mini|hochkant|Hinduistische Form der Swastika
Eine Swastika (auch Svastika, Suastika, von Sanskrit m. ) ist ein Kreuz mit vier etwa gleich langen, einheitlich abgewinkelten Armen. Sie können nach rechts oder links zeigen, recht-, spitz-, flachwinkelig oder rundgebogen und mit Kreisen, Linien, Spiralen, Punkten oder sonstigen Ornamenten verbunden sein.Reinhard Welz, Sonja Steiner-Welz: Musterbuch der Ornamente. Vermittlerverlag, Mannheim 2006, ISBN 3-86656-325-6, S. 106 Solche Zeichen, das älteste von etwa 10.000 v. Chr., wurden in Asien und Europa, seltener auch in Afrika und Amerika gefunden.
Das Zeichen hat keine einheitliche Funktion und Bedeutung. Im Hinduismus, Jainismus und Buddhismus wird die Swastika bis heute als religiöses Glückssymbol verwendet. Im Deutschen wird ein heraldisches Zeichen, das der Swastika ähnelt, seit dem 18. Jahrhundert „Hakenkreuz“ genannt.Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden, Leipzig 1854–1961, Quellenverzeichnis: Leipzig 1971. Stichwort „Hakenkreuz“, Adelung (Archivlink, PDF-Download)
mini|hochkant|NSDAP-Parteiabzeichen (in mehreren Staaten verboten) Im 19. Jahrhundert entdeckten Ethnologen die Swastika in verschiedenen Kulturen des Altertums. Einige verklärten sie zum Zeichen einer angeblichen indogermanischen Rasse der „Arier“. Die deutsche völkische Bewegung deutete das Hakenkreuz antisemitisch und rassistisch. Im Anschluss daran machten die Nationalsozialisten ein nach rechts gewinkeltes und 45 Grad geneigtes Hakenkreuz 1920 zum Kennzeichen der NSDAP und 1935 zum zentralen Bestandteil der Flagge des Deutschen Reiches.
Weil das Hakenkreuz Ideologie, Gewaltherrschaft und Verbrechen des Nationalsozialismus repräsentiert, ist die politische Verwendung hakenkreuzförmiger Symbole seit 1945 in Deutschland, Österreich und weiteren Staaten verboten. In Deutschland dürfen Hakenkreuze nach Absatz 4 StGB nur zur „staatsbürgerlichen Aufklärung“, im Sinne der allgemeinen Kunstfreiheit und zu ähnlichen Zwecken gezeigt werden.
Rechtslage
Am 30. August 1945 verbot der Alliierte Kontrollrat allen Deutschen, „irgendwelche militärische Rangabzeichen, Orden oder andere Abzeichen zu tragen“. Das Verbot umfasste auch NS-Hakenkreuze. Es blieb bis 1955 in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR in Kraft.Jörg Echternkamp: Soldaten im Nachkrieg: Historische Deutungskonflikte und westdeutsche Demokratisierung 1945–1955. De Gruyter, Berlin 2014, ISBN 978-3-11-035093-7, S. 175 Am 10. Oktober 1945 verbot der Kontrollrat die NSDAP, alle ihre Gliederungen und angeschlossenen Verbände und deren Symbole. In den Nürnberger Prozessen 1946 wurde die NSDAP mit allen Untergliederungen zur „verbrecherischen Organisation“ erklärt. Somit waren auch deren Symbole verboten.
