mini|Das Alphabet in der individuellen Wahrnehmung eines Synästheten: Zu jedem Buchstaben gehört neben seiner Farbe auch noch eine ganz bestimmte Position im Raum. Die Synästhesie (von „mitempfinden, zugleich wahrnehmen“) bezeichnet hauptsächlich die Kopplung zweier oder mehrerer physisch getrennter Modalitäten der Wahrnehmung. Sie kommt durch Verflechtung von Sinnesmodalitäten zustande. Dies betrifft die Verbindung Farbe und Temperatur (beispielsweise die Verbindung „warmes Grün“), Ton, Musik und Räumlichkeit. Im engeren Sinne ist Synästhesie die Wahrnehmung von Sinnesreizen durch miterregte Verarbeitungszentren eines Sinnesorgans im Gehirn, wenn ein anderes Organ gereizt wird.

Menschen, die Wahrnehmungen derart verknüpft erfahren, werden als Synästheten bezeichnet. Synästhetiker sind Menschen, die sich (u. a. wissenschaftlich) mit dem Phänomen befassen.Susanne Will: Schmecken Sie das? (Ein Gespräch mit dem Psychiater Markus Zedler.). In: Die Zeit. Nr. 22, 23. Mai 2019, S. 37.

Synästhesie tritt familiär gehäuft auf: In einer Studie gaben 43 % der Befragten an, dass mindestens ein weiterer Synästhet unter den Verwandten ersten Grades sei.

Synästhesien sind individuell verschiedene Wahrnehmungen. Sie sind für sich alleine keine Symptome von Störungen, können aber krankheitsbedingt auftreten – zum Beispiel nach Erblinden – oder durch Drogen, z. B. Halluzinogene, induziert werden.C. Hyung Keun Park, Seul A. Kim, Joon Sung Shin, Daewook Kim, Yong Min Ahn: Synesthesia occurring after the use of Japanese kiken drugs: A case report. In: Psychiatria Danubina. 30, 2, 2018, S. 223–226. PDF.

In der Rhetorik steht der Begriff für das Vermischen von Sinnesebenen.

Physiologische Normvariante mini|hochkant|Ein Beispiel für Gefühlssynästhesie: Unbehagen zeigt sich als weißer Tropfen Die Synästhesie, die unter normalen Bedingungen erlebt wird und typischerweise in der Kindheit entsteht, ist eine Normvariante der Wahrnehmung. Bei Synästheten löst ein Sinnesreiz von einer Sinnesmodalität eine zusätzliche „Wahrnehmung“ in mindestens einer anderen Sinnesmodalität aus. Das bedeutet, dass beispielsweise Töne über die Haut „streichen“, Geschmacksempfindungen verschiedene „Formen“ bekommen oder Bewegungen von einem „Klang“ begleitet werden. Es sind über 60 Varianten der Synästhesie bekannt. Nicht immer muss dabei ein sensorischer Stimulus vorliegen. Viele Synästheten nehmen Zahlen farbig wahr und bei manchen reicht die gedankliche Visualisierung der Zahl, um die Farbgebung auszulösen.

Der Begriff der Synästhesie umfasst einige weitere Phänomene, die keine strikte Verknüpfung zwischen den fünf Hauptsinnen darstellen, weswegen eine neue Definition der Synästhesie diskutiert wird. Bei Gefühlssynästhesien sind Emotionen involviert.H. M. Emrich, J. Neufeld, C. Sinke: In: See this sound, Webseite von Dieter Daniels. Abgerufen am 7. Februar 2014. Es wurde festgestellt, dass Emotionen synästhetische Farben auslösen können und dass einige Personen Zahlen und andere abstrakte Stimuli personifizieren. Bei einzelnen Personen verursachen tastbare Materialien bestimmte Emotionen. Ein weiteres Phänomen ist das Fühlen einer Berührung am eigenen Körper, das durch die Beobachtung ausgelöst wird, wie eine andere Person berührt wird. Auch das gedankliche Visualisieren von Untertiteln, die gesprochene oder gedachte Wörter begleiten, wurde mit der Synästhesie in Bezug gesetzt. Zusätzlich zu den fünf Hauptsinnen kann die Motorik in Verbindung beispielsweise mit dem Hören ebenfalls eine Synästhesie auslösen. Dieses Phänomen würde sich dadurch äußern, dass die Person eine bestimmte Körperhaltung mit einem Klang assoziiert. Somit ergeben sich bei sechs Sinnesmodalitäten (Hören, Sehen, Schmecken, Fühlen, Riechen, Motorik) dreißig mögliche Zweierkombinationen von Modalitäten.

