mini|Friedrich Wilhelm Raiffeisen (um 1870) rahmenlos|zentriert|klasse=skin-invert-image mini|Raiffeisen-Denkmal Neuwied mini|Büste, Wien Friedrich Wilhelm Heinrich Raiffeisen (* 30. März 1818 in Hamm (Sieg); † 11. März 1888 in Heddesdorf, heute Neuwied) war ein deutscher Sozialreformer und Kommunalbeamter. Er gehört zu den Gründern der genossenschaftlichen Bewegung in Deutschland und ist der Namensgeber der Raiffeisenorganisation.

Leben Herkunft und Ausbildung Friedrich Wilhelm Raiffeisen war eins von neun Kindern der Eheleute Gottfried Friedrich Raiffeisen (1782–1849) und Amalie, geb. Lanzendörffer (1784–1859). Sein Großvater Johann Carl Ludwig Raiffeisen (1749–1814) war Pfarrer und kam aus dem fränkischen Mittelfischach (heute Gemeinde Obersontheim im Landkreis Schwäbisch Hall) nach Hamm.Rainer Märklin: Woher kommen eigentlich die Raiffeisens? In: Werner Abresch, Friedhelm Kaiser: Zukunft gewinnen. Steinbock-Verlag, Hannover 1968, S. 17/18 Der Name Raiffeisen entstammt der Flurbezeichnung „Rawe“ und der altertümlichen Flurbezeichnung „Ess“ für Weide, sodass er als sehr alter Name aus Zeiten germanischer Weidewirtschaft gelten kann. Die Familie lässt sich zurückverfolgen bis auf den Müller Hans Raiffeisen (* 1510), der 1547 Bürger von Ravensburg wurde. Jörg Raiffeisen, einer der Söhne von Hans, war Nestler und wurde 1562 durch Heirat Bürger von Hall. Sein Sohn Georg Raiffeisen (1569–1651) war ebenfalls Nestler und Stadtbaumeister von Hall. Durch Heirat wurde er siedeberechtigt. Sein gleichnamiger Sohn (1598–1667) war ebenfalls Nestler und Vater von fünfzehn Kindern. Einer seiner Söhne, Hans Jörg (1627–1691), und auch dessen Sohn Johann Peter (1676–1716) waren als Glaser in einem damals neuen und stark nachgefragten Handwerk tätig. Dessen Sohn Johann Adam (1715–1769) wurde kein Handwerker, sondern ab 1738 Musiker am Hof von Ludwig von Löwenstein-Wertheim. 1744 bewarb er sich als Stadtmusikus in Hall, wurde aber nicht eingestellt. Da seine Bürger- und Siederechte dort durch den Wegzug verfallen waren, konnte er sich nicht in Hall ansiedeln und wurde daraufhin Lehrer in Eschach. Sein noch in Wertheim geborener Sohn Carl Ludwig (1749–1814), der Großvater von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, war der erste Akademiker in der Familie. Von seinen Söhnen studierten zwei, während der Vater von F. W. Raiffeisen nach einer landwirtschaftlichen und kaufmännischen Ausbildung die Tochter des Hammer Bürgermeisters heiratete.Ingrid Bauert-Keetman: Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Ein Leben für die Zukunft. Steinbock Verlag, 1988, ISBN 3-921951-22-4, S. 10–13 Die Familie seiner Mutter entstammte ebenfalls dem süddeutschen Raum. Die ältesten überlieferten Vorfahren der Lanzendörfer (auch Lantzendörffer usw.) kamen aus Münchberg bei Bayreuth. In der Familie fanden sich hauptsächlich Kaufleute und Verwaltungsbeamte. Als F. W. Raiffeisen geboren wurde, waren seine Vorfahren seit 75 Jahren fast ununterbrochen Bürgermeister von Hamm. Somit wurde er in eine der angesehensten Familien der Gegend geboren.Michael Klein, S. 8

Da sein Vater nach einer Erkrankung verarmte und als Ernährer und auch als Erzieher ausfiel, war seine Mutter weitestgehend auf sich allein gestellt, um die neun Kinder zu ernähren und zu erziehen. Die wenigen überlieferten Brieffragmente deuten darauf hin, dass sie im Glauben an Gott ihr Schicksal trug. Der Einfluss der Mutter war wohl entscheidend für die spätere Frömmigkeit von F. W. Raiffeisen.Michael Klein, S. 8/9

