mini|Fritz Nuss: Denkmal für Peter Gaiß, Beutelsbach mini|Herzog Ulrich von Württemberg mini|Akte über den Armen Konrad: „Warhafftig Underrichtung der Uffrührn und Handlungen, sich im Fürstenthumb Wirtemperg begeben“ mini|Titelseite des Tübinger Vertrags mini|Gedenktafel für die in Schorndorf Hingerichteten (von Hans-Dieter Bohnet) Als Armer Konrad (auch Armer Kunz) bezeichnete sich ein Bündnis des Gemeinen Mannes, das 1514 im Herzogtum Württemberg aufbegehrte. Entgegen dem verbreiteten Klischee waren es nicht vor allem die im Feudalsystem eingebundenen Bauern, sondern insbesondere Bürger der württembergischen Landstädte,In den überlieferten Quellen werden vor allem Handwerker, Dienstleister, kleine Gewerbetreibende und Einzelhändler, insbesondere Wirte und Metzger, sowie Ackerbürger bzw. Weingärtner genannt. die sich, unterstützt von einigen Geistlichen, gegen die von Herzog Ulrich und der einflussreichen Ehrbarkeit betriebene Umverteilungspolitik zu Lasten der Kleinen Leute und deren fortschreitende Entrechtung erhoben.Der Begriff Armer Konrad bedeutete so viel wie armer Teufel oder armer Kerl. Eines ihrer Banner zeigte unter den Worten „Der arme Conrad“ einen vor einem Kreuz liegenden einfachen Mann. „Aufgrund seiner Ziele, seiner Organisationsform, seiner Gewaltbereitschaft und der landesweiten Verbindung zwischen bäuerlichem und städtischem Protest und der überterritorialen Ausrichtung“ bezeichnen die Landeshistoriker Andreas Schmauder und Wilfried Setzler den Armen Konrad als einen „der größten Aufstände, die das Reich bis zu diesem Zeitpunkt erlebt hatte.“Schmauder, Andreas u. Wilfried Setzler: Vor 500 Jahren: Württemberg im Aufstand. Der Arme Konrad und der Tübinger Vertrag von 1514. In: Schwäbische Heimat, Heft 1, 2014, S. 15–23.
Ursachen und Ausbruch Hauptursache für den landesweiten Aufruhr war die in Folge mehrerer Missernten und politischer Umbrüche zunehmende wirtschaftliche Notlage der Unterschicht, auf deren Rücken der frühkapitalistisch geprägteHermann Römer: Die Anfänge Herzog Ulrichs und der Aufstand des Armen Konrad in Markgröningen. In: Markgröningen im Rahmen der Landesgeschichte I. Urgeschichte und Mittelalter, Markgröningen 1933, S. 190–198 gesellschaftliche Wandel im ausgehenden Mittelalter ausgetragen wurde.Vgl. Geschichte der geheimen Bauernbünde Bundschuh und Armer Konrad. Abgerufen am 9. August 2009. Der Preis für einen Scheffel Dinkel war binnen kurzer Zeit von „21 kr. 5 hlr. auf 2 fl. (Gulden) 4 kr. (Kreuzer) 3 hlr.“ (Häller) extrem angestiegen. Das entspricht einer Steigerungsrate von 575 Prozent. Für Empörung sorgte zudem die Einführung des römischen Rechts, das ungeschrieben tradierte Rechtsansprüche des Einzelnen wie der Gemeinde aushebelte und vom korrupten „Beamtenadel“ allzu gerne zur Privatisierung von Allmende missbraucht wurde.Vgl. Ludwig Friedrich Heyd: Der wirtembergische Canzler Ambrosius Volland, Stuttgart 1828, S. 14ff. (Digitalisat) und Ulrich, Herzog von Württemberg. Ein Beitrag zur Geschichte Württembergs und des Deutschen Reichs im Zeitalter der Reformation, Tübingen 1841. Band 1 (von 3), S. 228–383. Digitalisat
Das Fass zum Überlaufen brachte ein „Deal“ Herzog Ulrichs mit der in der Landschaft vertretenen Ehrbarkeit: Um trotz seines maßlosen Lebenswandels den geplanten Kriegszug gegen Burgund finanzieren zu können, wandelte der durch angezettelte Kriege und Misswirtschaft hoch verschuldete Herzog 1513 eine vorgesehene Vermögenssteuer auf Druck der Ehrbarkeit in eine Verbrauchssteuer auf Fleisch, Wein und Getreide um, die vor allem die ohnehin notleidende städtische Unterschicht treffen musste. Die Reduzierung der für den Handel notwendigen Maßgewichte erregte allgemeine Empörung, da dadurch die Käufer weniger Ware für denselben Preis erhielten.Hermann Römer: Die Anfänge Herzog Ulrichs und der Aufstand des Armen Konrad in Markgröningen. Markgröningen 1933, S. 195.
