mini|Ärmelraute des Sicherheitsdienst des Reichsführers SS. Der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (kurz SD) war ein zentraler Teil des Macht- und Unterdrückungsapparates im NS-Staat und während des Krieges im besetzten Europa. Er wurde 1931 als Geheimdienst der zur NSDAP gehörigen SS gegründet und unterstand ab 1939 dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA), das zugleich von ihm dominiert wurde. Aufgabe des SD war die gezielte Bekämpfung und Vernichtung politischer Gegner sowie die Einschüchterung der Bevölkerung. Der SD war für zahlreiche Verbrechen im sogenannten Altreich sowie für Kriegsverbrechen in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten verantwortlich. Von Anfang an nutzte er das Instrumentarium der Spionage, verdeckten Operationen und der Ermordung von Regimegegnern.
Geschichte Entstehung und Funktion mini|Der Chef des SD Reinhard Heydrich (1940) Der Sicherheitsdienst der SS wurde am 4. September 1931 durch einen geheimen Befehl des Reichsführers SS Heinrich Himmler als Geheimdienst innerhalb der SS-Struktur in Auftrag gegeben und dem frisch rekrutierten Reinhard Heydrich unterstellt.Shlomo Aronson, Reinhard Heydrich und die Frühgeschichte von Gestapo und SD, Stuttgart 1971, S. 55. Mit lediglich drei kurzfristig eingestellten Mitarbeitern nahm er noch im gleichen Jahr seine Tätigkeit auf. Zu Beginn in Anlehnung an die militärische Institution noch „Ic-Dienst“ genannt, änderte Heydrich den Namen während des Verbotes der SA und SS von April bis Juni 1932 zur Tarnung in „PI-Dienst“ (Presse- und Informationsdienst), bevor das Referat schließlich zum „Sicherheitsdienst“ wurde.Hans Buchheim: Die SS – das Herrschaftsinstrument, Befehl und Gehorsam. München 1967, S. 32. Anfangs noch als lockeres nachrichtendienstliches System tätig, wurde er ab Sommer 1932 zur Sonderabteilung der SS erhoben. Finanziell gespeist wurde der SD dabei bis zum Ende seiner Existenz aus dem Etatbereich des Reichsschatzmeisters der NSDAP, Franz Xaver Schwarz.Hans Buchheim: Anatomie des SS-Staates, Band 1, Die SS – das Herrschaftsinstrument, Befehl und Gehorsam. 2. Auflage, DTV, München 1967, S. 60.
Am 27. Januar 1933, noch vor der Machtergreifung des Nationalsozialismus am 30. Januar 1933, befahl Himmler seinem Untergebenen Heydrich, die Zentrale des SD von München nach Berlin zu verlegen. Jedoch erwies sich der SD für die eigentlichen Aufgaben, als Nachrichtendienst der NSDAP, nun auch noch staatliche Funktionen zu erfüllen, organisatorisch und personell noch zu schwach.Jens Banach, Heydrichs Elite. Das Führercorps der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes 1936–1945, Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2002, S. 96 Zwar hatte der Nachrichtendienst spätestens ab Sommer 1932 mit der Nachrichtenbeschaffung, der Überwachung und Terrorisierung politischer Gegner sowie Überprüfung von Parteimitgliedern selbst begonnen. Für eine umfassende staatlich betriebene Unterdrückung der Bevölkerung, wie von Adolf Hitler und Himmler bestimmt, fehlte ihm aber noch Einiges. Vor allem verfügte er über keine Exekutivinstrumente. Wie von Beginn des Bestehens der Partei als „Fememord“ praktiziert, liquidierte nun der SD unliebsame Personen, wie beispielsweise den Vorgänger Heinrich Himmlers in der SS Erhard Heiden im Frühling 1933, Journalisten und mögliche Konkurrenten. Noch war aber die Dominanz der SA und deren Institutionen nicht gebrochen. Ab Februar 1933 unterlief der SD personell gezielt die wichtigsten Exekutivorgane auf Länder- sowie Reichsebene, dazu gehörten vor allem die Politische Polizei und die im April neu geschaffenen Geheimen Staatspolizei (Gestapo), die ein wichtiger Kooperationspartner wurde, da sie über Exekutivgewalt verfügte. Noch vor der Röhm-Affäre im Sommer 1934 wurden die Zuständigkeiten genauer justiert. Für die über 100 Morde während der „Nacht der