Der auslösende Stimulus einer Synästhesie wird in der englischsprachigen Literatur als Inducer bezeichnet. Die synästhetische Zusatzempfindung wird Concurrent genannt.J. Simner: The rules of synesthesia. In: J. Simner, E. M. Hubbard (Hrsg.): The Oxford Handbook of Synesthesia. Oxford University Press, Oxford 2013, S. 150. Der Concurrent kann sich in Gedanken oder außerhalb der Gedanken befinden, wobei auch im letzteren Fall die Quelle der Wahrnehmung klar ist. Manche Synästheten können beispielsweise Geräusche nicht nur hören, sondern auch Formen und Farben dazu „sehen“. Das Geräusch bekommt zusätzlich zu den üblichen Eigenschaften diese weiteren Eigenschaften. Das Bild, das dabei entsteht, überlagert sich jedoch nur bei den wenigsten Synästheten mit dem Wahrgenommenen, sondern wird vor einem „inneren Auge“ sichtbar. Doch selbst wenn sich die synästhetische Zusatzwahrnehmung mit dem auslösenden Reiz überlagert, ist die Synästhesie als zusätzlich anzusehen. Der auslösende Stimulus wird nicht durch den Concurrent ersetzt, sondern weiterhin wahrgenommen, sodass beides, der auslösende Stimulus sowie der Concurrent, erlebt wird.

Die Synästhesien lassen sich klar von Halluzinationen unterscheiden: Wenn einem Synästheten zum Beispiel ein bestimmter Ton wie eine leuchtend orange Kugel vorkommt, dann ist ihm klar, dass in der Realität keine orange Kugel da ist, die er mit den Augen sehen könnte. Ebenso sieht auch ein Synästhet, der synästhetische Farben auf gedruckte Buchstaben projiziert, in welcher Farbe die Buchstaben geschrieben sind, und weiß, dass die synästhetischen Farbschattierungen vom Gehirn produziert sind. Wenn sich ein Synästhet eine Zahl automatisch in einer bestimmten Farbe vorstellt, lässt sich dies ein Stück weit mit anderen visuellen Gedanken vergleichen.

Meist wird in sensorische und kognitive Synästhesie unterschieden. Bei der sensorischen Synästhesie kommt es durch Stimulation eines Sinnes zu unwillkürlichen und gleichzeitigen synästhetischen Empfindungen in anderen Sinnessystemen. Beispielsweise kann der Klang eines Musikinstrumentes zu Farbwahrnehmungen führen. Bei der kognitiven Synästhesie erhalten Gruppen von Dingen (zum Beispiel Zahlen oder Buchstaben) sensorische Zuordnungen, wie Geruch und Geschmack. So werden beispielsweise Buchstaben als Farben wahrgenommen: der Buchstabe A = pink, der Buchstabe B = blau oder der Buchstabe C = grün.

Es wurde vorgeschlagen, die Unterscheidung in sensorische und kognitive Synästhesie zugunsten der Vorstellung der Ideästhesie aufzugeben. Dieser Begriff bezeichnet die Auffassung, dass synästhetisches Erleben immer einen kognitiven, also semantischen und einen sensorischen Aspekt besitzt. Der Auslöser oder Trigger der synästhetischen Empfindung ist demnach ein Konzept (beispielsweise die Bedeutung der Zahl „5“) und die synästhetische Wahrnehmung selbst ein sensorisches Attribut (im Ergebnis beispielsweise „blau“).

