Die Pavane (italienisch Pavana; englisch: Pavana, Pavan, paven, pavin, pavian, pavine, pavyn), auch italienisch Paduana (älter Padoana), ist ein (meist) geradtaktiger, feierlich-langsamer SchreittanzDuden. bzw. Reigentanz angeblich spanisch-italienischer Herkunft, der über ganz Europa verbreitet war und im 16. und 17. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte.

Geschichte und Begriff Der französische Tanztheoretiker Thoinot Arbeau schrieb bereits 1589 in seiner Orchésographie, dass die Pavane „nicht mehr so häufig wie früher“ getanzt wurde.„La dicte pavane n’a pas esté abolie & mise hors d'usage du tout, & crois qu'elle ne le sera iamais, vray est qu’elle n’est pas si fréquentee que par le passé....“ („Die besagte Pavane ist gar nicht abgeschafft worden und außer Gebrauch, und ich glaube, dass sie es nie sein wird; wahr ist, dass sie nicht mehr so häufig getanzt wird wie früher...“) . Siehe: Thoinot Arbeau, Orchésographie ..., Langres: Jehan des Preyz, 1589 / 1596, f. 28v. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde sie in die deutsche Tanzsuite aufgenommen und kam als Gesellschaftstanz nach und nach aus der Mode. In der Instrumentalmusik findet man sie jedoch bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts. Eine Nachblüte erlebte sie bis ins 18. Jahrhundert in der instrumentalen Kunstform des Tombeau. mini|hochkant=1.8|Am Hof des französischen Königs Heinrich III.: Anne de Joyeuse und seine Frau Marguerite de Vaudémont-Lorraine tanzen eine Pavane.Pavane à la cour d'Henri III, collections.louvre.fr Links unter dem Baldachin der König und seine Mutter Caterina de’ Medici, rechts von dieser Königin Louise. Rechts die Musiker. mini|Der Schreit- und Schleiftanz kann als Vorläufer der Pavane angesehen werden. Walter Sorell, 1985Walter Sorell: Der Tanz als Spiegel der Zeit. Wilhelmshaven : Heinrichshofen, 1985, S. 10 mini|Vierstimmige Pavane Belle qui tiens ma vie von Thoinot Arbeau in mitteltöniger Stimmung auf einem Konzertflügel

Laut Arbeau (1589) wurde dieser würdevolle Tanz an Königs- und Fürstenhöfen bei großen Feierlichkeiten und Bällen mehr oder weniger vom gesamten Hof getanzt und diente dabei auch der prunkenden Zurschaustellung kostbarer Roben und Gewänder (siehe unten Zitat); man spielte sie auch bei Hochzeiten zum Einzug der Braut in die Kirche.Thoinot Arbeau, Orchésographie ..., Langres: Jehan des Preyz, 1589 / 1596, f. 28v. Die Verwendung bei Hochzeiten könnte ein typisch französischer Brauch sein. Auch die englische Königin Elisabeth I. hatte anscheinend eine Vorliebe für die Pavane.

Im Wort „Pavane“ (italienisch pavana, von padovana) findet sich der Name der italienischen Stadt Padua, im Dialekt „Pava“ genannt, wo nach einigen Quellen der Ursprung des Tanzes zu suchen ist. Dem widerspricht allerdings die Tatsache, dass die Paduanen venezianischer Tanzmeister wie Facoli (1588),Marco Facoli, Collected Works, ed. by Willi Apel, CEKM 2, American Institute of Musicology, 1963, S. 12–22 (Padoana prima - quarta). Radino (1592),Il Primo Libro d'Intavolatura di Balli d'Arpicordo di Gio. Maria Radino Organista in S. Gio. di Verdara in Padova, nuovamente composti, & con ogni diligenza stampati. In Venetia, Appresso Giacomo Vincenti, M.D.XCII. Neuausgabe als Nr. 33 von Corpus of early keyboard music, American Institute of Musicology, 1968, S. 12–19. und auch Jacob Paix’ Padoana venetiana (1583)The Jacob Paix Tablature: „Ein Schön Nutz und Gebreuchlich Orgel Tabulaturbuch“. Übersetzt und transkribiert von Sherry Rudolph Seckler. Dissertation The University of Iowa, Dezember 1990, S. 559 ff. grundsätzlich in einem Dreiertakt (Tripeltakt wie der 3/4-Takt) stehen und einen eher poetisch-wiegenden „Gondel“-Charakter haben. (Bereits bei Pierre Attaingnant ist ein einsätziger, im Dreiertakt – hier 3/4-Takt – gehaltener Pavanentyp als Pavane „La Rote de Rode“ nachweisbar, der später Rotta genannt und auf den italienischen Lautenisten Antonio RottaAntonio Rotta: Intabolatura de Lauto. Venedig 1546. als Erfinder zurückgeführt wurde.Hans Dagobert Bruger (Hrsg.): Pierre Attaingnant, Zwei- und dreistimmige Solostücke für die Laute. 1926, S. 26 f., 32 (Pavane) und 35.) Auch das seit dem 14. Jahrhundert bekannte Instrumentalstück Lamento di Tristano besteht aus einem langsamen Schreittanz, dem ein schneller Springtanz, genannt „(La) Rotta“, folgt.Vgl. etwa imslp.org. Andere Quellen sehen den Ursprung der Pavane in Bezug auf die gravitätischen Bewegungen des TanzesDiccionario […] por la Real Academia Española. Band 5. 1737, S. 169. im spanischen Wort pava bzw. pavón (lateinisch, italienisch und spanisch pavo), das übersetzt Pfau bedeutet.

