Die Frente Sandinista de Liberación Nacional (spanisch, kurz FSLN; ) ist eine politisch links orientierte Partei in Nicaragua, hervorgegangen aus der gleichnamigen Guerillaorganisation, die am 19. Juli 1979vgl. Daniel Ortega Saavedra. In: Internationales Biographisches Archiv (aufgerufen am 18. Juli 2009 via Munzinger Online) an der Spitze einer breiten Widerstandsbewegung die seit 43 Jahren bestehende Diktatur der Somoza-Dynastie unter Präsident Anastasio Somoza Debayle stürzte und daraufhin Nicaragua bis 1990 regierte. Mit Daniel Ortega stellt sie seit Januar 2007 wieder den Staatspräsidenten Nicaraguas.
Die FSLN wurde am 23. Juli 1961 in Nicaragua von Carlos Fonseca als revolutionäre Bewegung in Opposition zur Diktatur der Familie von Somoza gegründet. Den Namen der Bewegung leiteten ihre Gründer von dem General des nicaraguanischen Widerstandes gegen US‑Truppen ab, Augusto César Sandino (1895–1934).
Hintergrund und Zeit als Guerilla Nicaragua wurde ab 1967 von dem Diktator Anastasio Somoza Debayle beherrscht. Unter Somoza, dessen Macht sich hauptsächlich auf die Nationalgarde stützte und der lange von den USA unterstützt wurde,Benjamin Beit-Hallahmi: The Israeli Connection. I. B. Tauris & Co., 1988 (). waren politische Morde und das heimliche „Verschwindenlassen“ von Oppositionellen durch die NationalgardeMorris H. Morley: Washington, Somoza and the Sandinistas: Stage and Regime in US Policy Toward Nicaragua 1969–1981. Cambridge University Press, 2002, S. 54. an der Tagesordnung. Die FSLN agierte zu dieser Zeit als Guerilla-Organisation.
Am 27. Dezember 1974 versuchte die FSLN, eine Party von Regierungsmitgliedern der Somoza-Diktatur im Haus des Regierungsministers José María Castillo Quant in der Colonia Los Robles in Managua zu besetzen; der Minister starb bei der Erstürmung. Die FSLN konnte durch die Übernahme ihr Kommuniqué über Radio unter der Bevölkerung verbreiten. Das Kommuniqué wurde außerdem in der Zeitung La Prensa gedruckt, die für ihre unabhängige Berichterstattung bekannt war. Anastasio Somoza Debayle erklärte anschließend den Ausnahmezustand, welcher bis zum 19. September 1977, 33 Monate lang, andauerte.El Nuevo Diario 27. Dezember 2008, Bei der Suche und Verfolgung von Anhängern und Mitgliedern der FSLN durch die Guardia Nacional de Nicaragua wurde der FSLN-Gründer Carlos Fonseca im November 1976 erschossen. Die FSLN spaltete sich noch im selben Jahr in drei Tendencias auf (Guerra Popular Prolongada, Proletaria und Tercerista) und vereinte sich erst 1979 wieder.
Nach der Ermordung des Oppositionsführers Pedro Chamorro (Inhaber der Tageszeitung La Prensa) im Januar 1978 durch eine regierungsnahe Todesschwadron kam es zur Vereinigung der wachsenden, aus Geschäftsleuten, Gewerkschaften und Studentengruppen bestehenden Opposition im Oppositionsbündnis FAO (Frente Amplio Opositor). Die Besetzung des Nationalpalastes durch Einheiten der FSLN am 22. August 1978El Nuevo Diario 17. August 2008, und Streikaufrufe der Opposition führten kurz darauf zu einer Verhaftungswelle. Die Sandinisten riefen am 8. September 1978 während eines Streikes zu einer allgemeinen Erhebung auf, woraufhin die Regierung am 12. September 1978 das seit 1977 aufgehobene Kriegsrecht wieder in Kraft setzte. Durch Vergeltungsschläge der Nationalgarde wurde der Aufstand bis Anfang Oktober niedergeschlagen, wobei etwa 5000 Menschen getötet und 10.000 verletzt wurden. Nach Aussage von Mitarbeitern von Amnesty International, die in Flüchtlingslagern in Honduras und Costa Rica ermittelten, kam es dabei zu zahlreichen Hinrichtungen, Folterungen, Vergewaltigungen und Verstümmelungen durch Einheiten der Nationalgarde. Als Reaktion auf Forderungen der Opposition setzte die Regierung am 7. Dezember 1978 das Kriegsrecht außer Kraft und leitete am 16. Dezember 1978 eine Amnestie für politische Gefangene ein, in deren Folge eine Anzahl von Gefangenen freigelassen wurde.Amnesty International: Jahresbericht 1979 – Nicaragua.