Kategorisierung mini|Farben-Synästhesie bei Buchstaben und ZiffernIm Allgemeinen wird zwischen drei Formen der Synästhesie unterschieden: Genuine Synästhesie: Alle Arten von Synästhesie, bei denen eine äußere Wahrnehmung unwillkürlich eine synästhestetische Wahrnehmung auslöst. Das Charakteristische an dieser angeborenen (genuinen) Synästhesie besteht in der Unveränderlichkeit des jeweiligen synästhetischen Eindrucks (ein Trompetenton z. B. geht immer mit einem blauen runden Eindruck einher). Gefühlssynästhesie: ist eine Unterform der genuinen Synästhesie. Hier lösen Gefühle bei einigen Synästheten Wahrnehmungen aus, z. B. Farbensehen. Gefühlssynästheten bilden z. B. auf dem zweiten inneren „Bildschirm“ nicht den semantischen Inhalt aus einem anderen Sinneskanal ab, sondern vielmehr die dabei mitlaufenden eigenen emotionellen Gefühlszustände. Gefühlssynästhetische Wahrnehmungen unterliegen einer gewissen Varianz, denn ebenso wie die beteiligten Emotionen können sie nicht genau gleich reproduziert werden. Bei einigen genuinen synästhetischen Wahrnehmungen ist dies ebenfalls beobachtbar. So wird z. B. beim Farbenhören der Grundcharakter der Wahrnehmung von Musik zwar gleich bleiben (z. B. die Grundfarbnuance oder die taktile Beschaffenheit des Instrumentenklangs), aber ein Klang aus unterschiedlichen Quellen (verrauschtes Kofferradio versus HiFi-Anlage) ruft möglicherweise entsprechend unterschiedliche Wahrnehmungen hervor. Metaphorische Synästhesie: ist ein wissenschaftlich noch nicht gut erforschtes assoziatives Phänomen, das bei jedem Menschen auftreten kann, bei dem Gefühlszustände mit zugeordneten imaginierten Wahrnehmungen einhergehen. mini|Farben-Synästhesie bei Ziffern – jeder sieht andere Farben mini|Beispiel einer assoziierten Graphem-Farb-Synästhesie, die mit einer Sequenz-Raum-Synästhesie verwoben ist: Zahlen haben in Gedanken Farben und nehmen räumliche Positionen ein mini|Beispiel einer projizierten Graphem-Farb-Synästhesie: Wie in der Gestalttheorie beschrieben, macht das Gehirn eine Auto-Vervollständigung des Gesehenen und verleiht ihm damit Eigenschaften, die nicht direkt aus den visuellen Informationen hervorgehen. Die weiße Farbe der Figuren macht eher einen glatteren, gleichmäßigeren und helleren Eindruck als die dreidimensionale, leicht unregelmäßig wirkende weiße Farbe des Hintergrundes. Außerdem entsteht der Eindruck einer Kante zwischen dem wahrgenommenen Objekt und dem Hintergrund. Gleichzeitig ist uns aber bewusst, dass die weiße Farbe überall gleich weiß ist. Auf eine ähnliche Art und Weise kann zum Beispiel auch die schwarze Druckfarbe der Zahl „5“ bei der Graphem-Farb-Synästhesie eine knallorange-tiefschwarze Wirkung haben, obwohl sie eindeutig als „schwarz“ gesehen wird. Durch die Möglichkeiten der verschiedenen Kombinationen von Sinneseindrücken als Triggers („Inducers“) und darauffolgenden synästhetischen Wahrnehmungen als sogenannten „Concurrents“ gibt es verschiedene Formen der Synästhesie (Grossenbacher 1997). Am häufigsten sind Synästhesien, die durch sprachliche Codes (Buchstaben, Zahlen und Wörter) ausgelöst werden. Dabei sind die meisten Concurrents visueller Natur (Muster, Farben). Je nachdem, ob man auf den auslösenden Reiz (Inducer) oder die darauffolgende ausgelöste synästhetische Reizerfahrung (Concurrent) achtet, können verschiedene Kategorisierungen von Synästhesien vorgenommen werden (Flournoy, 1893). Ramachandran und Hubbard haben 2001 zusätzlich vorgeschlagen, dass die verschiedenen Synästhesieformen in „tiefere“ und „höhere“ Formen unterteilt werden – je nachdem, ob die Inducer auf einem tieferen Level, bei Tönen oder Lichtern, oder auf einem höheren Niveau der Verarbeitung, wie bei Buchstaben, Zahlen und Sequenzen, synästhetisch wirken. In Bezug auf die Concurrents kann konstatiert werden, dass die visuellen Eindrücke von einer eindrücklichen photoähnlichen Projektion bis hin zu einer überwältigenden geistigen Vorstellung reichen. Dixon hat 2004 diese zwei Extreme als Projektoren und Assoziierer beschrieben (Projector, Associator).

In der Erforschung der Merkmale von Synästhesie legte der US-amerikanische Neurologe Richard Cytowic sechs Merkmale fest, die hier in einer revidierten Fassung wiedergegeben werden:

Synästhesien finden unwillkürlich statt, brauchen aber einen Auslöser. Synästhesien sind eindeutig unterscheidbar: Verschiedene Dinge rufen verschiedene synästhetische Wahrnehmungen hervor (zum Beispiel sind A und R beide rot, aber mit verschiedenen Farbtönen). Synästhesien basieren auf einfachen und abstrakten Formen: Auslöser einer synästhetischen Empfindung sind oftmals abstrakte Formen (zum Beispiel geometrische Figuren). Synästhesien sind erinnerbar: Synästheten können sich leicht an synästhetische Wahrnehmungen erinnern. Synästhesien verlaufen in eine Richtung: Synästhesie ist mit einer Einbahnstraße vergleichbar; ein Synästhet kann zwar beim Musikhören Farben sehen, umgekehrt funktioniert das aber nicht. Dieser Punkt ist strittig. Manche Synästheten, die Zahlen, Formen oder Buchstaben farbig sehen, können eine Farbe oder eine Reihe von Farben in Zahlen, Formen oder Buchstaben unbewusst umwandeln.