, die eine Beteiligung ablehnen.
Hermin Wipplinger, die Schwester von Toni Votruba, führt selbst eine Abtreibung durch, da sie in ihrer finanziellen Lage nicht noch ein Kind durchbringen kann. Ihr Mann, Karl Wipplinger, hatte zunächst in der Konservenfabrik in Kurzarbeit gearbeitet, durch das Raumkraftprojekt jedoch seinen Job verloren. Daniel Meyer, Teilhaber der Rechtsanwaltskanzlei seines Vaters Dr. Meyer-Löw will sich an der Finanzierung des Projekts beteiligen, doch sein Vater verweigert ihm die finanziellen Mittel. Als die Idee der Raumkraft scheitert, erschießt sich Herr Schellbach im Wald.
Der Baron, über welchen gemunkelt wird, er sei ein Nachkomme des Erzherzog Otto, ist bei vielen Handwerkern hoch verschuldet und verfügt nur mehr über seinen treu ergebenen Diener Liebhold. Dieser beginnt, aus Mangel an Holz, die Möbel zu verheizen, da der Baron sein letztes Geld in die Kraftzentrale des Herrn Kapeller investiert hat. Bald darauf stirbt er an einer Blutkrankheit.
Herr Heberger, der örtliche Wirt, hat heimlich Geld in das Projekt investiert, weshalb er Gefahr läuft die Pacht für sein Restaurant im Stiftskeller nicht mehr bezahlen zu können. Seine Frau ist einem anderen Hochstapler verfallen, dem Wunderheiler Weilweis, welchen sie zur Behandlung ihres Asthmas aufsucht. Ihre Tochter Notburga ist vom Glauben an die Muttergottes erfüllt und eifert der Heiligen Therese von Konnersreuth nach. Als sie mit geschlossenen Augen betet, wird ihr vom Bäckermeister Zimmerl, der ihr vermehrt Avancen macht, eine Fünfschillingnote zugeworfen. Notburga hält es für ein Geschenk der Gottesmutter und legt diese in die Hand der Marienfigur der Wallfahrtskirche. Dorthin bringen Pilger normalerweise aus Wachs gegossene Gliedmaßen, um Heilung für diese zu erbitten. Der Fünfschillingschein wird als Marienwunder im Ort diskutiert und sorgt für einen kurzzeitigen wirtschaftlichen Aufschwung durch den Fremdenverkehr, bis sich auch dieses Wunder als Schwindel entpuppt. Der Sohn der Familie Heberger, Notburgas Bruder Vinzenz, kehrt nach dem gescheiterten Versuch in Wien zu studieren nach Hause zurück. Seit seiner Rückkehr pflegt er Kontakt mit dem Oberlehrer Reindl, einem bekennenden Nationalsozialisten. Gemeinsam mit den Söhnen Lohmanns werfen sie in der Fabrik die Fenster ein. Dr. Meyer-Löw plant unterdessen seinen Enkel Anselm nach England zu schicken, da er in der Schule immer stärker schikaniert wird und an seinem Haus ebenfalls ein Fenster eingeworfen wurde.
Der neue Abt des Stiftes beschließt ein Fest für das 700-jährige Jubiläum von Maria Blut zu veranstalten. Bei den vorgetragenen Festansprachen und der zum Abschluss gesungenen Hymne prallen die unterschiedlichsten politischen Lager aufeinander. Lohmann, welcher die letzten Tage in Wien verbracht hatte, begibt sich nicht zum Fest, sondern zu Dr. Meyer-Löw, um eine Partie Schach zu spielen. Sie vernehmen Geräusche und merken, dass die Konservenfabrik gesprengt wurde und brennt.
Zunächst werden durch Gerüchte Bolschewiken für den Brand verantwortlich gemacht, doch Notburga gesteht Pater Lambert in einer Beichte, dass ihr Bruder Vinzenz, Oberlehrer Reindl und die anderen Nationalsozialisten die Täter sind. Einige Zeit später bricht der Pfarrer, unter Alkoholeinfluss, das Beichtgeheimnis und erneut verbreiten sich Gerüchte. Die Gruppe um den Oberlehrer Reindl verdächtigt Vinzenz als Verräter, weshalb sie ihn in einem gemeinschaftlichen Racheakt erschießen.
Anna Neunteufel, die Köchin der Exzellenz Materni, eine ältere Dame, weigert sich nach dem Anschlag das Zimmer von Tassi, dem Enkel der Exzellenz, zu betreten. Tassi hatte zusammen mit Lohmanns Sohn Ferry mit Sprengkörpern experimentiert, wodurch sich eine kleine Explosion ereignete. Die Exzellenz, die diese Geschehnisse und die Zugehörigkeit ihres Enkels mit Nationalsozialisten verdrängt, kündigt Anna Neunteufel und beschuldigt sie des Diebstahles. Beim Durchsuchen des Zimmers der Köchin, wird kein Diebesgut, aber eine Kiste mit Waffen festgestellt. Diese wurden für eine Aktion des Schutzbundes gegen die Heimwehr angeschafft, bei welcher sich neben Anna Neunteufel auch Herr Wipplinger und Toni Votruba beteiligen wollten. Letztendlich werden für den Anschlag an der Konservenfabrik nicht die Nationalsozialisten verantwortlich gemacht, sondern ein Bettler, welcher der Gemeindeleitung schon öfters negativ aufgefallen war.
