Pandemie (von ‚gesamt, umfassend, alles’ und ‚Volk‘) bezeichnet eine „neu, aber zeitlich begrenzt in Erscheinung tretende, weltweite starke Ausbreitung einer Infektionskrankheit mit hohen Erkrankungszahlen und i. d. R. auch mit schweren Krankheitsverläufen.“Infektionsschutz und Infektionsepidemiologie. Fachwörter – Definitionen – Interpretationen. (PDF; 1,1 MB) Robert Koch-Institut, Berlin 2015, ISBN 978-3-89606-258-1, S. 99. Im Unterschied zur Epidemie ist eine Pandemie örtlich nicht beschränkt,Robert Koch-Institut: Was ist eine Pandemie? rki.de; abgerufen am 10. Oktober 2020. zumeist gibt es aber Gegenden, in denen sich der Krankheitserreger nicht bzw. nicht sehr stark ausbreitet. In Bezug auf die Influenza legte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihren zuletzt im Mai 2017 überarbeiteten Leitlinien zum Pandemic Influenza Risk Management fest, dass der WHO-Generaldirektor eine Pandemie – also den Übergang von einer Epidemie zur Pandemie – ausruft.WHO (Hrsg.): Pandemic Influenza Risk Management, S. 13. World Health Organization, Genf 2017, Volltext (PDF; 1,4 MB)
Wortherkunft Das Wort Pandemie geht zurück auf das altgriechische Substantiv , das auch als Adjektiv existiert. Beide Wörter setzen sich aus (Neutrum ) sowie zusammen.
Da sich die Endung -demie auf Menschen bezieht, sind in der Veterinärmedizin auch die Bezeichnungen Seuchenzug und Panzootie (von ‚lebendes Wesen, Lebewesen, Tier‘) statt Pandemie und ebenso Epizootie (von ‚auf‘) statt Epidemie üblich.
Das gleichbedeutende englische Adjektiv pandemic wurde 1666 erstmals verzeichnet.merriam-webster.com
Ausbreitung Die Pest im Mittelalter (auch bekannt als Schwarzer Tod) war eine Seuche, die sich in Europa teilweise über das Handelsnetz der Genueser Kolonien ausbreitete – per Schiff und auf dem Landweg.
Heute gelten Flugrouten als die schnellsten Ausbreitungswege von Infektionskrankheiten. So entwickelte sich AIDS, das durch das HI-Virus verursacht wird, u. a. durch den Flugtourismus von einem lokalen zu einem weltweiten Problem. Nachvollziehbar war dieser Effekt auch während der SARS-Pandemie 2002/2003: Während man in Asien noch die klassischen Verbreitungswege für SARS annahm, zeigte die zunehmende Zahl der Erkrankungen in Kanada diesen Reise-Effekt schon recht deutlich. Auch das Ausbreitungsgeschehen im Verlauf der Zikavirus-Epidemie 2015/2016 in Südamerika wurde mit der intensiven Reisetätigkeit während der Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Verbindung gebracht.
Die Weltgesundheitsorganisation hat darauf hingewiesen, dass ein pandemischer Krankheitserreger durch die große Anzahl gleichzeitig Erkrankter das Gesundheitssystem eines Staates überlasten kann.. Im Original publiziert auf who.int vom 11. Mai 2009.
Zur quantitativen Beschreibung und Prognose pandemischer und ähnlicher Ausbreitungsprozesse nutzen Wissenschaftler Kohortenstudien, Computersimulationen sowie Methoden der Theoretischen Biologie, beispielsweise das SIR-Modell.
