mini| Paul von Hindenburg, als Leutnant des 3. Garde-Regiments zu Fuß, mit flacher Helmglocke, 1866 mini|Späteres Modell der preußischen Artillerie, mit Kugelspitze als Helmaufsatz Die sogenannte Pickelhaube (amtlich: „Helm mit Spitze“, in Österreich Spitzhelm) war eine zunächst rein militärische, dann auch polizeiliche Kopfbedeckung, die, mit markanter „Spitze“, erstmals 1842 in der preußischen Armee eingesetztHerbert Knötel: Aus der Frühzeit der Pickelhaube. In: Zeitschrift für Heereskunde, 124 (1943) und später auch von anderen Staaten übernommen wurde. Für repräsentative Zwecke wird sie heute noch – z. B. in Schweden, Chile oder Kolumbien – genutzt.
Die in der Regel metallische Spitze sollte Säbelhiebe auf den Kopf bzw. auf den meist ledernen Helm seitlich ablenken und bot daher eine deutlich bessere Schutzwirkung als Tschakos oder andere Gefechts-Kopfbedeckungen.
Etymologie „Haube“ war schon im Mittelalter ein anderes Wort für eine umschließende Kopfbedeckung, auch für militärische Helme, wie bei der Sturmhaube und der Beckenhaube aus Blech. Letztere war – nach einigen Lautverschiebungen in manchen Teilen des deutschen Sprachraums – schon „Beckelhube“, „Beckenhaube“, „Blechhaube“, „Bickelhaube“ bzw. „Pickelhaube“ genannt worden.Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 23., erweiterte Auflage, bearbeitet von Elmar Seebold. De Gruyter, Berlin u. a. 1995, ISBN 3-11-012922-1. Im Mittelalter wurde der bei der Destillation als Kühler wirkende Alembik unter anderem als peckelhaube übersetzt. Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 405 (zu hut; lateinisch alembicus, übersetzt, im 15. Jahrhundert, auch mit „peckelhaube“ wegen seiner knaufförmigen Verdickung an der Spitze ) und 434 (peckelhaube: Kühler bei der Destillation). Helmtyp und Name dieser mittelalterlichen Beckenhaube verschwanden aber nach 1450 ganz.Liliane Funcken, Fred Funcken: Historische Waffen und Rüstungen vom 8. bis 16. Jahrhundert. Sonderausgabe. Orbis-Verlag, München 1990, ISBN 3-572-07893-8, S. 26–44 und 241–257. Das Wort Pickelhaube wird auch im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm in Bezug auf einen beckenförmigen Helm (ohne „Spitze“), der schon im Mittelalter bekannt war, erklärt. Der von den Preußen 1843 neu eingeführte Helm wurde von Journalisten bereits 1841, nachdem sie einige Versuchshelme begutachten konnten, mit diesen beckenförmigen Helmen verglichen und damit der volkstümliche Name „Pickelhaube“ geprägt. In einem Artikel der Allgemeinen Militär-Zeitung vom 22. Juli 1841 heißt es: „Sie sind den Pickelhauben aus den Ritterzeiten ähnlich.“; und weiter: „Eigenthümlich ist diesen neuen Helmen bei der Form derer des Mittelalters, daß sie oben auf der Mitte eine kegelförmige Spitze haben…“Preussen. In: Allgemeine Militär-Zeitung für das Jahr 1841, 22. Juli 1841, 16. Jahrgang, Nr. 63, S. 503; Google-Books
Im amtlichen Sprachgebrauch kam der Begriff „Pickelhaube“ jedoch niemals vor, und auch in seriösen Publikationen (z. B. in Herstellerkatalogen) wurde meist nur vom „Helm“ bzw. vom „Helm mit Spitze“ oder „Lederhelm“ gesprochen. Der preußische Helm mit Spitze erlangte in den Staaten im deutschen Sprachraum jedoch gerade unter seiner volkstümlichen Bezeichnung „Pickelhaube“ rasch größere Bekanntheit, insbesondere nach der Reichsgründung 1871. Dort wurde die Pickelhaube bald als typisch preußisch-deutsche Kopfbedeckung und oft spöttisch als Sinnbild des preußischen bzw. deutschen Militarismus betrachtet.germanhistorydocs.ghi-dc.org
Der preußische „Helm mit Spitze“ Verwendung beim deutschen Militär mini|links|Helm der preußischen Gardes du Corps (Zeichnung von Anton von Werner, 1871) mini|links|Kaiser Wilhelm II. beim Oberkommando der 11. Armee, 1915 1842 wurde unter König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen für die preußische Armee (mit Ausnahme der Jäger, Schützen, Husaren und Ulanen) ein neuer Helm verordnet, der dann 1843 auch für Kürassiere eingeführt wurde. Der nach historischen Vorbildern von Friedrich von PreußenSandy Michael Heinemann: Über die Erfindung und Einführung der Pickelhaube in Preussen, Webseite im Portal historien-kabinett.de, abgerufen am 26. Mai 2024 mit der Metallwarenfabrik Wilhelm Jaeger in Elberfeld (heute Wuppertal) 1841 entwickelte Prototyp In: Magazin der NRW-Stiftung, 2/2009, nrw-stiftung.de; abgerufen am 8. Februar 2013Burkhard Beyer: bgv-wuppertal.de, Bergischer Geschichtsverein Wuppertal, ohne Datum; abgerufen am 8. Februar 2013. für Kürassiere war aus Stahl gefertigt und hatte einen Augen- und Nackenschirm. Da dieser Helm für Fußtruppen zu schwer war, entwickelte der Unternehmer Christian Harkort, ein jüngerer Bruder von Friedrich Harkort, in seiner Lederwarenfabrik in Haspe einen Helm aus gepresstem Büffelleder mit Metallbeschlägen. Harkort erhielt im November 1842 den ersten Auftrag zur Ausrüstung von preußischen Truppenteilen mit diesem Lederhelm.