Raiffeisen erhielt neben dem Volksschulunterricht auch Privatstunden bei seinem Patenonkel, dem reformierten Pfarrer von Hamm, Georg Wilhelm Heinrich Seippel, und dessen Freund Hofrat Lantzendörffer.Werner Abresch, Friedhelm Kaiser: Zukunft gewinnen. Steinbock-Verlag, Hannover 1968, S. 35 Johannes Hasselhorn glaubte an eine pietistische Prägung des jungen Raiffeisen durch die Religiosität der damaligen Bevölkerung und besonders durch den als Pastor tätigen Großvater.Werner Abresch, Friedhelm Kaiser: Zukunft gewinnen. Steinbock-Verlag, Hannover 1968, S. 57 Als 17-Jähriger musste er in die Offizierslaufbahn der preußischen Armee in Köln eintreten, da seine Familie zu arm war, ein Studium zu finanzieren.Werner Abresch, Friedhelm Kaiser: Zukunft gewinnen. Steinbock-Verlag, Hannover 1968, S. 53 Der Vater Raiffeisen war schon um 1822 vom Bürgermeisteramt zurückgetreten, vermutlich weil er an Tuberkulose erkrankt war. Als Todesursache des am 16. Januar 1849 Verstorbenen vermerkt das Kirchenbuch Abzehrung.Werner Abresch, Friedhelm Kaiser: Zukunft gewinnen. Steinbock-Verlag, Hannover 1968, S. 55 Raiffeisen wurde in einem guten, wohlbehüteten und religiösen Elternhaus groß, in dem besonders seine Mutter Amalie als alleinige Verantwortliche für die Familie über sich hinauswuchs.

Obwohl Raiffeisen von damaligen Zeitgenossen keineswegs als Militarist, sondern eher als geistiger Mensch beschrieben wird,Werner Abresch, Friedhelm Kaiser: Zukunft gewinnen. Steinbock-Verlag, Hannover 1968, S. 63 wurde er 1838 zum Unteroffizier befördert und zur Inspektionsschule nach Koblenz kommandiert, was damals als Auszeichnung galt. An jener Schule lernte er technisches Detailwissen, das ihm später als Bürgermeister beim Schul- und Wegebau sowie der Wiesendrainage hilfreich war.Werner Abresch, Friedhelm Kaiser: Zukunft gewinnen. Steinbock-Verlag, Hannover 1968, S. 65 In Koblenz lernte er die „Euterpier“ kennen. Dieser Jugendbund bestand aus Gymnasiasten, die sich unter dem Wahlspruch „Fromm, frisch, froh, frei“ und im Zeichen der Fröhlichkeit und des Humanismus zusammenfanden.Werner Abresch, Friedhelm Kaiser: Zukunft gewinnen. Steinbock-Verlag, Hannover 1968, S. 68 Die daraus entstandenen Freundschaften hielten auch an, als er nach Köln versetzt wurde. Ein Teil der Euterpier studierte in Bonn und gründete dort den Bonner Wingolf. Ihm war Raiffeisen zwar als gern gesehener Gast zuzurechnen, er trat aber selbst nie ein. Während seiner Kölner Zeit erkrankte er an einem Augenleiden, womit seine Pläne einer militärischen Karriere als Offizier unmöglich wurden. Sein Onkel Hofrat Lantzendörffer verschaffte ihm eine Stelle in der zivilen preußischen Verwaltung.Werner Abresch, Friedhelm Kaiser: Zukunft gewinnen. Steinbock-Verlag, Hannover 1968, S. 73

Am 23. September 1845 heiratete er die Apothekerstochter Emilie Storck aus Remagen.Biografie: Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818–1888). In: genostory.de (abgerufen am 30.12.2022)

Berufsleben und Werk Raiffeisen wurde in die preußische Kommunalverwaltung als Kreissekretär nach Mayen versetzt und war von 1845 bis 1848 Bürgermeister von Weyerbusch im Westerwald, nur wenige Kilometer von seinem Geburtsort Hamm entfernt. Seine Aufgabe war es, die eingehenden Bittgesuche und Anträge der Bürger zu bearbeiten, die Sitzungen der Gemeinderäte vorzubereiten und die Anordnungen der vorgesetzten Behörden umzusetzen. Mit der Einführung der preußischen Gemeindeordnung, die er durchsetzen musste, wurden in allen Orten Protokollbücher angelegt, deren Auswertung später einen wichtigen Beitrag zur Forschung über Raiffeisen lieferte. Als Bürgermeister war er auch verantwortlich für die Durchführung der Wahlen zum Preußischen Abgeordnetenhaus und zur Frankfurter Nationalversammlung. Raiffeisen war ein bürgernaher Gemeindevorsteher, der sich die Nöte und Sorgen anhörte und versuchte, die Lage zu verbessern. Einer seiner Schwerpunkte während seiner gesamten Tätigkeitszeit war das Schulwesen. Von ihm ist die Aussage überliefert, dass „der beste Kampf gegen die Armut eine gute Schulbildung ist“. Viele Schulen waren damals in einem sehr schlechten baulichen Zustand, und die Schüler wurden in den nassen, kalten und zugigen Räumen oft krank. Nach Amtsbeginn in Weyerbusch begann er, ein neues Schulgebäude zu entwerfen, planen und bauen zu lassen. Hierbei war seine Ausbildung zum Oberfeuerwerker hilfreich, in der er das Rüstzeug gelernt hatte, um jetzt die Verträge mit den Handwerkern zu schließen, deren Arbeiten zu überwachen und später abzunehmen. Während seiner weiteren Jahre als Bürgermeister an verschiedenen Orten ließ er immer wieder neue Schulen planen und errichten.Jürgen Wiehr, Silke Bonse, Ulrich Gross: Friedrich Wilhelm Raiffeisen. In: Dr.-Ing.-Hans-Joachim-Lenz-Stiftung, Angelika Humann (Hrsg.): Menschen, die die Welt bewegten. Books on Demand, 2012, S. 137/138, ISBN 978-3-938088-29-6

