Die klassische Transaktionsanalyse (TA) ist ein sozialpsychologisches Verfahren, bei dem verschiedene Schlüsselkonzepte der menschlichen Persönlichkeitsstruktur angenommen werden. Die zugrunde liegende Theorie wurde Mitte des 20. Jahrhunderts von dem US-amerikanischen Psychiater Eric Berne (1910 bis 1970) begründet und wurde von ihm und weiteren Fachkollegen beständig weiterentwickelt. Die Transaktionsanalyse und ihre Neuerungen werden von (Psycho-)Therapeuten, in der Beratung, Pädagogik und in Organisationen genutzt. Ziel ist, anschauliche psychologische Konzepte zur Verfügung zu stellen, mit denen Menschen ihre erlebte Wirklichkeit in der zwischenmenschlichen Kommunikation (= Transaktion) reflektieren, analysieren und verändern können.
Schon zu Lebzeiten Bernes setzten verschiedene Transaktionsanalytiker in ihrer Arbeit unterschiedliche Schwerpunkte,Graham Barnes u. a.: Transaktionsanalyse seit Eric Berne, Band 1: Schulen der Transaktionsanalyse, Theorie und Praxis. Verlag Gisela Kottwitz, Berlin 1979, ISBN 3-9800439-1-6. die auch die weitere Entwicklung der Theorie beeinflusst haben. Nach Bernes Tod wurde die klassische Transaktionsanalyse mit neuen Konzepten verknüpft und auf weitere Bereiche wie Pädagogik und Organisationen ausgeweitet.
Als Weiterentwicklung der klassischen Transaktionsanalyse gelten die systemischeSiehe Wikipedia-Artikel: Systematische Transaktionsanalyse und die ressourcenorientierte Transaktionsanalyse.
Allgemeines In der Transaktionsanalyse werden Transaktionen analysiert, um es Menschen zu ermöglichen, ihre Realitätswahrnehmung und ihre Interaktionen mit anderen zu reflektieren und im Anschluss daran ihren eigenen Lebensweg so ihren Wünschen gemäß besser anzupassen.
Als Transaktionen im sozialen Bereich werden kleinste Kommunikationseinheiten im Sinne von Stimulus (eine Botschaft senden) und Reaktion (auf die Botschaft antworten)Das Stimulus-Response-Modell geht auf den Behaviorismus zurück und gilt in der starren Version als überholt. Heute spricht man vom S-O-R-Modell, wobei O für den Organismus des Menschen steht. verstanden, die auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden können, sei es verbal, sei es non-verbal. Durch die Analyse der Transaktionen können Beziehungen verbessert werden, indem bewusste und gewollte Kommunikation möglich wird.
Dazu stellt die Transaktionsanalyse eine Theorie der Persönlichkeit und eine Beschreibung kommunikativer Abläufe in unterschiedlichen Kontexten zur Verfügung. Außerdem bietet die Transaktionsanalyse Modelle zum Beobachten, Beschreiben, Verstehen und Verändern bzw. Entwickeln der Persönlichkeit und der Beziehungen zwischen Individuen und sozialen Systemen. Sie umfasst damit Konzepte zur Persönlichkeitsanalyse, zur Beziehungsanalyse, zur Gruppendynamik und Gruppenanalyse und zur Analyse und Steuerung von sozialen Systemen sowie Methoden der Einflussnahme auf die Gestaltung von als sinnvoll erachteten Veränderungen im interaktiven Bereich.
Zielvorstellung der Transaktionsanalyse ist eine integrierte, autonome Persönlichkeit mit der Fähigkeit, sich in einem sozialen Gefüge selbstbewusst, respektvoll, achtsam, rücksichtsvoll und beitragend zu bewegen. Transaktionsanalytiker sollen im therapeutischen Kontext mit ihren Klienten im Bewusstsein der Gleichwürdigkeit und Gleichwertigkeit kooperieren, um gemeinsam ihr Leben freudvoll zu gestalten. Dazu verabschieden die Ethik-Komitees der internationalen TA-Gesellschaften verpflichtende ethische Prinzipien, die auch Bestandteil der Aus- und Weiterbildung in der Transaktionsanalyse sind.
