Musikpsychologie ist ein Teilgebiet der Musikwissenschaft, das sich der Erforschung der Musik, ihrer Wahrnehmung, ihres Erlebens und Verstehens mit psychologischen Methoden widmet. Sie hat sich von einem Teilgebiet der Systematischen Musikwissenschaft zu einer eigenständigen Fachdisziplin entwickelt. Sie bedient sich – wie die allgemeine Psychologie – unterschiedlicher Methoden und lässt sich in weitere Teilgebiete untergliedern.
Die wissenschaftlichen Aktivitäten auf diesem Gebiet werden durch nationale und länderübergreifende Fachgesellschaften koordiniert. Im deutschsprachigen Raum werden sie durch die 1983 gegründete Deutsche Gesellschaft für Musikpsychologie (DGM) repräsentiert, im englischsprachigen Raum durch die Society for Education, Music and Psychology Research (Sempre),Society for Education, Music and Psychology Research (Sempre). Abgerufen am 21. Mai 2019. die Society for Music Perception and Cognition (SMPC)Society for Music Perception and Cognition (SMPC). Abgerufen am 31. Mai 2019. und die Australian Music Psychology Society (AMPS).Australian Music Psychology Society. Abgerufen am 31. Mai 2019. Auf europäischer Ebene wurde 1991 die European Society for the Cognitive Sciences of Music (ESCOM)European Society for the Cognitive Sciences of Music (ESCOM). Abgerufen am 31. Mai 2019. gegründet.
Themen der Musikpsychologie sind die Wahrnehmung von Musik, die Musikalische Sozialisation, die Möglichkeit des Musikverstehens sowie der Musikproduktion als Komposition, Interpretation und Improvisation. Als angewandte Musikpsychologie leistet die Disziplin einen wichtigen Beitrag zur Betreuung von Musikern, was Aspekte wie Umgang mit Stress und Lampenfieber, Mentales Training, Konzentrationspraxis, Auftrittscoaching und Bühnenperformance beinhaltet.
Musikpsychologie grenzt an andere Teilgebiete der systematischen Musikwissenschaft, wie die Musikalische Akustik, Musikästhetik, Musiksoziologie, Musikpädagogik, Musiktherapie und Musikethnologie.
Geschichte Von Anbeginn der Menschheitsentwicklung dienen Musik und Tanz auch dem elementaren Ausdruck, der psychischen Entlastung und dem Hervorrufen bestimmter Emotionen. Schon in der Antike haben Philosophen und Wissenschaftler über die Wirkung von Musik nachgedacht – der antike Arzt Herophilos von Chalkedon beispielsweise stellte Messungen über den Zusammenhang von menschlichem Puls und Musik an. In der griechischen Musiktheorie wurden den verschiedenen Tonarten bestimmte Emotionen zugeschrieben, was die Art zu komponieren bestimmte. In der Renaissance und später im Barock bestand die Auffassung weiter, dass Musik eine Wirkung auf den Hörer habe, was in einer stark ausdifferenzierten Figurenlehre mündete. Wegen seiner hinterlassenen Schrift Wer ist musikalisch? bezeichnet der Chirurg, Musiker und Billroth-Biograf Ernst Kern den Chirurgen Theodor Billroth, der selbst ein hervorragender Klavierspieler und eng mit Johannes Brahms befreundet war, als „Begründer der Musikpsychologie“.Ernst Kern: Sehen – Denken – Handeln eines Chirurgen im 20. Jahrhundert. ecomed, Landsberg am Lech 2000, ISBN 3-609-20149-5, S. 40.
Der Terminus Musikpsychologie geht im deutschsprachigen Raum auf Ernst Kurth zurück, der ihn in seinem gleichnamigen Buch von 1931 in Abgrenzung zur Tonpsychologie von Carl Stumpf verwendete.Ernst Kurth: Musikpsychologie. Krompholz, Bern 1931. Mit ihm begann eine Phase der Musikpsychologie, die mit Albert Wellek, Christian von Ehrenfels und der Würzburger Schule von der Gestaltpsychologie geprägt war und in Ergänzung zu experimentellen Untersuchungen die Bedeutung der Introspektion zur Erforschung musikalischer Phänomene betonte. Ihr Schwerpunkt war die Wahrnehmung von Musik mit dem Versuch der Darstellung universeller Gesetzmäßigkeiten im Hören, einschließlich der Phänomene des absoluten Gehörs und der Synästhesien. In der englischsprachigen Literatur griff Carl E. Seashore den Begriff auf, der mit seinem Buch Psychology of Music von 1938 erstmals auch Fragen der musikalischen Begabung und der Aufführungspraxis in das neue Fachgebiet einbezog.Helga de la Motte-Haber, Günther Rötter (Hrsg.): Musikpsychologie. (= Handbuch der Systematischen Musikwissenschaft. Band 3). Laaber-Verlag, Laaber 2005, S. 23–26.Albert Wellek: Musikpsychologie und Musikästhetik. Grundriß der Systematischen Musikwissenschaft. 1963.Carl E. Seashore: Psychology of Music. Dover Publications, New York 1969, ISBN 0-486-21851-1. Parallel gab es auch innerhalb der Psychoanalyse ein Interesse an musikpsychologischen Fragestellungen, die sich seit 1910 zunächst in einzelnen Aufsätzen niederschlug.Bernd Oberhoff: Psychoanalyse und Musik. Eine Bestandsaufnahme. Psychosozial, Gießen 2002, ISBN 3-89806-145-0.