Charakteristisch war die stählerne Metallspitze; sie sollte Hiebe mit Säbeln oder ähnlichen Blankwaffen seitlich ablenken. Bei einigen Regimentern, insbesondere bei der Garde, wurde zur Paradeuniform die Spitze durch einen Haarbusch ersetzt. Bei der Artillerie ersetzte 1844 eine Spitze mit Kugel die bisher nach allgemeinem Muster getragene Spitze. Zum einen galt die Kugel als Symbol der Artillerietruppen, zum anderen minderte sich so das Risiko, dass sich die Artilleristen beim Hantieren mit Geschütz und Material gegenseitig unabsichtlich verletzten.Friedrich Wilhelm Beutner: Die Königlich Preußische Garde-Artillerie, insbesondere Geschichte des 1. Garde-Feldartillerie-Regiments und des 2. Garde-Feldartillerie-Regiments. Band 1, Berlin 1889, S. 297Pieper: Für König und Vaterland. 2011, S. 132–133.
Die Kürassiere trugen eine Ausführung mit stählerner Helmglocke und tief nach unten gezogenem Nackenschirm. Bei der Garde du Corps, der Leibgendarmerie und den Gardekürassieren wurde zur großen Uniform statt der Spitze eine metallene Adlerskulptur getragen. Der metallene Helmtyp wurde später auch von den Teilen der Jäger zu Pferde (Regimenter Nr. 1 bis 7, 8 bis 13 trugen Lederhelme) übernommen, bestand jedoch aus Tombak. Die beiden sächsischen schweren Kavallerie-Regimentersiehe Garde-Reiter-Regiment (1. Schweres Regiment) und Karabinier-Regiment (2. Schweres Regiment) trugen ab 1875 den Kürassierhelm in Gelbmetall mit weißem Haarbusch zur großen Uniform, ab 1910 beim 1. Regiment zur großen Uniform mit einer Löwenskulptur anstelle der Spitze.
Neben Tierfiguren, Kugeln und Helmbüschen trugen die Ulanen als leichte Kavalleriegattung einen trapezförmigen Aufsatz auf dem Helm, der nach der polnischen Herkunft als Tschapka bezeichnet wird. Eine kleine metallene Spitze findet sich bereits bei preußischen Infanteriemützen als Verzierung im 18. Jahrhundert.
Ob die moderne Pickelhaube wirklich in Preußen erfunden wurde, ist nicht sicher. Der Legende nach sah Friedrich Wilhelm IV. 1842 bei einem Besuch in Russland auf dem Schreibtisch des Zaren das Vorserienmodell einer russischen Pickelhaube und war davon so begeistert, dass er diese Helmform sofort in Preußen einführte, während Russland erst 1846 folgte. Angeblich wurden aber auch schon vor 1842 bei einer bayerischen Feuerwehr Helme dieses Typs getragen. Hier hat der längs über den Helm befestigte, nach oben stehende, keilförmige Aufsatz (heute: KammSascha Guzy: Helme. feuerwehr-historie.de, Berlin, 6. Januar 2014; abgerufen am 5. Dezember 2016.) die Funktion des Prallschutzes gegen herabfallende Trümmer.
