Die Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 ist eine Rechtschreibreform mit dem erklärten primären Ziel der Vereinfachung der Rechtschreibung im deutschsprachigen Raum (kurz: Neue deutsche Rechtschreibung). Sie war sowohl wegen der angestrebten Änderungen der deutschen Rechtschreibung als auch wegen der Vorgehensweise bei der Durchsetzung von Anfang an umstritten und führte zu Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern. In den Jahren 2004 und 2006 wurde das Regelwerk in besonders strittigen Punkten überarbeitet und einige bisherige Regeln wurden wiederhergestellt. In den Schulen wird die reformierte Rechtschreibung gelehrt; von den meisten Verlagen wird sie in Form von daran orientierten Hausorthographien angewendet. In diesem Artikel werden vor allem die Auseinandersetzungen um die Reform dargestellt. Ihre Inhalte sind unter Neuerungen der deutschen Rechtschreibreform von 1996 zu finden.
Ziele der Reform In der Abschlusserklärung des ersten Wiener Gesprächs von 1986 wurden die Ziele einer Rechtschreibreform wie folgt umrissen: „Grundsätzliches Einvernehmen wurde darüber erzielt, die auf der Orthographischen Konferenz von 1901 in Berlin erreichte einheitliche Regelung der deutschen Rechtschreibung den heutigen Erfordernissen anzupassen. Insbesondere geht es darum, die in vielen Teilbereichen der Rechtschreibung im Laufe der Zeit kompliziert gewordenen Regeln zu vereinfachen.“
Vorgeschichte → Zur Vorgeschichte bis 1980 siehe Rechtschreibreform, Deutsche Rechtschreibung#Geschichte und Reform der deutschen Rechtschreibung von 1944
1980 wurde von 80 Germanisten aus der Bundesrepublik Deutschland, der Deutschen Demokratischen Republik, Österreich und der Schweiz der „Internationale Arbeitskreis für Orthographie“ gegründet, um die wissenschaftliche Erforschung der deutschen Orthografie zu koordinieren und voranzubringen. 1985 legte dieser Arbeitskreis einen ersten Vorschlag vor, was an der Rechtschreibung zu reformieren sei.
Die Vorüberlegungen wurden durch die zwei „Wiener Gespräche“ von 1986 und 1990 vorangetrieben, zu denen die österreichische Bundesregierung Vertreter aus allen Gebieten, in denen Deutsch gesprochen wird, eingeladen hatte. In der Schlusserklärung des ersten Wiener Gesprächs wurde angekündigt, die „umstrittene Groß- und Kleinschreibung“ vorerst auszublenden, um sie später in einem „zweiten Schritt“ in Angriff zu nehmen.
1987 erteilte die deutsche Kultusministerkonferenz (KMK) dem Institut für Deutsche Sprache in Mannheim den Auftrag, zusammen mit der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden ein neues Regelwerk zu entwerfen. 1988 übergaben diese einen noch unvollständigen Vorschlag mit zahlreichen, sehr weitreichenden Neuregelungen (zum Beispiel neu „Bot“ statt „Boot“ oder „Keiser“ statt „Kaiser“), der in der Öffentlichkeit und bald auch von der KMK als unannehmbar zurückgewiesen wurde.
Parallel dazu hatte die Schweizer Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren eine Expertengruppe mit dem gleichen Auftrag eingesetzt; beim Österreichischen Bundesministerium für Unterricht und Kunst gab es eine „Wissenschaftliche Arbeitsgruppe des Koordinationskomitees für Orthographie“; in der DDR die „Forschungsgruppe Orthographie“ am Zentralinstitut für Sprachwissenschaft an der Akademie der Wissenschaften.
1992 veröffentlichte der Internationale Arbeitskreis einen alle Bereiche der Orthographie behandelnden Vorschlag unter dem Titel „Deutsche Rechtschreibung – Vorschläge zu ihrer Neuregelung“.Narr, Tübingen 1993 lud die KMK 43 Verbände zur Stellungnahme ein. Anhörungen fanden in Deutschland, Österreich und der Schweiz statt. Der Internationale Arbeitskreis zog daraufhin die Forderung nach gemäßigter Kleinschreibung zurück. Es blieb auch bei der Unterscheidung von das/daß.
