mini|Wohnsitze der Markomannen in der Germania magna im 2. Jahrhundert n. Chr. (nach Plinius und Tacitus) Die Markomannen (lat. Marcomanni) waren ein zu den Sueben gehöriger germanischer Stamm. Ihr Name, „Grenzleute“, setzt sich vermutlich aus proto-germanisch *markō „Mark, Grenze, Grenzland“ und *mann- „Mann, Mensch“ zusammen.
Herkunft und Geschichte Erste antike Nachrichten zu den Markomannen Die Bezeichnung Marcomanni ist erstmals in Gaius Iulius Caesars De bello Gallico im Zusammenhang mit römischen Schilderungen des Heeres des Ariovist 58 v. Chr. sicher bezeugt.Gaius Iulius Caesar, De bello Gallico 1,51,2 (online).
Die ursprünglich an der mittleren Elbe ansässigen suebischen Markomannen wurden wohl durch die Wanderungen von Kimbern und Teutonen aus ihren Sitzen an der Elbe in die obere und mittlere Mainregion abgedrängt. Bereits im 1. Jahrhundert v. Chr. tauchen Markomannen in antiken Kriegsereignissen auf: Ab 72 v. Chr. dienten Markomannen den Sequanern in den Auseinandersetzungen mit den Haeduern, 60 v. Chr. zerstörten die Daker mit Hilfe der Markomannen das Reich der Boier in Böhmen, 58 v. Chr. dienten Markomannen unter Ariovist im Kampf gegen Gaius Iulius Caesar.
Nach antiken Quellen wurde um 9 v. Chr. eine als Markomannen bezeichnete Stammesgruppe während der Drusus-Feldzüge in den Jahren 12 bis 8 v. Chr. erfolgreich vertrieben.Florus, Epitoma de Tito Livio 2,30,23 (englisch). Von Claudius Drusus besiegt,Orosius, Historiae adversus paganos 6,21,15.Cassius Dio, Römische Geschichte 55,1,2. wichen sie unter ihrem bedeutenden Herrscher Marbod – der von den Römern als rex bezeichnet wurde – ins heutige Böhmen aus.Velleius Paterculus, Römische Geschichte, Buch 2,108,2. Vermutlich schlugen sie dort die wenigen an ihren Wohnsitzen verbliebenen Boier.Vgl. Tacitus, Germania 42,1. Den bisherigen Siedlungsraum der MarkomannenCassius Dio, Römische Geschichte 55,10a,2. übernahmen die suebischen Hermunduren.Vgl. Martin Pietsch et al.: Das augusteische Truppenlager Marktbreit. Bisherige archäologische Befunde und historische Erwägungen. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission (BRGK) 72. 1991, S. 263–324, hier S. 314–316. Eine andere Gruppe MarkomannenSueton, Leben des Augustus 21,1. wurde wohl in Flandern angesiedelt.Vgl. Res gestae divi Augusti 32. Verbündete von Marbods großem Reich in Böhmen waren die Lugier, die Semnonen, die frühen Langobarden und andere benachbarte Stämme.
Marbods Reich mini|Kessel aus dem Königsgrab von Mušov König Marbod
Marbod, der einer Familie der markomannischen Elite entstammte, als Jüngling in Rom lebte und sich der Wohltaten des Kaisers Augustus erfreute,Strabon, Geographie 7,1,3, p. 290C. wurde vermutlich auf römische Veranlassung nach der Niederlage des Stammes gegen Drusus zum Anführer der Markomannen und wanderte mit diesen ostwärts nach Böhmen aus. Dort etablierte er ein starkes markomannisches Reich – das sogenannte Marbodreich. Ab 3 v. Chr. weitete Marbod seine Herrschaft über benachbarte germanische Stämme wie die Hermunduren und Quaden, 5 n. Chr. die Semnonen und später auch die Langobarden aus, die er in einem Stammesbund zusammenführte.