Bedeutende Pandemien (Auswahl)
Bedeutende Pandemien in der Geschichte waren: Antoninische Pest, 165–180. Vermutlich eine Pocken-Pandemie, die sich auf dem Gebiet des Römischen Reiches ausbreitete; rund 5 Millionen Tote.Past pandemics that ravaged Europe. BBC News, 7. November 2005. Justinianische Pest, 541 – ca. 770. Auswirkungen waren bis ins 8. Jahrhundert bemerkbar. Die Erkrankung verbreitete sich im gesamten Mittelmeerraum und in der gesamten den Römern bekannten Welt. Die Zahl der Todesopfer ist umstritten. Ursache war Yersinia pestis. Schwarzer Tod, 1347–1352. Aus Zentralasien kommend über ganz Europa verbreitet; geschätzt 25 Millionen Tote – ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung. Ursache war Yersinia pestis. Verschiedene Cholera-Pandemien, beginnend etwa 1817 bis heute. Ursache ist das Bakterium Vibrio cholerae. Dritte Pest-Pandemie, 1894–1911. Erstmals aufgetreten in China, weltweit verbreitet, rund 12 Millionen Tote. Ursache: Yersinia pestis. Spanische Grippe, 1918–1920. Wahrscheinliche Ausgangsregion waren die Vereinigten Staaten. Infiziert wurden vermutlich 500 Millionen Menschen, von denen etwa 20 bis 50 Millionen starben. Mitte 1929 wurden infizierte Amazonaspapageien von Südamerika aus in diverse Länder exportiert, darunter nach Deutschland, Frankreich, Spanien, die USA und Australien. 750 bis 800 Papageienkrankheit-Infektionen bei Menschen wurden bestätigt; über 100 der Infizierten starben.siehe auch :en:1929–1930 psittacosis pandemic Ausbreitung von HIV/AIDS (seit Anfang der 1980er-Jahre); laut UNAIDS rund 76 Millionen Infizierte und 33 Millionen Verstorbene seit 1980 (Stand: Mitte 2020).Global HIV & AIDS statistics – 2020 fact sheet. COVID-19-Pandemie: Seit Dezember 2019 verbreitete sich das Virus SARS-CoV-2. Am 30. Januar 2020 nannte die Weltgesundheitsorganisation WHO das Infektionsgeschehen internationale Gesundheitsnotlage. Bis November 2021 gab es laut Daten der WHO weltweit über 250 Millionen bestätigte Infektions- und über 5 Millionen bestätigte Todesfälle im Zusammenhang mit COVID. Am 11. März 2020 erklärte die WHO COVID-19 zu einer Pandemie.
Gefährdung durch neue Erreger Die deutsche Bundesregierung ließ 2012 eine Pandemie mit einem ausgedachten Virus mit dem Namen Modi-SARS hypothetisch durchspielen.Coronavirus: Um was es bei dem angeblichen „Geheimplan der Regierung“ 2012 wirklich ging. Auf: correctiv.org vom 18. März 2020.. Im Original publiziert auf bbk.bund.de am 3. Januar 2013. Das U.S. Department of Health and Human Services führte im August 2019 das Planspiel Crimson Contagion unter der Annahme eines neuen Grippevirus aus China durch mit dem Ergebnis, dass in den USA 500.000 Todesfälle geschahen.
Carolien van de Sandt, Peter-Doherty-Institut für Infektionen und Immunität an der Universität Melbourne, und weitere Autoren warnten im Oktober 2018 im Fachblatt Frontiers in Cellular and Infection Microbiology vor einer zweiten Spanischen Grippe. Der demografische Wandel, Antibiotika-Resistenzen und der Klimawandel könnten die Bekämpfung der Krankheit erschweren, sodass bis zu 150 Millionen Menschen sterben könnten.Forscher warnen vor zweiter „Spanischer Grippe“. Auf; t-online.de vom 10. Oktober 2018. Vor der Problematik der Verbindung von Fledermäusen und Corona warnten chinesische Forscher im März 2019.
Influenzapandemien Modellhaft für Pandemien stand bis 2020 – vor Beginn der COVID-19-Pandemie – insbesondere die Ausbreitung von Influenza-Varianten. Dies u. a. vor dem Hintergrund, dass beispielsweise ein massiver Übergang des Vogelgrippevirus A/H5N1 auf den Menschen zu erheblichen Problemen bei der Impfstoffherstellung geführt hätte, da dieser Subtyp nicht in Hühnereiern – dem Standardmedium zur Produktion von Influenzaviren – vermehrt werden kann.Grippeimpfstoff: Zellkultur statt Hühnereier. Auf: pharmazeutische-zeitung.de vom 9. Oktober 2007. Auslöser mehrerer Pandemien waren Influenzaviren der Gruppe A, deren antigene Oberflächenmoleküle Hämagglutinin (HA) und Neuraminidase (N) sich verändert hatten. Solche Veränderungen können jederzeit eintreten und dazu führen, dass die veränderten Oberflächenmoleküle nach einer Infektion vom Immunsystem trotz Impfung (oder Immunität nach einer vorhergegangenen Influenza-Infektion mit Viren, die noch andere Oberflächeneigenschaften hatten) nicht erkannt oder nur unzureichend bekämpft werden. Das hat dann zur Folge, dass die Viren sich im Körper der infizierten Menschen vermehren können.
Bei einer Influenza-Epidemie oder Grippewelle werden 10 bis 20 Prozent einer Bevölkerung infiziert, aber die Ausbrüche bleiben lokal begrenzt. Bei einer Pandemie hingegen verbreiten sich die Viren rasch und mit Infektionsraten von bis zu 50 Prozent über den gesamten Globus. Auslöser ist immer eine neue Variante des Influenza-A-Virus, die auch durch einen Antigenshift (eine Durchmischung von humanen und aviären, das heißt aus Geflügel stammenden Gen-Segmenten) entstehen kann. Eine solche Durchmischung von Vogelgrippe- und humanen Influenzaviren kann beispielsweise im Schwein stattfinden (Schweineinfluenza), wenn diese Tiere Träger beider Viren sind.
