mini|hochkant|John Russell, 1. Earl Russell rahmenlos|zentriert|100px|klasse=skin-invert-image John Russell, 1. Earl Russell, KG, PC (* 18. August 1792 in London; † 28. Mai 1878 im Pembroke Lodge, Richmond Park, Surrey) war ein liberaler Reformpolitiker. Zweimal – von 1846 bis 1852 und von 1865 bis 1866 – war er während der Regentschaft von Königin Victoria der Premierminister des Vereinigten Königreichs. Zunächst als Whig, dann als liberaler Politiker war er ein Protagonist im komplizierten Prozess der Herausbildung eines moderneren Parteisystems und tat sich bei der Neuausbildung der Parteien hervor; Russell war einer der Gründerväter der Liberalen Partei, die im britischen Zweiparteiensystem die Whigs ablöste, wo sie die linke Haltung repräsentierte und den Konservativen entgegenstand.

Russell war der drittgeborene Sohn des 6. Duke of Bedford. Er erhielt eine elitäre Ausbildung an der Westminster School und studierte an der Universität von Edinburgh. Russell, der Charles James Fox idolisierte und nach seinem Vorbild als ein liberaler Reformer auftrat, wurde 1813 erstmals ins britische Unterhaus gewählt. Bereits 1828 war er maßgeblich beteiligt daran, die Testakte aufzuheben und damit die politische Diskriminierung von Katholiken und protestantischen Dissentern zu beenden. Russell war auch einer der Architekten des großen Reform Act 1832, durch den die sogenannten Rotten boroughs (Wahlkreise mit minimaler Wählerschaft) abgeschafft und ein großer Schritt in Richtung Demokratisierung getan wurde. Obwohl er nie das Universale Wahlrecht für die ganze Bevölkerung forderte, war Russell ein entschiedener Befürworter für die Erweiterung des Wahlrechts auf größere Teile der Mittelschichten.

1834/1835 war er der Unterhändler, der den „Lichfield House Compact“ aushandelte, in dem Whigs, Radikale und Irische Abgeordnete sich in einem Bündnis zusammenfanden. Dies ebnete 1835 Viscount Melbourne den Weg zurück an die Macht. Nachfolgend war Russell in Melbournes Regierung zugleich parlamentarischer Mehrheitsführer (Leader of the House of Commons) und Innenminister (Home Secretary) und zeichnete sich durch eine Reihe von Reformgesetzen aus, die die Reichweite der Todesstrafe auf wenige Verbrechen reduzierte, Jugendliche vom Erwachsenenstrafrecht absonderte und eine Aufsichtsbehörde für Gefängnisse einführte, um in den unhaltbaren Zuständen Abhilfe zu schaffen. Auch versuchte er die Lage der Katholiken in Irland zu verbessern, indem er katholische Magistrate in Irland einführte und die Zulassung von Katholiken in den dortigen Polizeidienst erlaubte. Nach dem Sturz Melbournes 1841 gingen Russell und die Whigs in Opposition, zu diesem Zeitpunkt hatte sich Russell allerdings derart profiliert, dass er weithin als Melbournes Nachfolger und zukünftiger Anwärter auf das Amt des Premierministers gehandelt wurde. 1845 trat er dafür ein, die Korngesetze aufzuheben, um drohenden Ernteausfällen infolge der neuartig auftretenden Kartoffelfäule zu begegnen. Mit seinem Parteikollegen Viscount Palmerston überwarf er sich allerdings, was auch zum vorzeitigen Ende seiner eigenen ersten Amtszeit als Premierminister führte. In dieser Rolle fehlt ihm in seiner ersten Amtszeit von 1846 bis 1852 (trotz Zugewinnen bei den Wahlen 1847) eine solide parlamentarische Mehrheit und sein Kabinett zeigte sich oft zerstritten. Eine Finanzkrise 1848 bewirkte für die Regierung zudem eine Beschneidung ihrer Handlungsmöglichkeiten. Dadurch sah sich Russell außerstande, bedeutende Teile seiner Reform-Agenda umsetzen zu können und musste sich darauf verlegen, eingebrachte Gesetze von Hinterbänklern (wie die Begrenzung von Arbeitszeiten von Frauen und Kindern in Fabriken) in Zusammenarbeit mit den Peeliten durchzubringen. Mit Ausbruch der Großen Hungersnot in Irland versuchte Russells Regierung, die Not durch mehrere Maßnahmen zu lindern, scheiterte jedoch mit ihren Maßnahmen bei der Bewältigung der Krise. Am Ende stand eine menschliche Katastrophe; fast ein Viertel der Bevölkerung in Irland war entweder ausgewandert oder tot. 1852 stürzte Russell durch seinen Konflikt mit Palmerston und ging in die Opposition. Darauf traten er und die Whigs in die Regierung unter Premierminister Lord Aberdeen ein, die Whigs und Peeliten zusammenführte. Russell führte zunächst kommissarisch das Außenministerium und wich dann im Februar 1853 Clarendon, um als Minister ohne Portfolio dem Kabinett beizuwohnen und wie schon unter Melbourne als parlamentarischer Mehrheitsführer zu wirken. Erneut versuchte er (erfolglos) in dieser Position, das Wahlrecht zu erweitern. Russell und Palmerston fanden sich im Kabinett zusammen, um Maßnahmen gegen die Aggression Russlands gegen das Osmanische Reich zu unterstützen. Dies führte zur Teilnahme Großbritanniens am Krimkrieg. Russell sah sich im Kriegsverlauf jedoch frustriert über das Missmanagement der Regierung und forderte Aberdeen wiederholt auf, Kriegsminister Newcastle durch Palmerston zu ersetzen. Als der Radikale John Roebuck im Unterhaus einen Antrag einbrachte, der das Missmanagement der Regierung untersuchen sollte, sah sich Russell in einem Gewissenskonflikt. Russell, der einerseits nicht gegen die eigene Regierung votieren konnte, anderseits jedoch den Antrag unterstützen wollte, trat daraufhin zurück. Nach dem folgenden Sturz der Regierung Aberdeen war es für Russell, eigentlich der prädestinierte Nachfolger, durch seinen vorzeitigen Rücktritt unmöglich geworden, Aberdeen zu beerben, da seine vormaligen Amtskollegen ihm die Unterstützung verweigerten. Dies führte zu Palmerstons Berufung; Russell wurde Kolonialminister, trat jedoch bereits im Juli 1855 zurück.

