mini|Klaviatur eines modernen Klaviers Eine Klaviatur [] (von , im übertragenen Sinne ‚Taste‘; , älter auch ; , ), auch Tastatur bezeichnet eine Reihe von Tasten, die eine Mechanik, Traktur oder Elektronik zum Zwecke der Tonerzeugung oder Tonhöhensteuerung in Tätigkeit versetzt. Sie sind Bestandteil aller Tasteninstrumente wie Klavier, Orgel, Celesta, Akkordeon, Drehleier, Schlüsselfidel u. v. a.

Bei Instrumenten mit mehreren Klaviaturen (Orgel, Cembalo) spricht man auch von Manualen (von lat. manus „Hand“), wenn die betreffenden Klaviaturen mit den Händen zu spielen sind, und vom Pedal (v. lat. pes „Fuß“), wenn die Klaviatur mit den Füßen gespielt wird. Instrumente mit mehreren Pedalklaviaturen wurden nachweisbar nur dreimal in der Musikgeschichte gebaut.

Dieser Artikel behandelt in erster Linie Klaviaturen für die Hände.

Die englische Bezeichnung für Klaviatur und Tastatur, Keyboard (von , ‚Taste‘), wird im Deutschen für eine Gruppe von elektronischen Tasteninstrumenten verwendet.

Entwicklung der Klaviaturen mit 12 Tasten pro Oktave

mini|300px|links|Klaviaturen der Orgel in Halberstadt Abb. bei Praetorius (1620) – die Untertasten im Diskantklavier sind etwa 6 cm breit. Abgebildet sind Klaviaturen mit zwei Tastenreihen, auf der rechten Seite oben die früheste bekannte Klaviatur mit sieben und fünf Tasten, darunter in der Mitte eine Klaviatur mit acht und vier Tasten sowie rechts unten eine Pedal-Klaviatur mit acht und vier Pedalen. Heutige Tasteninstrumente haben meist zwei Reihen von Tasten, die mit dem Begriffspaar Untertasten (meist vorne) und Obertasten (meist weiter vom Spieler entfernt, höher als die Untertasten und in anderer Farbe) unterschieden werden.

Diese neuzeitlichen Klaviaturen entwickelten sich nach und nach aus einer einreihigen Tastatur, wie sie bereits für die Hydraulis des Ktesibios angenommen wird, meist mit sieben Tasten und damit Tönen pro Oktave. Diese sieben Töne entsprechen einer bestimmten diatonischen Tonleiter. Um entsprechende diatonische Tonleitern auch bei anderen Grundtönen beginnen zu können, wurden nach und nach zusätzliche Tasten ergänzt, die in der Folge eine zweite Tastenreihe bildeten. Zwei Beispiele früher zweireihiger Klaviaturen zeigen die Abbildungen von Praetorius der Klaviaturen der Orgel des Domes zu Halberstadt von Nicholas Faber, 1361, erweitert 1495.

mini|150px|Clavichord mit kurzer Oktave, beschriftet Noch bis ins neunzehnte Jahrhundert wurde in der Regel bei allen Tasteninstrumenten die tiefste (d. h. die große) Oktave nicht vollständig mit Halbtönen versehen. Man baute stattdessen fast immer Instrumente mit sogenannter kurzer Oktave (C, F, D, G, E, A, B, H) oder gebrochener Oktave (zusätzlich mit Fis und Gis; vereinzelt finden sich auch Varianten der kurzen Oktave ab G1). Noch bis Mitte des 18. Jahrhunderts wurde meistens das große Cis weggelassen.(→ Kurze Oktave)

Eine im Vergleich zum gängigen „7-2-3-System“ (7 weiße und 5 schwarze Tasten) symmetrische Anordnung der „6-6-Klaviatur“ (mit 6 weißen und 6 schwarzen Tasten) wurde von Howe und Wood in den USA umgesetzt, geht aber auf den deutschen Erfinder Otto QuanzOtto Quantz: Eine neue chromatische Klaviatur und Notenschrift. 1877. zurück.Gottfried Rehm: Symmetrische Klaviaturanordnung bei Tasteninstrumenten. In: Gitarre & Laute 4, 1982, Heft 4, S. 185.

Klaviaturen mit mehr als 12 Tönen pro Oktave

mini|150px|Cembalo mit „gebrochenen“ Obertasten mini|150px|Cembalo universale mit 19 Tönen pro Oktave

Klaviaturen mit mehr als einem Ton pro Taste Indem die eigentlich gleichtönigen Zungen des Akkordeons so umgestimmt werden, dass sie wechseltönig im Vierteltonabstand gestimmt sind, werden mit 12 Tasten 24 Töne je Oktave spielbar. Derartige Akkordeons werden von zeitgenössischen Komponisten ernster Musik wie Veli Kujala eingesetzt, aber auch in Ägypten in der traditionellen Musik. Einer der wichtigsten Vertreter der Tradition in Ägypten ist der Akkordeonist Sheikh Taha.

