mini|240px|MRT mit Kontrastmittel eines Glioblastoms bei einem 15 Jahre alten Jungen; deutlich ist in der coronalen Schnittführung der raumfordernde Effekt an der Verlagerung der Mittellinie erkennbar.

Das Glioblastom, IDH-Wildtyp (kurz Glioblastom, früher Glioblastoma multiforme (GBM)), ist der häufigste bösartige hirneigene Tumor bei Erwachsenen. Das Glioblastom weist feingewebliche Ähnlichkeiten mit den Gliazellen des Gehirns auf und wird nach histologischen und molekulargenetischen Eigenschaften definiert. Die Behandlung besteht in operativer Reduktion der Tumormasse, Bestrahlung und Chemotherapie, eine endgültige Heilung kann derzeit jedoch nicht erreicht werden. Die mittlere Überlebenszeit liegt bei wenigen Monaten ohne Behandlung und rund fünfzehn Monaten bei aktuell gängigen Therapiemethoden. Manche Erkrankte überleben länger, jedoch nur wenige mehrere Jahre. Aufgrund der sehr schlechten Prognose wird das Glioblastom nach der WHO-Klassifikation der Tumoren des zentralen Nervensystems als Grad 4 eingestuft.

Historisches Der Begriff Glioblastoma multiforme wurde 1926 von Percival Bailey und Harvey Cushing geprägt. Die Begriffsbildung basierte auf der Vorstellung, dass sich der Tumor aus primitiven Vorstufen von Gliazellen (Glioblasten) entwickelt, sowie der Beobachtung, dass das Erscheinungsbild mit Nekrosen, Einblutungen und Zysten sehr variabel (multiform) sein kann.Bailey, Cushing: Tumors of the Glioma Group. JB Lippincott, Philadelphia 1926. Der von dem Pathologen Frank Burr Mallory bereits 1914 verwendete Begriff Spongioblastoma multiforme konnte sich nicht durchsetzen.Mallory: Principles of pathologic histology. Saunders Philadelphia, 1925.

Mit der fünften Edition der WHO-Klassifikation der Tumoren des zentralen Nervensystems wurde der Tumor von Glioblastoma multiforme in Glioblastom, IDH-Wildtyp umbenannt.

Verbreitung Glioblastome sind bei Erwachsenen die häufigsten bösartigen hirneigenen Tumore. Unter den aus dem Hirngewebe entstehenden (neuroepithelialen) Tumoren machen sie etwa die Hälfte aller Fälle aus.CBTRUS Statistical Report: Primary Brain and Central Nervous System Tumors Diagnosed in the United States in 2004–2006, in Neuro Oncol 2012 Nov;14, online im Fachportal National Library of Medicine, aufgerufen am 26. Februar 2026 Der Tumor tritt am häufigsten bei älteren Erwachsenen zwischen dem 55. und 85. Lebensjahr auf. Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen (Verhältnis 1,5:1). Daten des amerikanischen Hirntumorregisters zeigen, dass Glioblastome bei Weißen mindestens doppelt so häufig sind wie in der schwarzen Bevölkerung. Im Vergleich zu Erwachsenen sind Glioblastome bei Kindern sehr selten. Die Inzidenz wurde in Europa, Nordamerika und Australien mit drei bis sechs Neuerkrankungen pro Jahr auf 100.000 Einwohner ermittelt und ist in Entwicklungsländern geringer.W. K. Cavenee et al.: Glioblastoma, in: WHO Classification of Tumours. Lyon, IARC Press, 2000.Amerikanisches HirntumorregisterH. Ohgaki, P. Kleihues: Population-based studies on incidence, survival rates, and genetic alterations in astrocytic and oligodendroglial gliomas. J Neuropathol Exp Neurol 2005, 64(6):479-89; PMID 15977639. Als einziger gesicherter ursächlicher (ätiologischer) Umweltfaktor gilt derzeit eine Exposition durch ionisierende Strahlung, beispielsweise durch Strahlentherapie oder Kernwaffenexplosionen. Diagnostische Bestrahlungen, beispielsweise Schädel-CTs, oder Mobiltelefone erhöhen das Risiko vermutlich nicht.

Bei der Mehrzahl der Glioblastome handelt es sich um sporadisch auftretende Fälle ohne Hinweis auf eine Erblichkeit. Bei bestimmten seltenen erblichen Erkrankungen, unter anderem bei dem Li-Fraumeni-Syndrom oder dem Turcot-Syndrom, können Glioblastome jedoch in Familien gehäuft auftreten.

