Arbeitsteilung ist die Organisationsform gemeinschaftlicher menschlicher Arbeit, die sich in den familiären hordensolidarischen Arbeits- und Handlungssystemen der Jäger und Sammler entwickelte. Die sozialen Auswirkungen der Arbeitsteilung in der Neuzeit und die damit verbundenen ökonomischen Möglichkeiten zu mehr Effektivität und erhöhter Produktivität kooperativer Tätigkeit werden in der Sozialphilosophie, Arbeitssoziologie, Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre wissenschaftlich erforscht.
Allgemeines Das Kompositum setzt sich aus „Arbeit“ und „Teilung“ zusammen und deutet darauf hin, dass eine Arbeitsaufgabe von einer Arbeitskraft durch Zerlegung in Teilaufgaben auf mehrere Arbeitskräfte aufgeteilt werden soll. Das geschieht durch Arbeitsteilung, wenn die Aufgabenanalyse auf einer tiefen Stufe in die Arbeitssynthese einmündet. Arbeitsteilung entsteht, wenn eine Aufgabe in mehrere Arbeitsvorgänge zergliedert wird und diese auf mehrere Stellen verteilt werden. Sie wird durch Dezentralisation der Aufgaben verhindert.Ute Arentzen, Eggert Winter (Hrsg.): Gabler Wirtschafts-Lexikon. 1997, S. 906 (books.google.de).
Die Arbeitsteilung bedarf der Koordination, führt jedoch zu Abhängigkeiten (Verlust der Selbstständigkeit) der betroffenen Akteure. Arbeitsteilung kann zu Effektivität und zur Ausprägung unterschiedlicher Berufsbilder führen. So gibt es in Deutschland aktuell etwa 24.000 Berufe.
Betriebswirtschaftslehre Die Begriffe Arbeitsteilung und Spezialisierung werden in der betriebswirtschaftlichen Literatur unterschiedlich verwendet.Jürgen Stefan Weichselbaumer: Kosten der Arbeitsteilung. 1998, S. 28 (books.google.de). Manche Autoren sehen die Begriffe als Synonyme an,Knut Bleicher: Organisation: Strategien - Strukturen - Kulturen. 1991, ISBN 3-409-31552-7, S. 57 f. in der Organisationslehre vertritt die Mehrheit der Autoren dagegen die Ansicht, dass die Spezialisierung „vertikale Arbeitsteilung“ bedeutet.Rolf Bühner, Betriebswirtschaftliche Organisationslehre. 1994, ISBN 3-486-22965-6, S. 104.
Unter Arbeitsteilung versteht man die Aufgliederung einer Gesamtaufgabe in einzelne Teilaufgaben, verbunden mit einer Zuordnung der Teilaufgaben zu Organisationseinheiten.Uwe Meinberg, Frank Topolewski (Hrsg.): Lexikon der Fertigungsleittechnik. 1995, S. 41 (books.google.de). François Quesnay schrieb 1766, die Arbeitsteilung basiere auf der „natürlichen Ungleichheit der Menschen“ und führe „zu einer Organisation“.François Quesnay, Analyse de Tableau Èconomique. In: Journal de l’Agriculture, du Commerce et des Finances. Juni 1766, S. 3–41. Unter Ungleichheit versteht er die unterschiedlichen Begabungen und Qualifikationen der Arbeitskräfte. In Sinne Quesnays gibt es die Landwirtschaft, den Handel sowie Adel und Klerus. Die einzelne Teilarbeit wird nach seiner Ansicht im Dienste des Gemeinwohls () verrichtet.
Frederick Taylors arbeitsteilige Prinzipien werden als Taylorismus bezeichnet. Er trennte 1911 die geistige Tätigkeit von der körperlichen und setzte hierfür verschiedene Arbeitskräfte ein. Sodann befreite er Maschinen bedienende Facharbeiter von Nebentätigkeiten wie dem Schleifen von Werkzeugen, mit denen er anderes Personal betraute.Frederick Winslow Taylor, Die Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung. 1911, S. 38 f.
Die Vor- und Nachteile der Arbeitsteilung können wie folgt gegliedert werden:Jürgen Pfannmöller: Kreative Volkswirtschaftslehre. 2020, S. 56 (books.google.de).