Eine weitere Lösung mit mehr als einem Ton pro Taste nutzt die sogenannte „Enharmonische Pfeifenorgel“ der Orgelbaufirma Schumacher, sie befand sich als Dauerleihgabe im Prayner Konservatorium in Wien. Sie besitzt eine Automatik, die die Akkorde nach Tastenbildern erkennt und Pfeifen entsprechend einer bestimmten vorgegebenen harmonischen Analyse ansteuert. eufonia.de; abgerufen am 26. Oktober 2014.

Klaviaturen mit mehr als 12 Tasten pro Oktave

mini|Orthotonophonium von 1914 im Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig mini|Viertelton-Klaviatur nach W. Möllendorff Um die intonatorischen Probleme des Musizierens über wechselnden Grundtönen zu verringern oder um Tonsysteme mit Mikrointervallen nutzen zu können, wurden Klaviaturen über die heute gebräuchlichen zwölf Tasten pro Oktave hinaus erweitert.

Bei einigen Lösungen werden die zusätzlichen Tasten durch Teilen der Obertasten „gewonnen“. Bei ihnen wird der Begriff gebrochen für Obertasten verwendet, die mehrfach ausgeführt sind, um die enharmonische Verwechslung zu vermeiden. Sind Doppeltasten vorhanden (meist für Dis/Es und Gis/As), handelt es sich um ein Subsemitonium (= „Unter-Halbton“ im Sinne von Unterteilung). Dadurch wird erreicht, dass man bei mitteltöniger Stimmung auch in Tonarten mit mehreren Vorzeichen spielen kann, ohne dass sich die Quinten „reiben“ (Wolfsquinte Gis–Es).

Nach der Beschreibung von Michael Praetorius (1619)De Organographia. In: Michael Praetorius: Syntagma musicum. Band 2. 1619. Nachdruck: Bärenreiter, Kassel 2001, ISBN 3-7618-1527-1, S. 63–66. Eine Rekonstruktion des Cembalobauers Keith Hill befindet sich im Organeum in Weener sind auf dem „Cembalo universale“ oder „Cimbalo cromatico“ neben den fünf geteilten Obertasten auch noch Eis und His vorhanden, sodass eine Oktave über 19 Töne verfügt: C, Cis/Des (geteilte Taste), D, Dis/Es (geteilte Taste), E, Eis, F, Fis/Ges (geteilte Taste), G, Gis/As (geteilte Taste), A, Ais/B (geteilte Taste), H, His.

Mit gebrochenen Obertasten war auch das 1555 von dem italienischen Musiktheoretiker und Komponisten Nicola Vicentino erfundene Archicembalo ausgestattet. Es hatte insgesamt 36 Tasten pro Oktave, die auf zwei Manuale verteilt waren.

Die Klaviatur des Orthotonophoniums verfügt über 72 Tasten je Oktave mit ihnen zugeordneten 72 Tonstufen. So können in allen diatonischen Tonarten Intervalle, Akkorde und auch Modulationen in reiner Stimmung gespielt werden.

Eine Klaviatur für Vierteltonmusik mit 24 Tasten pro Oktave wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von Willi Möllendorff entwickelt und an einem Harmonium vorgeführt.

Bauformen der Klaviaturen

Klaviaturen unterliegen einem starken Standardisierungs-Druck, da Musiker mit einem einmal erlernten Bewegungsmuster auf möglichst vielen Instrumenten spielen können möchten. Dadurch konnte und kann die bei heutigen Klavieren übliche Klaviaturform eine beherrschende Stellung behaupten, obwohl es zumindest in Teilbereichen andere, bautechnisch, musikalisch und ergonomisch sinnvollere Klaviaturen gibt. So rücken durch die Anordnung der zwölf Tasten einer Klaviatur in Reihen zu zwei mal sechs Tasten die Oktaven deutlich zusammen, weite Intervalle werden leichter spielbar.

Die üblichen Klaviaturen neuzeitlicher Klaviere mini|Schematische Darstellung eines Oktavausschnitts einer Standardtastatur Die üblichen Klaviaturen neuzeitlicher Klaviere haben 12 längsrechteckige Tasten pro Oktave, so angeordnet, dass die sieben Stammtöne eine untere, vordere Reihe (Untertasten) und die fünf ergänzenden chromatischen Töne eine obere, hintere Reihe (Obertasten) bilden.