Ideologische Ausrichtung Ideologisch umfasst der Sandinismus (Sandinismo) ein breites Spektrum von Meinungen, die vom revolutionären Marxismus bis zur Befreiungstheologie und reformistischen Agenden einer Verbreiterung bäuerlichen Eigentums reichen. Von der kubanischen Linken unterscheidet sich der Sandinismus in seiner expliziten Kritik an der Politik traditioneller kommunistischer Parteien und in der Betonung des demokratischen und sozialistischen Charakters der nicaraguanischen Revolution.Michael Löwy: Marxism in Latin America from 1909 to the present. An anthology. Übersetzt von Michael Pearlman (Atlantic Highlands N.J.: Humanities Press) 1992, S. 210. Während der Revolution fanden die Sandinisten große Unterstützung in der bäuerlichen und Teilen der indigenen Bevölkerung Nicaraguas sowie bei vielen neuen sozialen Bewegungen in Übersee, besonders bei der „Neuen Linken“ in Europa, von wo teilweise auch internationale Brigaden zu deren Unterstützung nach Nicaragua aufbrachen.
Die sandinistische Regierung orientierte sich am Ostblock; die Sowjetunion lieferte ihr Waffen. 1981 begrüßte sie die Niederschlagung der Solidarność-Bewegung, 1984 bekundete sie ihren Wunsch, dem Warschauer Pakt beizutreten.
Internationale Reaktionen Die internationalen Brigaden unterstützten die soziale und entwicklungspolitische Infrastruktur auf Seiten der Sandinisten und schufen internationale Aufmerksamkeit und Gegenöffentlichkeit zu dem kritischen Bild, das die US-Regierung und Teile der westlichen Medien zeichneten.
Die Nicaraguanische Revolution führte zu wirtschaftlichen Einbußen mächtiger, vor allem US-amerikanischer Konzerne, die während der Somoza-Diktatur Nicaragua ausgebeutet hatten und gefährdete auch politisch die US-Interessen in der Region. Auch die Unterstützung der Sandinisten durch mit der UdSSR verbündete Staaten, beispielsweise durch Kuba und die DDR, sowie die Wirkung der FSLN auf Guerilleros in Nachbarstaaten Nicaraguas, wie etwa die Unterstützung der linken Revolutionäre in El Salvador bewirkten, dass die USA die gegnerischen „Contras“, die von Basen im benachbarten Honduras aus agierten, mit finanziellen, geheimdienstlichen (siehe Iran-Contra-Affäre) und militärischen Mitteln förderten. So blieb Nicaragua nach der Revolution noch lange Schauplatz bürgerkriegsähnlicher Zustände (im sogenannten Contra-Krieg).
Einsetzung der sandinistischen Regierung Nach mehreren Jahren gelang der FSLN am 19. Juli 1979 schließlich die Machtübernahme in Nicaragua. Somoza musste nach Miami flüchten. Das Präsidentenamt wurde noch am selben Tag von Francisco Urcuyo Maliaños besetzt, welcher jedoch schon am Folgetag wieder zurücktreten musste. Die Macht wurde in der Folgezeit von einem fünfköpfigen Regierungsausschuss übernommen, welchem Daniel Ortega, Sergio Ramírez, Moisés Hassan Morales, Alfonso Robelo Callejas und Violeta Barrios de Chamorro (die Witwe von Pedro Chamorro) angehörten. Am 20. Juli 1979 wurde die Regierung des Nationalen Wiederaufbaus eingesetzt, an deren Spitze wiederum der fünfköpfige Regierungsausschuss stand. Noch am selben Tag wurde das Grundgesetz erlassen, welches die seit 1974 bestehende Verfassung ersetzte. Das Grundgesetz regelte die organisatorische Struktur der Regierung, die Neueinsetzung des Rechtswesens, sowie die Auflösung von Nationalgarde und militärischem Ermittlungsdienst.
