mini|hochkant|Wilhelm Reichs Porträt von Ludwig Gutmann

Wilhelm Reich (* 24. März 1897 in Dobzau, Galizien, Österreich-Ungarn; † 3. November 1957 in Lewisburg, Pennsylvania, USAReich starb dort im Hochsicherheitsgefängnis United States Penitentiary, Lewisburg.) war ein österreichischer Arzt, Psychiater, Psychoanalytiker, Sexualforscher und Soziologe. Reich fand Zusammenhänge zwischen psychischen und muskulären Panzerungen und entwickelte die Therapiemethode der Psychoanalyse zur Charakteranalyse und diese zur Vegetotherapie weiter. Letztere gilt als Grundlage für verschiedene später begründete Körperpsychotherapien.

Seine parallel dazu durchgeführten mikrobiologischen Forschungen zu „Bionen“ führten ihn zur „Entdeckung des Orgons“,Unter diesem Obertitel (Discovery of the Orgone) veröffentlichte Reich 1942 und 1948 zwei Bände, in denen er seine Arbeiten beschrieb (siehe unter Schriften). einer „primordialen“ Energie, deren Existenz außerhalb von Reichs Schülerkreis nicht anerkannt wird.

Leben Wilhelm Reich wurde 1897 als erster von zwei Söhnen des Gutsbesitzers Léon Reich und dessen Frau Cecilia geboren. Reichs Geburtsort Dobzau, auch Dobrzanica, liegt im damals österreichischen Galizien, der Ort Jujinetz (heute im Rajon Kizman), wo Reich den Großteil seiner Kindheit verbrachte, in der Bukowina. Reichs Eltern waren zwar jüdischer Herkunft, hatten sich aber vom jüdischen Glauben gelöst, weshalb Reich keine religiöse Erziehung erhielt. Er wurde zuhause von Privatlehrern unterrichtet, bis er auf das Deutsche GymnasiumElke Mühlleitner unter Mitarbeit von Johannes Reichmayr: Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902–1938. Edition Diskord, Tübingen 1992, ISBN 3-89295-557-3, Wilhelm Reich S. 257–259. von Czernowitz ging. Mit einem dieser Privatlehrer unterhielt Reichs Mutter zeitweilig eine intime Beziehung. Als dies der etwa elfjährige Wilhelm entdeckte und seinem Vater erzählte, erzeugte er ungewollt eine Ehekrise, als deren Folge Reichs Mutter Suizid verübte und sein Vater depressiv erkrankte und 1914 starb. Der siebzehnjährige Reich musste als Vollwaise diese Tragödien verarbeiten und zugleich die Leitung des Gutsbetriebs übernehmen. Kurz nach Beginn des Weltkrieges wurde Reich wegen einrückender russischer Truppen zur Aufgabe des Guts und zur Flucht gezwungen. Er trat in die k.u.k. Armee ein und blieb bis zum Kriegsende 1918 im Militärdienst.

Studium Wilhelm Reich ging anschließend mit seinem jüngeren Bruder Robert nach Wien und studierte nach einem Semester Rechtswissenschaften schließlich Medizin. Er wurde durch ein Seminar zur Sexualität, das sein Kommilitone Otto Fenichel außeruniversitär organisiert hatte, auf Sigmund Freud und die Psychoanalyse aufmerksam. Noch als Student wurde er – eine große Ausnahme – 1920, nach seinem Vortrag „Libidokonflikte und Wahngebilde in Ibsens ‚Peer Gynt‘“, in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen. Im Jahre 1922 promovierte er zum Doktor der Medizin.Bernd A. Laska: Wilhelm Reich in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1981.

Familie Wilhelm Reich hatte eine Schwester, die bereits als Kleinkind starb, und einen Bruder (Robert), der 1926 an Tuberkulose starb. Reich war zweimal verheiratet. Seine erste Ehefrau war die Psychoanalytikerin Annie Reich (geb. Pink, 1902–1971). Sie hatten zwei Töchter, Eva Reich (1924–2008) und Lore Reich Rubin (1928–2024). Nach der Scheidung 1933 lebte Reich mit seiner langjährigen Geliebten Elsa Lindenberg zusammen. Von ihr trennte er sich 1940. Seine zweite Ehefrau war Ilse Ollendorf. Mit ihr war Reich von 1946 bis 1951 verheiratet. Sie hatten einen Sohn, Peter (geb. 1944).mini|Wiener Psychoanalytisches Ambulatorium, offizielles Foto von 1922; Reich sitzend 5. von links; seine spätere Frau Annie sitzend 1. von rechts

