Die historisch-kritische Methode ist ein im 18. und 19. Jahrhundert entwickelter Methodenapparat zur Untersuchung von historischen Texten. Innerhalb der Christlichen Theologie ist sie vor allem aus der biblischen Exegese bekannt. Sie hat zum Ziel, einen (biblischen) Text in seinem historischen Kontext zu verstehen und schließlich auszulegen. Dabei spielen die Rekonstruktion der vermuteten Vor- und Entstehungsgeschichte des Textes und seine Einbindung in das damalige Geschehen eine besondere Rolle. Wichtige Teildisziplinen der historisch-kritischen Methode sind die Textkritik, die Textanalyse, die Redaktions-, Literar-, Form- und die Traditionskritik. Die historisch-kritische Methode ist heutzutage als grundlegende Methode der Bibelauslegung in der evangelischen und in der katholischen Kirche anerkannt, wenn auch nicht unumstritten.
Begriff Richard Simon (1638–1712) gilt als eigentlicher Begründer der historisch-kritischen Methode in den Bibelwissenschaften. Er setzte sich sehr früh mit der Variantenvielfalt alttestamentlicher und neutestamentlicher Texte auseinander. Seine Histoire critique du Vieux Testament (Paris, 1678) gilt als das erste Werk, das die textkritischen Methoden der damaligen Philologie auf biblische Texte anwandte. Auf Initiative des Bischofs Jacques Bénigne Bossuet wurden beinahe alle Exemplare vernichtet, 1682 wurde es auf den Index librorum prohibitorum gesetzt. 1687 veröffentlichte Simon seine Histoire critique du texte du Nouveau Testament, die ebenfalls indiziert wurde.
Ein Beispiel für die Verwendung des Begriffes ‚historisch-kritisch‘ in der Exegese ist die Historischkritische Einleitung in sämmtliche kanonische und apokryphische Schriften des alten und neuen Testaments von Leonhard Berthold, die ab 1812 in mehreren Bänden erschien.Titelschreibeweise: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10409994?page=5
Die Bezeichnung historisch-kritisch wird auch für Historisch-kritische Werkausgaben verwendet; einer solchen Ausgabe liegen mehrere, an zumindest manchen Stellen voneinander abweichende schriftliche Texte zugrunde.
In der Bibelwissenschaft verweist das Doppeladjektiv historisch-kritisch auf die Kombination zweier Grundannahmen dieser hermeneutischen Methoden:
Historisch ist diese Methode insofern, als sie davon ausgeht, dass die zu untersuchende Textgestalt eine lange, teils mündliche, teils schriftliche Vorgeschichte hat. Außerdem soll speziell das historische und theologische Umfeld des Autors zur Zeit des Schreibens erhellt werden, also etwa die im betreffenden biblischen Buch zum Ausdruck kommende Theologie. Kritisch, also unterscheidend, ist die Methode, weil ein Unterschied zwischen den ursprünglichen Ereignissen und den biblischen Berichten vermutet wird. Der Betrachter muss zwischen dem, was ursprünglich ist und dem was sich verändert hat unterscheiden; und klären, warum.
Entwicklung Die historisch-kritische Methode war eine Errungenschaft der Neuzeit und stellte einen Bruch mit der altkirchlichen bzw. mittelalterlichen Bibelauslegung dar. Anders als in jenen Auslegungen betrachtet man das auszulegende Wort als der Geschichte untergeordnet und nicht als Prädikat zu ihr. Solches kam durch Unterordnung „allgemeingültiger Wahrheiten“ unter die Vernunft in der Aufklärung Ende des 17. Jahrhunderts zustande.
Evangelische Theologie Die Entstehung der historisch-kritischen Methode ist eng mit der Philosophie des Rationalismus verknüpft. Gotthold Ephraim Lessing, ein Vordenker der Aufklärung, meinte, dass Offenbarung nichts enthüllen könne, was nicht auch durch Vernunft zu erkennen sei.Lessing in seinem 1780 veröffentlichten Buch Die Erziehung des Menschengeschlechts. Der „garstige Graben der Geschichte“ ist nur noch schwer zu überwinden: Dieser Graben trennt den Leser der Gegenwart von den früheren Geschehnissen. Niemand kann gezwungen werden, zufällige Geschichtswahrheiten glauben zu müssen. Demgegenüber sind nur ewige Vernunftwahrheiten plausibel zu machen. Lessing hat auch die von Hermann Samuel Reimarus verfassten „Fragmente eines Ungenannten“ herausgegeben, in denen die historische Zuverlässigkeit der Evangelien aufgrund ihrer Widersprüche infrage gestellt wird, was dann zum Fragmentenstreit führte.
