Die Grammatik der hebräischen Sprache (Althebräisch) als Sprache des Tanach (Altes Testament) ist schon seit Jahrhunderten Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtungen. Hier wird ein Einblick in die althebräische Grammatik aus moderner linguistischer Sicht gegeben.
Lautlehre (Phonologie) Die Umschrift der hebräischen Begriffe und Beispiele wird in IPA angegeben.
Lautumfang
Konsonanten Das hebräische Alphabet ist eine Weiterentwicklung des phönizischen Alphabetes. Der Lautstand der hebräischen Sprache hat sich im Laufe der Geschichte in verschiedenen Aussprachetraditionen gewandelt, was sich in der über viele Jahrhunderte entstandenen hebräischen Literatur widerspiegelt. So kommt es, dass einigen der 22 Zeichen mehrere (ähnlich klingende) Laute zugeordnet sind.
Die Aussprache des ו (Waw) dürfte in Tiberias der arabischen Prägung nach dem IPA-w wie im englischen "water" entsprochen haben. Die Aussprache entspricht heute jedoch (vermutlich aufgrund sephardischer, oder auch aschkenasischer Prägung) dem IPA-v wie im deutschen "Wasser".
Hinweise auf eine unterschiedliche Aussprache der Buchstaben Chet und Ajin ע finden sich in der griechischen Schreibweise von Eigennamen in der Septuaginta. So wird z. B. in den Namen Rachel oder Achaz das hebräische Chet mit griechischem χ Chi wiedergegeben, während es in Eva oder Isaak mit anlautendem Vokal wiedergegeben wird. Ähnlich wird im Ortsnamen Anathoth hebräisches Ajin mit anlautendem Vokal, also wiedergegeben, während es bei Gaza oder Gomorrha als γ Gamma erscheint. Die Konsequenz bei der griechischen Wiedergabe und die Korrespondenz zu entsprechenden arabischen Lauten legen nahe, dass im Hebräischen dieser Zeit die Unterscheidung der uvularen und pharyngalen Frikative noch existierte, während in späterer Zeit nur noch die pharyngalen Laute gesprochen wurden.Richard C. Steiner: On the Dating of Hebrew Sound Changes (*Ḫ > Ḥ and *Ġ > ‘) and Greek Translations (2 Esdras and Judith). In: Journal of Biblical Literature. Band 124 2005, S. 229–267.
Gemäß dem tiberischen Vokalisationssystem wird bei den Buchstaben Beth, Gimel, Daleth, Kaph, Pe und Taw jeweils eine „weiche“ (spirantisierte) und eine „harte“ (plosive) Aussprache unterschieden. Man nimmt an, dass die Spirantisierung dieser Laute unter dem Einfluss des Aramäischen einsetzte.
Ebenfalls zur Darstellung zweier Laute dient das vorletzte Zeichen des Alphabetes. Nach dem tiberischen System wird durch einen diakritischen Punkt die Aussprache als Schin (Punkt rechts oben) oder als Sin (Punkt links oben) unterschieden. Vermutlich war der Laut Sin zunächst dem Schin ähnlicher und wurde daher mit demselben Zeichen geschrieben. Später glich sich die Aussprache dem Samech an, so dass sich bereits in biblischen Schriften die Vertauschung von Samech und Sin findet.
Es gibt Hinweise, dass auch das Resch doppelt realisiert wurde. Dies ist jedoch in der masoretischen Punktation nicht festgehalten.Geoffrey Khan: The Pronunciation of the reš in the Tiberian Tradition of Biblical Hebrew. In: Hebrew Union College Annual. Band 66, 1995, S. 67–80.
Die Transkription der Konsonanten folgt daher dem Schema:
Die matres lectionis werden nicht transkribiert.
Vokale Das Hebräische unterscheidet im masoretischen Vokalisationssystem die sieben Vokalfärbungen – – – – – – und deren kurze oder lange Aussprache. Für semitische Sprachen wird angenommen, dass es ursprünglich nur drei Vokale (i, a, u) gab und die übrigen durch Umwandlung dieser drei entstanden sind.Gesenius 1909, S. 37 Zur Aussprache und Schreibweise im Einzelnen siehe Hebräische Schrift.
Das Transkript der tiberischen Vokalisierung nach folgendem Schema:
אִ אֵ אֶ אַ אָ אֹ אוֹ אֻ אוּ אֱ אֲ אֳ אְ
Die Vokallänge ist allophonisch und bleibt in der Regel unbezeichnet;
Lautveränderungen Phonetische Gesetzmäßigkeiten nehmen in modernen Hebräisch-Lehrbüchern teilweise viel Raum ein. Die Kenntnis dieser Gesetzmäßigkeiten kann das Verstehen von Formbildungen erleichtern, ist jedoch zum Erlernen der Sprache nicht unbedingt erforderlich.
