Die westgermanischen Sprachen sind eine Untergruppe der germanischen Sprachen. Das Westgermanische umfasst nach allgemeiner Ansicht fünf Untertypen: das Englische, Friesische, Niederländische, Niederdeutsche und Deutsche.Arjen Pieter Versloot: Die Stellung des Altsächsischen im Aufbau des Germanischen. Eine phylogenetische Analyse in Norbert Kössinger (Hrsg.): Altsächsisch: Beiträge zur altniederdeutschen Sprache, Literatur und Kultur. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2007, S. 95. Zu diesen gehören wiederum zahlreiche einzelne Dialekte und in unterschiedlichem Maße standardisierte Sprachformen, Kreolsprachen und Diasporasprachen wie Afrikaans, Jiddisch und Pennsylvaniadeutsch.John Ole Askedal: Some General Evolutionary and Typological Characteristics of the Germanic Languages. In: John Ole Askedal, Ian Roberts, Tomonori Matsushita und Hiroshi Hasegawa (Hrsg.): Germanic Languages and Linguistic Universals. John Benjamins Publishing Company, Amsterdam 2013, S. 4.
Frühe Schriftzeugnisse Bereits durch das antike Schrifttum, etwa durch die Germania des Tacitus, werden (west-)germanische Namen von Stämmen, Göttern und Personen in latinisierter Form überliefert, dazu einige wenige Wörter wie urus (Auerochse), glesum (Bernstein), ganta (Gans) und sapo (Pomade). Das früheste autochthone Schriftzeugnis des Westgermanischen ist der Kamm von Frienstedt mit einer Runeninschrift aus dem 3. Jahrhundert n. Chr., der jedoch weitgehend isoliert dasteht. Bekannt sind etwa 80 weitere Runeninschriften aus westgermanischem Gebiet aus der Zeit bis ins 7. Jahrhundert, in dem dann mit der Christianisierung die Runentradition abbricht.
Eine kaum dichtere Überlieferung westgermanischen Sprachguts in fragmentarischen schriftlichen Zeugnisse setzt ab dem 6. Jahrhundert ein. Aus dieser Zeit stammt beispielsweise die Lex Salica, ein im westlichen Teil des Frankenreiches entstandener lateinischer Text, der einzelne Wörter germanischen Ursprungs enthält, die sogenannten Malbergischen Glossen, welche das früheste Stadium des Altniederländischen darstellen.
Mit dem 8. Jahrhundert beginnt die Überlieferung ganzer Texte. So sind in diesem Jahrhundert erstmals altenglische Texte belegt, wobei jedoch die bekannteste Quelle des Altenglischen, das Heldengedicht Beowulf, nur in einem Manuskript aus der Zeit um 1000 überliefert ist. Ebenfalls ab dem 8. Jahrhundert belegt sind auch Texte in Altbairisch, Altalemannisch und Altoberfränkisch, jenen westgermanischen Varianten, die auch unter dem Begriff Althochdeutsch zusammengefasst werden. Ab dem 9. Jahrhundert sind auch Texte in Altsächsisch überliefert, der Vorgängersprache des Niederdeutschen, hier insbesondere die Genesis und der Heliand. Altfriesisch ist erst seit dem 13. Jahrhundert durch schriftliche Quellen belegt.
Die westgermanische Ursprache Trotz fehlender westgermanischer Texte aus der Völkerwanderungszeit besteht seit einigen Jahren ein wissenschaftlicher Konsens darüber, dass es eine annähernd einheitliche westgermanische Sprache (Protowestgermanisch) gegeben hat. Den Forschungsstand des Jahres 2006 formulierte der US-amerikanische Altgermanist Donald Ringe so:
Die von Ringe hier angekündigte Grundlagenarbeit über das Proto-Westgermanische ist unterdessen im Herbst 2014 erschienen.Kapitel 3 und 4 (S. 41–138) in Donald Ringe, Ann Taylor: The Development of Old English. A Linguistic History of English. Band 2: The development of Old English. Oxford 2014, ISBN 978-0-19-920784-8. Bereits im Jahr davor hatte Wolfram Euler die erste monographische Darstellung der proto-westgermanischen Sprache vorgelegt. Beide Autoren kamen unabhängig voneinander zu sehr ähnlichen Schlüssen über die Struktur und Entwicklung des Proto-Westgermanischen, wobei Ringe einen etwa 200 Jahre älteren Sprachzustand beschreibt (ca. 3. Jh. n. Chr.vgl. u. a. Ringe/Taylor 2014: 304 (ohne explizite Datierung); Euler datiert die Rekonstruktionen von Ringe auf die erste Hälfte des 3. Jahrhunderts n. Chr., vgl. Euler 2022: 9) als Euler (1. Hälfte des 5. Jh. nach Chr.Euler 2013: 11 und 2021: 9). In der seitdem erschienenen Fachliteratur wird die Existenz einer proto-westgermanischen Sprache nicht mehr bezweifeltHartmann 2023: 199; Zitat: „A West Germanic protolanguage is uncontroversial.“.