Programmatisch war der Titel eines Buches von Immanuel Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1793). Neben der Beschränkung auf das dem menschlichen Verstand Einsichtige gab es auch eine starke Tendenz zum Ethischen: Der Mensch brauche keine „Errettung“, sondern eine Anleitung zum rechten Handeln.
An der Herausbildung und Verbreitung der historisch-kritischen Methode waren mehrere Theologen maßgeblich beteiligt. Johann Salomo Semler, geprägt von der Aufklärung, gilt oft als der „Vater“ der historisch-kritischen Methode in der Theologie. Vgl. auch Er forderte erstmals eine „freie Untersuchung des Kanons“ (1771) und ließ an die Stelle seiner Allgemeingültigkeit eine „religiöse Menschheitsgeschichte“ treten. So stellte er sich die Schriften der Bibel als Zeugnisse aus bestimmten Zeiten, Orten, Geschichts- und Kulturepochen vor. Aber auch der spätere Ferdinand Christian Baur wird als „Begründer“ der historisch-kritischen Methode bezeichnet.So Uwe Swarat: Art. Baur, in: Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde, Bd. 1, 1992, S. 190f.
Im 19. Jahrhundert kristallisierten sich die drei wesentlichen Aufgaben der historisch-kritischen Methode heraus, unter Zuhilfenahme der Geschichts- und Literaturwissenschaften, Linguistik, Soziologie und anderer:Vgl. Erforschung der in den biblischen Texten gedeuteten Geschichten, philologische Analyse der biblischen Texte, Erklärung des historischen Sinns in der Absicht des Autors bzw. Redaktors.
Römisch-katholische Theologie Die römisch-katholische Kirche stand lange der historisch-kritischen Methode ablehnend gegenüber. Ausgaben der Bibel, aber auch der Schriften der Kirchenväter und anderer zentraler Texte, die von der jeweiligen römischen Ausgabe abwichen, waren verboten und wurden auf den Index gesetzt. Im späten 19. Jahrhundert wandte sich die antimodernistische Strömung in der römisch-katholischen Kirche gegen die Übernahme der historisch-kritischen Methoden, die sich damals in verschiedenen Wissenschaften etablierten. Bis um 1960 wirkten insbesondere der Antimodernisteneid und die Entscheidungen der päpstlichen Bibelkommission negativ auf die Übernahme der historisch-kritischen Methode und ihrer Ergebnisse innerhalb der katholischen Theologie aus. Allerdings hatte Papst Pius XII. in seiner Enzyklika Divino afflante Spiritu vom 30. September 1943 bereits literarkritische Methoden und Form- und Gattungsforschung für die biblische Exegese befürwortet, die er als „neue wertvolle Hilfsmittel“ für eine sorgfältige Erforschung zum Verständnis der Heiligen Schrift nahelegte.Divino afflante Spiritu § 3 vatican.va.
Das Zweite Vatikanische Konzil bedeutete einen Wandel, insofern die dogmatische Konstitution Dei Verbum die menschliche Verfasserschaft der biblischen Texte betonte, wie es bereits Papst Pius XII. 1943 in Divino afflante Spiritu getan hatte; daher sei die Aussageabsicht dieser menschlichen Verfasser zu ermitteln, unter Beachtung der damaligen Kultur und der jeweils verwendeten literarischen Gattungen. Bei der Auslegung solle allerdings die Einheit der ganzen Heiligen Schrift beachtet werden, außerdem die Überlieferung der Gesamtkirche. Die maßgebende Beurteilung der Schriftauslegung bleibe immer der Kirche (d. h. dem kirchlichen Lehramt) vorbehalten (Dei Verbum, 12). Was die möglichen Ergebnisse der Auslegung betrifft, wurde ein Rahmen vorgegeben, in dem etwa die Geschichtlichkeit der vier Evangelien „ohne Bedenken bejaht“ wird. Diese Evangelien überliefern diesem Rahmen nach zuverlässig, was Jesus „in seinem Leben unter den Menschen … wirklich getan und gelehrt hat“ (Dei Verbum, 19).