Veränderung von Konsonanten In der hebräischen Sprache verändern sich verschiedene Konsonanten durch Wortbildung, Beugung (Flexion) oder aus Gründen des sprachlichen Wohlklanges. Dies geschieht durch Vertauschung, Angleichung (Assimilation), Auslassung, Hinzusetzung und Versetzung der Konsonanten.
Vertauschung findet unter Lauten statt, die ähnlich klingen oder mit demselben Sprechorgan artikuliert werden. Angleichung findet statt, wenn Konsonanten in einer schwer auszusprechenden Kombination auftauchen (vergl. dt. selbständig statt selbstständig). Auslassung erfolgt bei „schwachen“ Konsonanten, wenn sie auf Grund ihrer Stellung kaum hörbar wären. Hinzugesetzt werden Konsonanten, um die Aussprache anderer Konsonanten zu erleichtern (vergl. dt. beim Wort(e) nehmen). Versetzung kommt nur bei Zischlauten aus Gründen des Wohlklanges vor.
Veränderung von Vokalen Eine charakteristische Erscheinung in semitischen Sprachen sind die sogenannten „Pausalformen“. So nennt man Formen, die durch die verstärkte Betonung eines Wortes am Satzende entstehen. Die dabei vor sich gehenden Veränderungen der Vokale werden in der masoretischen Vokalisation in dem Bestreben, die ursprüngliche Aussprache zu erhalten, schriftlich festgehalten. Aus einem Seggol () wird dabei in der Regel ein Qamaz (), wobei diese Änderung keinen Einfluss auf die lexikalische oder grammatikalischen Wortbedeutung hat. Weiteres zu diesem Thema siehe im Artikel Teamim.
Silbenbildung Die Silbenbildung hat ebenfalls Einfluss auf die Bildung von grammatischen Formen. Im Hebräischen unterscheidet man zwei Möglichkeiten: Eine Silbe ist offen, d. h. sie endet mit einem Vokal (KV), oder sie ist geschlossen, d. h. sie endet auf einen oder zwei Konsonanten, letzteres nur am Wortende (KVK, KVKK).
Silben, die mit einem Vokal beginnen, gibt es im Hebräischen nicht (strenggenommen im Deutschen auch nicht, wo jedoch der Stimmeinsatz (Alef, Ajin) vor dem Vokal nicht mitgeschrieben wird). Einzige Ausnahme ist der Buchstabe Waw in der Bedeutung „und“, der vor bestimmten Konsonanten als ausgesprochen wird. Mehrere Vokale stehen nie nebeneinander. Es gibt keine Silben ohne Vokal.
Doppelkonsonanz am Silbenanfang wird aufgelöst, in dem der erste Konsonant ein kaum hörbares e (genannt Schwa) erhält (KKV). Dies hat für die Formenbildung Konsequenzen, in der Praxis wird dies je nach Sprechbarkeit gehandhabt (z. B. „zwei“; im Ivrith ).
Wortbetonung Die Betonung eines hebräischen Wortes lag – historisch betrachtet – ursprünglich auf der vorletzten Silbe (lat. Paenultima, aramäisch ). Im Laufe der Sprachgeschichte wurde diese durch den Abfall der kurzen Auslautvokale vielerorts zur letzten Silbe, so dass in heutiger Aussprachetradition meist die letzte Silbe (lat. Ultima, aramäisch ) den Wortton trägt. Ausgenommen davon sind die Segolata. Der Wegfall der ursprünglichen Endvokale führte bei ihnen zu einer Doppelkonsonanz im Wortauslaut, die aufgelöst wurde, indem der erste der aufeinander folgenden Konsonanten mit Segol vokalisiert wurde; die Betonung blieb aber an der ursprünglichen Stelle, also auf der nunmehr wieder vorletzten Silbe.
Bei der Bildung grammatischer Formen kann die Betonung eines Wortes wechseln (z. B. durch Anhängen der Personalpronomina ans Verb).
Formenlehre (Morphologie)
Das Nomen
Genus Das Hebräische unterteilt Nomen und Adjektive nach ihrem Genus in zwei Gruppen: Maskuline und feminine Nomina. Maskulina sind endungslos, Feminina tragen meist die Endung -a oder -θ .