Die Semnonen waren jedoch der Stamm, der sich Tiberius nicht unterwerfen wollte und der sich östlich der Elbe zurückgezogen hatte – das Gebiet, in dem sich Marbod aus römischer Sicht als Schutzherr Germaniens aufspielte. Die Schwierigkeiten der Römer an der Elbe rührten eindeutig daher, daß die Elbgermanen im Markomannenkönig einen Rückhalt fanden.Ralf-Peter Märtin: Die Varusschlacht. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2010, S. 131. In Bezug auf: Dieter Timpe: Römisch-Germanische Begegnungen in der späten Republik und frühen Kaiserzeit. Saur, München/Leipzig 2006, S. 203. Auf der östlichen Seite der Elbe versammelten sich zunehmend elbgermanische, von Marbod abhängige Truppen.Velleius Paterculus, Römische Geschichte 2,107; 2,109,1-2. Schon im Zuge des immensum bellum, eines schweren germanischen Aufstandes in den Jahren 1 bis 5 n. Chr., standen im letzten Kriegsjahr Semnonen, Hermunduren und Langobarden den Legionen des Tiberius an der Elbe gegenüber.
Das Marbodreich war nach dem Jahr 5 n. Chr. der letzte große Machtblock in Germanien und Augustus ordnete an, diesen anzugreifen.
Römischer Feldzug nach Böhmen mini|250px|Römischer Feldzug in Germanien (12 BC – AD 16) des Tiberius und Saturninus gegen Marbod im Jahr 6 n. Chr. Der antike Historiker Velleius Paterculus berichtet in seiner Römischen Geschichte als ZeitzeugeVelleius Paterculus Römische Geschichte, Buch 2,109,5. über diesen Feldzug gegen Marbods Reich:
Im Frühjahr 6 n. Chr. – Da es in Germanien nichts mehr zu besiegen gab als den Stamm der Marcomanni,Velleius Paterculus, Römische Geschichte, Buch 2,108,1. – marschierte Tiberius mit sechs bis sieben Legionen von Carnuntum an der Donau durch das MarchtalVgl. Titus Kolník: Zu den ersten Römern und Germanen an der mittleren Donau. In: Rudolf Asskamp, Stephan Berke (Red.): Die römische Okkupation nördlich der Alpen zur Zeit des Augustus. 1990, S. 71–84. wahrscheinlich über MušovVgl. Miroslav Bálek, Ondrej Šedo: Das frühkaiserzeitliche Lager bei Mušov. Zeugnis eines augusteischen Feldzugs ins Marchgebiet? In: Germania 74. 1996, S. 399–414. und Gaius Sentius Saturninus von Mogontiacum aus wohl über MarktbreitVgl. Martin Pietsch et al.: Das augusteische Truppenlager Marktbreit. Bisherige archäologische Befunde und historische Erwägungen. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission (BRGK) 72. 1991, S. 263–324.Vgl. Franz Xaver Herrmann: Das Römerlager bei Marktbreit. In: Gymnasium 99. 1992, S. 546–564. nach Böhmen. Vom Winterlager Anreppen aus kämpfte sich Sentius Saturninus mit seinen Legionen durch den Herkynischen Wald zu den Pässen des Böhmerwaldes vor.
Ausgangspunkt des Feldzuges war das Winterlager an der Quelle des Flusses Lippe, das Tiberius 4 n. Chr. dort hatte erbauen lassen.Velleius Paterculus, Römische Geschichte, Buch 2,105,3 Sentius Saturninus überwinterte in den Jahren 4 bis 6 n. Chr. mit den Soldaten in diesem Lager an der Lippequelle, während Tiberius jeweils zu seinem Adoptivvater Augustus nach Rom heimkehrte.Velleius Paterculus, Römische Geschichte, Buch 2,105,3 und 2,107,3 Tiberius und Sentius Saturninus unternahmen in den Jahren 4 und 5 n. Chr. nur Feldzüge im Norden und Nord-Osten von Germanien.Vgl. Velleius Paterculus, Römische Geschichte, Buch 2,106.
Das Heer von Marbod war mit 70.000 Fußsoldaten und 4.000 Reitern das größte germanische Aufgebot überhaupt.Ralf-Peter Märtin: Die Varusschlacht. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2010, S. 131.
Kurz vor der Vereinigung der beiden römischen Heeresgruppen brach jedoch der Pannonische Aufstand aus. Er griff auf ganz Illyrien über und gefährdete Makedonien und Italien.Velleius Paterculus, Römische Geschichte 2,110; Cassius Dio, Römische Geschichte 55,28,7–55,30,1. Tiberius schwenkte mit seinen Legionen sofort nach Süden in die Aufstandsgebiete um.
