mini|Herbert von Karajan (1963) rahmenlos|zentriert|x150px Herbert von Karajan (* 5. April 1908 in Salzburg-Neustadt;Im Sanatorium Schenk, Franz-Josef-Str. 11. Siehe: Pfarre St. Andrä, Taufbuch TFB18, 1907–1915, S. 73., abgerufen am 7. Juli 2024. † 16. Juli 1989 in Anif, Salzburg; geboren als Heribert Adolf Ernst Ritter von Karajan, in Österreich ab 1919 amtlich Heribert Karajan) war ein österreichischer Dirigent. Als solcher zählt er zu den bekanntesten und bedeutendsten des 20. Jahrhunderts. Karajan arbeitete mit vielen angesehenen Symphonieorchestern, wirkte an bedeutenden Opernhäusern und veröffentlichte zahlreiche Einspielungen klassischer Musik.
Leben und Wirken Familie mini|hochkant|links|Wappen der Familie von Karajan, Reichsadelsstand 1792 mini|Karajans Geburtshaus: Sanatorium Schenk, Franz-Josef-Str. 11. mini|Karajan wuchs im Haus Baldi auf mini|Statue Karajans im Garten des Baldihauses Herbert von Karajan, geboren im Sanatorium Schenk (Franz-Josef-Str. 11), wo sein Vater zeitweise als Arzt arbeitete, war ein Spross aus dem Geschlecht von Karajan, einer aus der (damals unter dem Namen Rumelien zum Osmanischen Reich gehörenden) nordgriechischen Provinz Makedonien stammenden Familie namens Karagiannis (oder Karaioannes) griechischer Herkunft, die erstmals 1743 in Kozani urkundlich erwähnt ist.Ν. Δελιαλής (N. Delialís): Συμπληρωματικά περί της εκ Κοζάνης οικογενείας των εν Αυστρία διαμενόντων Καραγιάννη – von Karajan. In: Μακεδονικά (Makedoniká), Bd. 1, Thessaloniki 1940, S. 526 (PDF; 6,6 MB). (= Urgroßvater des Dirigenten Herbert von Karajan): Er war der Ururenkel des Kaufmanns Georg Karajan, eigentlich Geórgios Ioánnes Karagiánnis, des Inhabers einer Baumwollhandlung im kursächsischen Chemnitz, und Urenkel von Theodor von Karajan.
Georg Karajan war mit Ehefrau und Söhnen Dimitrios und Theodor am 1. Juni 1792 während des Reichsvikariates durch den sächsischen Kurfürsten Friedrich August III. in den erblichen Reichsadelsstand erhoben worden. Die Anerkennung dieses Adelsstandes in Österreich erfolgte, für dessen Witwe und die Söhne, durch Erlass vom 4. Jänner 1832.Dr. Theodor von KarajanPhilipp Theodor Georg Ritter von Karajan (* 22. Jänner 1810 in Wien; † 29. April 1873 ebd.) wurde mit „allerhöchster Entschließung“ vom 27. Mai 1869 von Kaiser Franz Joseph I. in Wien mit dem Ritterkreuz des Leopold-Ordens ausgezeichnet: und aufgrund der Ordensstatuten als „Ritter von Karajan“ im September 1869 in den erblichen österreichischen Ritterstand erhoben.:
Herbert von Karajans Vater Ernst von Karajan (* 2. Dezember 1868 in Wien; † 11. Oktober 1951 in Littenheid, Schweiz) war als Chirurg in Salzburg tätig. Seine Mutter Martha Karajan, geb. Kosmač (* 19. Juli 1881 in Graz; † 14. Feber 1954 in Salzburg), entstammte einer slowenischen Familie; ihr Vater Mihael Kosmač (1839–1885) war aus Mojstrana (heute Stadtteil von Kranjska Gora, deutsch: Kronau) gebürtig.Zeitung Delo, Ljubljana, 2. Dezember 2008. Herbert hatte einen um zwei Jahre älteren Bruder, Wolfgang. Von der Aufhebung des Adels im Jahr 1919 war auch die (österreichische) Familie von Karajan betroffen, deren Familienname zu Karajan ohne vorangestelltes „von“ wurde. Der Künstler Karajan hatte seinerseits angedroht, in Österreich nicht aufzutreten, wenn sein früheres „von“ auf den Ankündigungsplakaten nicht erscheinen dürfe. Daraufhin wurde ihm Herbert von Karajan als Künstlername zugestanden.Georg Frölichsthal: Der österreichische Adel seit 1918. Vortrag vor dem Deutschen Adelsrechtsausschuß am 13. September 1997. Erstveröffentlichung im Deutschen Adelsblatt, 36. Jahrgang (1997), Nr. 11, Seite 284–287 ( auf der Website der Heraldisch-Genealogischen Gesellschaft ADLER, abgerufen am 20. November 2019):
Studium und frühe Jahre mini|Karajan in Ulm, zwischen 1929 und 1933 1912 begann Karajan eine pianistische Ausbildung bei Franz Ledwinka. Von 1916 bis 1926 war er Schüler am Konservatorium Mozarteum in Salzburg bei Ledwinka (Klavier), Bernhard Paumgartner (Komposition, Kammermusik) und Franz Sauer (Harmonielehre). 1925 wurde er Konkneipant der Alldeutschen Gymnasialverbindung Rugia Salzburg im ÖPRStraßennamen Wiens seit 1860 als „Politische Erinnerungsorte“ (PDF; 4,2 MB), S. 144ff, Forschungsprojektendbericht, Wien, Juli 2013 und später Alter Herr.Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band II: Künstler. Winter, Heidelberg 2018, ISBN 978-3-8253-6813-5, S. 378–381. 1926 machte er die Matura am Humanistischen Gymnasium in Salzburg. Dort beklagte er in nationalsozialistischer Gesinnung die „Verjudung“ der deutschen Kultur.
In seiner schriftlichen Arbeit beschäftigte er sich mit Thermodynamik und Explosionsmotoren. Von 1926 bis 1928 studierte er drei Semester lang Maschinenbau an der Technischen Hochschule in Wien, gleichzeitig Musikwissenschaft an der Universität Wien und bis 1929 an der Wiener Akademie für Musik und darstellende Kunst Klavier bei Josef Hofmann (1865–1927) sowie Dirigieren bei Franz Schalk und Alexander Wunderer.
Am 22. Jänner 1929 trat Karajan zum ersten Mal öffentlich mit dem Mozarteumorchester in Salzburg auf, worauf der Intendant des Ulmer Stadttheaters ihn zum Probedirigat einlud. In Ulm wurde Karajan 1930 Erster Kapellmeister am Stadttheater und beim Philharmonischen Orchester.
Karriere im NS-Staat mini|hochkant=1|Herbert von Karajan, 1938 mini|Das Stadttheater Aachen wirbt mit dem Namen Karajan für die Saison 1936/37 in der Neuen Zeitschrift für Musik Karajan trat am 8. April 1933 (zehn Wochen nach der Machtübernahme des NS-Regimes in Deutschland) der NSDAP in Salzburg bei (Mitgliedsnummer 1.607.525). Er zahlte einen Aufnahmebeitrag, aber keine Folgebeiträge und zog nach Deutschland. Ihm wurde am 30. Mai in Ulm nach einem neuen Aufnahmeantrag eine provisorische Mitgliedskarte ausgestellt; das neue Eintrittsdatum war der 1. Mai 1933 (Mitgliedsnummer 3.430.914).Eintritt in Aachen in Fred K. Prieberg: Musik im NS-Staat (online). Abgerufen am 10. März 2016.
Im Zuge der Überprüfung der österreichischen Beitritte in der Zentrale der NSDAP in München 1939 wurde schließlich die erste – österreichische – Mitgliedschaft formal für ungültig erklärt. Karajan selbst verbreitete hingegen die unzutreffende Legende, er sei erst 1935 in Aachen auf Verlangen des Kreisleiters in die NSDAP eingetreten, um Generalmusikdirektor werden zu können.Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker, S. 3815f. Grundlage war die vom Autor im Bundesarchiv Berlin eingesehene Parteikorrespondenz. Diese Zusammenhänge wurden erstmals von Paul Moor veröffentlicht in: High Fidelity. Heft 7/10. Oktober 1957, S. 52–55, 190, 192–194 (The Operator).Vgl. Karsten Kammholz (weniger kritisch als Prieberg und teilweise falsch, so z. B. die Passage, die den zweiten NSDAP-Eintritt in Aachen 1935 verortet): Der Mann, der zweimal in die NSDAP eintrat. Die Welt, 26. Jänner 2008 Oliver Rathkolb widerspricht zudem der verbreiteten Einschätzung, Karajan sei nur aus Karrieregründen der NSDAP beigetreten. So polemisierte Karajan 1934 in einem Brief an seine Eltern gegen die Wiener Volksoper, wo er nicht dirigieren wolle, da es sich um ein Vorstadttheater ohne Namen handle, „außerdem wird das gesamte Palästina dort gesammelt sein“.
1934 endete sein Vertrag in Ulm, und er sprach bei der Reichsmusikkammer vor, und zwar beim damaligen Leiter der Konzertabteilung Rudolf Vedder. Dieser war eng mit dem Generalmusikdirektor Peter Raabe am Stadttheater Aachen bekannt, und daher wurde in Aachen im April 1934 ein Probedirigat angesetzt. In dessen Folge wurde er am Stadttheater Aachen am 8. Juni 1934 zum Operndirektor und ersten Kapellmeister, im April 1935 dann zum jüngsten Generalmusikdirektor Deutschlands ernannt. Da auch schon der Dirigent Hans von Benda von Vedder protegiert wurde, hatte Benda wiederum kein Problem damit, Karajan später nach Berlin zu holen.Misha Aster in: Die Zeit, „Zeit Geschichte“ Nr. 1, 2008, S. 30–31
Während seiner Aachener Zeit trat Karajan auch bald bei Veranstaltungen des NS-Regimes auf. So dirigierte er am 20. April 1935 eine Tannhäuser-Vorstellung anlässlich des „Führergeburtstags“, und am 30. April einen KdF-Opernabend (Fidelio). Am 29. Juni 1935 leitete er in einem Konzert zum Kreisparteitag der NSDAP die Aufführung der Propagandawerke Festlicher Hymnus von Otto Siegl, Unsere Seele von Bruno Stürmer sowie Flamme empor und Feier der neuen Front (nach Texten von Baldur von Schirach) von Richard Trunk.Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker. S. 3818.
mini|Karajan im Odeon des Herodes Atticus, Athen, 1939 Am 8. April 1938 leitete Karajan als Gast erstmals das Orchester, das er später noch über 1500 Mal dirigierte - die Berliner Philharmoniker. Auf dem Programm standen Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonie Nr. 33 KV 319, Maurice Ravels Daphnis et Chloé, Suite Nr. 2 und Johannes Brahms’ 4. Symphonie.
Weithin bekannt wurde Karajan, nachdem er am 30. September 1938 in der Berliner Staatsoper mit Ludwig van Beethovens Fidelio debütiert und am 21. Oktober Richard Wagners Tristan und Isolde dirigiert hatte. Nach der Tristan-Aufführung prägte der Kritiker der B.Z. am Mittag, Edwin von der Nüll, am 22. Oktober 1938 das Schlagwort vom „Wunder Karajan“.Wilhelm Furtwängler notierte dazu: „Der intellektuelle Dirigent (Karajan, Tristan) dirigiert, da er nicht das Stück neu erlebt, sondern nur das, was er weiß und will, nur die Nuancen. Daher alles übertrieben, die langsamen Tempi zu langsam, die schnellen zu schnell, kein harmonisch-polyphones Gesamterleben des Orchesterklanges, sondern einzelne, absichtlich oder übermäßig hervortretende Stimmen. Vor allem leidet der Gesamtklang (Streicher). Ausdrucksmäßig ist nur da, was hysterisch ist, oder es wird ins hysterisch-übertriebene umgedeutet.“ Furtwängler: Taschenkalender 1939-I. Blatt 23. Zitiert nach Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker. S. 3822f. Urheber der Kritik soll aber der Generalintendant Heinz Tietjen gewesen sein, der Karajans Karriere auf Kosten Wilhelm Furtwänglers fördern wollte. Anfang November 1938 wurde er von Hermann Göring an die Berliner Staatsoper berufen.
Ein erster Vertrag mit der Deutschen Grammophon Gesellschaft wurde geschlossen; in der Folge wurde Karajan Dirigent der Staatskapelle Berlin. Am 20. April 1939 verlieh ihm Adolf Hitler den Titel „Staatskapellmeister“.„Mit der Ernennung Herbert von Karajans zum Staatskapellmeister hat wohl die stärkste Dirigierbegabung der jungen Generation die verdiente Anerkennung gefunden. […] Karajan hat erneut bewiesen, daß er einen Musikerpersönlichkeit von zwingender Eigenprägung ist […]“ In: Völkischer Beobachter vom 22. April 1939, norddeutsche Ausgabe; unter dem Titel: Zur Auszeichnung deutscher Künstler am Geburtstag des Führers. Zitiert nach: Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker. S. 3825.
mini|Karajan dirigiert in Madrid, 1940