Gliederung der westgermanischen Sprachen Dieser Abschnitt gibt einen Überblick über die Forschungsgeschichte der zahlreichen Versuche, die germanischen Sprachen insgesamt und die westgermanischen im Besonderen zu klassifizieren. Die vereinzelten und oft spekulativen Ansätze, die germanischen Sprachen miteinander zu verbinden, wie sie vor dem Aufkommen der vergleichenden Sprachwissenschaft als wissenschaftlicher Disziplin im frühen 19. Jahrhundert üblich waren, bleiben unberücksichtigt.
Frühe Versuche 300px|mini|Die veraltete und inzwischen überholte Unterteilung der germanischen Sprachen in ein, damals revolutionäres, Stammbaumdiagramm von August Schleicher (1860)August Schleicher: Die Deutsche Sprache. J. G. Cotta, Stuttgart 1860; neue Ausgabe von Johannes Schmidt, J. G. Cotta, Stuttgart 1888. Einer der Begründer der vergleichenden Sprachwissenschaft, der Däne Rasmus Rask, vereinigte 1818 das Hochdeutsche und das Moesogotische zu einer „deutschen Gruppe“, die zusammen mit einer „sächsischen Gruppe“ (bestehend aus Altfriesisch, Angelsächsisch, Niederländisch und Plattdeutsch) den „germanischen Zweig“ der „gotischen Sprachfamilie“ bildete. Deren anderer Hauptzweig war eine nordische Gruppe, die den heutigen nordgermanischen Sprachen entspricht. In moderner Terminologie würden Rasks Bezeichnungen „Moesogotisch“, „Germanisch“ und „Gotisch“ etwa den heutigen Begriffen Gotisch, Westgermanisch und Germanisch entsprechen.Rasmus Rask: Undersøgelse af de oldnordiske eller islandske Sprogs Oprindelse, Kopenhagen, 1880, S. 63–72.
Im Vorwort der ersten Auflage seiner Deutschen Grammatik, die 1819 erschien, schlägt Jacob Grimm eine Einteilung der germanischen Stämme in vier Hauptgruppen vor, die vor allem auf ethnologischen Überlegungen beruht: Goten und verwandte Stämme; Langobarden, Bayern, Burgunder, Alemannen und Franken; Sachsen, Westfalen, Friesen und Angeln; sowie eine „nordische“ Gruppe. In der dritten Auflage, die 1840 erschien und die erste Ausgabe seines Werkes darstellt, in der Grimm sich stärker mit den tatsächlichen Sprachen als mit Stammeszugehörigkeiten befasste, gab er die Einteilung des Germanischen in vier Gruppen wieder auf.Jacob Grimm: Deutsche Grammatik. Erster Theil. Dieterichsche Buchhandlung, Göttingen 1819/1840.
Die dreiteilige Gliederung der germanischen Sprachen in einen nördlichen, östlichen und westlichen Zweig geht letztlich auf August Schleichers Stammbaumdarstellung von 1860 zurück. Schleicher nahm an, dass sich die „deutsche Grundsprache“ in drei Teile aufgespalten habe: ins Gotische, ins „Deutsche im engeren Sinne“ und ins Nordische.August Schleicher: Die Herkunft der Sprache. Verlag von Johann Ambrosius Barth, Leipzig, 1869, S. 91. Obwohl Schleichers Einteilung bis heute verbreitet ist, wurde seine Terminologie von Wilhelm Streitberg überarbeitet, der stattdessen die Bezeichnungen Ost-, West- und Nordgermanisch verwendete.Wilhelm Streitberg: Althochdeutsche Grammatik. 2. Auflage. Max Niemeyer, Halle, 1896, S. 13–15. Obwohl die Dreiteilung des Germanischen während des größten Teils des 19. und frühen 20. Jahrhunderts verbreitet blieb, fand im Zeitraum zwischen 1910 und 1930 auch ein konkurrierendes Modell Anhänger, das von einer Reihe bedeutender Sprachwissenschaftler wie Karl Müllenhoff, Wilhelm Scherer, Heinrich Zimmer und Gustaf Kossina vertreten wurde. Sie bevorzugten eine Zweiteilung des Germanischen in einen östlichen Zweig (d. h. das Gotische) und einen westlichen Zweig (West- und Nordgermanisch), den sie mit den bei Plinius und Tacitus erwähnten Ingaevonen, Hermionen und Istvaeonen in Verbindung brachten.Hans Frede Nielsen: The Germanic Languages: Origins and Early Dialectal Interrelations. Mouton de Gruyter, Berlin 1993, S. 67–102.