In der Bundesrepublik Deutschland galten gemäß Artikel 139 des Grundgesetzes zunächst sämtliche Gesetze der Alliierten zur „Befreiung des deutschen Volkes vom Nationalsozialismus und Militarismus“ weiter. Sie wurden durch die Aufnahme der Straftatbestände Friedensverrat, Hochverrat und Gefährdung des demokratischen Rechtsstaates ( bis ) in das Strafgesetzbuch abgelöst. In diesem Rahmen bedroht StGB das „Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen“ mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe oder einer Geldstrafe. Strafbar sind danach sowohl das Verbreiten der genannten Kennzeichen als auch das öffentliche Verwenden sowie das Verwenden in einer Versammlung und das Verwenden in einem vom Täter verbreiteten Inhalt sowie bestimmte Vorbereitungshandlungen. Absatz 3 nimmt Darstellungen dieser Zeichen davon aus, die „der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken“ dienen.Gabriele Cirener et al. (Hrsg.): Strafgesetzbuch Leipziger Kommentar Band 7: §§ 80 bis 121. 13., neu bearbeitete Auflage, De Gruyter, Berlin 2020, ISBN 3-11-048879-5, S. 74–110
Der Bundesgerichtshof (BGH) klärte die Reichweite von § 86a StGB in Musterprozessen. Seit 1973 umfasst das Verbot Hakenkreuze auf Kriegsspielzeug und originalgetreuen Modellen von Waffen der NS-Zeit. Erlaubt wurden später aber Hakenkreuze, die den Nationalsozialismus objektiv nicht befürworten:
mini|100x100px|Hakenkreuz im Verbotsschild in Kunstwerken, zum Beispiel politischen Karikaturen,Ulrich Klug: Skeptische Rechtsphilosophie und humanes Strafrecht Band 2: Materielle und Formelle Strafrechtsprobleme. Springer VS, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-642-68281-0, S. 289 in Auktionskatalogen,Dirk Reuter: Verbotene Symbole: eine strafrechtsdogmatische Untersuchung zum Verbot von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen in [Paragraphen] 86a StGB. Nomos, Baden-Baden 2005, ISBN 3-8329-1483-8, S. 259 zur Religionsausübung, etwa der Falun Gong in Deutschland,Stephan Braun (Hrsg.): Rechte Netzwerke — eine Gefahr. Springer VS, Wiesbaden 2004, S. 252 als gegen Rechtsextremismus gerichtete Symbole antifaschistischer Gruppen. Damit hob der BGH 2007 vorherige Urteile gegen Verwender solcher Symbole auf.Durchgestrichenes Hakenkreuz kein verbotenes Kennzeichen. BGH, 15. März 2007
Nach geltender Rechtsauffassung verbietet § 86a StGB auch von Neonazis veränderte Symbole, manche wie die Odalrune, Triskele und Schwarze Sonne jedoch nur als Logo verbotener Organisationen, nicht allgemein.Enno Stiehm: Rechtsextreme Jugendliche: Erkennungsmerkmale, Begriffe, Erklärungsansätze und schulische Handlungsmöglichkeiten. Diplomica, Hamburg 2012, ISBN 3-8428-7877-X, S. 39f. Das private Entfernen rechtswidriger Hakenkreuze vom Eigentum Dritter, etwa durch Übermalen, Abkratzen oder Überkleben, gilt meist als Sachbeschädigung.Deutscher Bundestag – Wissenschaftlicher Dienst: Entfernen verfassungsfeindlicher Symbole von Eigentum Dritter. WD 7 – 080/07 (PDF; 132 kB)
In Österreich regelt das Verbotsgesetz 1947 den Umgang mit nationalsozialistischen Organisationen, Gedankengut und deren Symbolik und bestraft den Missbrauch.
Das Europäische Parlament schlug auf deutsche Initiative 2005 ein europaweites Verbot der Swastika vor. Anlass war eine Fotografie des britischen Prinzen Harry in einer NS-Uniform mit Swastika-Armbinde, die er bei einer privaten Kostümparty am 14. Januar 2005 getragen hatte.Uwe Backes, Patrick Moreau: The Extreme Right in Europe. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 3-525-36922-0, S. 381 In Großbritannien demonstrierte das Hindu-Forum, das etwa 700.000 Hindus vertritt, gegen das Verbot.Hindus want to 'reclaim' swastika. BBC, 19. Januar 2005; Bizarrer Streit: Hindus wehren sich gegen Hakenkreuz-Verbot. Spiegel, 25. Januar 2005 Im Januar 2007 zog Deutschland seinen Vorstoß zurück. Berlin verzichtet auf ein EU-weites Hakenkreuzverbot. Neue Zürcher Zeitung, 31. Januar 2007 Die Europäische Union lehnte das Verbot im April 2007 ab. Einen Verbotskonsens verhinderten vor allem Großbritannien und Dänemark mit ihrer traditionell weiten Auffassung von Meinungsfreiheit sowie Litauen, das auch Symbole des Stalinismus verbieten wollte.Rassismus: EU setzt kein Hakenkreuzverbot durch. Spiegel, 19. April 2007