langen Messer“, wie die Beseitigung der SA-Führungsspitze in den Tagen des 30. Juni und 1. Juli 1934 auch bezeichnet wurde, hatte der SD die informellen und logistischen Vorarbeiten geleistet. Nach den Dienstalterslisten der SS wurden daraufhin mehrere SD-Führer, Heydrich bereits am 30. Juni 1934, befördert.Personalabteilung des RF SS: Dienstaltersliste der SS der NSDAP. Stand vom 1. Oktober 1934, Buchdruckerei Birkner, vorm. Hermes, München 1934, S. 2–72. Siehe u. a.: Walter Potzelt, Werner Best, Karl Oberg, Hermann Behrends, Willi Falkenberg, Herbert Mehlhorn, Jakob Beck, Hugo Linhard. Kurz danach wurde er durch entsprechende Verordnungen rechtlich sanktioniert. So wurde der SD offiziell zum Spionage- und Gegenspionagedienst der NSDAP, der sich dabei auch der Gestapo bei der Entlarvung von Staatsfeinden bediente. Denn noch verfügte er selbst weiterhin nicht über exekutive Instrumentarien. Endgültig ab Sommer 1935 wurde dem SD das nachrichtendienstliche Monopol im NS-Staat bestätigt. Damit war er zwar der militärischen Abwehr und dem Forschungsamt (FA) gleichgestellt, befand sich jedoch zunehmend in Konkurrenz zu den beiden anderen geheimdienstlichen Institutionen.
In einem Vortrag vor Offizieren der Wehrmacht fasste Himmler im Januar 1937 die nachrichtendienstlichen Aufgaben des SD wie folgt zusammen: „Die Gebiete, die er [der SD] bearbeitet, sind vor allem Kommunismus, die Tätigkeit politisierender Konfessionen und Reaktion. Auch hierbei aber interessieren nicht die Einzelfragen der Exekutive. […] Den Sicherheitsdienst interessieren nur die großen weltanschaulichen Fragen.“Hans Buchheim: Die SS – das Herrschaftsinstrument, Befehl und Gehorsam. München 1967, S. 61.
Durch Erlass von Rudolf Heß vom 9. Juni 1934 in seiner Funktion als Stellvertreter des Führers wurde der SD zum einzigen parteiinternen Nachrichtendienst der NSDAP. Der Erlass sah eine Überführung der anderen Nachrichtendienste der Partei in den SD vor. Für die SA und deren Nachrichtendienst stand somit die Liquidation bzw. Brechung ihrer Machtstellung auf dem Plan. Weiterhin wurde bestimmt: „[…] 4. Nach der Überführung darf neben dem Sicherheitsdienst des Reichsführers SS kein Nachrichten- oder Abwehrdienst der Partei mehr bestehen, auch nicht in der Form einer Inlandsnachrichtenorganisation für außenpolitische Zwecke.“Hans Buchheim: Die SS – das Herrschaftsinstrument, Befehl und Gehorsam. München 1967, S. 64. Im Jahr 1935 erfolgte der endgültige Umzug des Sicherheitsdienstes von München nach Berlin.
In einer Anordnung vom 14. Dezember 1938 bestätigte Heß das nachrichtendienstliche Monopol: „Der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS ist durch meine Anordnung vom 9.6.1934 als einziger politischer Nachrichten- und Abwehrdienst der NSDAP, ihrer Gliederungen und angeschlossenen Verbände eingesetzt worden. Der SD-RF-SS ist also eine Einrichtung der Partei. Der organisatorische und menschliche Träger dieser Einrichtung ist die SS als Gliederung der Partei.“Hans Buchheim: Die SS – das Herrschaftsinstrument, Befehl und Gehorsam. München 1967, S. 64.
1935 erfolgte die Unterteilung in den „Allgemeinen SD“, der daraufhin mit Angehörigen der Sicherheitspolizei (Sipo) besetzt wurde, und den wichtigeren „Nachrichten-SD“, der die Bevölkerung überwachte. Die Ergebnisse wurden in den sogenannten „Leitheften“ und später den Meldungen aus dem Reich zusammengefasst. Zu diesem Zweck standen dem SD 52 SD-(Leit-) Abschnitte mit 51 Haupt- und 519 Außenstellen zur Verfügung (Auflistung siehe SD-Oberabschnitt). 1944 arbeiteten dort 6.482 hauptamtliche SD-Angehörige und über 30.000 V-Leute. Insgesamt war der SD bis Mitte 1944 auf 18.284 Personen hauptamtlichen Personals angewachsen.Jens Banach: Heydrichs Elite. Das Führercorps der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes 1936–1945, Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2002, S. 21.
