hochkant=2|mini|alt=Der deutsche Angriffsplan 1914 im Westen basierend auf Schlieffens Grundgedanken von 1905|Die ursprüngliche deutsche Angriffsplanung basierend auf dem sogenannten „Schlieffen-Plan“ aus dem Jahr 1905 Der Schlieffen-Plan war ein strategisch-operativer Plan des Großen Generalstabs im Deutschen Kaiserreich, der auf einem in einer Denkschrift des preußischen Generalfeldmarschalls Alfred Graf von Schlieffen festgehaltenen Gedanken basierte. Er bildete nach gründlicher Überarbeitung durch Helmuth Johannes Ludwig von Moltke eine Grundlage der deutschen Strategie zu Beginn des Ersten Weltkrieges.
Die 1905 verfasste Denkschrift sah zunächst vor, den größten Teil des deutschen Heeres im Westen gegen Frankreich einzusetzen, mit dem Nordflügel die französischen Befestigungen (Barrière de fer) zu umgehen und das französische Heer im Rücken zu fassen. Planungen Schlieffens bei einem Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Russland sahen vor, dass nach einem Sieg über Frankreich innerhalb weniger Wochen die Truppen nach Osten verlegt werden sollten, um gegen Russland vorzugehen. Schlieffens (von seinem Nachfolger Moltke geteilte) Absicht war, so den Krieg gegen Frankreich und Russland in zwei aufeinander folgende Feldzüge aufzuteilen. Dabei ging die deutsche Militärführung von einem noch durch den Russisch-Japanischen Krieg geschwächten Russland aus, dessen langsamer Aufmarsch gegen Deutschland von der österreichisch-ungarischen Armee wirkungsvoll verzögert werden könne.
Die Umsetzung im Ersten Weltkrieg scheiterte jedoch aus verschiedenen Gründen. So hatte sich die dem Plan zugrunde liegende politische und militärische Ausgangslage zwischenzeitlich zu Ungunsten Deutschlands verändert. Der unerwartet zähe Widerstand der belgischen Truppen und logistische Schwierigkeiten verzögerten den Vormarsch nach Frankreich erheblich. Der deutsche Angriff auf das neutrale Nachbarland war Anlass für die Kriegserklärung des Vereinigten Königreichs am 4. August 1914.
In der Geschichtswissenschaft wird die Frage thematisiert, wie weit das von Schlieffen verfasste Memorandum die tatsächlichen Planungen beeinflusste oder ihnen entsprach.David Stevenson: 1914–1918. Der Erste Weltkrieg. Albatros-Verlag, Mannheim 2010, S. 65.
Deutsche Planungen vor Schlieffen und der Ostaufmarschplan Mit dem deutsch-russischen Rückversicherungsvertrag von 1887 hatte Reichskanzler Otto von Bismarck versucht, die Gefahr eines Zweifrontenkrieges gegen eine französisch-russische Allianz zu verringern. Der auf drei Jahre abgeschlossene Geheimvertrag sicherte beiden Staaten für den Fall eines Krieges mit einer dritten Großmacht die gegenseitige Neutralität zu. Kaiser Wilhelm II. lehnte auf Anraten von Bismarcks Nachfolger Leo von Caprivi die Erneuerung des Vertrags nach seinem Ablauf 1890 ab.John C.G. Röhl: Wilhelm II. 3 Bände, 1993–2008; Band II, S. 388/89.
Daraufhin schloss Russland 1892 eine geheime Militärkonvention mit Frankreich, die 1894 zum Zweiverband zwischen den beiden Ländern führte. Hieraus und aus der 1904 abgeschlossenen Entente cordiale zwischen Frankreich und Großbritannien entstand 1907 mit dem Vertrag von Sankt Petersburg die Triple Entente. Der deutsche Generalstab musste einen Plan für einen Zweifrontenkrieg vorbereiten. Anstatt jedoch darauf hinzuarbeiten, einen Krieg an zwei Fronten zu vermeiden, war der Generalstab bestrebt, einen solchen zu gewinnen.Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn 2009, ISBN 978-3-506-73913-1, S. 352.