Therapeut und Forscher Wilhelm Reich arbeitete an der Psychiatrischen Klinik Julius Wagner-Jaureggs unter Paul Schilder. Nach zwei abgebrochenen Analysen bei Isidor Sadger und Paul Federn praktizierte Reich mit Billigung Freuds als Psychoanalytiker. Von 1922 bis 1930 war er am „Wiener Psychoanalytischen Ambulatorium“ tätig.Volker Roelcke: Wilhelm Reich,. In: Wolfgang U. Eckart, Christoph Gradmann (Hrsg.): Ärztelexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart. 3. Auflage. Springer, Heidelberg 2006, S. 272. katalog.ub.uni-heidelberg.de, doi:10.1007/978-3-540-29585-3. Von 1924 bis 1930 leitete er zudem das Wiener Seminar für Psychoanalytische Therapie, wo man praktische Probleme der Behandlung systematisch erforschte. Aus den dortigen Diskussionen und aus einer konsequenten Weiterentwicklung der Freudschen Libidotheorie zur Orgasmustheorie (1927) gingen Reichs therapietechnische Innovationen hervor: von der Widerstandsanalyse (1927) zur Charakteranalyse (1933), danach zur körperorientierten Vegetotherapie (1935) und in den 1940er Jahren zur Orgontherapie.

Konflikt mit Freud Aus seinen klinischen Erfahrungen gelangte Reich zu der Auffassung, dass jede psychische Erkrankung mit einer Störung der sexuellen Erlebnisfähigkeit einhergehe, worüber im Rahmen der Psychoanalyse bis dahin kaum geforscht worden war. Im Gegensatz zu Freud lehnte es Reich ab, die Sexualunterdrückung (Verbot der Onanie, voreheliche Keuschheit, „Zwangsmonogamie“) als „kulturelle Notwendigkeit“ zu betrachten. Nach Auffassung von Reich hemme die unbefriedigte Sexualität vielmehr die kulturelle Leistung. Mit der Orgasmustheorie führte Reich ein Kriterium für psychische Gesundheit und somit auch als Therapieziel ein: die orgastische Potenz. Zugleich betonte er, dass dieses Ziel nur schwer erreichbar und die Neurose als Massenerscheinung ohnehin nicht durch Einzeltherapien zu beseitigen sei, sondern nur durch Prophylaxe auf der Grundlage radikaler Sexualreformen. Sowohl wegen seiner Auffassung von psychischer Gesundheit als auch wegen der im Gebot der Prophylaxe implizierten politischen Konsequenzen geriet Reich schon um 1926 in einen schwelenden Konflikt mit Freud, der schließlich – ohne jede sachliche Auseinandersetzung – im August 1934 zu Reichs Ausschluss aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) führte.Weil in den Zeitschriften der Psychoanalytiker nur kurz sein „Austritt“ gemeldet wurde, veröffentlichte Reich 1935 einen Bericht über den Ausschluss Wilhelm Reichs aus der IPV; für eine neuere Darstellung des verwickelten Konflikts siehe: Bernd Nitzschke: „Ich muss mich dagegen wehren, still kaltgestellt zu werden.“ Voraussetzungen, Umstände und Konsequenzen des Ausschlusses Wilhelm Reichs aus der DGP/IPV in den Jahren 1933/34. In: Karl Fallend, Bernd Nitzschke (Hrsg.): Der „Fall“ Wilhelm Reich. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, S. 68–130. Nach Auffassung des Reich-Biografen Sharaf spielte beim Ausschluss nicht Freud selber, sondern seine Tochter Anna Freud die entscheidende Rolle. In einem zweitägigen Gespräch mit dem emigrierten Wiener Psychoanalytiker Kurt R. Eissler, das 2026 auf Deutsch erschien, reflektierte Reich seine Beziehung zu Sigmund Freud wie auch die Kampagnen gegen ihn selbst.„Es ist unerträglich schmerzhaft, gleichzeitig allein und lebendig zu sein“, auf hagalil.com

Vegetotherapie Reich wirkte nun außerhalb der psychoanalytischen Organisationen im skandinavischen Exil weiter. In den 1930er Jahren hatte er von dem damals zu den führenden Physiologen zählenden Friedrich Kraus das Konzept der „vegetativen Strömung“ übernommen und seine Charakteranalyse zur Vegetotherapie weiterentwickelt. Er sah seine eigenen Arbeiten mit denen anderer Fachkollegen wie Ludwig Robert Müller (Die Lebensnerven) und Max Hartmann konvergieren: „Wenn aber verschiedene Disziplinen unabhängig voneinander, ohne Ahnung der Konsequenzen ihrer Forschung, ohne Vorsatz, einander je zu begegnen, immer mehr nach einem bestimmten Punkte zu konvergieren scheinen […] dann zweifeln wir nicht, dass diese Theorien und nicht die heuristisch wertlosen isolierten die grössere Wahrscheinlichkeit für sich haben.“