Auf dem 3. Wiener Gespräch, auch „Wiener Orthographiekonferenz“ genannt, das vom 22. bis zum 24. November 1994 stattfand, wurde das Beratungsergebnis den politischen Entscheidungsinstanzen zur Annahme empfohlen. Im Anschluss an die „politische Willensbildung in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz“ solle Ende 1995 ein Abkommen geschlossen werden. Der Dudenverlag machte die Ergebnisse der „Wiener Orthographiekonferenz“ im Dezember 1994 in einer Broschüre publik und vertrat die Auffassung: „Bei der Neuregelung handelt es sich nicht um eine ‚Reform an Haupt und Gliedern‘, sondern um eine ‚kleine Reform der Vernunft‘“.
1995 beschlossen die deutschen Kultusminister in der KMK, die Neuregelung mit einigen Änderungen spätestens ab dem 1. August 1998 mit einer Übergangsphase bis zum 31. Juli 2005 einzuführen.
Am 1. Juli 1996 verpflichteten sich die Bundesländer Deutschlands, Österreich, die Schweiz, Liechtenstein und weitere Staaten mit deutschsprachigen Bevölkerungsteilen durch die Wiener Absichtserklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung,Wiener Absichtserklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung vom 1. Juli 1996. die reformierte Orthographie bis zum 1. August 1998 einzuführen. Einige Bundesländer führten bereits mit Schulbeginn 1996/97 die reformierten Regeln im Unterricht ein. Es entbrannte ein Wettrennen um die Herausgabe der ersten Wörterbücher in reformierter Rechtschreibung. Für die Verlage zahlte sich die Rechtschreibreform aus: Für viele Jahre belegte der Duden Spitzenplätze auf Bestsellerlisten; der Schulbuchmarkt erlebte eine Sonderkonjunktur.
Öffentliche Auseinandersetzungen seit 1996 Kritiker der Rechtschreibreform beklagen eine zu geringe Beteiligung der Öffentlichkeit während der Erarbeitung der Reform durch Experten.
Erst nach Unterzeichnung der zwischenstaatlichen Absichtserklärung sei die Neuregelung in der breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. Als mit dem Erscheinen der neuen Wörterbücher im Juli/August 1996 die erwarteten Neuregelungen allgemein publik wurden, drängten die Reformgegner darauf, sie zurückzunehmen. Die Kultusministerkonferenz lehnte jedoch die daraufhin von den Reformern vorgeschlagenen Nachbesserungen ab. Die Duden-Redaktion räumte ein, dass viele Probleme mit der herkömmlichen Rechtschreibung vor allem mit ihren unverständlich formulierten und spitzfindigen Darstellungen der Rechtschreibregeln zusammenhingen.
Auf der Frankfurter Buchmesse 1996 unterzeichneten hunderte Schriftsteller und Wissenschaftler die Frankfurter Erklärung für einen Stopp der Reform.
Nachdem Verwaltungsgerichte im Lauf des Jahres 1997 unterschiedlich geurteilt hatten, erklärte das Bundesverfassungsgericht am 14. Juli 1998 die Einführung der reformierten Rechtschreibregeln per Kultusministererlass für den Bereich der Schulen für rechtmäßig.
Angesichts der vielfältigen Kritik wurde 1997 zur Nachbesserung und Fortführung der Reform die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung ins Leben gerufen.
In Schleswig-Holstein wurde in einem Volksentscheid am 27. September 1998 die Wiedereinführung der herkömmlichen Rechtschreibung beschlossen. Ministerpräsidentin Heide Simonis hatte schon vorher angekündigt, den Volksentscheid mit der Landtagsmehrheit wieder aufzuheben. Das Volksgesetz wurde tatsächlich vom Kieler Landtag am 17. September 1999 aufgehoben. Die Volksbegehren gegen die Reform in Bremen, Niedersachsen und Berlin scheiterten 1998 bzw. 1999. In Bayern war 1996/97 eine Volksinitiative erfolgreich; das dadurch mögliche Volksbegehren wurde von den Initiatoren um Friedrich Denk jedoch aufgegeben.
2004–2005: Krise der Reform Zum Welttag des Buches, am 23. April 2004, legte die Zeitung Deutsche Sprachwelt erstmals eine Resolution zur Rücknahme der Rechtschreibreform vor, die bis Juni 2005 von vielen Autoren, Persönlichkeiten, Verlage, Organisationen, Schulen und Verbände unterschrieben wurde.
Im Juni 2004 beschlossen die bundesdeutschen Kultusminister den Vorschlag, einen Rat für deutsche Rechtschreibung einzurichten, der an die Stelle der Zwischenstaatlichen Kommission treten sollte. Der Beschluss erfolgte einstimmig und könnte auch nur einstimmig geändert werden. Dieses Gremium sollte sich zunächst um die besonders umstrittenen Themen der Rechtschreibreform, wie etwa die Zusammen- und Getrenntschreibung sowie die Eindeutschung von Fremdwörtern („Ketschup“, „Portmonee“) kümmern. Über diesen Vorschlag diskutierten am 23. August 2004 Vertreter Österreichs, der Schweiz und Deutschlands im Rahmen eines Treffens auf Beamtenebene in Wien.