1859 versöhnten sich Russell und Palmerston bei einem historischen Treffen, was als Geburtsstunde der liberalen Partei gilt. Russell wurde Außenminister unter Palmerston; nach dessen plötzlichen Tod 1865 beerbte ihn Russell. Auch Russells zweite Amtszeit als Premierminister von 1865 bis 1866 war wiederum ein Misserfolg; Russell versuchte erneut, eine Wahlrechtserweiterung zu realisieren, doch fand er in seiner zerstrittenen Partei wiederum keine Mehrheit und musste von den Oppositionsbänken aus zusehen, wie nachfolgend die Konservativen um Derby und Disraeli seine eigene Agenda aufgriffen und im Zweiten Reform Act 1867 das Wahlrecht erneut erweiterten.

Er war der Großvater von Bertrand Russell.

Leben Kindheit und Bildung Russell, dritter Sohn von John Russell, 6. Duke of Bedford, litt als Frühgeburt an diversen Kinderkrankheiten. Er besuchte zunächst die Westminster School und studierte an der Universität Edinburgh Philosophie, Geschichte und Staatswissenschaften.

Der Weg zum Oppositionsführer Schon im Juli 1813 trat Russell für einen Wahlkreis, über den sein Vater verfügte, in das House of Commons ein. Er sympathisierte mit den Idealen der Französischen Revolution, besuchte Napoleon Bonaparte während dessen Zeit auf Elba und war seit 1819 unablässig um eine Reform der Parlamentswahlen bemüht. Seine Vorschläge wurden anfangs schon in den ersten Stadien der Beratung zurückgewiesen. Dagegen kam ein Gesetzesvorschlag, den er 1826 einbrachte, wenigstens zur zweiten Lesung. Er sah vor, das Wahlrecht einer Anzahl von entvölkerten und unbedeutenden ländlichen Wahlkreisen auf große und bevölkerungsstarke, bis dahin von der Vertretung im Parlament ausgeschlossene, Fabrikstädte zu übertragen.

