mini|Paul Cézanne: Stillleben mit Obstschale, 1879–80, Museum of Modern Art, New York.
Stillleben bezeichnet in der Geschichte der europäischen Kunsttradition die Darstellung unbelebter bzw. regloser Gegenstände (Blumen, Früchte, tote Tiere, Gläser, Instrumente o. a.).Die Schreibung Stilleben bis zum Ausgang des 20. Jahrhunderts ist bei Bibliotheks- und Internetrecherche nach dem Thema zu berücksichtigen. Auswahl und Gruppierung der Motive richtete sich nach inhaltlichen (manchmal symbolischen) und ästhetischen Aspekten. Zu einer eigenständigen Gattung der Malerei entwickelten sich diese Darstellungen am Anfang des 17. Jahrhunderts im Barock. Es wird unterschieden nach den dargestellten Gegenständen; es ergeben sich so die Unterarten Blumen-, Bücher-, Fisch-, Früchte-, Frühstücks-, Jagd-, Küchen-, Markt-, Musikinstrumenten-, Vanitas- oder Waffenstillleben. Die Übergänge zu den Bildgattungen Interieur, Tierstück oder Genre sind zuweilen fließend.Hermain Bazin, Horst Gerson, Rolf Linnenkamp u. a.: Kindlers Malerei-Lexikon. Band 11, 1985, S. 282.Wolf Stadler u. a.: Lexikon der Kunst. Band 11, 1994, S. 167–176.Gerhard Strauss, Harald Olbrich: Lexikon der Kunst. Band 7, 1994, S. 64–67.
Begriff und Begriffsgeschichte Bei der Betrachtung des Stilllebens und seiner Entwicklung muss unterschieden werden zwischen einem weiteren und einem engeren Gattungsbegriff.Wolf Stadler u. a.: Lexikon der Kunst. Band 11. 1994, S. 167. Als Stillleben im weiteren Sinne gelten alle Darstellungen von Objektkompositionen und stilllebenartigen Arrangements – besonders zeitlich vor der Etablierung der Stilllebenmalerei als eigene Gattung der Malerei im 17. Jahrhundert.Die Etablierung zu einer autonomen Gattung muss einerseits als dynamischer Prozess verstanden werden, andererseits steht am Ende eine hierarchische Platzzuweisung an die letzte Stelle innerhalb der Gattungen der Malerei durch die Doktrin der Kunsttheorie des 17. Jahrhunderts. Siehe hierzu: Norbert Schneider: Stilleben. 1989, S. 7. Stillleben im weiteren Sinn gab es höchstwahrscheinlich zu allen Zeiten und bei allen Kulturen. Hierzu zählen sowohl die Malereien auf Seide und Porzellan aus China und Japan als auch die dekorativen Mosaike und Wandfresken der Antike.
Der Begriff stil leven (niederl.: stil = unbewegt und leven = Dasein) für ein Gemälde ist zum ersten Mal um 1650 in einem holländischen Inventar zu finden. Davor und auch noch danach bestimmten die wesentlichen Bildgegenstände die Bezeichnung eines Gemäldes (z. B. 1614 Een koocken en fruytbort; 1624 Een bancket schilderytgen; 1631 Een dootshooft; 1669 Een biertje met een toebackje; 1691 Een oesterbanketje met een roemer; u. ä.).A.P.A. Vorenkamp: Bijdrage tot de geschiedenis van het Hollandsch stilleven in de 17 eeuw. 1933, S. 6 f. Arnold Houbraken übernahm Anfang des 18. Jahrhunderts die Bezeichnung stilleven für derartige Gemälde in seinem Werk über die Kunst De groote schouburgh der Nederlantsche konstschilders en schilderessen (1718–1721).Gerhard Strauss, Harald Olbrich: Lexikon der Kunst. Band 7, 1994, S. 64. Joachim von Sandrart prägte 1675 in dem ersten großen Quellenwerk der deutschen Kunstgeschichtsschreibung Teutschen Academie der edlen Bau-, Bild- und Malereykünste den Begriff stillstehende Sachen. Das Wort Stillleben, in Anlehnung an den niederländischen Begriff, erscheint in der deutschen Sprache Mitte des 18. Jahrhunderts. Eine französische Bezeichnung wie nature morte od. vie coye wurde vielleicht in den theoretischen Diskussionen der französischen Akademie im 17. Jahrhundert geprägt, ist aber ebenfalls erst für die Mitte (bzw. Ende) des 18. Jahrhunderts belegt – ebenso der englische Ausdruck still life. Im frühen 19. Jahrhundert hatte sich der Begriff Stillleben als Bezeichnung der Gattung in den verschiedenen Übersetzungen (stilleven, nature morte, natura morta, still life usw.) etabliert.
