mini|Selbstporträt Kempelens (Kohlezeichnung mit Signatur)

Wolfgang von Kempelen (, ; * 23. Januar 1734 in Pressburg; † 26. März 1804 in der Alservorstadt, heute Wien) war ein ungarischer Mechaniker, Erfinder, Architekt und Staatsbeamter im Königreich Ungarn bzw. im Erzherzogtum Österreich. Er baute unter anderem 1791 den ersten funktionstüchtigen Sprechapparat.

Leben Wolfgang von Kempelen stammte aus einer angesehenen deutschsprachigen Familie vermutlich irischer Herkunft. Er war der jüngste Sohn des 1722 nobilitierten Hofkammerrats Engelbert (von) Kemp(e)len und Bruder des Generalmajors Johann Nepomuk von Kempelen, mit dem er in biografischer Hinsicht häufig verwechselt bzw. mit ihm gleichgesetzt wird (vgl. beispielsweise den Eintrag in ADB.) So stehen beispielsweise der Namenszusatz de/von Pázmánd und der Rang eines Ritters des St. Stephan-Ordens ausschließlich Johann Nepomuk und nicht Wolfgang von Kempelen zu.Alice Reiniger: Wolfgang von Kempelen – Eine Biografie. S. 25. Auch die Bezeichnung als Baron entspringt einem Irrtum, Engelbert K. war lediglich in den Briefadel erhoben worden.

Kempelen besuchte das Gymnasium in Pressburg (heute: Bratislava). Anschließend soll er in Wien Philosophie und Rechtswissenschaften studiert haben, doch ist eine Immatrikulation dort nicht nachweisbar. Wahrscheinlich ist jedoch ein Besuch der Akademie in Raab (Győr), in der die Studenten gezielt auf eine Beamtenlaufbahn vorbereitet wurden. Kempelen beherrschte die Sprachen Deutsch, Ungarisch, Französisch, Italienisch und Latein, später lernte er wohl zusätzlich für seine Reisen mit dem Schachtürken in den 1780er Jahren noch Englisch. Die Frage seiner Nationalitätszugehörigkeit ist aus heutiger Sicht strittig: Kempelen wird von postumen Autoren sowohl für die österreichische wie die ungarische oder slowakische Nationalität reklamiert und bisweilen sogar als Deutscher bezeichnet. Über seine eigene Sichtweise hierzu ist nichts bekannt.

Nach ausgedehnten Reisen in Italien wurde er Mitglied einer Kommission, die den Codex Theresianus, den lateinischen Entwurf eines bürgerlichen Gesetzbuches unter Maria Theresia, ins Deutsche (nach anderen Angaben ins Ungarische) übertrug. Durch diese Arbeit empfahl er sich der Kaiserin, die ihn zum Concipisten der ungarischen Hofkammer und einige Jahre später zum Hofkammerrat beförderte. 1765 wurde er Beauftragter für das Salzwesen und Siedlungswesen im Banat, 1766 Beauftragter für die Sicherheit der Salzminen in Ungarn und 1767 Beauftragter für die Wiederbesiedlung des Banat.

mini|Ehemaliges Haus des Wolfgang von Kempelen in der Preßburger Donaugasse nach einer Zeichnung von Karl Frech (wurde abgerissen). In letzterer Funktion hatte er wesentlichen Anteil daran, die Besiedlung und Infrastruktur des durch Kriegszerstörungen und Naturkatastrophen verwüsteten Banat zu organisieren. Er war verantwortlich für die Ansiedlung von rund 37.000 Familien, beteiligte sich am Entwurf geeigneter Wohngebäude für die Siedler, führte den Anbau von Flachs ein und errichtete eine Seidenfabrik. In der Umgebung von Temeschburg im Banat ließ er Sümpfe trockenlegen, Straßen wiederherstellen und Schulen bauen, außerdem führte er eine Schulpflicht ein. In Anerkennung dieser Tätigkeit stattete die Kaiserin ihn 1771 mit einer jährlichen Leibrente von 1000 Gulden aus, die später durch ihren Sohn Joseph II. im Rahmen der allgemeinen Aufhebung von Vergünstigungen der Beamten wieder eingezogen wurde.

1776 überzeugte er den Hof von der Notwendigkeit, die Universität Tyrnau aus ihrem nicht mehr ausreichenden Gebäude in geeignetere Räumlichkeiten der Universität von Buda im Schloss von Buda umzusiedeln. Er wurde persönlich mit der Leitung des Umzugs beauftragt und betreute dabei besonders die Überführung der Universitätsbibliothek.