2013 hob Ungarns Verfassungsgericht ein seit 1993 bestehendes Verbot von Symbolen der „Willkürherrschaft“ (Roter Stern und Hakenkreuz) auf: Das Verbot sei gesetzlich neu zu regeln.Ungarn: Verfassungsgericht hebt Hakenkreuz-Verbot auf. Die Presse, 19. Februar 2013 Lettland dagegen verbot diese beiden Symbole.Lettland verbietet Hakenkreuz und roten Stern. Welt, 21. Juni 2013
In den USA plädieren namhafte Verfassungs- und Völkerrechtler dafür, Neonazis das Zeigen der Swastika generell zu verbieten, weil sie historisch singulär belastet sei, zum Völkermord aufrufe und für die Vernichtung einer Gruppe werbe. Das sei keine schutzwürdige politische Rede, sondern Anstiftung zu Aufruhr und Störung der öffentlichen Ordnung.Thomas Jones: Human Rights: Group Defamation, Freedom of Expression and the Law of Nations. Martinus Nijhoff Publishers, La Hague 1997, ISBN 90-411-0265-5, S. 74
Bezeichnungen Der Ausdruck „Svastika“ taucht erstmals in der Sanskritgrammatik des Inders Panini (um 400 v. Chr.) als Name eines Brandzeichens für Vieh auf.Thomas Wilson: The Swastika, the Earliest Known Symbol and its Migrations. 1894, S. 772 Er besteht aus den Silben su („gut“) und asti („es ist“, „es sei“, vom Verb as- „sein“). Die entsprechenden Silben auf Pali bilden zusammen ein Monogramm der Swastika.Graham Sandberg, Augustus William Heyde (Hrsg.): A Tibetan English Dictionary. Motilal Banarsidass, Delhi 1983, ISBN 81-208-0887-8, S. 1153 Das Substantiv bedeutet „das (zum) Gutsein (gehörige)“, „das Heilbringende“. Das Kompositum svastí- bedeutet schon im ältesten Sanskrit „Glück“, „Heil“, „Segen“.Manfred Mayrhofer: Etymologisches Wörterbuch des Altindoarischen, Band II. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 1996, ISBN 3-8253-4550-5, S. 796f. Als Aussage wird es mit „Alles ist/sei gut“ übersetzt. Das Substantiv ist im Sanskrit männlich („der Swastika“).John Bowker (Hrsg.): Das Oxford Lexikon der Weltreligionen. Patmos, Düsseldorf 1999, ISBN 3-491-72406-6, S. 960 In deutschsprachiger Literatur wird es meist mit weiblichem, selten mit sächlichem Artikel bezeichnet. Der englische Plural lautet „Swastika(s)“, der deutsche „Swastiken“.The Oxford-Duden German Dictionary. 2. Auflage, Oxford University Press, Oxford 1999, ISBN 0-19-860248-0, S. 719
In China heißt die Swastika wan, in Japan manji, in Tibet gyung-drung.Robert Beer: Handbook of Tibetan Buddhist Symbols. Publishers Group UK, London 2003, ISBN 1-932476-03-2, S. 98 Bei den nordamerikanischen Navaho steht sie für das „wirbelnde Rundholz“.Rebecca L. Stein: The Anthropology of Religion, Magic, and Witchcraft. Prentice Hall, Upper Saddle River (New Jersey) 2010, S. 59 Im Altnordischen hieß ein ähnliches Zeichen sólarhvél („Sonnenrad“).Mindy MacLeod, Bernard Mees: Runic Amulets and Magic Objects. Boydell & Brewer, Woodbridge (Suffolk) 2006, ISBN 1-84383-205-4, S. 9 Im Altenglischen hieß ein Kreuz mit vier gleichgerichteten Außenhaken fylfot („Vierfuß“). Gemeint war ein Kreuz, das auf einem der Haken steht. Die Gleichsetzung der Swastika (drehend) mit dem Fylfot (stehend) und dem NS-Hakenkreuz (geneigt) gilt als Irrtum.Karl Helm: Altgermanische Religionsgeschichte. Band 1, Carl Winter, Heidelberg 1913, S. 168–171; Stewart McCartney: Popular Errors Explained. Random House, New York 2012, ISBN 978-1-84809-269-3, S. 395
Die rechtwinklige Form wurde als Kombination aus vier griechischen Buchstaben Gamma aufgefasst und darum auf Lateinisch crux gammata, gräzisiert Gammadion genannt. Der davon abgeleitete französische Ausdruck croix gammée bezeichnet auch das NS-Hakenkreuz,Donald A. Mackenzie: Migration of Symbols. (1926) Neudruck: Routledge, New York 1996, ISBN 1-136-19390-1, S. 2 ebenso das Wort croix cramponnée.Comité International d’Histoire de l’Art: Index Universalis Multilingualis: Deutsch – Französisch – Englisch – Latein. De Gruyter, Berlin 2003, S. 148 Das Gammadion wurde im Unterschied zur verwandten Form der Triskele auch Tetraskele („Vierbein“) genannt.John G. R. Forlong: Encyclopedia of Religions, Band 3. (1906) Nachdruck: Cosimo Classics, New York 2008, ISBN 1-60520-489-7, S. 385