Die in der deutschen Sprache verwendeten Schreibweisen Stillleben (mit drei „l“) und Stilleben (mit zwei „l“) wechselte in den zwei Jahrhunderten zwischen 1800 und 2022 zwei Mal deutlich: einmal 1900 mit unbekannter Ursache, und hundert Jahre später wegen einer Rechtschreibreform um 1996.Google-Statistik: "Stilleben" und "Stillleben" zwischen 1800 und 2022
Entwicklung Antike mini|links|hochkant=0.8|Weinflasche und Trinkglas, Bardo-Museum, Tunis mini|Stillleben aus dem Haus der Julia Felix in Pompeji, um 70 n. Chr.
Die bekannteste Anekdote über antike Stilllebenmalerei ist wohl jene über den Künstlerwettstreit zwischen Zeuxis und Parrhasios, die von Plinius überliefert wurde. Demnach malte Zeuxis anlässlich des Wettstreits ein Ensemble von Trauben so täuschend echt, dass die Vögel nach diesen pickten. Seines Sieges gewiss, sollte nun Parrhasios sein verhangenes Bild enthüllen. Zur Beschämung des Zeuxis war jedoch auch der Vorhang gemalt. Des Weiteren berichtet Plinius über den antiken Künstler Sosos, der liegengelassene Essensabfälle als Fußbodenmosaik nachbildete, den sogenannten Ungefegten Raum, was zahlreiche römische Fußbodenmosaiken als Thema übernahmen.Sybille Ebert-Schifferer: Die Geschichte des Stillebens. 1998, S. 16f. Um stilllebenartige Kunstwerke der Antike im engeren Sinne handelt es sich bei den (zunächst griechischen) Xenien. Dies sind Abbildungen von Lebensmitteln in Anlehnung an den Brauch des Gastgeschenks. Diese Abbildungen lösten sich aber bald aus diesem Zusammenhang und erhielten eine dekorative und repräsentative Funktion.Gerhard Strauss, Harald Olbrich: Lexikon der Kunst. Band 7, 1994, S. 65. Derartige Malereien und Mosaike mit Darstellungen von Esswaren, Blumen, Geschirr, gedeckten Tischen, Silbergeräten oder Schreibgeräten – auch in Kombination mit lebenden Tieren – in antiken Villen veranschaulichen den Ertrag der Domäne und somit den Reichtum des Grundbesitzers. So finden sich derartige Xenien gemäß ihrer repräsentativen Funktion im Empfangs- oder Speiseraum.Sybille Ebert-Schifferer: Die Geschichte des Stillebens. 1998, S. 18 f. Bekannt ist ebenfalls, dass in der Antike neben stilllebenartigen Darstellungen an Wänden und auf Fußböden auch autonome Kunstwerke mit der Abbildung lebloser Dinge gesammelt wurden. Zu diesen leblosen Dingen zählte auch bereits in der Antike der Totenkopf als Carpe diem-Aufforderung (Vanitasgedanke).Sybille Ebert-Schifferer: Die Geschichte des Stillebens. 1998, S. 22. Die antike Darstellung lebloser Dinge weist deutliche Parallelen in Motivik, Funktion und illusionistischer Machart zu den Stillleben späterer Epochen auf.„Einige Charakterzüge, die Stilleben in nachantiker Zeit, nach Epoche und Region wechselnd, immer wieder bestimmen werden, fanden sich somit bereits in der Antike ausgeprägt. Neben dem maltechnischen Illusionismus sind dies der emblematisch verkürzte Verweis auf komplexe Inhalte, das dauerhafte Festhalten des in der Natur Vergänglichen, die Verwendung als Dekoration und als Statussymbol und schließlich auch der Vanitasgedanke.“Sybille Ebert-Schifferer: Die Geschichte des Stillebens. 1998, S. 23.
Mittelalter und Renaissance mini|hochkant=0.8| mini|hochkant=0.8| mini|hochkant=0.8|
Die bildliche Darstellung lebloser Dinge ist in der Kunst des Mittelalters eher selten anzutreffen – allenfalls Bücherstillleben als Bestandteil von Heiligenbildern. Der Grund dafür ist die generelle Verneinung der Abbildung irdischer Realität. Das diesseitige Leben war im mittelalterlichen Denken nur Durchgangsstation zum eigentlichen, ewigen Leben und deshalb nicht abbildungswürdig.Sybille Ebert-Schifferer: Die Geschichte des Stillebens. 1998, S. 25.