1786 wurde er zum Hofrat bei der vereinigten siebenbürgisch-ungarischen Hofkanzlei ernannt. 1798 ging er unter Beibehaltung seiner vollen Bezüge von 5000 Gulden in den Ruhestand. Der immer wieder kolportierte Verlust dieser Bezüge ist nicht zutreffend, ebenso wie die Behauptung, Kempelen sei bei seinem Tod verarmt und vergessen gewesen.Alice Reiniger: Wolfgang von Kempelen – Eine Biografie, S. 28.

Kempelen war zweimal verheiratet, aus seiner zweiten, 1762 geschlossenen Ehe gingen fünf Kinder hervor, von denen nur zwei das Erwachsenenalter erreichten.

Schaffen Schachtürke

mini|Schachtürke Europaweite Bekanntheit erlangte Kempelen durch die Konstruktion seines sogenannten Schachtürken (siehe auch Schachcomputer), eines scheinbaren Schachautomaten, bei dem jedoch tatsächlich ein in dem Gerät verborgener menschlicher Schachspieler mit Hilfe einer kunstreichen Mechanik die Schachzüge einer türkisch gekleideten Puppe steuerte.

1769 hatte Kempelen auf Einladung Maria Theresias einer Vorführung magnetischer Experimente beigewohnt, mit der der Franzose Jean Pelletier am Wiener Hof auftrat. Kempelen äußerte sich der Legende nach abfällig über diese Vorführung und kündigte an, binnen eines halben Jahres eine wesentlich bessere Maschine konstruieren zu können. Zu einem nicht genau bezeugten späteren Zeitpunkt führte er dann tatsächlich seinen Mechanischen Schachspieler der Kaiserin in Wien vor.

Der Schachtürke erregte in kurzer Zeit europaweites Aufsehen, das sich in einer lebhaften Berichterstattung niederschlug. Kempelen führte ihn daraufhin 1783/84 während einer zweijährigen Reise in deutschen und europäischen Städten vor. Nach seinem Tod 1804 wurde er zusammen mit anderen Gegenständen aus Kempelens Nachlass von Johann Nepomuk Mälzel erworben und 1824, also rund zwanzig Jahre nach dem Tod seines Erfinders, noch einmal weltweit vorgeführt. Durch Mälzel kam der Automat später in die USA, wo er 1854 bei einem Feuer im Peale’s Museum in Philadelphia verbrannte.

Nach einer der verschiedenen Etymologien für den Ausdruck „getürkt“ (gefälscht, vorgetäuscht) soll dieser sich von Kempelens Schachtürken herleiten. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass die Identifizierung des Schachtürken mit einem Androiden von Kempelen selbst nie vorgenommen wurde, sondern der sensationshungrigen Berichterstattung entsprang (ebenso wie späterhin die Empörung über den vorgeblichen Betrug).

Sprechmaschine mini|Älteste Kempelen’sche Sprechmaschine, um 1800. Deutsches Museum, München Während der Schachtürke eine vorwiegend zu Unterhaltungszwecken gedachte Erfindung war, ist Kempelens 1791 gebaute Sprechmaschine zur Hervorbringung menschlicher Sprachlaute eine auch wissenschaftsgeschichtlich bedeutende Leistung. Nicht zuletzt handelt es sich bei diesem, die wesentlichen Teile des menschlichen Vokalsystems imitierenden SprechapparatGeorge A. Miller: Wörter. Streifzüge durch die Psycholinguistik. Herausgegeben und aus dem Amerikanischen übersetzt von Joachim Grabowski und Christiane Fellbaum. Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg 1993; Lizenzausgabe: Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1995; 2. Auflage ebenda 1996, ISBN 3-86150-115-5, S. 88–89 (Die ersten Sprechapparate). um die erste grundsätzlich funktionstüchtige Konstruktion zur Sprachsynthese überhaupt.

Spätestens ab 1769 stellte Kempelen erste Untersuchungen mit verschiedenen Musikinstrumenten an, um die menschliche Stimme bzw. ihre Produktion durch artifizielle Artikulationsprozesse möglichst naturgetreu nachzubilden. Als hierfür besonders prädestiniert erschienen ihm Doppelrohrblattinstrumente, aufgrund einer gewissen Analogie des Doppelrohrblatts zu den menschlichen Stimmlippen. In der Folgezeit ergänzte er seine mechanischen Beobachtungen durch eine gründliche autodidaktische Analyse menschlicher Sprache und Artikulationsvorgänge. Die Ergebnisse seiner Forschungen, bei denen er unter anderem auf Vorarbeiten von Albrecht von Haller, Denis Dordat und Christian Gottlieb Kratzenstein zurückgreifen konnte, publizierte er 1791 in seiner Schrift Wolfgangs von Kempelen k. k. wirklichen Hofraths Mechanismus der menschlichen Sprache nebst der Beschreibung seiner sprechenden Maschine.