Der Pannonische Aufstand zwingt Rom zum Waffenstillstand mini|Die Marcomanni (mit Raetia und Noricum) auf der Tabula Peutingeriana
Der Verlauf der Kämpfe des sich ausbreitenden pannonisch-dalmatischen Aufstandes führte dazu, dass Tiberius mit den Markomannen einen Friedensvertrag schließen mussteVelleius Paterculus, Römische Geschichte, Buch 2,109,5; 110,1-2.Tacitus, Annalen 2,46., in dem die Römer den Status quo und den Königstitel von Marbod anerkannten.Cassius Dio, Römische Geschichte 55,28,6-7.Tacitus, Annalen 2,45,3. Die offizielle Anerkennung seines Königstitels dürfte von einem reichen Strom wertvoller Geschenke und Handelsprivilegien begleitet gewesen sein.Peter Kehne: Marbod. In: Reallexikon der germanischen Altertumskunde. Band 19, S. 260. In Bezug auf: Tacitus, Annalen 2,45,3; 2,46,2. Die Römer behaupteten, sie hätten Marbod zum Frieden gezwungen,Tacitus, Annalen 2,26,3. und Marbod prahlte später: „Von zwölf Legionen unter Führung des Tiberius angegriffen, habe er den Ruhm der Germanen unversehrt erhalten.“Tacitus, Annalen 2,46,2. in: Ralf-Peter Märtin: Die Varusschlacht. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2010, S. 132. Für die Römer war entscheidend, dass sich Marbod vom pannonischen Aufstand fernhielt.
Marbod und Arminius Nach der Niederschlagung des Aufstandes in Pannonien 8 n. Chr. hatte Tiberius einen großen Teil der Auxiliartruppen in die Heimatstandorte zurückgeschickt,Märtin geht davon aus, dass Arminius mit einem cheruskischen Kontingent an der Niederschlagung des Aufstandes beteiligt war und hier wieder zurück gelangte. Er bezieht sich hierbei auf: Dieter Timpe: Römisch-Germanische Begegnungen in der späten Republik und frühen Kaiserzeit. Saur, München/Leipzig 2006, S. 45. doch zogen sich die Kämpfe in Dalmatien noch bis 9 n. Chr. hin. Die wahrscheinlichste Folge nach der Beseitigung dieser Gefahr wäre nun eine Wiederaufnahme des Feldzuges gegen Marbod gewesen.siehe Ralf-Peter Märtin: Die Varusschlacht. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2010, S. 159. Doch mittlerweile war Publius Quinctilius Varus überraschend mit drei Legionen vom Niederrhein zu einem Marsch an die Weser aufgebrochen. Die Nachricht von dessen verheerender Niederlage gegen den Cherusker-Fürsten Arminius erreichte Tiberius kurz vor der Überfahrt nach Italien.
Arminius bot Marbod nach der Varusschlacht 9 n. Chr. ein Bündnis gegen die Römer an und sandte ihm daher das Haupt des Varus, das der Markomannenherrscher jedoch Augustus ausliefern ließ und somit eine germanische Koalition ausschlug.Velleius Paterculus, Römische Geschichte 2,119,5. Trotzdem erkannte Rom Marbod nie als offiziell verbündeten Klientelherrscher an. Zur Rache für die desaströse Niederlage der Römer führten Tiberius und Germanicus in den nächsten Jahren in Germanien Krieg gegen die Koalition des Arminius (Germanicus-Feldzüge), in dem sich Marbod neutral verhielt. Deshalb versagte ihm Rom militärische Unterstützung nach seinem 17 n. Chr. geführten Krieg gegen die Cherusker unter Arminius.Tacitus, Annalen 2,44,2; 2,46,5.
Marbods Heraushalten aus den Auseinandersetzungen zwischen Rom und den Cheruskern des Arminius führte im Jahr 17 n. Chr. – nach dem Austritt der suebischen Semnonen und Langobarden aus Marbods StammesbundVgl. Tacitus, Annalen 2,45,1 und 46,3. – zur unentschiedenen Schlacht zwischen Arminius und Marbod, aus der Marbod sich auf die Hügel zurückzog.
Abhängigkeit von Rom Dieser unentschiedene Kampf mit den Cheruskern unter Arminius im Jahr 17 n. Chr., der Rückzug in die Hügel und der nachfolgende Sturz Marbods im Jahr 19 n Chr. durch den Gotonen CatualdaTacitus, Annalen 2,62. beendeten die Machtstellung der Markomannen, die danach unter römischen Einfluss gerieten. Catualda wiederum war noch im Jahr 19 von den Hermunduren vertrieben worden.Tacitus, Annalen 2,62-63. Daraufhin eroberte der Quadenkönig Vannius das ehemalige markomannische Böhmen.
Im regnum Vannianum