Die Sicht auf die Welt (und die Kunst) änderte sich in der Renaissance gravierend. Kurz zuvor, in der Protorenaissance, gelang italienischen Künstlern – allen voran Giotto di Bondone – die Modellierung plastischer Bildgegenstände durch Schatten und erste räumlich-perspektivische Darstellungen. Dies sind die Grundvoraussetzungen für illusionistische Malerei. Diesen neuen Tendenzen folgend, schuf der Giotto-Schüler Taddeo Gaddi in der Baroncelli-Kapelle in der Kirche Santa Croce in Florenz 1328–1330 zwei Scheinnischen mit Darstellungen von liturgischem Gerät. Diese Arrangements dürfen als früheste bekannte neuzeitliche Stillleben im weiteren Sinne angesehen werden.Sybille Ebert-Schifferer: Die Geschichte des Stillebens. 1998, S. 25.
Die Anwendung der Perspektive in der Kunst gelangte über Südfrankreich und Burgund in die Niederlande. Hier schufen – auch von der höfischen Miniaturmalerei beeinflusst – im 15. Jahrhundert Künstler wie die Brüder Hubert und Jan van Eyck, Robert Campin und sein Schüler Rogier van der Weyden realistische Darstellung von Landschaften, Innenräumen, Pflanzen, Stoffen und Gebrauchsgegenständen. Objekte wie Wasserbecken, Kanne, Liturgisches Gerät, Bücher, Blumenvasen etc. traten gruppiert als stilllebenhafte Partien in den Gemälden auf. Sie dienten neben anderen der Kennzeichnung von Heiligen, Märtyrern und ApostelnSybille Ebert-Schifferer: Die Geschichte des Stillebens. 1998, S. 26 f. oder dem Transport einer symbolhaften Bedeutung. Beispiele sind in den Marienbildnissen die marianischen Symbole Lilie, Akelei und Iris zusammen mit Waschgeräten als Symbol für die Reinheit Marias.
In einem weiteren Entwicklungsschritt bekamen diese Objekte eigene Bildfelder. Vor allem in der Eyck-Nachfolge kurz vor und um 1500 finden sich auf den Außenseiten privater Andachtsbilder derartige Elemente. Auch diese beziehen sich auf den Inhalt des Tafelbildes und haben einen symbolischen Charakter. Ein prominentes Beispiel ist das Braque-Triptychon von Rogier van der Weyden um 1450. Das dreiflügelige Tafelbild zeigt im geöffneten Zustand im Mittelteil Jesus Christus, flankiert von seiner Mutter Maria und dem jüngsten der Apostel, Johannes. Die Außenflügel zeigen jeweils Johannes den Täufer und Maria Magdalena. Im geschlossenen Zustand zeigt das Triptychon auf der linken Seite einen Schädel und auf der rechten Seite ein in Perspektive gesetztes Kreuz mit einem Zitat aus dem Buch Jesus Sirach. Der Schädel ist als Verweis auf die Vergänglichkeit (Memento mori) zu sehen. Daneben existieren auch Darstellungen von Blumenvasen auf den Außenseiten von Diptychen.Claus Grimm: Stilleben. Die niederländischen und deutschen Meister 1988, S. 22 f.; Sybille Ebert-Schifferer: Die Geschichte des Stillebens. 1998, S. 29 ff.Wolf Stadler u. a.: Lexikon der Kunst. Band 11, 1994, S. 168.
Das früheste selbstständige Stillleben im weiteren Sinne ist jenes von Jacopo de’ Barbari: Das Gemälde Stillleben mit Rebhuhn, Eisenhandschuhen und Armbrustbolzen. Es handelt sich dabei nicht um ein Wandgemälde, sondern um eine stilllebenartige Darstellung (Trompe-l’œil) mit direktem funktionalem Zusammenhang.„Spätestens im dritten Viertel des 15. Jahrhunderts entstanden demnach im Norden wie im Süden Bildwerke, bei denen es sich optisch um Stillleben handelt; sie erfüllten jedoch immer – unabhängig davon, in welchem Grad sie zugleich Träger symbolischer Aussagen waren – eine praktische Funktion und waren physisch an einen bestimmten Ort – meistens eine Wand – gebunden.“Sybille Ebert-Schifferer: Die Geschichte des Stillebens. 1998, S. 34 ff.Claus Grimm: Stilleben. Die italienischen, spanischen und französischen Meister. 1995, S. 26 f.Wolf Stadler u. a.: Lexikon der Kunst. Band 11, 1994, S. 168. Das vom Künstler 1504 datierte Werk war vermutlich in die Wandverkleidung eines Jagdschlosses integriert. Weitere vergleichbare täuschend echt gemalte Stillleben zeigen teilweise geöffnete Schränke mit darin befindlichem Gerät – wie im Studiolo di Gubbio aus dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts, welches sich ehemals im Palazzo Ducale in Gubbio befand und nun im Metropolitan Museum of Art in New York betrachtet werden kann.