Krankheitsentstehung Glioblastome können völlig neu (de novo) oder durch fortschreitende Entdifferenzierung aus weniger bösartigen IDH-mutierten Astrozytomen entstehen. Als Ursprungszelle werden einerseits neurale Stammzellen in der subventrikulären Zone vermutet, im Mausmodell können jedoch auch Glioblasten, Astrozyten, Neuroblasten oder Neuronen zu Glioblastomen transformiert werden. Welche Zellart tatsächlicher Ursprung ist, steht mit Stand 2021 nicht fest. Genmutationen von TERT, EGFR, CCDC26, CDKN2A, CDKN2B, PHLDB1, TP53 und RTEL1 sind mit Glioblastomen assoziiert.

Es kommt nicht selten vor, dass therapierte Astrozytome sich im Rezidiv als Glioblastom manifestieren. Diese sogenannten sekundären Glioblastome treten eher bei jüngeren Patienten auf und haben ein anderes Spektrum genetischer Veränderungen als neuentstandene (siehe Klinische Studien). In einer in der Schweiz durchgeführten epidemiologischen Studie waren primäre Glioblastome im Kanton Zürich etwa zwanzigmal so häufig wie sekundäre.

Lokalisation und Wachstum mini|Schmetterlingsgliom

Das Glioblastom geht von der weißen Substanz aus. Die mit Abstand häufigste Lokalisation ist das Großhirn, wo es in allen Hirnlappen entstehen kann, aber den Frontal- und den Temporallappen bevorzugt. Im Bereich von Kleinhirn, Hirnstamm und Rückenmark sind Glioblastome selten.

Glioblastome wachsen diffus infiltrierend vor allem entlang von Nervenbahnen, aber auch in der Großhirnrinde und der grauen Substanz. Über ein Wachstum entlang von Nerven, Blutgefäßen, der Pia Mater und seltener durch den Liquor kann sich der Tumor über weite Strecken ausbreiten. Diese vereinzelten Mikrometastasen sind nicht alle bildgebend darstellbar und liegen so tief in gesundem Gewebe, dass sie nicht operativ entfernt werden können. Bei ansonsten therapeutisch kontrolliertem Tumor ist eine Metastasierung in den Hirnstamm häufig todesursächlich. Eine Bildung von Fernmetastasen außerhalb des Gehirns ist selten.

Oft wachsen hemisphärielle Glioblastome über den Balken auf die andere Seite hinüber. Solche Tumoren werden als „Schmetterlingsgliome“ bezeichnet. Bei einer großflächigen Durchwachsung des Gehirns spricht man von einer Gliomatosis cerebri.

Klinische Erscheinungen Wegen des raschen Wachstums entwickeln sich die Beschwerden meistens rasch innerhalb weniger Wochen bis Monate. Erste Symptome können anhaltende und ungewohnte Kopfschmerzen, aber auch neu auftretende epileptische Anfälle sein. Fokale neurologische Ausfälle wie Lähmungen, Aphasien und Sehstörungen können lokalisationsabhängig hinzukommen. Schließlich sind es oft auffällige Persönlichkeitsveränderungen, Apathie oder psychomotorische Verlangsamung, die den Patienten zum Arzt führen. Hirndruckzeichen wie Stauungspapille, Erbrechen, Somnolenz und Koma treten spät auf und sind prognostisch ungünstig.

Untersuchungsmethoden Die Diagnose wird zunächst durch bildgebende Verfahren wie Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) gestützt. In der CT-Bildgebung mit Kontrastmittel erscheint das Glioblastom unregelmäßig geformt mit randständig starker Kontrastmittelaufnahme (ringförmiges Enhancement). Bei kleineren Tumoren ist dieses ringförmig konfiguriert, bei größeren bildet es eine girlandenartige Formation aus. In der Umgebung des Tumors bildet sich typischerweise ein erhebliches Ödem aus. Der MRT-Befund ist recht typisch: Die soliden Anteile des Glioblastoms reichern Kontrastmittel stark an, dagegen heben sich die Aussparungen durch zystische Anteile und die Blutungen ab. Letztendlich wird die Diagnose am Tumorgewebe, das bei einer stereotaktischen Hirnbiopsie oder Tumorresektion gewonnen wurde, neuropathologisch bestätigt. Im Einzelfall werden Supplementäruntersuchungen wie Elektroenzephalografie und Lumbalpunktion durchgeführt, die der Einschätzung der Anfallsneigung bzw. der differentialdiagnostischen Abgrenzung gegen Hirnabszesse oder Lymphome dienen.

Pathologie mini|240px|Glioblastom (Makroskopisches Präparat). Koronare Schnittfläche eines formalinfixierten Gehirns. Der Tumor stellt sich als grau-roter, teils nekrotischer Bereich des linken Schläfen- und Frontallappens dar. Der Tumor hat sich außerdem in den Balken ausgebreitet (Bildmitte, dunkelgrauer Bereich).