Während Kratzenstein 1773 fünf mit speziellen Resonatoren versehene durchschlagende Zungenpfeifen vorstellte, mit denen jeweils nur ein bestimmter Monophthong (nämlich A, E, i, O, U) hervorgebracht werden konnte, erlangte Kempelen die Einsicht, dass natürlich klingende Sprache mit solchen Mitteln nicht hervorgebracht werden kann, weil die Artikulation eines jeden Sprachlauts fast immer von den ihn umgebenden Sprachlauten beeinflusst wird (Koartikulation). Findet dieses Phänomen bei einer Sprachsynthese keine Berücksichtigung, beeinträchtigt dies sowohl ihre Verständlichkeit wie auch die Authentizität der Synthese sehr stark. Daher konstruierte Kempelen seine Sprechmaschine weitgehend in Anlehnung an den menschlichen Sprechapparat. Die durch die manuelle Bedienung zwangsläufig hervorgerufene Trägheit und Variation in der Artikulation verstärkt diesen Effekt noch. Die wissenschaftliche Untersuchung der Koartikulation ist erst im 20. Jahrhundert wieder aufgegriffen worden.

Die Funktionsweise der Sprechmaschine (je nach Quelle auch: Sprachmaschine oder sprechende Maschine) basierte auf dem Konzept einer möglichst naturgetreuen Nachbildung der menschlichen Sprechorgane. Dabei wird die Lunge durch einen Blasebalg, die Funktion der Stimmbänder durch ein aufschlagendes Rohrblatt aus Elfenbein,Wolfgangs von Kempelen k. k. wirklichen Hofraths Mechanismus der menschlichen Sprache nebst der Beschreibung seiner sprechenden Maschine. Wien, 1791. [Wusste von den Aufschlagzungen in Orgeln:] Seite 391, „Eben so wußt’ ich, daß man schon seit langer Zeit, besonders in Frankreich, die sogenannte Menschstimme, die eben aus solchen großen und kleinen Clarinetmundstücken besteht, in Orgeln angebracht hat; allein da diese die Menschenstimme nur sehr unvollkommen nachahmen, und daher ein betäubendes Geton verursachen, so fand ich sie für mein Vorhaben nicht tauglich.“ [Haupterkenntnis, nicht die Tonhöhe, sondern die Formation ist wichtig:] Seite 397 398, „Dieses alles zusammen genommen, ist die Sprache oder Artikulation nichts anderes als Stimme, die durch verschiedene Öffnungen durchgeht. Dieser Satz bestätigte sich durch Versuche und Entdeckungen täglich mehr und wuchs bey mir bis zur mathematischen Gewißheit.“ Seite 402, (*) [Beschaffenheit der Aufschlagzungen:] „Sowohl wie man die Pfeifen stimmen kann, als auch ihnen den rauhen Ton benehmen könne, wird unten gezeigt werden.“ Seite 412, „Um diesen Stimmrohre die Rauigkeit und das hölzerne Schnarren zu benehmen, dagegen aber einen weicheren, und angenehmeren Ton zu geben, überziehe ich die Ränder der Rinne, als auch das elfenbeinerne Blättchen, oder die Zunge an der unteren Seite mit einem dünnen weichen Handschuhleder. Es wird nämlich ohne viel Umstände ein Stück Leder mit feinem Leim angeleimet, doch so, daß die glatte Seite des Leders auswendig kömmt, dann wird das überstehnde genau an der Kante des Elfenbeins weggeschnitten.“ digital.slub-dresden.deSeite 392, 394, Einfachrohrblatt einer Sackpfeife oder eines Dudelsacks wurde für erste Versuche verwendet. digital.slub-dresden.de die Nase durch einen Nasaltrakt mit zwei Nasenöffnungen und der Mund durch einen Gummitrichter simuliert. Dieser Gummitrichter ist jedoch vollkommen leer, weist also keine Repräsentationen für Zunge, Zähne, Lippen oder weichen Gaumen auf. Durch Veränderung der Abdeckung des Gummitrichters mit der Hand lassen sich sowohl einige unterschiedliche Vokale als auch gewisse Konsonanten erzeugen. Die Nasenrohre werden stets mit den Fingern verschlossen, außer wenn Nasale oder Nasalvokale hervorgebracht werden sollen.

mini|Replik der Sprechmaschine am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, Mannheim