mini|Theodor Lessing in einer Aufnahme von Will Burgdorf (ca. 1930)
Karl Theodor Richard Lessing (* 8. Februar 1872 in Hannover; † 31. August 1933 in Marienbad, Tschechoslowakei) war ein deutscher Philosoph, Schriftsteller und Publizist. Der von drei Attentätern in der Tschechoslowakei erschossene Autor gehört zu den ersten bekannten Opfern des Nationalsozialismus.
Biographie Kindheit und Schulzeit Lessing wurde als Sohn eines assimilierten jüdischen Ehepaares aus dem gehobenen Bürgertum geboren. Der Vater Sigmund Lessing war Arzt in Hannover, die Mutter Adele Lessing, geborene Ahrweiler, entstammte als Bankierstochter vermögenden Verhältnissen. mini|„Hannover, Georgsplatz mit Lyceum“, Schulgebäude Lessings unter dem Direktor Carl Capelle;Ansichtskarte Nr. 2443, Zedler & Vogel, um 1900.
Die Erlebnisse im Elternhaus und in der Schule beschrieb er als seine beiden „Höllen“ und reagierte darauf mit Rückzug; er weigerte sich, den gestellten Anforderungen zu entsprechen, und galt als mäßiger Schüler bzw. als „schulunfähig“.Vgl. Einmal und nie wieder. Lebenserinnerungen, Prag 1935, hier zitiert nach der Ausgabe Gütersloh 1969, Kapitel Die Schule, S. 104–126; Die zwei Höllen, S. 135–150. Über seine Gymnasialzeit schrieb er in seinen Lebenserinnerungen:
Nachdem er das Ratsgymnasium Hannover auf Anraten des Direktors Carl CapelleAusgewählte Werke von Theodor Lessing: Der Lärm + Haarmann + Feind im Land + Einmal und nie wieder + Nietzsche. Musaicum Books, 2017, ISBN 978-80-272-1539-3, [ohne Seitennummern]; Vorschau über Google-Bücher. vorzeitig hatte verlassen müssen, legte er 1892 am Städtischen Gymnasium Hameln sein Abitur ab. Anders als von ihm selbst dargestellt und von Rainer Marwedel (1987, S. 28) übernommen, war Lessing zwischenzeitlich nicht an der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem in Ausbildung.Hans-Dieter Schmid: Theodor Lessing und die israelitische Gartenbauschule Ahlem. Eine Legende. In: Hannoversche Geschichtsblätter. Band 52, 1998, S. 289–295. Den erfolgreichen Abschluss des Abiturs verdankte er nach eigenem Bekunden seinem Lehrer Max Schneidewin:
Lessing unterhielt eine Jugendfreundschaft mit Ludwig Klages, die dieser aber 1899 beendete; inwieweit Klages’ Antisemitismus der Grund dafür war, ist nicht endgültig geklärt. Beide betonten später, dass die gemeinsamen Jugendjahre ihr künftiges weltanschauliches Denken geprägt hatten.Elke-Vera Kotowski: Feindliche Dioskuren. Theodor Lessing und Ludwig Klages. Das Scheitern einer Jugendfreundschaft (1885–1899) (= Sifria. Band 3). Jüdische Verlagsanstalt, Berlin 2000, S. 7.
Die Bildungsreform wurde für Lessing ein lebenslanges Thema.Jörg Wollenberg: Vom „Haubinder Judenkrach“ über die Odenwaldschule. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. September 2010.
Studienzeit Nach dem Abitur begann er ein Studium der Medizin in Freiburg im Breisgau, Bonn und zuletzt München, wo er – den Neigungen gemäß, die er schon als Schüler gezeigt hatte – zu Literatur, Philosophie und Psychologie wechselte. Er schloss sein Philosophiestudium mit einer Dissertation über den russischen Logiker Afrikan Spir ab.Theodor Lessing: African Spirs Erkenntnislehre. Dissertation, Universität Erlangen, 1899. Rezension, in: Kantstudien. Band 6, 1901, S. 102 f. Eine geplante Habilitation an der Universität Dresden scheiterte am Widerstand, der dem Juden, Sozialisten und öffentlichen Verfechter des Feminismus dort entgegengebracht wurde.