Wirtschaftssubjekt Vorteile Nachteile Arbeitgeber Steigerung der Arbeitsproduktivität, bessere Ertragslage, Arbeitsqualität nimmt zu geringe Flexibilität der Mitarbeiter, Monotonie kann zu erhöhtem Krankenstand führen, Abhängigkeiten von Zulieferern und Kunden Arbeitnehmer höheres Arbeitsentgelt, höhere Arbeitsmotivation Monotonie kann die Arbeitsbelastung erhöhen, höheres Arbeitsleid, Arbeitsmobilität sinkt durch einseitige Qualifikation, Arbeitsplatzrisiko steigt bei zunehmender Automatisierung
Volkswirtschaftslehre Erste Überlegungen, Arbeit zu teilen, stellten bereits Xenophon, Platon und Demokrit an und bezogen die Arbeitsteilung meist auf die Größe einer Gemeinde. Je größer diese sei, umso mehr könne die Arbeit unter den Bewohnern aufgeteilt werden.Guang-Zhen Sun: The Division of Labour in Economics: A History. 2012, S. 3 ff. (books.google.de). Sie gingen von einem gegebenen Arbeitsvolumen aus, das bei großen Gemeinden auf mehr Arbeitskräfte verteilt werden könne. Platon hat in seiner Politeia das Entstehen einer Gesellschaft dadurch erklärt, dass Menschen unterschiedliche produktive Fähigkeiten und Bedürfnisse besitzen und sie sich daher am besten in ihrer Arbeit spezialisieren und die Arbeitsprodukte untereinander austauschen.Platon: The Republic. Übersetzer H. D. P. Lee, Penguin Books, London 1955, Part II, §§ 1–2, S. 102–108 (Book II, S. 369–373); zit. nach: Joseph Hayim Abraham, The Origins and Growth of Sociology. Penguin Books, London, 1973, S. 31 ff.; ISBN 978-0-14-021542-7.
Den Begriff der Arbeitsteilung () prägte Henry Martin (* 1665, † 1721) im Jahre 1701.Charles Poor Kindleberger: Historical Economics: Art Or Science? 1990, S. 107 (books.google.de). Der Generalinspektor für Exporte und Importe für die Britische Ostindien-Kompanie sprach sich für den Import billigerer Textilien aus Ostindien im Vergleich zur Mechanisierung Englands aus.Henry Martin: Considerations upon the East-India Trade. 1701, S. 59. Die Urheberschaft Martins für dieses Buch wurde erst 1983 belegt.Christine MacLeod: Henry Martin and the Authorship of ‚Considerations upon the East-India Trade‘. In: Historical Research. 56 (134), 1983, S. 222–229 Auf Martins Grundlage entstand 1722 Ernst Ludwig Carls „Traktat über den Reichtum der Fürsten und ihrer Staaten und einfache und natürliche Mittel, um ihn zu erreichen“.Ernst Ludwig Carl: Traitè de la Richesse des Princes et de leurs états et des moyens simples et naturels pour y parvenir. 1722, S. 2 ff. (books.google.de).
Charles de Secondat, Baron de Montesquieu sah in der Geldwirtschaft eine wesentliche Voraussetzung für den Austausch und damit für die Arbeitsteilung, interessierte sich aber stärker für den Zusammenhalt der Gesellschaft als für ihre Differenzierung. In seinem Modell der Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Judikative knüpft er an den Gedanken der Arbeitsteilung an.
William Petty bemerkte, dass Spezialisierung zur besseren Produktqualität in der Textilherstellung beitrage und betonte, dass die Holländer preiswerter herstellen könnten, weil sie jedem Frachtschiff eine spezifische Schiffsladung zuwiesen.William Petty: Schriften zur Politischen Ökonomie und Statistik. Band I, 1671, S. 260 f.Kenneth J. Arrow, Yew-Kwang Ng, Xiaokai Yang (Hrsg.): Increasing Returns and Economic Analysis. 1998, S. 3 (books.google.de). Adam Smith sah die Arbeitsteilung in seinem Buch Der Wohlstand der Nationen vom März 1776 als Aufspaltung des Produktionsprozesses in Teilabläufe zum Zwecke der Produktionssteigerung. Er stellte die Bedeutung der Arbeitsteilung für Wirtschaftswachstum und Prosperität heraus.Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. 1776, S. 31 ff.The Wealth of Nations/Book I/Chapter 1. (englisch, Volltext [Wikisource]). Smith nannte es auch Arbeitsteilung, wenn in einem Staat ein Produkt von der Gewinnung des Rohstoffes bis zur Marktreife verschiedene Fertigungsstufen passieren muss wie beispielsweise die Wolle vom Schafzüchter über das Spinnen, Weben und Färben. Er überschrieb das entsprechende Kapitel mit The division of labour und brachte damit ein Schlagwort in Umlauf, das für Volkswirtschaft wie Naturwissenschaft gleiche Bedeutung erlangte. Übersetzt heißt das „Die Teilung der Arbeit“. Daraus entstand im Deutschen durch Wortzusammensetzung das Wort „Arbeit-s-teilung“. Das „s“ wird in der Grammatik als Fugenelement bezeichnet.