Bion-Experimente

Reich unterhielt in Oslo, wo er ab 1935 im Exil lebte, ein mit Geräten und Personal gut ausgestattetes Labor, um aufgrund dieser theoretischen Synthese eigene empirische Forschungen durchführen zu können. Dabei behauptete er, auf „Gebilde des Übergangs vom Anorganischen, Unbewegten zum Organischen, Bewegten und Kultivierbaren“ gestoßen zu sein, die er nicht mit bereits Bekanntem zu identifizieren vermochte und deshalb mit dem neuen Begriff Bione bezeichnete.Beschreibung in seinem Buch Die Bione (1938), nachgedruckt als Die Bionexperimente. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1995, S. 78. Zur Problematik der „Bione“ erschien 2015 eine ausführliche wissenschaftshistorische Untersuchung.James E. Strick: Wilhelm Reich, Biologist. Harvard University Press, Cambridge MA (USA) 2015.

Politische Aktivitäten Unter dem Eindruck der Geschehnisse beim Wiener Justizpalastbrand am 15. Juli 1927 hatte sich Reich politisch radikalisiert und war in die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) eingetreten,Wilhelm Reich: Menschen im Staat. (1937/1953), Stroemfeld, Frankfurt am Main 1995, S. 42. heimlich, denn offen blieb er Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs (SDAP). Aus dieser wurde er im Jänner 1930 wegen Spalteraktivitäten zugunsten der KPÖ ausgeschlossen.Vgl. die Dokumentation dazu In: Wilhelm-Reich-Blätter. Nr. 1/82, S. 13–48 (lsr-projekt.de). Zu dieser Zeit gründete Reich mit Marie Frischauf und anderen kommunistischen oder sozialdemokratischen Ärzten in verschiedenen Stadtteilen Wiens Sexualberatungsstellen.Wilhelm Reich: Erfahrungen und Probleme der Sexualberatungsstellen für Arbeiter und Angestellte in Wien. In: Der sozialistische Arzt. 5, 1929, S. 98–102.

Ab Mitte 1927 hatte Reich außerdem, parallel zu seiner Arbeit innerhalb der Psychoanalyse, eine Synthese von Marxismus und Psychoanalyse (siehe: Freudomarxismus) auf theoretischer wie praktischer Ebene versucht. Er war 1930 von Wien nach Berlin gegangen, wo er der KPD beitrat und 1931 den Deutschen Reichsverband für Proletarische Sexualpolitik gründete, kurz: die Sexpol. Auch diese Arbeit war so konfliktträchtig, dass er 1933, vor allem wegen seines Buches Massenpsychologie des Faschismus,Hier ist zu beachten, dass die seit 1971 im Handel befindliche Version der Massenpsychologie des Faschismus (Verlage k&w, Fischer-TB) eine von Reich terminologisch stark veränderte (Umwandlung marxistischer Begriffe) und um einige später, zwischen 1935 und 1945, geschriebene Kapitel erweitert ist. aus der Partei ausgeschlossen wurde. Reichs Buch Die Sexualität im Kulturkampf (1936)Neuveröffentlichung 1966 ff. unter dem Titel Die Sexuelle Revolution. enthält eine scharfe Kritik der rückschrittlichen Entwicklung in der Sowjetunion unter Stalin.Vgl. auch den kritischen Bericht über die Moskauer Prozesse in Reichs Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie.

Emigration nach Skandinavien 1933 mini|hochkant=1.2|Gedenktafel für Wilhelm und Annie Reich in der Schlangenbader Straße 87 in Berlin, aus der Reihe Mit Freud in Berlin

Reich hatte 1921 in Wien eine ehemalige Patientin geheiratet, die Medizinstudentin Annie Pink, die später ebenfalls Psychoanalytikerin wurde. Aus der Ehe, die bis 1932 dauerte, gingen zwei Töchter hervor: 1924 Eva und 1928 Lore.

Am 2. März 1933 erschien im Völkischen Beobachter ein Hetzartikel gegen Reichs Schrift Der sexuelle Kampf der Jugend. Am nächsten Tag emigrierte Reich zusammen mit seiner Frau Annie zunächst nach Wien und dann nach Kopenhagen.tagesspiegel.de vom 28. Oktober 2007: Theorie und Orgasmus.