Schlieffens Vorgänger Helmuth Karl Bernhard von Moltke der Ältere (nicht zu verwechseln mit seinem Neffen Helmuth Johannes Ludwig von Moltke, genannt der Jüngere) hatte für den Fall eines Zweifrontenkrieges einen „Ostaufmarsch“ ersonnen, der eine strategische Defensive vorsah. Das Heer sollte zu etwa gleichen Teilen auf Ost und West verteilt werden. Das Deutsche Reich sollte hiernach im Westen in der Defensive bleiben und den zu erwartenden französischen Angriff im gut zu verteidigenden Festungsgürtel in Elsass-Lothringen abwehren. Ausdrücklich warnte der ältere Moltke davor, gegen Paris zu marschieren, da die Erfahrung von 1871 gezeigt habe, wie schwierig unter diesen Umständen ein Friedensschluss ausgehandelt werden könne. Der Plan sah für den Osten vor, den russischen Angriff zurückzudrängen, dann nachzustoßen und die russischen Armeen bis zu einem strategisch wichtigen Punkt zurückzuwerfen. Die bei einem abgewehrten Angriff verfügbaren Truppen wären danach jederzeit frei, um die jeweils andere Front zu verstärken. Getreu dem Primat der Politik wollte Moltke jederzeit die Möglichkeit eines Kompromissfriedens offenlassen.Fritz Fischer: Krieg der Illusionen. Die Deutsche Politik von 1911–1914. 2. Auflage. Düsseldorf 1970, ISBN 3-7700-0913-4, S. 565.Henry A. Kissinger: Die Vernunft der Nationen. Siedler, Berlin 1998, ISBN 3-88680-486-0, S. 219.Terence Zuber: Inventing the Schlieffen Plan. German War Planning 1871–1914. Oxford Univ. Press, Oxford u. a. 2002, ISBN 0-19-925016-2, S. 57 ff.
Ab 1886 nahmen in Europa und in Frankreich die Spannungen und die revisionistischen Tendenzen zu. Aufgrund verstärkter Spannungen auf dem Balkan kam unter direkter Vermittlung von Reichskanzler Bismarck 1887 die Mittelmeerentente zustande, die sich gegen eine weitere Expansion Russlands richtete. Im Herbst 1887 plädierten einflussreiche Persönlichkeiten aus Militär und Diplomatie wie Friedrich August von Holstein, Helmuth Karl Bernhard von Moltke und Generalquartiermeister Alfred von Waldersee für einen Präventivkrieg gegen Russland. Waldersee sah einen Krieg mit Russland bereits als unvermeidbar an: „Der Kanzler hofft noch immer, um den Krieg mit Russland herumzukommen. Es wird ihm alles nichts helfen, wir treiben in den Krieg hinein, und zwar zum Frühjahr.“ Moltke trug der Furcht vor einem baldigen Krieg mit Russland Rechnung, indem er die Aufnahme militärischer Gespräche mit dem österreichischen Generalstab verlangte, bei denen für den Kriegsfall militärische Absprachen getroffen werden sollten. Sein Aufmarschplan vom Frühjahr 1888 sah nun bei einem Zweifrontenkrieg eine gemeinsame Offensive mit Österreich-Ungarn gegen Russland vor; im Westen sollte das Deutsche Reich bis zur Beendigung des Feldzugs gegen Russland defensiv bleiben.Wolfgang J. Mommsen: Grossmachtstellung und Weltpolitik. Ullstein, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-548-33169-6, S. 94. Was den Charakter (und die Planbarkeit) eines großen Krieges der europäischen Mächte gegeneinander betraf, endete der ältere Moltke seine Abgeordnetenlaufbahn 1890 mit einer pessimistischen Warnung vor dem Reichstag. Erwartbar sei kein Kabinettskrieg, sondern ein „Volkskrieg“ und die Heere der großen europäischen Staaten seien mittlerweile derart hochgerüstet, dass keiner auf einen schnellen und deutlichen Sieg hoffen dürfe, der die Gegner zum Einlenken zwänge. Vielmehr drohe ein mehrjähriger oder vieljähriger Krieg, in dem Siege und Niederlagen sich abwechselten, und „wehe dem, der Europa in Brand steckt, der zuerst die Lunte in das Pulverfaß schleudert“.