Diese morphologische Unterscheidung gilt aber nicht immer. Man findet genauso endungslose Feminina wie Maskulina mit einer Feminin-Endung. Eine Typologie nach semantischen Klassen ist noch nicht gelungen. Folgende Grundregeln scheinen aber meist zu gelten: Es gilt das natürliche Geschlecht. Beispiele: ʔem (Mutter), ʔaβ (Vater); ʔaθon (Eselin), ħămor (Esel) Feminin werden meist Körperteile, Werkzeuge, Geräte oder Kleidungsstücke gebraucht. Beispiele: ʔozɛn (Ohr); jað (Hand); ħɛrɛβ (Schwert); kos (Becher); naʕal (Schuh) Geographische Bezeichnungen und Namen sind feminin. Beispiele: ʔɛrɛsˤ (Land, Erde); ʕir (Stadt); ʔaʃur (Assur) Titel und Amtsbezeichnungen gelten als maskulin, auch wenn sie eine feminine Endung haben. Beispiel: kohɛlɛθ (Prediger)
Numerus Neben Singular und Plural gibt es im Hebräischen – wie in verwandten semitischen Sprachen – den Dual, einen weiteren Numerus, der für typischerweise im Paar auftretende Dinge gebraucht wird ( „Hand“, „beide Hände“ etc.), aber auch für einige Zeitbegriffe ( „Tag“, „Tage“, „zwei Tage“; „Bein“, „(mehrere) Beine“, „beide Beine“).
Die Einzahl des männlichen Geschlechtes weist als „Grundform“ keine besondere Endung auf. Männliche Nomina enden in der Mehrzahl oftmals auf - ים-; viele weibliche Nomen enden in der Einzahl auf - ה- bzw. - ית- und in der Mehrzahl auf - וֹת-, doch gibt es hierzu zahlreiche Ausnahmen. Das Wort „Erde, Land“ beispielsweise ist der Form nach männlich, wird aber wie ein weibliches Wort gebraucht, mit der Mehrzahlendung auf - וֹת-: . Es gibt auch Wörter, die der Form nach als Mehrzahl erscheinen, aber wie einzahlige gebraucht werden: „Gott“.
Verbindung von zwei oder mehreren Nomen Wie auch in anderen Sprachen werden Nomen durch Verkettung in Beziehung zueinander gebracht. Während jedoch im Deutschen stets der Begriff, der den Genitiv bildet, gebeugt wird, gibt es in semitischen Sprachen den sogenannten Status Constructus, in dem in Ein- und Mehrzahl ein Nomen spezielle Formen bildet, dabei jedoch stets vorne (also rechts) steht (siehe Syntax) und damit den (links) nachfolgenden Genitiv regiert. Bsp.: aus [bajit] (Haus) und [ɛrɛsˤ] (Land) wird [bet ɛrɛsˤ] (Haus des Landes).
Nomenklassen In der Literatur des Hebräischen werden phonetische und morphologische Bildungsprinzipien relativ ausführlich behandelt und klassifiziert. Dies mag lohnend erscheinen, insofern es sich um wenige, durchschaubare Prinzipien handelt. Zu den wichtigsten Klassen gehören die Segolata.
Zugehörigkeit Ein langes , an einem Nomen angehängt, drückt die Zugehörigkeit zu einem Land, Volk oder auch zu einer Zahl aus ( „Israel“, „Israelit“; „zwei“, „zweiter“).
ה an Nomen angehängt Der Konsonant He, der an ein Nomen angehängt wird, kann diesem eine richtungsweisende Funktion verleihen. Er erhält somit die Bedeutung einer Präposition ("nach", "zu", "ins" etc.) Dieses Phänomen wird in der Fachsprache He locale genannt. Beispiel: [] „Land“, mit He locale [] „ins Land“.
In gleicher Weise kann das ה aber auch auf Lokaladverbien angewandt werden. Beispiel: [] „oben“, [] „nach oben“.
Nomen mit Pronomen In der hebräischen Sprache bilden Personal- und Possessivpronomina (dein, sein, mein etc.) als sogenannte ePP mit den jeweils dazugehörigen Nomen eine Worteinheit.
Das Adjektiv Adjektive richten sich in Geschlecht und Zahl nach dem dazugehörigen Substantiv, wie in vielen europäischen Sprachen. Die Adjektive sind in der Regel dem Nomen nachgestellt. Beispiel: [] „Jahr“, [] / [] „gut“ (männliche/weibliche Form), „die guten Jahre“. (vgl. )
Im Unterschied zu den meisten Sprachen hat das hebräische Adjektiv keine Steigerungsformen (besser, schneller …). Steigerungen werden durch die Präposition מִן־ [] (Kurzform מִ []) ausgedrückt, die sonst meistens mit „von“ übersetzt wird, bei einem Vergleich aber dem deutschen „als“ entspricht. Dies hat in einigen Fällen zu falschen Bibelübersetzungen geführt. Ein bekanntes Beispiel ist . In seinem abschließenden Segensspruch für seine zwölf Söhne wendet sich der Patriarch Jakob an Juda und sagt: [], in der unrevidierten Version der Elberfelder Bibel: „Seine Augen sind trübe vom Wein und seine Zähne weiß von Milch.“ Eine solche Übersetzung würde auf übermäßigen Alkohol- und Milchkonsum hindeuten. Gemeint ist vielmehr: „Seine Augen sind dunkler als Wein, seine Zähne weißer als Milch.“
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