In den 1970er Jahren erschienen im deutschsprachigen Raum erste Sammelwerke zum musikalischen Verhalten und Erleben, die von einem ganzheitlichen Denken geprägt waren.Helga de la Motte-Haber: Musikpsychologie. Hans Gerig, Köln 1972.Günther Kleinen: Zur Psychologie musikalischen Verhaltens. Diesterweg, Frankfurt am Main 1974. Mit der Kognitiven Wende in der behavioristischen Psychologie waren seit den 1980er Jahren verstärkt Forschungen zu finden, die vom Paradigma des Kognitivismus ausgingen, was sich sowohl in den Forschungsmethoden niederschlug als auch in der stärkeren Einbeziehung der Frage des musikalischen Lernens. Dadurch entstand eine engere Verbindung zur Musikpädagogik, wie durch die hinzukommenden neuropsychologischen Forschungsansätze eine interdisziplinäre Verknüpfung zur Musikmedizin zu verzeichnen war.Helga de la Motte-Haber, Günther Rötter (Hrsg.): Musikpsychologie. (= Handbuch der Systematischen Musikwissenschaft. Band 3). Laaber-Verlag, Laaber 2005, S. 29f.William Forde Thompson (Hrsg.): Music in the Social and Behavioral Sciences. An Encyclopedia.Publications, New York 2014, ISBN 978-1-4522-8303-6.
Konkrete Anwendung fand die Musikpsychologie seit den 1970er Jahren durch die leichtere Verfügbarkeit von Musik durch die technischen Medien und damit verbundenen Fragestellungen zur direkten Beeinflussung von Menschen durch Musik zu kommerziellen Zwecken. Musik in der Werbung, im öffentlichen Raum, in Film und Videoclips, zur Entspannung oder Aktivierung wurden, teilweise mit der konkreten Zielsetzung einer manipulativen Verwendbarkeit, zum Thema zahlreicher Untersuchungen.Günther Rötter (Hrsg.) Handbuch Funktionale Musik. Psychologie – Technik – Anwendungsgebiete. Springer, Wiesbaden 2017, ISBN 978-3-658-10219-7.
Musikwahrnehmung
Ein Grundlagengebiet der Musikpsychologie beschäftigt sich mit der Wahrnehmung von Musik, ihren psychoakustischen, physiologischen, psychologischen und neurowissenschaftlichen Voraussetzungen.
Musikverarbeitung im Gehirn Musizieren ist für das menschliche Gehirn eine herausfordernde Tätigkeit. Komplexe Bewegungsabläufe müssen koordiniert und mit auditiven, somatosensorischen und visuellen Reizen abgestimmt werden. Aus dem Langzeitgedächtnis werden musikalische und sensorische Informationen abgerufen. Gleichzeitig muss der gesamte musikalische Prozess während des Tuns im Arbeitsgedächtnis geplant werden. Um durch Musik Emotionen zu vermitteln, ist auch die Aktivierung der limbischen Hirnregion erforderlichAltenmüller, Furuya. Apollos Fluch und Segen. Musizieren als Neuroplastizitätsmotor' In: Neuroforum 23 (2), S. 76–95. Bei professionellen Musikern konnte eine nachhaltige Beeinflussung der Gehirnstruktur festgestellt werden. Die Verbindung beider Gehirnhälften ist stärker ausgeprägt, als bei nicht musizierenden Menschen.Birgit Herden. Die Macht der Musik. In: Zeit Online. Vom 28. September 2017.