Im Herbst 1938 wurde der SD schließlich zu einer staatlichen Institution erhoben. Ein Erlass des Reichsministeriums des Innern vom 11. November 1938 erklärte: „Der Sicherheitsdienst des RFSS hat als Nachrichtenorganisation für Partei und Staat – insbesondere zur Unterstützung der Sicherheitspolizei – wichtige Aufgaben zu erfüllen. Der SD wird damit in staatlichem Auftrage tätig. Das erfordert ein enges und verständnisvolles Zusammenarbeiten zwischen dem SD und den Verwaltungsbehörden der Allgemeinen und Inneren Verwaltung.“Hans Buchheim: Die SS – das Herrschaftsinstrument, Befehl und Gehorsam. München 1967, S. 65; Reichsministerialblatt der inneren Verwaltung (RMBliV), S. 1906.
Bildung des Reichssicherheitshauptamtes Aus den Leitungsinstanzen der Geheimen Staatspolizei, der Kriminalpolizei – beide waren inzwischen zur Sicherheitspolizei vereinigt – und dem Sicherheitsdienst wurde am 27. September 1939 das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) gebildet. Das war eine Zusammenführung der bisherigen staatlichen und Parteiinstitutionen zur Beobachtung, Verfolgung und Vernichtung der Gegner und Straftäter des nationalsozialistischen Staates unter einem Dach als effektive Terror- und Verfolgungsorganisation unter den Bedingungen des Krieges. Sie war keine reine Polizeibehörde, noch eine typische geheimdienstliche Einrichtung. Mit ihm war eine Institution völlig neuen Types, ohne vorangegangenen historischen Vorläufer zur Umsetzung der nationalsozialistischen Rasse- und Vernichtungspolitik entstanden.Michael Wildt (Hrsg.): Das Reichssicherheitshauptamt. NS-Terrorzentrale im Zweiten Weltkrieg, Verlag Hentrich & Hentrich, Leipzig 2019, S. 7
Von den ursprünglich sechs Ämtern besetzte der SD innerhalb des RSHA insgesamt vier Aufgabenbereiche. Gleichermaßen stellte der SD die jeweiligen Amtsleiter dieser Teilbereiche:Hans Buchheim: Die SS – das Herrschaftsinstrument, Befehl und Gehorsam. München 1967, S. 66 f.; Reichsministerialblatt der inneren Verwaltung: Erlaß des RFSSuChdDtPol vom 27. September 1939.
mini|hochkant|SD-Funktionär Werner Best im Jahre 1942
Amt I Verwaltung und Recht Werner Best Amt II Gegnererforschung Franz Six Amt III Deutsche Lebensgebiete Otto Ohlendorf Amt VI Auslandsnachrichtendienst Heinz Jost
In einer ersten Änderung in der Organisationsstruktur Mitte 1940 wurde Amt I in zwei Ämter aufgegliedert. Amt I unter der Leitung von Bruno Streckenbach war fortan für Personalbelange zuständig, das neugebildete Amt II unter Best für Organisation, Verwaltung und Recht. Das bisherige Amt II wurde das neue Amt VII „Weltanschauliche Forschung und Auswertung“ mit dem Leiter Franz Six.Hans Buchheim: Die SS – das Herrschaftsinstrument, Befehl und Gehorsam. München 1967, S. 68. Damit standen dann, neben Heydrich als Chef der Behörde, ab Mai 1940 fünf der Ämter unter der Führung von SD-Offizieren. Zugleich befanden sich inhaltlich fest in den Händen des SD, die sogenannte „Gegnerforschung“, der Inland-Geheimdienst, der Auslands-Nachrichtendienst, die „Weltanschauliche Forschung und Auswertung“ – in Gestalt des Amtes VII, Teile der „Deutschen Lebensgebiete“ mit ihren Exekutivfunktionen, der Personalbereich im Amt I mit seinen Auswahl- und Erziehungsfunktionen.Michael Wildt (Hrsg.): Das Reichssicherheitshauptamt. NS-Terrorzentrale im Zweiten Weltkrieg, Verlag Hentschel & Hentschel, Leipzig 2019, S. 14 ff.