Herr Heberger ist mit dem letzten Geld der Familie verschwunden, um ein neues Wirtshaus mit dem Namen Attila zu eröffnen. Ausschlaggebend ist das neue Projekt des Herrn Kapeller, welcher das Gold des Hunnenkönigs Attila ausgraben möchte. Toni Votruber erwartet ein Kind vom Mann ihrer Schwester Hermin, Herrn Wipplinger, dem sie während ihren Planungen für den Schutzbund nähergekommen ist. Außerdem droht ihr eine Abschiebung in die Tschechoslowakei. Lohmann organisiert ihr eine Abtreibung in Wien, wo sie untertauchen, und Arbeit finden möchte. Daniel Meyer hat sich mit Elli Schellbach, die nach dem Tod ihres Vaters nach Maria Blut zurückgekehrt ist, verlobt und plant die Fabrik für die Herstellung von Patronen neu zu eröffnen. Diesmal ist er von einem Gewinn überzeugt, da das Vorhaben staatlich gefördert wird.
Lohmann kehrt nach einem längeren Aufenthalt in Wien nach Maria Blut zurück und ist fest entschlossen, sein Leben zu wandeln und sich gegen jegliche Beschuldigungen zur Wehr zu setzen. Er erfährt, dass er in den falschen Zug gestiegen ist, was ihn gänzlich aus dem Konzept bringt. Auf dem Weg zum Speisewagen verwechselt er eine Tür und fällt aus dem Zug.
Form
Aufbau Die Unterteilung der Geschichte wird nicht klassisch in Form von Kapiteln durchgeführt, sondern gliedert sich in Absätze und Szenen, die meist als reine Dialoge verfasst sind. Der Handlungsstrang einer Figur wird dadurch fortlaufend durch den Handlungsstrang einer anderen Person durchbrochen. In Summe setzten sie wie ein Puzzle das Bild von Maria Blut zusammen. Das Schicksal der Personen wird durch äußere Ereignisse in Beziehung gesetzt, aber wenige innere Verbindungen geschaffen. Stattdessen wird die Reaktion der Personen auf dieselben Ereignisse gezeigt.
Der Roman beginnt am Anfang des Jahres 1932, bezieht die Entstehung des Ständestaates im März 1933 mit ein und schließt kurz vor Ende des Jahres 1933 ab. Diese Zeitspanne, lässt sich aufgrund der Einbettung des Romans in historische Ereignisse rückschließen. Die Handlung verläuft anhand dieser Zeitspanne linear, mit ein paar wenigen Zeitsprüngen und gelegentlichen kurzen Rückblenden in die Vergangenheit einiger Figuren. Mit dem plötzlichen Tod Lohmanns hat der Roman ein offenes Ende. Ob es sich bei seinem Tod um einen Unfall oder einen Selbstmord handelt, bleibt unklar.
Erzählhaltung Im Roman lässt sich eine auktoriale Erzählstimme feststellen, welche jedoch nur vereinzelt spricht und lediglich einen Kontext schafft. Stattdessen treten immer wieder einzelne Figuren aus der anonymen Menge der Einwohner hervor und stehen in Form von Dialogen oder inneren Monologen für kurze Zeit im Zentrum des Geschehens. Ohne Einleitung beinhaltet ein solcher Dialog zunächst nebensächliche Informationen, wie Bestellungen in einem Lebensmittelgeschäft, bald jedoch auch Gerüchte über Figuren, welche sich gerade nicht am selben Platz befinden. Gespräche stehen dabei oft in direkter Rede, weisen jedoch keine Inquit-Formeln auf. In den Dialogen werden daher die Personennamen meist nicht erwähnt, weshalb sich das Personal im Roman nicht auf eine überschaubare Gruppe beschränkt. Die Passagen im inneren Monolog oder in erlebter Rede einer spezifischen Figur zeigen die Gedankenwelt des Einzelnen, welche kontrastierend zu den Gesprächen der Masse wirken. Dadurch wird der wahre Kern einer Figur entlarvt, was häufig bei Figuren der oberen Schicht Maria Bluts geschieht. Durch den inneren Monolog fällt die Maske der gesellschaftlichen Norm und Anpassung, weshalb sich die Figuren aller Konventionen ihrer Klasse entledigen und nur mehr das ausdrücken, was sie wahrhaftig von einer Sache meinen. Dies geschieht durch eine Veränderung der Sprache, welche nicht mehr dem höflichen Umgang folgen muss. Der Roman setzt sich vollständig aus den verschiedenen Sichtweisen aller Figuren zusammen, wodurch sich dem Leser ein Bild des Gedankenguts der Masse der Stadt Maria Blut abzeichnet.
Sprache Die Sprache unterscheidet sich durch das breite Geflecht an Erzählerstimmen. Die Verwendung von Austriazismen lässt sich bei fast allen Figuren finden. Ebenfalls zieht sich Gehässigkeit durch die Sprache der breiten Masse in Maria Blut.
Die Sprache der Nationalsozialisten ist nicht einfach festzumachen, da sie sowohl normale Alltagssprache, dialektale Gespräche, aber auch pathetische Reden beinhaltet. Im geschlossenen Kreis werden antisemitische Parolen verwendet, die an historische Aussagen oder Liedtexte der SA erinnern. Insbesondere Vinzenz Sprache gleicht dem Gedankengut und den Begrifflichkeiten aus Hitlers „Mein Kampf“.
Markant ist außerdem der Einsatz von Dialekt bei einigen Nebenfiguren, wie der Haushälterin im Hause Meyer-Löw, Marischka, welche deutsch nur als Zweitsprache spricht und eigentlich aus Ungarn stammt. Im Fall von Marischka sticht der Inhalt ihrer Reden gegenüber den Defiziten des Wortschatzes hervor, weshalb ihre Sprache nicht minderwertig erscheint, sondern im Gegenteil eine authentische und starke Wirkung zeigt.
Interpretation
Figuren
Gustav Lohmann