Von Preußen ausgehend verdrängte diese Helmform nach und nach bei allen deutschen Staaten andere Helmtypen und den bis dahin üblichen Tschako. In Preußen verlor der Infanteriehelm in mehreren Etappen (1857, 1860, 1867, 1871) deutlich an Volumen, bis er schließlich die bekannte, charakteristische Form annahm. Dabei geriet die Helmglocke zunehmend flacher, Nacken- und Augenschirm wurden kleiner und runder.Ortenburg: Waffengebrauch Einigungskriege. 1990, S. 32. Zit. n. F. Rascher: Die preußischen Infanteriehelme. In: Archiv für Waffen- und Uniformkunde, Frankfurt 1918, S. 56 f. Die Helmhöhe betrug zuletzt, mit Spitze, 28 cm (29 cm mit Rosshaarschweif).
Nach der Reichseinigung 1871 wurde der preußische Infanteriehelm sukzessive von allen deutschen Bundesstaaten übernommen. Als letzte folgten 1886 das Herzogtum Braunschweig und das Königreich Bayern, nachdem ihre anti-preußisch eingestellten Herrscher, Wilhelm von Braunschweig († 1884) und Ludwig II. von Bayern († 1886), kurz hintereinander verstorben waren. Mit Abschluss der preußisch-braunschweigischen Militärkonvention vom 9./18. März 1886 übernahm die braunschweigische Infanterie den preußischen Helm, und bis 1892 auch preußische Uniformen. In Bayern verordnete am 11. September 1886 Prinzregent Luitpold seinem Heer das Ablegen des Raupenhelms; die hellblaue Farbe der Uniformen aber blieb. Bemerkenswerterweise erhielt auch die bayerische Artillerie den Helm mit Spitze, statt des Kugelaufsatzes, wie bei der Artillerie der übrigen Kontingentsheere sonst üblich. Für die bayerischen Generäle blieb allerdings der traditionelle Generalshut Vorschrift: eine Rücksichtnahme auf die Vorbehalte des Prinzregenten gegenüber der von ihm beargwöhnten Preußifizierung des bayerischen Militärs.
mini|Tropenhelm-Pickelhaube des Ostasiatischen Expeditionskorps (um 1900), Deutschlandmuseum, Berlin Die Helmversionen der Bundesstaaten unterschieden sich anhand des messingen Stirnemblems, das entweder das Landeswappen oder das Landestier darstellte. Außerdem war, auf der rechten Helmseite, eine Kokarde in den Landesfarben angebracht. Sie wich 1897 der neu eingeführten, schwarz-weiß-roten Reichskokarde und rückte auf die linke Helmseite. Die Kokarden saßen unter den Ansatzrosetten der Schuppenkette (Offiziere) bzw. unter dem Knopf 91 des ledernen Kinnriemens (Mannschaften).
Den Einsatzbedingungen eines modernen Krieges war das 1895 eingeführte, vorletzte Pickelhaubenmodell zu Beginn des Ersten Weltkriegs nicht mehr gewachsen. Die Messingbeschläge reflektierten das Licht und erschwerten die Tarnung des Soldaten im Feld. Als Konzession an die moderne Kriegführung trug man deshalb schon seit 1892 im Kampf- und Manövereinsatz einen beigefarbenen Helmüberzug mit roter, aufgenähter oder aufgemalter Regimentsnummer. Die meisten Kopfverletzungen im Krieg infolge des gewaltig gesteigerten Artillerieeinsatzes wurden durch Granatsplitter verursacht, gegen die der alte Helm unzureichenden Schutz bot. Weiter ragte die Helmspitze oft verräterisch aus dem Schützengraben heraus. Als Übergangslösung ordnete die Oberste Heeresleitung daher 1915 an, die Spitze im Fronteinsatz nicht mehr zu tragen. Beim letzten, 1915, noch während des Krieges hergestellten Pickelhaubenmodell ließ sich die Spitze per Bajonettverschluss auf sehr einfache Weise entfernen; auch der Helmüberzug wurde entsprechend abgeändert. Die Farbe wurde generell feldgrau, die auffällige rote Regimentsnummer entfiel. Um Leder einzusparen, wurde die letzte Generation der Pickelhaube zum Teil auch aus Ersatzmaterialien wie Filz oder Pappe hergestellt.
Als verbesserter Kopfschutz wurde dann im Laufe des Jahres 1916 im deutschen Heer der Stahlhelm aus heißgepresstem Chromnickelstahl eingeführt. Dieser ersetzte nach 1918 die Pickelhaube und wurde bei der Reichswehr zur Standardkopfbedeckung.
Polizei, Zoll und Feuerwehr der deutschen Länder