Grundgedanken der Transaktionsanalyse Zentrale Grundannahmen der Transaktionsanalyse bezüglich des zugrunde liegenden Menschenbilds sind: Jeder Mensch ist OK. Das bedeutet, dass man Handlungen, Aussagen etc. anderer missbilligen kann, die Person und sich selbst aber als OK empfindet. Diese zentrale Idee wird bei Thomas A. Harris ausgeführt, der Ich bin OK, du bist OK als wünschenswertes Ziel zur Heilung der Menschen darstellt. Jeder Mensch hat die Fähigkeit zu denken und Probleme zu lösen. Somit übernimmt er die Verantwortung für seine Handlungen und für die Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Jeder Mensch kann entscheiden und hat damit die Möglichkeit, sich im Bedarfsfall zu ändern, auch wenn das Verhalten schon in der Kindheit eingeübt wurde. Jeder Mensch kann seine Konzepte über sich oder das Leben frei und offen gestalten. Dazu legt im therapeutischen Umfeld der Therapeut seine Personalakte dem Klienten gegenüber offen, damit dieser informierte Entscheidungen treffen kann. Jede Arbeit basiert auf einem Vertrag, aus dem hervorgeht, dass alle Beteiligten (Therapeut und Klient) verantwortlich für ihren Teil der Arbeit am Ziel sind, da auch der Klient als vollwertig und in Ordnung angesehen wird.
Zudem ist es jedem Menschen möglich, durch Nutzen seiner inneren Ressourcen autonome Entscheidungen für sich (und andere) zu treffen. Dazu macht er sich momentane Gegebenheiten bewusst und wählt aus einer Bandbreite an Möglichkeiten aus, um einen echten emotionalen Kontakt mit anderen Menschen herzustellen und aufrechtzuerhalten.Grundüberzeugungen der TA. In: Ian Stewart, Vann Joines: Die Transaktionsanalyse. Eine Einführung. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2007, ISBN 978-3-451-05523-2, S. 28–30.Heinrich Hagehülsmann: Das Menschenbild in der Transaktions-Analyse. In: W. Greive (Hrsg.): Das Bild vom Menschen in der neuen Gruppenarbeit. Loccumer Protokolle, Nr. 22, 1988, Loccum, Ev. Akad. 89
Für Transaktionsanalytiker hat die Autonomie des Menschen (Selbstbestimmung, Spontanität und die Fähigkeit, sich auf die Welt zu beziehen) höchsten Stellenwert. Der Mensch kann sich also frei entscheiden und wird nicht dauerhaft durch seine Vergangenheit determiniert.
Theorieentwicklung Eric Berne entwickelte die Transaktionsanalyse aus der Beobachtung zwischenmenschlicher Kommunikation heraus. Diese von ihm als Transaktionen benannten Vorgänge setzte er mit von Patienten berichteten inneren Prozessen in Beziehung. Eine Transaktion beschreibt stattfindende Kommunikation: das bewusste und unbewusste Austauschgeschehen zwischen Menschen und ihrer Umwelt, sowohl verbal als auch nonverbal. mini|Konzeptdiagramm der Transaktionsanalyse, basierend auf der Zeichnung auf dem Cover von Eric Bernes Buch „Games People Play“ (1964). Kommunikationsabläufe werden Transaktionen genannt und dadurch für den Betrachter verstehbar und beeinfluss- bzw. veränderbar. Komplexe Abläufe stereotyper Transaktionsmuster werden in der Transaktionsanalyse als Spiele bezeichnet (z. B. ein immer wieder ähnlich ablaufender Ehestreit). Sie stellen damit fixierte und einschränkende Muster des sozialen Miteinanders dar, denen Eric Berne sehr große Aufmerksamkeit widmete.Eric Berne: Spiele der Erwachsenen. Psychologie der menschlichen Beziehungen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008
Als Psychiater bezog Berne seine Theorieentwicklung ursprünglich auf psychotherapeutische Kontexte. Auf dem Weg zur Heilung standen anfangs für ihn die Einsicht des Patienten in seine psychischen Strukturen und die sich daraus ergebenden Transaktionen und Spiele im Vordergrund. Aus dieser Einsicht heraus sollte es dem Patienten durch Veränderung seines Verhaltens und seiner Denkstrukturen gelingen, Autonomie zu erlangen. Dazu entwickelte er möglichst treffende und leistungsfähige Modelle, anhand derer er sich mit dem Patienten über dessen Strukturen und Schwierigkeiten besprach. Mit der Zeit und der weiteren Entwicklung der Transaktionsanalyse verschob sich der Schwerpunkt dieser kognitiven Herangehensweise, sodass das zeitgemäße Arbeiten im Kontext der Transaktionsanalyse bedeutet, neue Sicht- und Erlebensweisen der Welt ganzheitlich zu entwickeln.Siehe hierzu: systemische oder ressourcenorientierte Transaktionsanalyseansätze.