Das Glioblastom ist durch seine inhomogene und vielfältige (daher: multiforme) Erscheinung gekennzeichnet: die Tumorschnittfläche weist häufig rötliche Einblutungen und gelbliche Gewebsuntergänge (Nekrosen) auf.

Histologie Feingeweblich (histologisch) handelt es sich um zelldichte astrozytär differenzierte Tumoren, die diffus das umgebende reaktiv veränderte Hirngewebe infiltrieren. Die Tumorzellen sind mit multipolaren feinen Fortsätzen fibrillär-astrozytär differenziert oder weisen mit einem aufgeblähten Zytoplasma eine gemästet-zellige Differenzierung auf. Auch Riesenzellen mit bizarren Kernen oder kleinzellige Areale mit wenig ausgedehnten Zellkörpern kommen vor. Die Zellkerne sind meist chromatinreich und vielgestaltig (polymorph). Mitotische und proliferative Aktivität sind erhöht.

Histologische diagnostische Kriterien sind mikrovaskuläre Proliferation, also das Wachstum von Blutgefäßen, und Nekrosen, welche häufig von Zellen palisadenartig umgeben sind.

Immunhistochemie mini|240px|Glioblastom (histologisches Präparat mit typischen strichförmigen Nekrosen und palisadenartiger Anordnung pleomorpher Tumorzellen um die Nekrosen) (Hämatoxylin-Eosin-Färbung)mini|Immunhistochemische Färbung der Tumorzellen für GFAP

Immunhistochemisch findet sich zwischen den Tumoren und auch innerhalb eines Tumors ein vielgestaltiges Bild. Häufig sind das saure Gliafaserprotein (GFAP), S-100, EGFR und der Gliommarker OLIG2 nachweisbar. Der Zellteilungsmarker Ki-67 kann in über der Hälfte der Zellen exprimiert sein.

mini|Immunhistochemische Färbung für p53. Ansammlung von (defektem) p53-Protein in den Tumorzellkernen eines sekundären Glioblastoms mit Mutation des TP53 Gens. Die Kerne mitbetroffener Blutgefäßwandzellen sind ungefärbt.

Genetik Tumorzellen eines Glioblastom weisen häufig Kopienzahlveränderungen auf, meist handelt es sich hierbei um Zugewinne auf oder zusätzliche Kopien von Chromosom 7 und Verluste auf oder Verlust von Chromosom 10 (+7/−10). Auf Chromosom 7 finden sich unter anderem EGFR, auf Chromosom 10 beispielsweise PTEN und der MGMT-Promotor. Neben zahlreichen Genmutationen finden sich seltener auch Genfusionen, vor allem des EGFR-Gens.

Die Telomerase Reverse Transkriptase (TERT) ist für die Erhaltung der Telomere und damit die Stabilität der Chromosomen verantwortlich. Mutationen des Promotors liegen bei den meisten Glioblastomen vor.

Das Retinoblastom-Protein auf Chromosom 13 ist ein Tumorsuppressorgen, reguliert also die Zellteilung. Durch Verlust von CDKN2A, CDKN2B oder RB1 oder Amplifikation von CDK4 kann diese Hemmung gestört werden und ein unkontrolliertes Zellwachstum auftreten. Gleichzeitig kann durch Veränderungen bei TP53 (Chromosom 17), PTEN, MDM2, MDM4 oder CDKN2A die Apoptoserate gesenkt werden.

Der Transkriptionsregulator ATRX ist in etwa drei Viertel der Fälle erhalten. Rezidive sind mit einer höheren Gesamtzahl von Mutationen und TP53-Mutationen assoziiert, vorrangig verursacht durch Mutation oder Verlust von DNA-Mismatch-Reparaturproteinen.

Epigenetik O6-Methylguanin-DNA-Methyltransferase repariert alkylierte DNA und schützt den Körper damit vor der Entstehung von Tumoren. In knapp der Hälfte der Glioblastome ist durch die Hypermethylierung des MGMT-Promotors das Enzym weitestgehend inaktiv. Da beim Glioblastom eingesetzte Zytostatika jedoch vorwiegend über DNA-Alkylierung wirken, sind seine Mutation oder Verlust mit deutlich besseren Ansprechen auf Chemotherapien assoziiert.

Von den über 500 assoziierten Histonmodifikationen sind nur wenige genauer erforscht.

Diagnostische Kriterien Diagnostische Hauptkriterien sind ein diffuses, astrozytäres Gliom mit IDH- und H3-Wildtyp sowie zumindest ein Nebenkriterium (mikrovaskuläre Proliferation, Nekrosen, TERT-Promoter-Mutation, EGFR-Gen-Amplifikation oder Kopienzahlveränderungen vom +7/-10-Typ).