Firmierung des Armen Konrads Aus Protest gegen diesen vermeintlichen Betrug soll Peter Gaiß („Gaißpeter“) aus Beutelsbach am 2. Mai 1514 ein Gottesurteil, die sogenannte Wasserprobe durchgeführt haben: Die neuen Gewichte des Herzogs sollten in die Rems bei Großheppach geworfen werden. Würden sie schwimmen, wären sie rechtens, würden sie untergehen, dann wäre der Gemeine Mann im Recht. Wie nicht anders zu erwarten, gab das Gottesurteil der jubelnden Menge recht. Die Obrigkeit forderte anderntags die Rückgabe der Steine. Der Gaißpeter konnte oder wollte sie nicht wieder beibringen, sondern eskalierte die Situation, indem er in der Burgkapelle auf dem Beutelsbacher Kappelberg Sturm läutete und den zusammenkommenden Leuten erklärte, er stehe hier für den Armen Konrad, was damals ein Synonym für den einfachen Mann war, letztlich aber für eine rituell verschworene Gemeinschaft von Aufrührern stand.Vgl. Johann Ulrich Steinhofer: […] Neue Württ. Chronik. Stuttgart 1755, S. 54ff. Digitalisat.
Laut Hermann Römer war jedoch nicht Gaißpeter, der sich als „Anfenger diser Uffruhr“ in Leonberg auf den Schild heben ließ, sondern der Untergrombacher „Joß Fritz“Siehe Thomas Adam: Joß Fritz – das verborgene Feuer der Revolution. Bundschuhbewegung und Bauernkrieg am Oberrhein im frühen 16. Jahrhundert. Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2002. der erste, der schon Jahre zuvor nach Bundschuh-Sitte mit der Schaufel den Kreis zog, „darein die Bauern (mit der Gabel) stupfen, im Armen Konrad zu sein“. Die 1514 beitretenden württembergischen Städter verschworen sich überwiegend bei konspirativen Treffen in geschlossenen Räumen, indem sie mit den drei Schwurfingern in einen auf dem Tisch gezogenen Kreidekreis „tupften“.Hermann Römer: Die Anfänge Herzog Ulrichs und der Aufstand des Armen Konrad in Markgröningen. Markgröningen 1933, S. 198 und Ludwig Friedrich Heyd: Geschichte der vormaligen Oberamts-Stadt Markgröningen mit besonderer Rücksicht auf die allgemeine Geschichte Württembergs, größtenteils nach ungedruckten Quellen verfasst. Stuttgart 1829, Faksimileausgabe zum Heyd-Jubiläum, Markgröningen 1992, S. 240.
Revoluzzer auf der Kanzel Zu den charismatischen Führungspersönlichkeiten des Armen Konrads zählten neben dem umtriebigen Gaißpeter aus Beutelsbach insbesondere Caspar Pregatzer aus Schorndorf, Singerhans aus Würtingen, Bantelhans aus Dettingen, der Marbacher Arzt Alexander Seitz und nicht zuletzt der aus Fellbach stammende Reformtheologe Reinhard Gaißer. Dieser „erste Sozialrevolutionär auf einer württembergischen Kanzel“Ludwig Friedrich Heyd: Ulrich, Herzog von Württemberg. Ein Beitrag zur Geschichte Württembergs und des Deutschen Reichs im Zeitalter der Reformation, Tübingen 1841. Band 1 (von 3), S. 243ff. Digitalisat und Hermann Römer: Die Anfänge Herzog Ulrichs und der Aufstand des Armen Konrad in Markgröningen. Markgröningen 1933, S. 201ff. hatte sich nach seiner Lehrtätigkeit an der Universität Tübingen als Grüninger Stadtpfarrer zum intellektuellen Kopf des Armen Konrads aufgeschwungen: Er bezichtigte die Ehrbarkeit und speziell die vor Ort situierten Vertreter des reichen und einflussreichen Patriziergeschlechts der Vollands der unlauteren Umverteilung zu Lasten des Gemeinen Mannes und des Amtsmissbrauchs. Wilfried Setzler hebt Gaißer als „Vordenker“ und begnadeten Agitator heraus: „Gaißer war ein brillanter, rhetorisch begabter Redner, der nicht nur sprachgewandt trefflich zu formulieren, sondern auch zu begeistern verstand, Kontakte mit anderen Gruppen knüpfte und eine Fahne für den Armen Konrad entwarf.“Wilfried Setzler: Geschichtliche Bedeutung. In: Der Tübinger Vertrag vom 8. Juli 1514. Hrsg. v. Bürger- und Verkehrsverein Tübingen. Tübingen 2014. S. 27–31.