Die schottische Moralphilosophie knüpfte an Montesquieu und die Physiokraten wie Quesnay sowie an Gedanken von David Hume an; ihre Vertreter interessierten sich erstmals auch für die gesellschaftlichen Konsequenzen der Arbeitsteilung und die Entstehung der gesellschaftlichen Schichtung. Das gilt besonders für Adam Ferguson, der in der Arbeitsteilung ein Mittel der sozialen und beruflichen Differenzierung sah.Adam Ferguson: Essay on the Historiy of Cicil Society. 1767, S. 1 ff.
Adam Smith Adam Smith betonte, dass die Arbeitsteilung die Gemeinschaft nicht zerstöre, sondern lediglich die Qualität und die Mittel von gegenseitiger Abhängigkeit verändere. Ihn interessierte vor allem die technisch vermittelte Arbeitsteilung im Betrieb; implizit warf auch er aber die Frage der Entstehung sozialer Klassen auf. Für Adam Smith entstanden durch den zunächst rein ökonomischen Vorgang der Arbeitsteilung notwendig drei Klassen (wobei er diesen Begriff nicht benutzte): die der Grundbesitzer, Kapitalisten und Arbeiter, die jeweils durch die Art ihrer Einkünfte (Grundrente, Kapitalertrag und Lohn) gekennzeichnet waren.
Die Arbeitsteilung steigert nach Smith die Produktivität der Arbeit. Dies hat vor allem drei wesentliche Gründe: Spezialisierung und somit Förderung der „größeren Geschicklichkeit jedes einzelnen Arbeiters“, Zeitersparnis und Technischer Fortschritt. Vorausgesetzt wird dabei aber eine menschliche Neigung zum Tausch. Die Spezialisierung bewirke, dass sich Akteure (Menschen, Unternehmen, Länder) auf den Teil des gesamten Produktionsprozesses konzentrieren, bei denen sie komparative Vorteile haben. Jeder Akteur kann den Zeit- und Arbeitsaufwand, den er für andere Teiltätigkeiten aufwenden musste, nun allein für diejenigen Teiltätigkeiten einsetzen, in denen er besonders produktiv ist. Die Zeitersparnis hat Smith in seinem berühmten Stecknadel-Beispiel erklärt:Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Hrsg. von Horst Claus Recktenwald, Deutscher Taschenbuch Verlag, 5. Auflage, 1990, S. 9 ff.; ISBN 3-423-02208-6.
Ein einzelner ungelernter Arbeiter kann an einem Tag nur wenige Stecknadeln herstellen. Wird die Arbeit aufgeteilt in mehrere Handgriffe (Draht ziehen, abzwicken, zuspitzen, Kopf daraufsetzen, Verpacken…), so können beispielsweise fünf Arbeiter tausende von Stecknadeln an einem Tag herstellen.
Der technische Fortschritt kommt dadurch zustande, dass einzelne Teile eines Produktionsvorganges leichter verbessert werden können. Nach heutiger Auffassung sind aber auch schon die durch die Arbeitsteilung veränderte Organisation der Produktion und der dadurch erzielte Produktivitätsgewinn bereits „technischer Fortschritt“.
Arbeitsteilung erfordert Smith zufolge eine Koordination der ökonomischen Aktivitäten. Die einzelnen Produktionszweige sind stark voneinander abhängig und müssen ihre Produktionspläne koordinieren. In einer Marktwirtschaft erfüllen preisgesteuerte Märkte und Organisationen (markttechnische und hierarchische Koordination; siehe Transaktionskostentheorie) diese Funktion der Koordination.
Nach Adam Smith ist die Spezialisierung begrenzt durch das „Ausmaß des Marktes“.Adam Smith, Ausmaß des Marktes Dieser Ausdruck lässt sich sowohl auf die Nachfrage- als auch Angebotsseite beziehen. Nachfrageseitig mag in kleinen Märkten eine weitgehende Spezialisierung nicht nötig sein, da zusätzlicher Output ohnehin nicht abgesetzt werden könne. Angebotsseitig kann Spezialisierung durch die Anzahl von Arbeitskräften eine Grenze gesetzt sein.
Smith erkannte allerdings auch einige Gefahren der Arbeitsteilung. Arbeitskräfte verdummen, wenn sie nur einen einzelnen Handgriff andauernd ausüben. Die berufliche Befriedigung durch eine umfassende Tätigkeit ist durch einfache und monotone Handgriffe nicht mehr gegeben. Als Gegenmaßnahme forderte er eine verbesserte Ausbildung. Er stellte auch die Probleme bei geistiger Spezialisierung dar, bei der beispielsweise ein Philosoph so überheblich werden könne, dass er mit einem Lastenträger keine Ähnlichkeit mehr erkenne.
David Ricardo