Die tocharischen Sprachen sind ein ausgestorbener Sprachzweig der indogermanischen Sprachfamilie, der in Schriftzeugnissen zumeist aus der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends n. Chr. im Tarimbecken im heutigen Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang überliefert ist.

Seit 1890 wurden mehr als 7600 HandschriftfragmenteMalzahn: Tocharian Texts and Where to Find Them, 2007, S. 79. vorwiegend aus dem 5. bis 8. Jahrhundert entdeckt, die zum Großteil Übersetzungen und Bearbeitungen buddhistischer Sanskritwerke und wie die Originaltexte in der nordindischen Brāhmī-Schrift geschrieben sind. C14-DatierungenTamai: Paläographische Untersuchung und C14-Prüfung, 2005. zeigen jedoch, dass noch im 12. Jahrhundert tocharische Texte abgeschrieben worden sind. Nicht verwechselt werden dürfen die tocharischen Sprachen mit der 2023 so bezeichneten eteotocharischen Sprache der Issyk-Kuschana-Schrift, die als eine bislang unbekannte mitteliranische Sprache erkannt wurde.Kölner Forschungsgruppe entziffert rätselhafte Schrift aus der AntikeSvenja Bonmann et al.: A Partial Decipherment of the Unknown Kushan Script In: Transactions of the Philological Society.121, Nr. 2 2023, S. 293–329, 325

Stellung in der indogermanischen Sprachfamilie mini|360px|Veraltete Einteilung in Kentumsprachen (grün, blau, violett, gelb, braun) und Satemsprachen (rot, orange) Die tocharischen Sprachen bilden einen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie, deren genauere Zuordnung diskutiert wird.

Ältere Zuordnungen zu einem sogenannten Kentum-Zweig sind überholt, da diese Entwicklungen als einzelsprachlich gelten.

In der traditionellen Indogermanistik konnte sich bisher keine Hypothese über nähere Verwandte des Tocharischen durchsetzen. Versuche, die Verwandtschaft der indogermanischen Sprachen mit lexikostatistischenHans J. Holm: „The Distribution of Data in Word Lists and its Impact on the Subgrouping of Languages“. In: Christine Preisach, Hans Burkhardt, Lars Schmidt-Thieme, Reinhold Decker (Hrsg.): Data Analysis, Machine Learning, and Applications. Proc. of the 31th Annual Conference of the German Classification Society (GfKl), University of Freiburg, March 7-9, 2007. Springer-Verlag, Heidelberg / Berlin 2008. () und glottochronologischenVáclav Blažek: „From August Schleicher to Sergej Starostin. On the development of the tree-diagram models of the Indo-European languages“. In: JIES 35/1–2 Spring/Summer 2007, S. 82–109Remco Bouckaert et al.: „Mapping the Origins and Expansion of the Indo-European Language Family“. In: Science 337/6097, 24 August 2012, S. 957–960. Überholt durch Korrektur: Science 342/6165, 20 December 2013, S. 1446.Holm, Hans J. (2017): Steppe Homeland of Indo–Europeans Favored by a Bayesian Approach with Revised Data and Processing - Updated Bayesian approach, with archeological and linguistic parallels. Glottometrics 37,2017: 54-81. Bochum: RAM-Verlag. http://www.ram-verlag.eu/journals-e-journals/glottometrics/ Methoden festzustellen, zeigen teilweise eine frühe Abspaltung des Tocharischen, dabei stets nach bzw. mit dem Anatolischen.

Ein Berechnungsbeispiel lieferten Ringe/Warnow/Taylor (2002)nach Don Ringe, Tandy Warlow, Ann Taylor: „Indo-European and computational cladistics“. In: Transactions of the Philological Society 100 (2002), S. 87., welches aber später mehrfach abgewandelt wurde, v. a. hinsichtlich der Position des Germanischen und des Albanischen, dessen fehlerhafte Stellung auf erheblichen Datenfehlern beruhte.Holm, Hans J. (2009): Albanische Basiswortlisten und die Stellung des Albanischen in den indogermanischen Sprachen. In: Zeitschrift für Balkanologie 45-2 (2009)Hans J. Holm: “Swadesh lists” of Albanian Revisited and Consequences for Its Position in the Indo-European Languages. Journal of Indo-European Studies Volume 39, Number 1 & 2, Spring/Summer 2011

Die Sprachwissenschaft stützt sich bei Verwandtschaftsaussagen insbesondere auf angenommene gemeinsame Neuerungen gegenüber den übrigen Sprachen und vor allem der Vorgängersprache (hier Urindogermanisch). Eine solche Neuerung könnte die Rekonstruktion einer nur diesen beiden Sprachen gemeinsamen Parallelbildung für ‚Rad‘ zu idg. *h₂u̯erg(ʰ)- ‚sich umdrehen, sich wenden‘ > toch. A wärkänt, toch. B yerkwanto, heth. hurki darstellen.