Auch in Grippe-Jahren ohne Pandemie stirbt jährlich eine Vielzahl von Menschen an dieser Krankheit bzw. an ihren Folgen, vor allem an den Folgen einer Lungenentzündung infolge bakterieller Superinfektion. Beispielsweise wurden dem Robert Koch-Institut im Winterhalbjahr 2017/18 rund 334.000 labordiagnostisch bestätigte Influenza-Erkrankungen gemeldet; 60.000 Erkrankte wurden in Hospitälern aufgenommen und 1.674 Erkrankte verstarben nachweislich an einer Influenza-Infektion.Arbeitsgemeinschaft Influenza: Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland. Saison 2017/18. (PDF; 9,7 MB) influenza.rki.de, S. 33–34; Datenstand: 6. Juni 2018, doi:10.17886/rkipubl-2018-003.
Beispiele für Influenzapandemien in jüngerer Zeit:
Russische Grippe (1889–1895), eine Million Tote, Subtyp A/H2N2 oder A/H3N8 oder keine Influenza-, sondern eine Corona-Pandemie, verursacht durch HCoV-OC43 Spanische Grippe (1918–1920), 20–50 Millionen Tote,50 Millionen laut: Niall P.A.S. Johnson und Juergen Mueller: Updating the Accounts: Global Mortality of the 1918–1920 ‚Spanish‘ Influenza Pandemic. In: Bulletin of the History of Medicine. Band 76, Nr. 1, 2002, S. 105–115, doi:10.1353/bhm.2002.0022. Subtyp A/H1N1 Asiatische Grippe (1957/58), 1–4 Millionen Tote,WHO (Hrsg.): Pandemic Influenza Risk Management, S. 26. World Health Organization, Genf 2017. Subtyp A/H2N2 Hongkong-Grippe (1968), 1–4 Millionen Tote, Subtyp A/H3N2 Russische Grippe (1977/78), 700.000 Tote,Die schlimmsten Grippe-Pandemien der Neuzeit. Auf: welt.de (unter Verweis auf die Nachrichtenagentur TASS) Subtyp A/H1N1 (Fallzahlen und Klassifikation als Pandemie umstritten, da vor allem Kinder und Jugendliche erkrankten) Schweinegrippe (2009/10), 100.000–400.000 Tote, Subtyp A/California/7/2009 (H1N1) (Fallzahlen und Klassifikation als Pandemie wegen der relativ geringen Pathogenität umstritten)
Definitionen der Influenza-Pandemiephasen durch die Weltgesundheitsorganisation Der Plan der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Vorbereitung auf Influenza-Pandemien aus dem Jahr 2005WHO global influenza preparedness plan. (PDF; 373 kB) Stand: 2005, abgerufen am 23. Februar 2020; WHO: diverse Download-Angebote teilte das Risiko des Übergangs auf den Menschen, also die Wahrscheinlichkeit für die globale Verbreitung unter Menschen, in sechs Stufen ein:
Phase 1: Beim Menschen wurde kein neuer Virus-Subtyp entdeckt, jedoch wurde ein beim Menschen umlaufender Subtyp auch in Tieren nachgewiesen. Das Risiko des Übergangs vom Tier zum Menschen wird als gering bewertet. Phase 2: Beim Menschen wurde kein neuer Virus-Subtyp entdeckt, jedoch bewirkt ein in Tieren umlaufender Subtyp ein erhebliches Risiko von Erkrankungen beim Menschen. Phase 3, Beginn der Alarmphase: Vereinzelt werden Menschen von einem neuen Subtyp infiziert, die zum Beispiel unabhängig voneinander Kontakt zu infizierten Tieren hatten. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist sehr selten und tritt allenfalls bei engem Kontakt zu einem Infizierten auf. Phase 4: Örtlich eng begrenzte Häufung(en) von Infektionen (zum Beispiel 25 Erkrankungen innerhalb von zwei Wochen) und begrenzte Mensch-zu-Mensch-Übertragungen sind dokumentiert, was jedoch nahelegt, dass der Subtyp nur unzureichend an den Menschen angepasst ist. Phase 5, erhebliches Pandemierisiko: Größere Häufung(en) von Infektionen (zum Beispiel 50 Erkrankungen innerhalb von zwei bis vier Wochen) sind dokumentiert, Mensch-zu-Mensch-Übertragungen sind aber noch immer örtlich begrenzt (zum Beispiel auf abgelegene Orte oder Inseln oder auf Gemeinschaftseinrichtungen wie Universitäten und Kasernen), was nahelegt, dass der Subtyp zwar zunehmend besser an den Menschen angepasst, aber noch immer nur eingeschränkt von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Phase 6, Pandemie: Wachsende und anhaltende Übertragungen von Mensch zu Mensch in der gesamten Bevölkerung.