Ein weiteres wichtiges Anliegen war ihm die Erschließung mit Straßen und Wegen. Es gab damals nur unbefestigte Lehmwege, die bei schlechter Witterung unpassierbar waren. Um den Absatz der Agrarprodukte zu fördern, betrieb er zur besseren Erschließung der Region den Bau einer Straße von Weyerbusch über Flammersfeld, Rengsdorf und Heddesdorf zum Rhein, später auch bis Hamm (Sieg). Diese Straße, die zum Teil mit der heutigen B 256 identisch ist, wurde am 23. März 1984 Historische Raiffeisenstraße genannt. Sie verbindet seine Wirkungsstätten vom Geburtsort bis zum Raiffeisen-Denkmal in Neuwied. Er sorgte für die Aufforstung der Wälder und den Bau der Westerwaldbahn.

Der Winter 1846/47 stellte ihn vor eine neue Herausforderung. Im Sommer davor waren die Durchschnittstemperaturen in ganz Europa gesunken, wie wir heute wissen durch die Vulkanausbrüche des Fonualei und des Merapi mit monatelangem Ascheausstoß. Durch die Klimaveränderung kam es zu erheblichen Mindererträgen beim Getreide, was durch das erstmalige Auftreten der Krautfäule bei den Kartoffeln zu explodierenden Nahrungsmittelpreisen im Winter führte. Auf Antrag von Raiffeisen lieferte die Regierung Brotgetreide, um die ärgste Not zu lindern. Es durfte allerdings nur gegen sofortige Bezahlung abgegeben werden, wozu die meisten Bewohner nicht in der Lage waren. Er handelte als junger Bürgermeister eigenmächtig und gab die dringend benötigten Nahrungsmittel gegen Schuldschein heraus. In Erinnerung an seinen Patenonkel Seippel, der 1818 Geld für Bedürftige aus dem Opferstock genommen haben soll, weil ihm die örtliche Verwaltung zu langsam auf eine Hungersnot reagiert hatte, war ihm die Linderung der Not wichtiger als die Anweisung der Regierung.Jürgen Wiehr, Silke Bonse, Ulrich Gross: Friedrich Wilhelm Raiffeisen. S. 140

Wie Seippel gründete er einen Hilfsverein. Er schaffte es, dass die etwas begüterten Mitbürger ihre geringen Ersparnisse dort einbrachten und er das Getreide bezahlen konnte. Vom gegründeten „Brotverein“ wurden mit diesem Geld ein Gemeindebackhaus gebaut und im Frühjahr Saatkartoffeln finanziert, damit die Ärmeren im Herbst mit den Verkaufserlösen ihre Schulden zurückzahlen konnten. Der Verein hatte keine Satzung, und Raiffeisen schrieb an seinen Landrat, dass sie auf Treu und Glauben als bindend begründet sind. Wegen des guten Zustands in seinem Verwaltungsgebiet bewilligte der Landrat Raiffeisen für die ihm entstandenen Kosten daraufhin ein Darlehen.

Ab 1848 wechselte er als Bürgermeister zur Bürgermeisterei Flammersfeld mit 33 Ortschaften. Die allgemein beginnende technische und agrarwirtschaftliche Entwicklung machte ihm bewusst, dass es den meist kleinen Landwirten an Geld fehlte, um am Fortschritt teilzuhaben. Um den Absatz der Produkte zu fördern, begann er sogleich wieder damit, sich um bessere Straßenverbindungen zu bemühen. Es dauerte dann aber bis 1854, bis eine Straße von Flammersfeld über Asbach nach Honnef von der Regierung genehmigt und gebaut wurde. In Flammersfeld sah er besonders das Problem des Viehwuchers, das viele Landwirte aufgrund der damaligen schlechten Schulausbildung meist nicht selbst erkannten. Händler verkauften minderwertiges Vieh zu überhöhten Preisen auf Kredit mit viel zu kurzen Rückzahlzeiten und weit überhöhten Zinsen. Um nachhaltig zu helfen, gründete sich auf Betreiben von Raiffeisen am 1. Dezember der Flammersfelder Hilfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte. Zu Beginn der Gründungsversammlung appellierte er an die 60 Anwesenden mit den Worten: