Rickettsien (Bakterien der Gattung Rickettsia) sind weltweit vorkommende, zu den Bakterien zählende Organismen, die sich in vielen Zecken, Flöhen, Milben und Läusen finden und denen diese als Vektoren (Überträger) dienen.
Beim Menschen verursachen sie (endemisch in Mittelmeerländern, Osteuropa, den Tropen und Nordamerika) eine ganze Reihe von Krankheiten mit unterschiedlichen Krankheitsbildern, die medizinisch zur Gruppe der Rickettsiosen zusammengefasst werden. Als Beispiele seien genannt Fleckfieber (syn. Typhus exanthematicus), Wolhynisches Fieber (Schützengrabenfieber), Rickettsien-Pocken, Brill-Zinsser-Krankheit, Boutonneuse-Fieber (Mittelmeer-Zeckenfleckfieber) und das Rocky-Mountain-Fleckfieber. Wie Viren gedeihen Rickettsien als intrazelluläre Parasiten ausschließlich in lebenden Zellen. Auf diese Weise gelingt es ihnen, dem Immunsystem ihrer Wirte zu entgehen. Die Bezeichnung „Rickettsien“ wird häufig für alle Mitglieder der Ordnung der Rickettsiales verwendet.
Als Rickettsien benannt wurden diese Organismen zu Ehren des Pathologen Howard Taylor Ricketts, der unter anderem das Rocky-Mountains-Fleckfieber erforschte, dessen Erreger er im Blut infizierter Menschen und in der als Vektor aktiven Viehzeckenart nachweisen konnte. 1909 reiste er mit dem Ziel, das Fleckfieber zu erforschen, nach Mexiko-Stadt. Dabei infizierte er sich mit Rickettsien, erkrankte und verstarb 1910.
Typische Symptome einer Rickettsiose sind Fieber, Kopfschmerzen und Exanthem. Die Diagnose erfolgt meist serologisch.Marianne Abele-Horn (2009), S. 225.
Die Mehrzahl aller Rickettsien ist empfindlich gegenüber Antibiotika der Tetracyclin-Gruppe; in einem geeigneten Fall kann eine Infektion mit einer zweiwöchigen Gabe von Doxycyclin behandelt werden. Alternativ werden auch Chinolone eingesetzt. Bei Infektionen des Zentralen Nervensystems kommen Chloramphenicol oder (das Tetrazyklin) Doxycyclin in Kombination mit Chinolonen und/oder Rifampicin als antimikrobielle Arzneimittel in Betracht.Marianne Abele-Horn (2009). In feuchten Medien erfolgt eine Abtötung bei 50 °C in 15 Minuten. Auch mit herkömmlichen Desinfektionsmitteln lassen sich die Pathogene wirksam zerstören.
Eigenschaften Rickettsien sind gramnegative, hochgradig vielgestaltige (polymorphe, pleomorphe) Organismen, die keine Sporen bilden. Häufig handelt es sich um runde (Kokken) bis ovale Bakterien mit einem Durchmesser von 0,1 µm; sie können auch als Stäbchen (1–4 μm lang) oder Faden-artig (10 μm lang) auftreten. Gelegentlich bilden sie Ketten, meist kommen sie jedoch einzeln oder in Paaren vor. Das Überleben der obligatorisch intrazellulären Rickettsien hängt völlig von ihrer eukaryotischen Wirtszelle (meist Endothelzellen) ab, in deren Cytoplasma sie eindringen müssen, um vor dem Abwehrsystem des Wirts geschützt zu sein. Auch die Vermehrung durch Querteilung findet im Inneren der Wirtszelle statt. Die Freisetzung der Bakterien erfolgt anschließend durch Abschnürung aus der Zellmembran (Exozytose) oder durch Lyse, wodurch die Wirtszelle zerstört wird. Zumindest R. conorii ist zur Bewegung innerhalb der Wirtszelle fähig.H. Ogata et al.: Mechanisms of evolution in Rickettsia conorii and R. prowazekii. In: Science, Band 293, Nr. 5537, September 2001, S. 2093–2098, PMID 11557893.
Aufgrund ihrer Abhängigkeit von der Wirtszelle können die Bakterien im Labor nicht in künstlichen Nährmedien gehalten werden. Man züchtet sie daher entweder in biologischen Geweben oder Embryo-Kulturen (typischerweise werden Hühnerembryonen verwendet). Wegen ihrer Zellabhängigkeit und ihres reduzierten Stoffwechsels wurden Rickettsien in der Vergangenheit als Mikroorganismen häufig irgendwo zwischen den Viren und den größeren echten Bakterien eingruppiert, gleichsam als eine „Zwischenspezies“. Man bezeichnete sie lange auch als „Große Viren“.
Mechanismus der Zellinvasion Wie es Rickettsien gelingt, in eukaryotische Zellen einzudringen, war bislang ein Rätsel. Wissenschaftlern vom Institut Pasteur in Paris ist es Ende 2005 gelungen, anhand von Rickettsia conorii zwei am Eindringvorgang beteiligte Schlüsselproteine zu identifizieren.J.J. Martinez et al.: Ku70, a Component of DNA-Dependent Protein Kinase, Is a Mammalian Receptor for Rickettsia conorii. In: Cell, Band 123, 2005, S. 1013–1023, PMID 16360032. Es handelt sich um das bakterielle Protein rOmpB und um das Säugerprotein Ku70, das sich normalerweise im Zellkern von Säugetierzellen findet. Offensichtlich kann es aber auch zur Zellmembran wandern, wo es vom Rickettsien-eigenen rOmpB festgehalten und zum Eindringen in die Zelle genutzt wird. Die Wissenschaftler bezeichneten Ku70 aufgrund dieser „verräterischen“ Eigenschaft auch als „molekularen Handlanger“ der Rickettsien.
Endosymbiontentheorie Die Art Rickettsia prowazekii ist von besonderem Interesse der Endosymbiontentheorie in Bezug auf die Mitochondrien.Siv G. E. Andersson, Alireza Zomorodipour, Jan O. Andersson, Thomas Sicheritz-Pontén, U. Cecilia M. Alsmark, Raf M. Podowski, A. Kristina Näslund, Ann-Sofie Eriksson, Herbert H. Winkler, Charles G. Kurland: The genome sequence of Rickettsia prowazekii and the origin of mitochondria. In: Nature, Band 396, Nr. 6707, 1998, S. 133–140 (PDF).David N. Fredricks: Introduction to the Rickettsiales and Other Intracellular Prokaryotes. In: Martin Dworkin, Stanley Falkow, Eugene Rosenberg, Karl-Heinz Schleifer, Erko Stackebrandt (Hrsg.); The Prokaryotes, A Handbook of the Biology of Bacteria. 7 Bände. 3. Auflage, Springer-Verlag, New York u. a. 2006, ISBN 0-387-30740-0. Vol. 5: Proteobacteria: Alpha and Beta Subclasses, ISBN 0-387-25495-1 In dem Einzeller Reclinomonas americana wurden Mitochondrien mit dem größten bisher bekannten Genom gefunden.Michael W. Gray, Gertraud Burger, B. Franz Lang: Mitochondrial evolution. In: Science, Band 283, Nr. 5407, 1999, S. 1476–1481 (PDF). Man geht also davon aus, dass bei diesem Mitochondrium genetisch noch die größte Übereinstimmung mit dem ursprünglichen Symbionten übrig geblieben ist. Bei Vergleichen von Bakterien mit der mitochondrialen DNA dieses Einzellers zeigte wiederum das vollständig sequenzierte Genom von Rickettsia prowazekii die größte Übereinstimmung. So kann man davon ausgehen, dass Rickettsia eine enge Verwandtschaft mit dem Vorfahren der Mitochondrien hat.Miklós Müller, William Martin: The genome of Rickettsia prowazekii and some thoughts on the origin of mitochondria and hydrogenosomes. In: Bioessays, Band 21, Nr. 5, 1999, S. 377–381 (PDF).
Als gesichert wird diese Annahme allerdings nicht angesehen. Das Genom von Rickettsia prowazekii ist wie auch das in den Mitochondrien zu findende Genom sehr klein. Beide sind in den Milliarden Jahren der Evolution vermutlich geschrumpft, weshalb auch eine starke Ähnlichkeit der Genstruktur keine klare Aussage zulässt. So könnten z. B. auch Rickettsia und das ursprüngliche Bakterium, das den Symbionten bildete, von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen.
Gruppierung Bezüglich ihrer Eigenschaft als humanpathogen werden Rickettsien gewöhnlich in folgende drei Gruppen gegliedert:
+ Zeckenstichfieber bzw. Zeckenbissfieber (spotted fever) Organismus verursachte Krankheit Vorkommen R. rickettsii Rocky-Mountains-Fleckfieber westliche Hemisphäre R. akari Rickettsien-Pocken USA, frühere Sowjetunion R. conorii Boutonneuse-Fieberleichter Verlauf: Lymphadenitis,stark ausgeprägte Primärläsion, Exanthem Mittelmeerländer, Afrika, Südwestasien, Indien R. africae Afrikanisches Zeckenbissfieber (African tick bite fever) Afrika südlich der Sahara, Französische AntillenN. Roch, Olivier Epaulard, I. Pelloux, P. Pavese, J. P. Brion, D. Raoult, M. Maurin: African tick bite fever in elderly patients: 8 cases in French tourists returning from South Africa. In: Clinical infectious diseases: an official publication of the Infectious Diseases Society of America. Band 47, Nummer 3, August 2008, S. e28–e35, . doi:10.1086/589868. PMID 18558881. (Review). R. felis Flohfleckfieber (Syn. Katzenflohtyphus, cat flea typhus) weltweitDidier Raoult, Philippe Parola: Rickettsial Diseases. CRC Press, 2007, ISBN 9781420019971, S. 87–93. R. sibirica Sibirian tick typhus („nordasiatisches oder sibirisches Zeckenbissfieber“) Sibirien, Mongolei, nördliches ChinaN. a. Jia, Jia-Fu Jiang u. a.: Rickettsia sibirica Subspecies sibirica BJ-90 as a Cause of Human Disease. In: New England Journal of Medicine. 369, 2013, S. 1176–1178, doi:10.1056/NEJMc1303625. R. australis Australian tick typhus („australisches Zeckenbissfieber“) Australien R. japonica Japanisches Fleckfieber Japan
+ Fleckfieber (typhus) Organismus verursachte Krankheit Vorkommen R. prowazekii Klassischer Typhus exanthematicus, Brill-Zinsser-Krankheit, klassisches Fleckfieber weltweit R. typhi murines Fleckfieber (endemischer Typhus) weltweit
+ Tsutsugamushi (scrub typhus) (Anm.: Bezeichnung unklar!) Organismus verursachte Krankheit Vorkommen O. tsutsugamushi(jetzt eine eigeneGattung, Orientia) Tsutsugamushi-Fieber (scrub typhus); schwerer Verlauf: Enzephalitis, Lymphadenitis, stark ausgeprägte Primärläsion, Exanthem Südwestasien, nördliches Australien, Pazifische Inseln
Systematik Folgende Arten sind in der Gattung Rickettsia zusammengefasst:J.P. Euzéby: List of Prokaryotic names with Standing in Nomenclature. () Rickettsia aeschlimannii Rickettsia africae Rickettsia akari Rickettsia asiatica Rickettsia australis Rickettsia bellii Rickettsia canadensis Rickettsia conorii Rickettsia felis Rickettsia heilongjiangensis Rickettsia helvetica Rickettsia honei Rickettsia japonica Rickettsia massiliae Rickettsia montanensis Rickettsia parkeri Rickettsia peacockii Rickettsia prowazekii Rickettsia raoultii Rickettsia rhipicephali Rickettsia rickettsii Rickettsia sibirica Rickettsia slovaca Rickettsia tamurae Rickettsia typhi
Literatur Karl Wurm, A. M. Walter: Infektionskrankheiten. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 9–223, hier: S. 154–160 (Rickettsiosen). Gen-Code von Rickettsien geknackt. Neue Erkenntnisse über die Evolution von Vielzellern. In: Berliner Zeitung, 18. November 1998. Marianne Abele-Horn: Antimikrobielle Therapie. Entscheidungshilfen zur Behandlung und Prophylaxe von Infektionskrankheiten. Unter Mitarbeit von Werner Heinz, Hartwig Klinker, Johann Schurz und August Stich, 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Peter Wiehl, Marburg 2009, ISBN 978-3-927219-14-4, S. 225 (Rickettsiose).
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Einzelnachweise
Kategorie:Rickettsiales (Ordnung)