Beim Hören von Musik werden ebenfalls viele Prozesse im menschlichen Gehirn aktiviert. Das Gehörte wird im semantischen Gedächtnis und im Emotionszentrum verarbeitet. Die Wahrnehmung und Speicherung von Musik im Gehirn beginnen früh. Bei einem Experiment der Keele University in Großbritannien konnte nachgewiesen werden, dass bereits Ungeborene im Mutterleib Musik wahrnehmen können. Musikhören ist ein vielschichtiger Vorgang, der nicht eindeutig einer der beiden Gehirnhälften zugeordnet werden kann. Ein eigenständiges Areal der Musikverarbeitung im Gehirn konnte bis jetzt nicht identifiziert werden. Belegt ist jedoch ein Unterschied des Hörens zwischen professionellen Musikern und Laien.Kowal-Summek, Neurowissenschaften und Musikpädagogik. 2017.
Musikalische Begabung Musikalische Begabung wird auch „Musikalität“ genannt. Die Frage, was musikalische Begabung ist, wie sie gemessen werden kann und ob und wie sie gefördert werden kann, wird seit etwa hundert Jahren wissenschaftlich untersucht. Heute wird sie in den umfassenderen Zusammenhang der musikalischen Entwicklung gestellt. Sie betrifft gleichermaßen die Musikpsychologie und die Musikpädagogik.Klaus-Ernst Behne, Günther Kleinen, Helga de la Motte-Haber (Hrsg.) Musikalische Begabung und Expertise. In: Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie. Band 17, Hogrefe-Verlag, Bern 2004.Heiner Gembris: Grundlagen musikalischer Begabung und Entwicklung. Wißner-Verlag, Augsburg 2017, ISBN 978-3-95786-113-9. Während das Schwergewicht der Forschung und Förderung zunächst auf Menschen jüngeren Alters lag, kommt im Zusammenhang der Musikgeragogik auch die Frage auf, wie sich musikalische Begabung im Alter weiterentwickelt.Heiner Gembris (Hrsg.) Begabungsförderung und Begabungsforschung in der Musik (= Schriften des Instituts für Begabungsforschung in der Musik; IBFM). Lit-Verlag, Münster 2010, ISBN 978-3-643-10867-8.Heiner Gembris (Hrsg.): Musikalische Begabung und Alter(n). Lit-Verlag, Münster 2014, ISBN 978-3-643-12867-6.
Testverfahren Im Rahmen der musikalischen Begabungsforschung wurden seit Anfang des 20. Jahrhunderts wissenschaftlich fundierte Tests zur Musikalität entwickelt.Clemens Renner: Wer ist musikalisch? (PDF; 639 kB). Ein relativ bekanntes Beispiel ist der Test „Musical Aptitude Profile“ von Edwin E. Gordon aus dem Jahr 1965. Der relativ aufwendige Test ist in die folgenden drei Bereiche unterteilt: tonales Vorstellungsvermögen (Melodie und Harmonie), rhythmisches Vorstellungsvermögen (Tempo und Metrum) und musikalische Urteilsfähigkeit (Phrasierung, Ausgeglichenheit, Stil).
Ein weiterer bekannter Test für die musikalische Begabung bei Kindern wurde von Arnold Bentley 1966 veröffentlicht.Arnold Bentley (Übertr. u. für d. Anwendung im deutschsprachigen Raum eingerichtet von Richard Jakoby): Musikalische Begabung bei Kindern und ihre Meßbarkeit. (= Schriftenreihe zur Musikpädagogik). 2. Auflage. Diesterweg, Frankfurt am Main u. a. 1973, ISBN 3-425-03741-2. Bentleys Musikalitätstest ist ein Gruppentest, der von Lehrern in der praktischen Schularbeit mit sieben- bis vierzehnjährigen Kindern eingesetzt werden soll. Komponenten wie Unterscheidungsfähigkeit für Tonhöhe, des Ton- und Rhythmusgedächtnisses sowie die Fähigkeit, Akkorde zu analysieren bzw. zu bestimmen, sollen mit diesem Test von Bentley bestimmt werden können.
Der „Wiener Test für Musikalität“ aus dem Jahr 2004 von Vanecek/Preusche/Längle ist nach Angaben der Herausgeber der erste computerbasierten Musikbegabungstest für Kinder im Vor- und Volksschulalter. Er gliedert sich in zwei Bereiche: den sogenannten „Längle-Test“ zur Messung der Tonhöhenunterscheidung und den „Wiener-Walzer-Test“ zur Messung des Erkennens von Rhythmusverschiebungen innerhalb eines Taktes.Wiener Test für Musikalität im Hogrefe-Verlag.
Musikalische Präferenzen