Wrede und Frings Ab den 1880er bis 1900er Jahren unterteilten viele Befürworter einer westgermanischen Gruppierung diese in zwei Untergruppen: eine bestand aus Englisch und Friesisch, die andere aus Hochdeutsch, Niederdeutsch und Niederländisch. Einer der einflussreichsten Linguisten, der diese Ansicht in Frage stellte, war Ferdinand Wrede, der stattdessen der Meinung war, dass der nordwestliche Zweig des Westgermanischen nicht nur Englisch und Friesisch umfassen sollte, sondern auch das Altsächsische. Seiner Ansicht nach bildeten diese drei Sprachen das „reine Ingwäonisch“, während das Mittelniederdeutsche „verdeutschtes Ingwäonisch“ sei.Ferdinand Wrede: Die altgermanischen Sprachen. S. Hirzel Verlag, Leipzig, 1919, S. 14–16. Seine Ideen waren ein Vorläufer der heute weit verbreiteten Ansicht, wonach das Niederdeutsche als eigenständige, eng mit dem Friesischen und Englischen verwandte, westgermanische Sprache gilt, die in ihrer heutigen Form jedoch stark vom Hochdeutschen und Niederländischen beeinflusst und teilweise von diesen inkorporiert wurde.Herbert L. Kufner: The grouping and separation of the Germanic languages. In: Frans van Coetsem, Herbert L. Kufner: Toward a Grammar of Proto-Germanic. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1972, , alt. ISBN 3-484-10160-1; S. 94.
In den 1940er Jahren baute Theodor Frings auf den Ideen von Wrede auf. Statt das Westgermanische als Übergangsgebiet zwischen „reinem“ Hochdeutsch und „reinem“ Ingwäonisch zu betrachten, betonte er, dass viele der bis dahin oft ignorierten Dialekte des Niederländischen kaum Merkmale dieser zwei Sprachextreme aufwiesen und die Überreste einer dritten historischen Sprachgruppe darstellten. Obwohl die Terminologie von Frings („Küstendeutsch, Binnendeutsch und Alpendeutsch“) sich nicht durchsetzte, hat sich seine Behauptung, dass das Niederländische/Niederfränkische („Binnendeutsch“) eine eigenständige Hauptgruppe innerhalb des Westgermanischen bildet, wohl durchgesetzt.Theodor Frings: Die Stellung der Niederlande im Aufbau des Germanischen. Franz Dümmler Verlag, Bonn 1943. Statt, wie einst Schleicher, das Niederländische als Abzweigung des Altsächsischen zu betrachten, herrscht heute die Auffassung, dass eine Dialektgruppe, die üblicherweise mit dem Altfränkischen gleichgesetzt wird, sich direkt aus dem Gemeinwestgermanischen entwickelte und weitgehend die Vorstufe des modernen Niederländischen, bzw. das Niederfränkische, bildet.
Maurer 300px|mini|Historische Sprachverwandtschaft der frühgermanischen Innovationszentren. In diesem Schema sind sprachliche Einheiten, die verschiedenen Epochen angehören synoptisch und daher ohne chronologische Dimension verflacht wiedergegeben.Paulo Ramat: Einführung in das Germanische. Walter de Gruyter, Berlin 2011, ISBN 978-3-484-10411-2, S. 6. Legende:
Ab den 1950er Jahren wurden die Theorien von Friedrich Maurer einflussreich. Maurer lehnte die Dreiteilung des Germanischen völlig ab und verneinte die Existenz einer ursprünglichen westgermanischen Einheitssprache, stattdessen legt Maurer großes Gewicht auf die klassischen Quellen und die Archäologie. Seine Theorie führte ihn zu der Annahme, dass das Germanische, wie es vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum 3. oder 4. Jahrhundert n. Chr. gesprochen wurde, aus fünf Sprach- und Kulturgruppen bestand: Nordgermanisch, Oder-Weichsel-Germanisch, Elbgermanisch, Weser-Rhein-Germanisch und Nordseegermanisch. Maurers Modell verneint die Existenz einer ursprünglichen westgermanischen Einheitssprache. Die westgermanischen Gemeinsamkeiten seien laut ihm sekundäre Ausgleichserscheinungen der Merowingerzeit.Friedrich Maurer: Nordgermanen und Alemannen. Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg 1942/52, S. 178–187.