Stichmaß Das Stichmaß dient als Anhaltspunkt beim Vergleich von Klaviaturgrößen und Tastenbreiten und umfasst drei Oktaven (21 Untertasten) im Mittelbereich der Klaviatur, wird also üblicherweise von linker Kante der Untertaste C bis zur rechten Kante der Untertaste h1 plus ein Untertastenspatium gemessen. Bei historischen Tasteninstrumenten liegt dieser Wert meist bei 47,5±0,5 cm.Pianomuseum.eu (PDF; 141 kB) Die Maße heutzutage gefertigter Klaviaturen für Pianos und Flügel richten sich meist nach DIN 8995. Diese schreibt für sieben volle Oktaven (50 Untertasten) eine Breite von 118,0±0,4 cm vor, was umgerechnet einem Stichmaß von 49,56±0,168 cm entspricht.

Tonumfang der Klaviaturen mini|Die Noten auf der Klaviatur Der Tonumfang der Klaviaturen erhöhte sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zunächst kontinuierlich. In der jüngeren Gegenwart gibt es bei Spezialanwendungen wieder Instrumente mit geringerem Tonumfang der Klaviaturen.

Historische Entwicklung: In der Renaissance und im Frühbarock waren Klaviaturen mit 49 Tasten (4 Oktaven) und weniger üblich. Um das Jahr 1750 hatte sich die Tastenanzahl auf 4 ½ bis 4 ⅔ Oktaven erhöht. Um 1750 beginnt sich die Tastenanzahl von besaiteten Tasteninstrumenten und von Orgeln zu splitten: Während die Umfänge bei besaiteten Tasteninstrumenten weiter wachsen, stagniert die Tastenanzahl bzw. der Manualumfang bei der Orgel bei besagten 4 ½ bis 4 ⅔ Oktaven. Besaitete Tasteninstrumente (Clavichorde, Kielinstrumente, Pianofort) der Mozartzeit, bis um das Jahr 1800, besitzen 61 Tasten (5 Oktaven) Tonumfang. Nach 1800 findet auf Anforderung der Pianisten und Komponisten eine rasche Erweiterung der Tastenanzahl statt, wobei hier zum Teil regionale Beschleunigungen und Verzögerungen auftreten: 5 ½, 6, 6 ½, 7 Oktaven, schließlich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts auf 7 ⅓ Oktaven Umfang, wobei dann beinahe das gesamte Spektrum von in der Tonhöhe vom Gehör differenziert wahrnehmbaren Tönen abgedeckt wird.

Heute umfasst die Klaviatur bei Klavieren und Digitalpianos in der Regel 88 Tasten (7 ⅓ Oktaven von A2 bis c5); manchen großen Konzert-Flügeln bis zu 97 Tasten (8 Oktaven von C2 bis c5); hierbei sind die „Zusatztasten“ der Subkontraoktave (C2 bis Gis2) häufig andersfarbig ausgeführt Einsteiger-Digitalpianos, semi-professionellen Keyboards oder Synthesizern meistens 76 Tasten (6 ⅓ Oktaven), selten 73 (6 Oktaven); Keyboards für Hobby-Musiker („Standard-Size Keyboard“), vielen MIDI-Keyboards und einigen E-Pianos 61 Tasten (5 Oktaven); manchen Spezial-Synthesizern (z. B. Bass-Synthesizern) und Keyboards (für Kinder) 49 Tasten oder weniger (bis 25).

Bei Orgeln schwankt die Anzahl der Tasten in den Manualen sehr stark. Bestrebungen der Normierung beziehen sich in der Regel nur auf die geometrischen Maße. Bei Neubauten beträgt die Anzahl der Tasten in den Manualen 56 (C bis g3), 58 (C bis a3) oder 61 Tasten (C bis c4). Da sind 4 ½ bis 5 Oktaven, chromatisch ab C.

Ergonomische Varianten Teilung mini|Pianoteilung (Maße) Unter Teilung versteht man die Aufteilung der Oktavbreite auf die entsprechenden Tasten. Bei der Pianoteilung ist jede Taste gleich breit, und die schwarzen Tasten liegen nicht alle mittig. Bei der Riegerteilung werden die Hintertasten von F, G und A breiter gefertigt.

Strahlenklaviatur Die Strahlenklaviatur war ein Versuch, die Ergonomie des Klaviers weiter zu erhöhen. Zwar bildet die vordere Kante eine gerade Linie, doch die Tasten laufen schräg auf den Spieler zu und treffen sich in einem imaginären Schnittpunkt hinter dem Spieler. Instrumente mit Strahlenklaviatur sind selten. Zur Vermarktung gründete Ibach eigens eine „Strahlenklaviatur G.m.b.H. in Barmen“. Dies ist auch dem Memorial des Großherzogtums Luxemburg Nr. 32 vom 12. Juni 1909 zu entnehmen. Die Strahlenklaviatur ist dort als Patent Nr. 7933 vom 18. Mai 1909 angegeben. Ähnliche Anordnungen haben für Pedalklaviaturen bei Orgeln Verbreitung gefunden und werden als Radialpedal neben dem traditionellen Parallelpedal heute häufiger gebaut.

Goldhammer-Klaviatur