Die Vorstellung, dass die Kraft, das Potenzial und die Verantwortung für die Heilung im Patienten liegen, stellte in der Mitte des letzten Jahrhunderts einen Paradigmenwechsel in der Behandlung – auch schwerer psychischer Störungen – dar. Aus dieser Grundannahme geht direkt die zentrale Stellung des Vertrags in der Arbeit von Transaktionsanalytikern hervor. Das bedeutet, dass der Patient die Ziele der gemeinsamen Arbeit definiert, indem er im Gespräch mit dem Transaktionsanalytiker klärt, was er verändern wird und was dabei die Aufgabe des Außenstehenden ist. Auch wenn Transaktionsanalytiker heute meist andere Zugänge in der Arbeit mit Klienten nutzen – weg von der klassischen kognitiv-verhaltensorientierten hin zu emotional beziehungs- und prozessorientierten – so bleibt der Vertrag Dreh- und Angelpunkt der professionellen Orientierung. Er verdeutlicht die hohe Bedeutung der ethischen Prinzipien in der Transaktionsanalyse.Zum Vertrag vgl. Eric Berne: Grundlagen der Gruppenbehandlung. Gedanken zur Gruppentherapie & Interventionstechniken. Paderborn 2005, S. 82–101
Die unterschiedlichen theoretischen Konzepte der Transaktionsanalyse stellen meist verschiedene Schwerpunkte in den Fokus.Ian Stewart, Vann Joines: Die Transaktionsanalyse Eine Einführung. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2007. Wenn die psychische Struktur des Individuums Zentrum der Betrachtung ist, dann benutzen Transaktionsanalytiker meist das Strukturmodell der Ich-Zustände. Eric Berne beobachtete, dass ein und derselbe Mensch zu unterschiedlichen Zeiten qualitativ unterschiedliche Erlebenszustände aktivieren kann. Solche Erlebenszustände, die jeweils durch ein zusammenhängendes Muster von Denk-, Fühl- und Verhaltensweisen charakterisiert sind, nannte er Ich-Zustände. Die prinzipiell unendlich vielen Erlebenszustände eines Menschen können grundsätzlich in drei Kategorien eingeteilt werden: Man kann abgespeichertes Erleben von früher erneut aktivieren, der Zustand wird Kind-Ich-Zustand genannt. Kreiert man einen neuen Erlebenszustand, der sich in angemessener Weise voll und ganz auf das Hier und Jetzt bezieht, so wird dieser als Erwachsenen-Ich-Zustand bezeichnet. Wenn man sich auf eine Art und Weise erlebt, die man im Denken, Fühlen und Verhalten von anderen übernommen hat, wird dies Eltern-Ich-Zustand genannt. Mit dem Strukturmodell der Ich-Zustände werden die individuellen internen Energiebesetzungen von Menschen beschrieben und eingeordnet. Die Ich-Zustände als Persönlichkeitsanteile stellen Muster des Erlebens und Handelns dar, wie sie im Hier und Jetzt wahrgenommen werden. Allerdings aktiviert man oft stereotype und teils weniger geeignete Reaktionsmuster in Rückwirkung auf unbewusste Erinnerungen früheren Beziehungserlebens. Mit Hilfe der Transaktionsanalyse sollen auf die gegenwärtige Situation angemessene und selbstbestimmte Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster entwickelt werden, wo diese alten Muster den Lebensfluss so stark einschränken, dass unnötiges Leiden entsteht.
Das Symbol der drei übereinander liegenden Kreise stellt das Strukturmodell der Ich-Zustände dar, wobei die Kreise die Kategorien Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich und Kind-Ich symbolisieren.
mini|Das Ich-Zustands-Modell
Der Mensch erlebt sich immer in Bezug zu seiner Umwelt, selbst im Rückzug (von ihr). Die Umwelt erlebt sich immer auf den Menschen bezogen. Die Beschreibung der Dynamik dieser gegenseitigen Bezogenheit stellt den Kern der Transaktionsanalyse dar. Sie vereinigt demnach in ihren Konzepten tiefenpsychologische, beziehungsorientierte und systemische Aspekte des menschlichen Miteinanders.
Heutzutage beziehen sich transaktionsanalytische Konzepte und Modelle auf alle Bereiche des sozialen Miteinanders, sodass Transaktionsanalyse in den vier Anwendungsfeldern Psychotherapie, Beratung, Organisationsentwicklung und Pädagogik/Erwachsenenbildung gelehrt und ausgeübt wird, was in den Richtlinien der Transaktionsverbände festgeschrieben ist. Die Transaktionsanalyse wird vor einem wissenschaftlichen Hintergrund und mit wissenschaftlicher Begleitung ständig weiterentwickelt.