In diesen Auseinandersetzungen hatte er sich bereits eine hervorragende Stellung innerhalb der Whigpartei erworben, die noch gefestigt wurde, als er 1828 energisch und mit Erfolg für die Aufhebung der Testakte und 1829 für die Emanzipation der Katholiken wirkte. 1830 nahm Russell erneut Anlauf zu einer Reform und brachte einen Gesetzentwurf ein, welcher den Städten Leeds, Manchester und Birmingham eine Vertretung im Parlament verleihen sollte. Auch diesmal trug er zwar den Sieg zunächst nicht davon, doch wurde er im liberalen Kabinett Grey Generalzahlmeister und hatte im Juni 1832 die Genugtuung, seine langjährigen Bemühungen durch die Annahme des Reform Act gekrönt zu sehen.

Mit dem Rücktritt der Whigs im November 1834 legte auch er sein Amt nieder, um bei der Wiedereröffnung des Parlaments im Februar 1835 die Führung der Opposition zu übernehmen. Seiner geschickten Taktik gelang die Durchführung der Appropriationsklausel, wodurch die Tories zum Rücktritt bewogen wurden.

1836 wurde er zum Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ernannt.

Staatssekretär und Kolonialminister In der Regierung Melbourne (April 1835) war Russell Leader of the House of Commons, dazu übernahm Russell das Ministerium des Innern, das er 1839 mit dem Kriegs- und Kolonialministerium (Secretary of State for War and the Colonies) tauschte. Die wichtigsten gesetzgeberischen Maßnahmen dieser Regierung, die neue Städteordnung, die irische Zehntbill, die neue Armengesetzgebung, die Organisation des öffentlichen Unterrichts und die Verbesserung der Rechtspflege, sind zum wesentlichen Teil das Verdienst Russells, der gleichzeitig als Oberhaupt der inneren Verwaltung die Bestrebungen der Chartisten und Radikalen niederhielt.

Nachdem die Regierung im August 1841 zurückgetreten war, übernahm Russell wieder die Führung der Opposition, unterstützte aber die Bemühungen der Regierung Peel zur Verbesserung der Freiheit des Handels, der Lebensverhältnisse der arbeitenden Klassen und die Aufrechthaltung der Ruhe in Irland betreffenden Fragen.

Erste Regierung (Juli 1846–Februar 1852) Nach Peels Rücktritt wurde Russell im Juli 1846, als das anerkannte Oberhaupt der Whigs, mit der Bildung der neuen Regierung beauftragt, in der er selbst den Posten eines Premiers und ersten Lords des Schatzes übernahm. In diese Regierungszeit fällt die Große Hungersnot in Irland. Russells Regierung unternahm Schritte, um die Hungersnot zu lindern; diese erwiesen sich jedoch als unzulänglich. Entweder waren sie zu langfristig gedacht oder gingen nach hinten los und schufen neue Probleme. Im Parlament wurden manche Maßnahmen nicht verabschiedet, dazu durchkreuzte die inadäquate Verwaltung in Irland, sowohl öffentlich als auch karitativ, auch die mit den besten Absichten eingeführten Hilfsmaßnahmen. Landreformen, um neues Kapital in die Agrarwirtschaft zu bringen, waren als Maßnahme viel zu langfristig gedacht, um kurzfristig die Hungersnot zu lindern. Eilig eingerichtete Suppenküchen, um die akute Hungersnot zu bekämpfen, führten in der geschwächten Bevölkerung zu Epidemien. Weiter sei die Regierung bei der Bekämpfung der Hungersnot zum Teil auch an Russells Schwächen gescheitert, so seine Biographen. Gemäß seiner politischen Überzeugungen suchte Russell zu helfen, ohne dabei dauerhafte Abhängigkeiten zu schaffen und wollte durch allzu langfristig gedachte Maßnehmen ein zukünftiges Wiederauftreten verhindern. Dazu sei Russell in seiner gesamten politischen Karriere über ein Politiker gewesen, der zu vorschnellen Urteilen und Handlungen neigte. Duncan Brack: Lord John Russell. in: Iain Dale (Hrsg.): The Prime Ministers: Three Hundred Years of Political Leadership. Hodder & Stoughton, London 2022, S. 187. Auch sein Biograph John Prest sieht seine Regierung durch diese Charaktereigenschaften Russells in der Krise als überfordert. Am Ende wurde die Hungersnot durch die Politik seiner Regierung eher verschärft.Jim Donelly; The Irish Famine. BBC History Als Russell sich im Dezember 1851 Lord Palmerstons auf wenig rücksichtsvolle Weise entledigt hatte, wurde die Stellung des Kabinetts unhaltbar, und Ende Februar 1852 trat die Whig-Regierung zurück.

Minister in den folgenden Kabinetten mini|hochkant|John Russell, Francis Grant, 1853