Die Pavane wird oft mit einem Nachtanz (genannt „Proportio“, meist in Form der Galliarde, bei Attaingnant auch als Saulterelle) im ungeraden Takt kombiniert.Hans Dagobert Bruger (Hrsg.): Pierre Attaingnant, Zwei- und dreistimmige Solostücke für die Laute. Möseler Verlag, Wolfenbüttel/Zürich 1926, S. 32.

Arbeau unterschied außerdem zwischen der normalen Pavane und der Pavane d’Espagne (Spanische Pavane), die ein etwas anderer, weniger gravitätischer Tanz war, den er sogar mit der Canarie verglich und der zu seiner Zeit (1589) noch relativ neu war."Depuis peu de temps ils ont apporté une qu'ils appellent la Pavane d'Espagne, laquelle se dance decoupee avec diversité de gestes , & parce qu' elle à (sic!) quelque conformité avec la dance des Canaries ,..., & tels decoupements & mouvemens de pieds legierement faicts, moderent la gravité de la pavane,...". Thoinot Arbeau, Orchésographie ..., Langres: Jehan des Preyz, 1589/1596, f. 33 r. (genauere Beschreibung der Pavane d'Espagne auf: f. 96v-97).

Tanz mini|Schrittfolge und Melodie der „Pavane d'Espagne“, Thoinot Arbeau, Orchésographie 1589. Das Schrittmaterial der Pavane wird mit den französischen Schrittbezeichnungen «simple» und «double» beschrieben und war nach Arbeau sehr einfach: simple links, simple rechts (erster Takt), double links (zweiter Takt). Anschließend wird die Schrittkombination nach rechts wiederholt, anschließend wieder eine Schrittkombination nach links und immer so fort. Jede Schrittkombination führt dabei zu einer Übertragung des Gewichts, so dass abwechselnd der rechte und der linke Fuß frei ist. Der simple besteht dabei aus einem einfachen, flachen Schritt vorwärts. Der freie Fuß wird locker an den belasteten herangezogen, dabei heben sich leicht die Fersen beider Füße. Anschließend schwingt der unbelastete Fuß weiter zum nächsten Schritt. Der Schritt erfolgt dabei auf den ersten Schlag, das Senken und Heben der Fersen auf Schlag 2. Der double besteht aus einer Folge von drei flachen Schritten mit anschließendem Heben und Senken der Fersen. Dabei fällt jeweils ein Schritt auf einen Schlag, das Heben und Senken der Fersen wiederum auf den vierten Schlag. Die Schrittkombination simple-simple-double füllt somit eine musikalische Einheit. Die Arme hängen locker herunter, der Herr fasst die Dame mit seiner rechten Hand und führt sie. Mehrere Paare tanzen prozessionsartig hintereinander fort. Aber auch ein einzelnes Paar kann zum Klang einer Pavane tanzen. Möchte – oder muss – der Herr die Tanzrichtung ändern, vollzieht er eine convience oder conversion, d. h., er tanzt seine Schrittkombination kreisförmig rückwärts, während er die Dame kreisförmig vorwärts führt, bis sie nach einer Schrittkombination eine 180°-Wendung vollzogen haben. Zu Beginn und am Ende vollziehen beide Tanzpartner eine Reverence zueinander: Der Herr bringt sein rechtes Bein gestreckt nach vorne und verbeugt sich vor der Dame, ohne dabei den Kopf sinken zu lassen. Die Dame beugt beide Knie gleichzeitig wie zu einem Knicks. Der Herr kann anschließend noch seine eigene Hand küssen, bevor er sie der Dame reicht (der Handkuss, wie wir ihn heute kennen, kam erst im 19. Jh. auf). Haben beide eine Pavane zusammen getanzt, bringt der Herr die Dame an ihren Platz zurück oder tanzt noch eine Galliarde mit ihr.

Musik Die Pavane steht in einem langsamen geraden Takt (C, 2/2 oder 4/4). Die frühesten bekannten Pavanen (italienisch Padoane) finden sich in Joan Ambrosio Dalzas Intabolatura de lauto libro quarto (1508, Venedig: Ottaviano Petrucci). Dem Schreittanz Pavana (bei Dalza Pavana alle venetiana) fügte Dalza als Springtanz den Saltarello und als dritten schnellen Tanz die Piva (von Dalza auch „Spingardo“ genannt) hinzu. Mit dieser Abfolge schuf Dalza eine Vorform der Suite.Helmut Mönkemeyer (Hrsg.): Die Tabulatur. Heft 6–8 (Joan Ambrosio Dalza, Intabulatura de Lauto. Petrucci, 1508. Teil I–III). Friedrich Hofmeister, Hofheim am Taunus 1967, hier: Heft 6 (Teil I), S. 3, und Heft 7 (Teil II: Padoane alla Venetia). Pavanen aus der ersten Hälfte oder der Mitte des 16. Jahrhunderts sind in einem mäßig langsamen Tempo von feierlichem Charakter, das sich deutlich an den Tanzschritten und Bewegungen orientiert. Wie bei Tänzen normalerweise üblich, bestehen die Abschnitte aus einer regelmäßigen Anzahl von Takten, z. B. 8, 12, oder 16 Takte.

Eine einfache und vermutlich sehr alte Pavanen-Melodie über einem einfachen Bassmodell bzw. Akkordmuster (PavanigliaJames Tyler: A guide to playing the baroque guitar. Indiana University Press, Bloomington und Indianapolis 2011, ISBN 978-0-253-22289-3, S. 33 und 96–100 (Pavaniglia con parti variate von Giovanni Foscarini).), die in ganz Europa bekannt war und seit etwa 1546 bis ins 18. JahrhundertJames Tyler (2011), S. 33. als Vorlage für Variationen (etwa bei Giovanni Paolo FoscariniVgl. etwa Adalbert Quadt: Gitarrenmusik des 16.–18. Jahrhunderts. Nach Tabulaturen hrsg. von Adalbert Quadt. Band 1–4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1970 ff.; 2. Auflage ebenda 1975–1984, Band 1, S. 14 (Pavaniglia mit Variationen aus Terzo libro della Chitarra Spagnola von 1629).) diente, war die 1578 veröffentlichte Pavana italiana (mit insgesamt sechs Variationen) von Antonio de Cabezón (1510–1566);Nur die Intabulierung und Variationen sind von Cabezón, nicht die Vorlage. Das Stück wurde posthum veröffentlicht 1578 in Obras de Musica para tecla, arpa y vihuela; Neuausgabe in: Antonio de Cabezón, Claviermusik - Obras de Musica para tecla, arpa y vihuela, hrsg. v. M.S. Kastner, Mainz et al.: Schott, 1951, rev. 1979, S. 12–14. die gleiche Melodie heißt bei John Bull und anderen Engländern bezeichnenderweise Spanish Pavan (insgesamt 8 Variationen).Nr. CXXXIX., in: The Fitzwilliam Virginal Book (Revised Dover edition), 2 Bde., J. A. Fuller Maitland and W. Barclay Squire, corr., ed. and Preface by Blanche Winogron, New York: Dover Publications 1979-1980, Bd. 2, S. 131ff. Möglicherweise war diese „spanische“ Melodie ein Grund dafür, warum man den Ursprung der Pavane in Spanien (dort, zum Beispiel von Gaspar Sanz 1674/1675, als pavanas bezeichnetJames Tyler (2011), S. 33–36.Vgl. auch Jerry Willard (Hrsg.): The complete works of Gaspar Sanz. 2 Bände (Band 1: The complete musical contents of Gaspar Sanz’s masterwork, Instrucción de Música sobre la Guitarra Española. […]. Band 2: A selection of over forty-five musical gems from Gaspar Sanz’s masterwork, Instrucción de Música sobre la Guitarre Española, presented in arrangements for the modern classical guitar.) Amsco Publications, New York 2006 (Übersetzung des Originaltextes ins Englische durch Marko Miletich), ISBN 978-0-8256-1695-2, Band 1, S. 40 (Pavana), 53 (Pavana) und 146–147 (Pavana por la D con partidas al aire Español, […]).) suchte (oder in Italien). Es handelt sich übrigens nicht um die Melodie, die Thoinot Arbeau für die sogenannte Pavane d’Espagne überlieferteThoinot Arbeau, Orchésographie, 1589, f.96v - 97r., trotzdem könnte es sich bei Cabezóns und Bulls Originalmelodie um eine musikalische Version dieses speziellen Tanzes handeln.

Nach Arbeau wurde die normale PavaneIm Gegensatz zur Pavane d'Espagne (siehe oben). beim Tanzen oft von Trommelschlägen begleitet, in dem oben beschriebenen Rhythmus der Tanzschritte: lang-kurz-kurz (1/2–1/4–1/4).Thoinot Arbeau, Orchèsographie, 1589, f.28v - f.33v.