Ende des 20. Jahrhunderts schrieb die päpstliche Bibelkommission, dass jede Übersetzung Exegese sei, und dass die Anwendung der historisch-kritischen Methode wenigstens in ihren Grundzügen notwendig sei. Dabei betonte sie, die Bibel sei das schriftliche Zeugnis von Gottes wiederholtem Eingreifen in die menschliche Geschichte, und in dieser Weise sei sie „fest im Boden der Geschichte verwurzelt“. Daher könne sie auch ohne Untersuchung der geschichtlichen Entstehung nicht verstanden werden. Die historisch-kritische Methode habe Mindeststandards, indem sie nicht bei Quellenproblemen und literarischen Schichtungen der Texte stehen bleiben dürfe, aber auch Grenzen, wo auch dynamische Aspekte der Bedeutung und eine weitere Entwicklung des Sinnes existiere. Und so wird dieser Methode auch keine Monopolstellung zugebilligt. Vielmehr müsse jede katholische Exegese dem Ziel der Vertiefung des Glaubens dienen, ohne die Methoden aus apologetischem Interesse zu beugen.
Orthodoxe Theologie Die orthodoxe Theologie steht den in der Alten Kirche überlieferten Angaben über die Entstehung und Verfasserschaft der biblischen Bücher mit großem Vertrauen gegenüber. Dagegen werden diese Angaben von der Mehrzahl der deutschsprachigen historisch-kritischen Theologen skeptisch beurteilt. Die orthodoxen Theologen schätzen zwar die durch die historisch-kritische Arbeit erreichten Ergebnisse, sie halten aber die darin erkennbare Neigung, nur Geschichtliches zu sehen, für einseitig. Die Schriftauslegung habe zu beachten, dass die Verfasser inspiriert waren, und habe offen zu sein für die Möglichkeit übernatürlicher Offenbarung, wie Wunder und Prophetie.
Die Methodenschritte der historisch-kritischen Methode Die historisch-kritische Methode gilt heute in der evangelischen und katholischen Theologie als Standardmethode der Bibelauslegung. In der exegetischen Fachdiskussion werden seit den 1970er Jahren vermehrt auch andere Auslegungsansätze einbezogen bzw. integriert (vgl. Biblische Exegese). Die Anwendung der historisch-kritischen Methode auf die Bibel setzt voraus, dass biblische Exegese „ein Stück Geschichtswissenschaft“ (Rudolf Bultmann) ist, der Bibeltext also als ein geschichtlich geformter anerkannt wird und nicht als reine Offenbarung nur wörtlich genommen wird. Die Auslegung von Bibelabschnitten in ihrem historischen Kontext nimmt zum Beispiel wahr, dass Jesus Jude war oder dass die Regel Auge um Auge, Zahn um Zahn zum damaligen Zeitpunkt als ein ausdrückliches Gebot der Mäßigung verstanden werden musste.
Die historisch-kritische Methode orientiert sich an der Entstehungsgeschichte des heute überlieferten Textes. Die Taten und Worte (z. B. von Jesus) sind zunächst mündlich überliefert worden, dann in Einzelschriften niedergelegt und zusammengefasst worden. Diese Schriften wurden gesammelt (Textkorpora) und über einen Zeitraum von vielen Jahrhunderten immer wieder abgeschrieben. Dabei kam es nicht nur zu sehr seltenen, versehentlichen Schreib- und Übersetzungsfehlern, sondern auch zu bewussten Änderungen (Redaktionen). Die historisch-kritische Methode versucht, diese Entwicklungsgeschichte zu rekonstruieren, um sich dem ursprünglichen Text in seinem historischen Kontext, d. h. dem ursprünglichen Sinn wieder zu nähern.
Andere Auslegungsmethoden (etwa die narrative oder die feministische Exegese) sind genauso bestrebt, den ursprünglichen Textbestand zu erheben, die Texte historisch richtig einzubetten, zu übersetzen und zu deuten. Daher haben sie einige Methodenschritte mit der historisch-kritischen Methode gemeinsam, namentlich die Textkritik und die Bestimmung der literarischen Gattung (vgl. Formgeschichte).
Etablierung des Bibeltextes