Bereits vor dem Aufruhr initiierte Gaißer konspirative Treffen, korrespondierte über seinen Vikar und Neffen Wilhelm Gaißer oder mittels Brieftauben mit anderen Widerstandsführern – insbesondere mit seinen Vettern Peter Gaiß und Georg GaißerAuch als „Verschworener Meister Jörg Gaißeler“ bezeichnet, „der sich den Schultheißen im Armen Konrad nannte“ (siehe Hermann Römer: Die Anfänge Herzog Ulrichs und der Aufstand des Armen Konrad in Markgröningen. Markgröningen 1933, S. 199). im Remstal, aber auch mit Verschworenen in Stuttgart, Leonberg oder Vaihingen an der Enz – und war selbst viel unterwegs, um einen koordinierten landesweiten Aufstand zu organisieren. Ratschläge des Armen Konrads lassen sich laut Andreas SchmauderSiehe Andreas Schmauder: Württemberg im Aufstand: Der Arme Konrad und der Tübinger Vertrag 1514, in: Rundbrief des Württembergischen Geschichts- und Altertumsvereins (WGAV), Nr. 16, Oktober 2013, S. 1f. in 28 der 43 württembergischen Ämter nachweisen. Sie setzten sich zum Ziel, alle zum Widerstand bereiten Personen im Herzogtum Württemberg auf den 28. Mai 1514 zur Kirchweihe nach Untertürkheim zusammenzuziehen.
Aufruhr in Markgröningen und anderen Städten Mit seiner die Missstände offen anprangernden Predigt unter dem Motto „Ich sende Euch wie Schafe mitten unter die Wölfe“Vgl. Bibeltext Matthäus 10, 16ff. löste Reinhard Gaißer am 7. Mai einen ersten Aufruhr im reichen Grüningen aus.Im Vergleich mit anderen württembergischen Städten verfügten die Grüninger Bürger damals über das höchste Durchschnittsvermögen. Siehe Peter Fendrich: Die Stadt und ihre Bürger im ausgehenden Mittelalter. Zur Sozialstruktur der württembergischen Amtsstadt Markgröningen im Rahmen der Landesgeschichte. In: Band 3 der Reihe „Durch die Stadtbrille“, hrsg. v. Arbeitskreis Geschichtsforschung und Denkmalpflege Markgröningen, S. 94–119, Markgröningen 1987. Zwei Drittel der Bürger probten den Aufstand. Und tatsächlich fehlte nicht viel, dass der aufgebrachte Haufen den Vogt Philipp Volland „überzuckt“ (niedergemacht) hätte, nachdem die Stadt- und Torwachen bereits durch Aufrührer ersetzt waren. Doch der Vogt war schlau genug, sein Haus nicht zu verlassen und auf Zeit zu spielen. Während er die prekäre Lage vor Ort durch Zugeständnisse hinreichend entschärfen konnte, leitete er Ermittlungen gegen Gaißer und dessen Bundesgenossen ein und meldete die gesammelten Zeugenaussagen an den Herzog:Siehe „Gaißer-Dossier“ von Vogt Philipp Volland: Wie die ufrur zu Grüningen sich zugetragen und welcher gestalt der pfarrer Renhart Gaißlin sich derselben tailhaftig gemacht. Markgröningen 1514 (Hauptstaatsarchiv Stuttgart A 348, Bü 7). Unter den vom Vogt aufgeführten Unruhestiftern finden sich keine Bauern, sondern neben mehreren Handwerkern und Dienstleistern auch ein Ratsmitglied und ein Vertreter des Niederen Adels. Alarmierend erschien insbesondere Gaißers revolutionäre Feststellung, dass die Armen mindestens so weise seien wie die Reichen und ihnen dasselbe Mitspracherecht zustünde.
In Leonberg gelang es Jörg Hagen, „Gscheitlin“ genannt, nahezu die gesamte Gemeinde für den Widerstand zu gewinnen und die zwölf Richter der Stadt in die Defensive zu zwingen. In seinem Haus machte Hagen die „Kanzlei des Armen Konrads“ auf, von der aus er den Aufruhr bis ins Obere Gäu tragen wollte.Hermann Römer: Die Anfänge Herzog Ulrichs und der Aufstand des Armen Konrad in Markgröningen. Markgröningen 1933, S. 210. Darüber hinaus rebellierten Bürger in Göppingen, Schorndorf, Waiblingen, Marbach am Neckar, Großbottwar, Bietigheim,Zu Bietigheim siehe Erwin Mickler: Politische, kulturelle, soziale und religiöse Bewegungen. In: Bietigheim 789–1989. Bietigheim-Bissingen 1989, S. 242–261. Vaihingen an der Enz, Brackenheim, Güglingen und BalingenZu Balingen siehe Lorenz Hertle: Der Kampf der Balinger gegen die gierige Ehrbarkeit. In: Schwarzwälder Bote, Balingen, 22. November 2014. zumeist gewaltfrei gegen die örtliche Führungsschicht und die herzöglichen Vögte und nahmen mancherorts die Verwaltung ihrer Stadt selbst in die Hand.