Am 21. Juli 1979 wurde das Gesetz der Rechte und Garantien der Nicaraguaner (Estatutos sobre Derechos y Garantias de los Nicaragüenses) erlassen, welches das Recht auf Leben, die körperliche Unversehrtheit, die Rechtssicherheit, die Meinungsfreiheit, den Schutz vor Sklaverei, die Gewissens- und Religionsfreiheit, das Recht auf Arbeit, das Recht auf Gewerkschaftszugehörigkeit und das Streikrecht garantierte, sowie Todesstrafe und Folter abschaffte. Am 25. September 1979 ratifizierte die Regierung die Amerikanische Menschenrechtskonvention, am 12. März 1980 den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte.Amnesty International: Jahresbericht 1980 – Nicaragua
Zur Herrschaftssicherung wurden 1979 zwei teilweise konkurrierende Institutionen gegründet, das Ministerio del Interior (Innenministerium = MINT) unter Tomás Borge, dem auch die Policía Sandinista und der Inlandsgeheimdienst Directorio General de la Seguridad del Estado (DGSE) unterstand, sowie das Verteidigungsministerium unter dem Oberkommandierenden des Sandinistischen Volksheeres (EPS), Humberto Ortega. Durch massive sowjetische und nordkoreanische Waffenlieferungen und kubanische Militärberater wurde das EPS im Laufe der 1980er Jahre zur mit Abstand größten Streitkraft Zentralamerikas ausgebaut. Sowohl das EPS als auch das MINT einschließlich des DGSE wurden nach ihren kubanischen Vorbildern, den Fuerzas Armadas Revolucionarias und dem MININT, organisiert; logistische Unterstützung leisteten u. a. sowohl die Nationale Volksarmee als auch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR.
Wirtschafts- und Sozialpolitik Die sandinistische Agrarreform nach sozialistischem Vorbild leitete einen Strukturwandel in der bisher auf Basis von Großgrundbesitz industriell betriebenen Monokultur ein. Ein Drittel der Ackerfläche wurde in Form von kleineren Pachtbetrieben und Gemeinschaftsfarmen neu verteilt. Letztere organisierten sich oft als landwirtschaftliche Genossenschaften.Andreas Bittner: Standortgerechter Landbau im Rahmen integrierter ländliche Entwicklung als emanzipatorische Entwicklungsstrategie? In: Verein zur Förderung von Landwirtschaft und Umweltschutz in der Dritten Welt (Hrsg.): Von der Rhetorik zur Realität. Zur Krise der „integrierten ländlichen Entwicklung“ in den Tropen und Subtropen. Soziale, politische, ökonomische und ökologische Aspekte des standortgerechten Landbaus (= Sozialwissenschaftliche Studien zu internationalen Problemen, Band 156). Breitenbach, Saarbrücken 1991, ISBN 3-88156-505-1, S. 5–18, hier S. 13. Viele Genossenschaften scheiterten jedoch schon bald an internen Konflikten und/oder an Unproduktivität.Andreas Bittner: Standortgerechter Landbau im Rahmen integrierter ländliche Entwicklung als emanzipatorische Entwicklungsstrategie? In: Verein zur Förderung von Landwirtschaft und Umweltschutz in der Dritten Welt (Hrsg.): Von der Rhetorik zur Realität. Zur Krise der „integrierten ländlichen Entwicklung“ in den Tropen und Subtropen. Soziale, politische, ökonomische und ökologische Aspekte des standortgerechten Landbaus. Breitenbach, Saarbrücken 1991, S. 5–18, hier S. 14. Um die Bevölkerung zu versorgen, führte man zusätzlich den Anbau von Mais, Reis, Bohnen und Kochbananen ein. Mit den Einkünften aus den verstaatlichten Somoza-Ländereien (der gestürzte Somoza-Clan besaß etwa 15 Prozent des Ackerlandes),Tim Merrill, Nicaragua: A Country Study. GPO for the Library of Congress, 1993 auf denen weiterhin Kaffee für den Export produziert wurde, kaufte die Revolutionsregierung Getreide, dessen Anbau im Lande aus klimatischen Gründen sehr schwierig ist, um es zu subventionierten Preisen an die Bevölkerung abzugeben.
Die FSLN-Regierung führte 1979 die Schulpflicht für Kinder im Alter zwischen 6 und 13 Jahren und gebührenfreie Schulen ein. Durch die 1980 und 1981 folgende landesweite Alphabetisierungskampagne wurde der Anteil der Analphabeten von 50 Prozent (1979) auf 12 Prozent gesenkt.Gabriele Slezak: Länderinformation Nicaragua, Österreichische Forschungsstiftung für internationale Entwicklung (ÖFSE), 4., überarbeitete Auflage, Mai 2006; abgerufen am 11. November 2016. Viele Hochqualifizierte verließen jedoch das Land während des Contra-Krieges, so dass trotz der intensivierten Bildungspolitik weiterhin ein Mangel an Fachkräften in Nicaragua bestand.