Wortbeispiele: DeutschTocharisch ATocharisch BGriechischHethitischFeuerpurpūwarpỹrpaḫḫurVaterpācarpācerpatērattašMuttermācarmācermátērannašBruderpracarprocerphrātērlydisch brafrsisTochterckācartkācerthygatērduttariyatiyaš (Gen.Sg.)HundkukukýōnkuwašErdetkaṃkeṃchthōntekan

Bezeichnungen und ethnische Zuordnung mini|320px|„Tocharische Stifter“, Fresko des 6. Jh. aus den Tausend-Buddha-Höhlen von Kizil bei Kuqa. Die Bezeichnung „Tocharisch“ wurde von Emil Sieg und Wilhelm Siegling im Anschluss an F. W. K. MüllerFriedrich Wilhelm Karl Müller: Beitrag zur genaueren Bestimmung der unbekannten Sprachen Mittelasiens. In: Sitzungsberichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften, 1907, S. 958 ff. vorgeschlagen. Sie bezieht sich auf ein Volk, welches in griechisch-lateinischen Quellen als Tócharoi (Τόχαροι) bzw. Tochari (d. h. Tocharer) erwähnt wird. Es siedelte ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. am Oberlauf des Flusses Oxus (Amudarja). Dieses Volk wird üblicherweise mit den Yuezhi der chinesischen Quellen identifiziert, das zuvor aus seinem vorherigen Siedlungsgebiet in Gansu unmittelbar östlich von Xinjiang vertrieben worden war. Spätere Schriftquellen ihrer mutmaßlichen Nachfahren, der Kuschan, sind im iranischen Baktrischen verfasst; über ihre ursprüngliche Sprache ist nichts bekannt.

Diese ethnische Zuordnung ist jedoch spekulativ. Sie basiert auf einer Angabe in einem in alttürkisch (uigurisch) verfassten buddhistischen Text (Maitrisimit), wonach dieser aus dem Indoiranischen (vgl. sanskritisch tukhāra, hotansakisch ttahvāra, altpersisch tuxāri-) in die Sprache twγry und aus dieser in die (alt-)türkische Sprache (türk tïlï)transkribierter Text bei: Friedrich Wilhelm Karl Müller: Beitrag zur genaueren Bestimmung der unbekannten Sprachen Mittelasiens. In: Sitzungsberichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften, 1907, S. 958 ff. übersetzt worden sein soll; da der gleiche Text ansonsten nur in Tocharisch A vorliegt, lag die Annahme nahe, dass twγry eben jenes Tocharisch A bezeichnet. Der Schluss, twγry sei die Sprache der Τόχαροι bzw. Tochari gewesen, basiert jedoch allein auf der phonetischen Ähnlichkeit beider Namen. Als Eigenname der Tocharisch-A-Sprecher wurde die Bezeichnung ārśi (Arschi) identifiziert.

Dieser Identifizierung ist W. B. Henning entgegengetreten, der darlegte, dass mit twγry in uigurischen Texten das Land von Bišbaliq-Qarašahr bezeichnet wurde und von tocharisch zu trennen sei. Zudem las er den Heimatort des ersten Übersetzers nicht als Nagaradeśa (in der Gegend von Kabul/Afghanistan), sondern als Agnideśa (Qarašahr, also das Verbreitungsgebiet von Tocharisch A).Zur Darstellung der Auseinandersetzung: Wolfgang Krause, Tocharisch, Verlag E. J. Brill, Leiden 1955, S. 5 f.

In einer zweisprachigen Quelle in Tocharisch B und Sanskrit (SI P/65b1) entspricht das Sanskrit-Wort tokharika offenbar dem Tocharisch-B-Wort kucaññe. Letzteres brachte man sowohl mit den Kuschan in Verbindung, wie auch mit der Oase Kuqa, der Heimat von Tocharisch B.Darstellung des Sachstands in Werner Thomas, Die Erforschung des Tocharischen, Stuttgart 1985, ISBN 3-515-04434-5, S. 14–17. Bei beiden Wörtern ist jedoch die Deutung problematisch, denn einerseits scheint tokharika nicht vom Volksnamen Tukhāra abgeleitet zu sein, andererseits lautet das belegte Adjektiv zu Kuqa in Tocharisch B eigentlich kuśiññe.