Lessing war mit dem Maler Ernst Oppler befreundet, der 1905 nach Berlin ging. Gemeinsam bedauerten sie die Mittelmäßigkeit ihrer Heimatstadt Hannover in vielen Dingen.Vgl. Einmal und nie wieder. Lebenserinnerungen, Prag 1935, hier zitiert nach der Ausgabe Gütersloh 1969, S. 19–27. (Text bei Gutenberg).
Berufsjahre mini|hochkant|Lessing zwischen 1925 und 1930 auf einer Fotografie von Nicola Perscheid
Die folgenden Jahre verbrachte er ohne feste Anstellung als Aushilfslehrer, darunter bei Hermann Lietz, und als Vortragsredner. Einführungen in die moderne Philosophie hielt er unter anderem in der Wartehalle des Dresdner Hauptbahnhofs. 1906 ging Lessing nach Göttingen, um bei Edmund Husserl eine Habilitationsschrift zu verfassen. Der Plan scheiterte. In den Jahren 1906/07 war er als Theaterkritiker für die Göttinger Zeitung tätig;Oliver Pfohlmann: „Verdammte Nachtkritik!“ – Theodor Lessings Ausflüge in die Theaterkritik in der Göttinger Wintersaison 1906/1907. In: Literaturkritik.de, 11. September 2006. die Texte liegen unter dem Titel Nachtkritiken auch als Buch vor.
1907 kehrte er nach Hannover zurück, wo er an der Technischen Hochschule Privatdozent für Philosophie wurde.
Mit einer äußerst scharfen SatireSamuel zieht die Bilanz und Tomi melkt die Moralkuh oder Zweier Könige Sturz. Eine Warnung für Deutsche, Satiren zu schreiben. Von Theodor Lessing. Mit literarischen Beiträgen von Thomas Mann, Samuel Lublinski und den vierzig sittlichsten deutschen Dichtern und Denkern. Verlag des Antirüpel, Hannover 1910. griff Lessing den Kritiker Samuel Lublinski an und ging dabei auch von dessen wenig ansprechender Gestalt aus. So bezeichnete er Lublinski als „fettiges Synagoglein“ und eskapistischen Schwätzer und löste einen Literaturskandal aus. Autoren wie Theodor Heuß, Stefan Zweig und weitere aus dem Weimarer Umkreis Lublinskis unterzeichneten eine Erklärung, wonach es bedauerlicherweise kein Ehrengericht für Journalisten gebe. Thomas Mann lehnte eine Unterzeichnung ab, da er „dem unverschämten Zwerg“ auf andere Weise „gebührend übers Maul“ fahren wollte, und reagierte mit dem polemischen Essay Der Doktor Lessing.Zit. nach: Kommentar zu Der Doktor Lessing. In: Thomas Mann: Essays. Band 1: Frühlingssturm. Fischer, Frankfurt 1993, S. 347–348. Der Kritiker, für den er Partei ergriff, hatte als einer der Ersten die literarische Bedeutung der Buddenbrooks erkannt. In seiner Schrift warf er Lessing vor, Lublinski diskreditieren zu wollen und ein verleumderisches Zerrbild zu zeichnen. Die Auseinandersetzung lässt sowohl bei Lessing wie Thomas Mann antisemitische Klischees erkennen.Heinrich Detering: Juden, Frauen, Literaten. In: Thomas Mann und das Judentum (= Thomas-Mann-Studien. Band 30). Vittorio Klostermann, Frankfurt 2004, S. 26. Siehe hierzu – neben Lessings Schrift, die in der zweiten Auflage bereits viele Kritiken zitiert – Hans Eggert Schröder: Theodor Lessings autobiographische Schriften. Ein Kommentar. Bonn 1970, S. 61 und 125 f.