Am 6. August 2004 erklärten die Verlage Axel Springer (unter anderem Bild) und Der SpiegelSPIEGEL-Verlag und Axel Springer AG kehren zur klassischen Rechtschreibung zurück. In: Spiegel Online, 6. August 2004 sowie die Süddeutsche Zeitung (mit Einschränkungen) ebenfalls ihre Absicht, zur traditionellen Schreibweise zurückzukehren,Rechtschreibung: die Rückkehr. In: FAZ vom 7. August 2004 was erneut heftige Diskussionen um die Reform nach sich zog. Andere Verlage und Zeitungen kritisierten dieses Verhalten. Die taz ließ aus Protest ihre Ausgabe vom 12. August 2004 in Kleinschreibung erscheinen und bezeichnete die Anhänger der traditionellen Rechtschreibung als „Ewiggestrige“. Wenige Tage nach dem Vorstoß von Spiegel und Springer gab der Rheinische Merkur bekannt, ebenfalls zur alten Rechtschreibung zurückkehren zu wollen.
Auf einem Treffen am 25. September 2004 beschloss die Kultusministerkonferenz mit großer Mehrheit, am Termin für die verbindliche Einführung zum 1. August 2005 festzuhalten und Nachbesserungen nur in einzelnen Bereichen durchzuführen. Österreichs Bildungsministerin Elisabeth Gehrer hielt am 27. September 2004 ebenfalls am Termin fest und stimmte dem Vorschlag, einen Rat einzurichten, offiziell zu.
Am 6. Oktober 2004 erklärte die Süddeutsche Zeitung, dass sie – entgegen ihrer Ankündigung – doch nicht zur früheren Rechtschreibung zurückkehren werde.
Am 17. Dezember 2004 nahm der Rat für Deutsche Rechtschreibung seine Arbeit auf.
Die Kultusministerkonferenz gab am 12. April 2005 bekannt, dass nur „unstrittige“ Teile der Reform wie geplant zum 1. August 2005 in bundesdeutschen Schulen und Behörden verbindlich werden sollten. Die Kultusminister stuften folgende Bereiche als strittig ein: Getrennt- und Zusammenschreibung, die Zeichensetzung sowie die Schreibung von Fremdwörtern.
Im Hinblick auf die notenrelevante Einführung der reformierten Rechtschreibregeln an den Schulen erklärten im Juli 2005 mehrere Druckmedien, die wieder zur früheren Rechtschreibung zurückgekehrt waren (unter anderem die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt), auch weiterhin die alte Rechtschreibung verwenden zu wollen.
Nach dieser Entscheidung gab es in Deutschland mehrere Versuche, ein bundesweites Moratorium zu erreichen, um dem Rat für deutsche Rechtschreibung mehr Zeit für seine Arbeit einzuräumen. Ein Vorstoß der Ministerpräsidenten der CDU-regierten Länder scheiterte jedoch am Minderheitsvotum der SPD-regierten Bundesländer.
Nachdem ein bundesweiter Aufschub gescheitert war, empfahl der Verfassungsrechtler Rupert Scholz denjenigen Bundesländern, die eine Verschiebung der Einführung der Rechtschreibreform wünschten, einen Alleingang. Dazu kam es dann am 16. Juli 2005, als die bevölkerungsreichsten Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Bayern erklärten, die Einführung der Rechtschreibreform „bis auf weiteres“ auszusetzen. Man wolle die Ergebnisse des Rates für deutsche Rechtschreibung abwarten, um den „Empfehlungen des Rates zum Erfolg zu verhelfen“.
Die damalige brandenburgische Kultusministerin und Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Johanna Wanka, kritisierte die Entscheidung Nordrhein-Westfalens und Bayerns und forderte, mit der Diskussion müsse „irgendwann mal Schluss sein“.Rechtschreibdebatte: Länder beraten über Reform-Verschiebung. In: Spiegel Online. 19. Juli 2005. Ein halbes Jahr später, kurz nach dem Ende ihrer Amtszeit als Präsidentin der Kultusministerkonferenz, räumte sie gegenüber dem Spiegel ein: „Die Kultusminister wissen längst, dass die Rechtschreibreform falsch war. Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden.“