Angesichts der verwirrenden Benennungen wurde vor allem in der englischsprachigen Literatur vorgeschlagen, die Bezeichnungen Tocharisch A und B durch Turfanisch (Turfanian), was von der Oase Turfan abgeleitet wurde, bzw. Kutschisch (Kuchean), dessen Begriff nach Kuqa gebildet wurde, zu ersetzen. Da die Zuordnung der beiden Varianten zu diesen zwei verschiedenen Regionen jedoch ebenfalls spekulativ ist, hat sich dieser Vorschlag bisher nicht durchgesetzt und die Begriffsverwirrung eher noch vergrößert.

Zur Differenzierung wurden auch die Yuezhi und die Tócharoi (Τόχαροι) bzw. Tochari daher auch als „echte Tocharer“ und die Sprecher der tocharischen Sprachen als „falsche Tocharer“ bezeichnet.

Varietäten

1908 gelang es den deutschen Sprachwissenschaftlern Emil Sieg und Wilhelm Siegling erstmals, die Manuskripttexte zu lesen und ihre Sprache als indogermanisch zu identifizieren. Sie schlugen den Namen „Tocharisch“ vor und differenzierten die beiden Sprachvarietäten Tocharisch A / Ost-Tocharisch und Tocharisch B / West-Tocharisch. Nur in Tocharisch B liegen neben religiösen Texten auch Gebrauchstexte vor; dabei handelt es sich um Aufzeichnungen von Klöstern, Handelsdokumente und medizinische Texte. Dies führte zu der Theorie, Tocharisch A sei zum Zeitpunkt der Entstehung der Quellen eine „tote“, rein liturgische Sprache gewesen, Tocharisch B jedoch die lebende Alltagssprache.

Nach einer anderen Theorie bilden die beiden Varietäten räumlich getrennte Dialekte, wobei Ost-Tocharisch (A) in der Oase Turfan gesprochen worden sei, West-Tocharisch (B) dagegen vorwiegend in der Region um Kuqa. (Zum Zusammenhang von Tocharisch und Kuschan siehe unten). Bis heute ist umstritten, ob Ost- und West-Tocharisch als zwei Dialekte derselben Sprache oder als zwei getrennte Sprachen zu bezeichnen sind.

Die Existenz einer dritten Varietät des Tocharischen, Tocharisch C genannt, wird als Quelle von Lehnwörtern in Prakrit-Texten aus der Region um Loulan (Krorän) vermutet; es ist aber nicht sicher, ob die dritte wirklich von den beiden belegten Varietäten verschieden war.James Patrick Mallory: Bronze Age Languages of the Tarim Basin., aus den Veröffentlichungen des Penn Museum 52/3 (mit Verbreitungskarten und Hypothese der bronzezeitlichen Herkunft).

Texte Die meisten bekannten tocharischen Texte befinden sich heute in Sammlungen in Berlin, London, Paris und St. Petersburg, deutlich weniger in Japan und China. Sie sind unter einer verwirrenden Vielfalt an Nummerierungssystemen (Siglen) bekannt, die von Fundnummern über Inventarnummern bis hin zu Nummerierungen in verschiedenen Publikationen reichen. Derselbe Text kann daher unter unterschiedlichen Nummern bekannt sein (z. B. „T III Š 72.1“ = „A 1“ = „THT 634“).

Siglen tocharischer Texte (Auswahl):Malzahn: Tocharian Texts and Where to Find Them, 2007. Sigle Bedeutung Publikation/Institution Ort THT Tocharische Handschriften der Berliner Turfansammlung Staatsbibliothek zu Berlin Berlin A Tocharische Sprachreste A Sieg & Siegling 1921 B Tocharische Sprachreste B Sieg & Siegling 1949, 1953 IOL Toch India Office Library, Tocharian British Library London Or. Oriental Collections PK Fonds Pelliot Koutchéen AS: Ancienne série NS: Nouvelle série Bibliothèque nationale de France Paris SI Serindia B: Sammlung Berezovsky P: Sammlung Petrovsky Institut Orientalischer Manuskripteder Russischen Akademie der Wissenschaften St. Petersburg Ot. Sammlung Otani Tokio, Kyoto u. a. YQ Yanqi Qianfodong Ji et al. 1998 Ürümqi

Die Gesamtzahl der bekannten tocharischen Texte kann nur geschätzt werden. Malzahn nennt mindestens 7600 Fragmente, wovon jedoch nur etwa 2000 eine bedeutende Menge von Text enthalten. Etwa 1150 der Fragmente tragen Text in Tocharisch A.