Kriegsteilnahme Mit seinen medizinischen Kenntnissen aus der Studienzeit meldete sich Lessing zu Beginn des Ersten Weltkriegs freiwillig zum militärärztlichen Dienst, um dem Kampfeinsatz an der Front zu entgehen. Er diente während dieser Zeit als Lazarettarzt und arbeitete als Lehrer. Nebenbei schrieb er die Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen. Das Erscheinen dieses Buches wurde aber während des Krieges von der Militärzensur verhindert, da Lessing in eindeutiger Weise gegen den Krieg Position bezog. Es wurde erst 1919 veröffentlicht. mini|Früheres Wohnhaus von Ada und Theodor Lessing in Hannover-Anderten
Publikationen Nach dem Krieg kehrte Lessing auf seinen Privatdozentenposten in Hannover zurück und baute in Linden ab 1919 die dortige Volkshochschule Hannover-Linden mit seiner zweiten Frau Ada Lessing auf. Daneben entfaltete er ab 1923 eine umfangreiche publizistische Tätigkeit. Er veröffentlichte, vor allem in den beiden republikanisch-demokratischen Tageszeitungen Prager Tagblatt und Dortmunder Generalanzeiger, Artikel, Essays, Glossen und Feuilletons und wurde dadurch zu einem der bekanntesten politischen Schriftsteller der Weimarer Republik.
Aufmerksamkeit erregte 1925 sein Bericht über den Prozess gegen den Serienmörder Fritz Haarmann, den er als Augenzeuge verfolgte. Er machte die dubiose Rolle der hannoverschen Polizei (Haarmann war ein Polizeispitzel) in diesem Fall öffentlich. Daraufhin wurde er vom Prozess ausgeschlossen.
Im selben Jahr schrieb er eine Charakterstudie über den Kandidaten für das Amt des Reichspräsidenten und späteren Gewinner der Präsidentenwahl Paul von Hindenburg, in der er vor der Wahl dieses Mannes warnte. Hindenburg selbst schilderte er als eine biedere, intellektuell anspruchslose Persönlichkeit, hinter der er aber gefährliche politische Kräfte wirken sah:
mini|hochkant|Zitat aus dem Schreiben des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (REM) vom 20. April 1933 an die TU Hannover
Dieser Artikel brachte ihm die hasserfüllte Gegnerschaft aus deutschnationalen und völkischen Kreisen ein. Studenten gründeten einen Kampfausschuß gegen Lessing. Es wurde zum Boykott seiner Vorlesungen aufgerufen, die Entziehung der venia legendi und die Entfernung von der Universität gefordert, Studenten störten seine Vorlesungen gewalttätig.„Juden raus, Lessing raus!“ Der Fall Theodor Lessing: Wie radikale und völkische Studenten einen Hochschulprofessor aus seinem Amt und seiner Heimatstadt verjagten. In: Universität Hannover (Hrsg.): AlumniCampus Nr. 10, 2013, S. 14 f. (PDF, 1,1 MB, mit Bild Lessings nach einer Verfolgung durch mit Knüppeln bewaffnete Studenten); Jörg Wollenberg: Die erste Probe aufs Exempel. In: Ossietzky Nr. 19, 2005. Siehe auch einige Zeitungsartikel im Prager Tagblatt. Bei den Protesten wurde eine antisemitische Motivation deutlich. Aus der Öffentlichkeit und besonders aus dem universitären Milieu erhielt Lessing nur schwache Unterstützung, Professorenkollegen solidarisierten sich mit den Forderungen seiner Gegner, insbesondere als am 7. Juni 1926 etwa tausend Studenten mit der Abwanderung an die TU Braunschweig drohten. Als sich die Lage trotz Lessings Beurlaubung im Wintersemester 1925/26 nicht beruhigte, vereinbarte er mit dem preußischen Kultusminister Carl Heinrich Becker am 18. Juni 1926 die Einstellung der Lehrtätigkeit und die unbefristete Beurlaubung bei reduzierten Bezügen.Hugo Thielen: Lessing, Theodor. In: Dirk Böttcher (Hrsg.): Hannoversches Biographisches Lexikon. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hannover 2002, S. 232.
Exil und Ermordung Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nahm Lessing am 19. Februar 1933 in Berlin am Kongress Das Freie Wort teil, floh am 1. März mit seiner Frau Ada in die Tschechoslowakei und ließ sich dort im Kurbad Marienbad (Mariánské Lázně) nieder. Von hier aus setzte er seine publizistische Tätigkeit in deutschsprachigen Auslandszeitungen fort. Am 20. April 1933 wurde ihm aufgrund des Berufsbeamtengesetzes der Lehr- und Forschungsauftrag mit sofortiger Wirkung entzogen.