Im August 1888 folgte auf Moltke der von ihm selbst ausgewählte Graf von Waldersee. Diesen plagte eine damals in der deutschen Führungsschicht weit verbreitete Furcht vor einem russischen Angriff. Mehrfach (vor allem 1887, aber auch 1889) forderte er deshalb einen konzertierten Präventivschlag gegen Russland. Unter ihm blieb der Aufmarsch Ost zunächst die Grundlage für einen Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Russland. Er änderte Moltkes Plan jedoch graduell ab. Bei gutem Wetter wollte Waldersee weiterhin gemeinsam mit Österreich-Ungarn eine begrenzte Offensive gegen Russisch-Polen beginnen; dafür waren insgesamt bis zu sieben Armeekorps vorgesehen. Im Westen wollte er mit den dort stationierten 13 bis 15 Korps defensiv bleiben und die Rheinlinie unter allen Umständen verteidigen. Nachdem der im Kriegsfall unvermeidliche französische Angriff abgewehrt wäre, sah er, soweit aus der Gesamtlage heraus möglich, einen begrenzten Gegenangriff vor, der möglichst weite Teile des französischen Feldheeres zerschlagen sollte, bevor dieses sich auf seinen Festungsgürtel zwischen Belfort und Verdun zurückziehen könnte. Wiederum sollte keinesfalls die Eroberung von Paris als Ziel angestrebt werden. Bei ungünstigeren winterlichen Wetterverhältnissen sahen Waldersees weitere Planungen dagegen vor, im Osten zunächst strikt defensiv zu bleiben; der Plan im Westen sollte beibehalten werden.Holger H. Herwig: The Marne. Random House, New York 2009, ISBN 978-1-4000-6671-1, S. 33 f.Sebastian Haffner: Von Bismarck zu Hitler: Ein Rückblick. Knaur, 2001, ISBN 3-426-77589-1, S. 121 f.Richard F. Hamilton, Holger H. Herwig: War Planning 1914. Cambridge University Press, New York 2009, ISBN 978-0-521-11096-9, S. 48.
1891 musste Graf von Waldersee seinen Posten als Generalstabschef räumen, nachdem er sich mit Wilhelm II. überworfen hatte. Nachfolger wurde nun Alfred Graf von Schlieffen, der schon in seiner ersten Denkschrift im April 1891 die Grundgedanken seines Plans entwickelte: Angriff auf Frankreich durch das neutrale Belgien und nach der Niederwerfung Frankreichs der Angriff im Osten. Aber erst seit Frühjahr 1913 bearbeitete der deutsche Generalstab den großen Ostaufmarschplan als Alternativplanung überhaupt nicht mehr weiter, was nach – inzwischen in der Geschichtsschreibung bezweifelterFriedrich Kießling: Gegen den „großen“ Krieg? Entspannung in den Internationalen Beziehungen 1911-1914. (=Studien Zur Internationalen Geschichte, Band 12), Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2002, S. 157 (Fußnote 33) – Ansicht Fritz Fischers vermutlich auf eine prinzipielle Zustimmung des Kaisers zum Präventivkrieg im Kriegsrat vom 8. Dezember 1912 zurückzuführen ist.Fritz Fischer: Krieg der Illusionen. Die Deutsche Politik von 1911–1914. 2. Auflage. Droste, Düsseldorf 1970, ISBN 3-7700-0913-4, S. 241.
Schlieffens Planungen und Denkschrift Strategische Planungen Schlieffen kehrte die Strategie seiner Vorgänger nach und nach um. Denn Frankreich genehmigte Russland einen Kredit, insofern das Zarenreich sein Eisenbahnnetz in Polen und im Baltikum ausbauen würde, um im Kriegsfall mit Deutschland die eigenen Streitkräfte schneller an die Front transportieren zu können. Jene Bahnlinien wären 1916 fertiggestellt worden. Außerdem wurden im Westen des Russischen Reiches eine Reihe von Festungen errichtet, die sogenannte Narew-Linie. Schlieffen glaubte nicht an die Möglichkeit eines schnellen Sieges über Russland. Er zog seine Lehren aus der von Napoleon durchgeführten Invasion Russlands 1812, als das russische Heer sich tief in die Weite des Raumes zurückziehen konnte. Deshalb arbeitete Schlieffen von 1892 bis 1905 einen Plan aus, der eine deutsche Mobilmachung in kurzer Frist vorsah und darauf setzte, zunächst Frankreich in einem kurzen Feldzug zu schlagen, bevor die russische Armee vollständig mobilisiert werden konnte. Nach dem Sieg gegen Frankreich im Westen könnte Deutschland seine Truppen im Osten gegen Russland konzentrieren.