mini|Otfrid Foerster, Herbert Olivecrona und Wilhelm Tönnis, vor 1942 mini|Das Grab von Wilhelm Tönnis und seiner Ehefrau Herma auf dem Friedhof Dortmund-Oespel. Wilhelm Tönnis (* 16. Juni 1898 in Kley; † 12. September 1978 in Köln) war ein deutscher Chirurg und Hochschullehrer sowie ein Pionier der Neurochirurgie.

Leben Er wuchs in Kley bei Dortmund auf und absolvierte sein Abitur 1916 am Dortmunder Realgymnasium. Unmittelbar danach wurde er mit anderen Conabiturienten noch zum Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg an die französische Front einberufen und bis zum Leutnant befördert. Im Jahr 1919 begann er an der Universität Marburg sein Medizinstudium und promovierte 1924 an der Universität Hamburg. Während seines Studiums wurde er Mitglied der AMV Nordmark Hamburg (im Sondershäuser Verband).Verband Alter SVer (VASV): Anschriftenbuch und Vademecum. Ludwigshafen am Rhein 1959, S. 124.

1926 wurde er Assistent von Fritz König an der Chirurgischen Universitätsklinik Würzburg, 1932 Leiter der von ihm in diesem Jahr eröffneten neurochirurgischen Station am Luitpoldkrankenhaus in Würzburg, nachdem er zuvor eine neunmonatige Ausbildung bei Herbert Olivecrona in Stockholm durchlaufen hatte. Am 17. August 1934 wurde der Begründer der Neurochirurgie in WürzburgAndreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg (Druck: Bonitas-Bauer), Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 196 und 843. im Alter von 35 Jahren Leiter der ersten unabhängigen, auf Neurochirurgie spezialisierten Abteilung DeutschlandsMartin Sperling: Spezialisierung in der Medizin im Spiegel der Würzburger Geschichte. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 3, 1985, S. 153–184, hier: S. 168–168. in Würzburg (Erlass des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus).

Ein wesentlicher technischer Fortschritt beim Aufkommen der modernen Neurochirurgie war die ab Ende der 1920er Jahre aufkommende Konstrastmitteldiagnostik. Die Neurochirurgie musste sich damals gegen Widerstände der allgemeinen Chirurgen und auch (was die Diagnostik betraf) von Neurologen durchsetzen.Peter Röttgen, Neurochirurgie, in: H. W. Schreiber, G. Carstensen (Hrsg.): Chirurgie im Wandel der Zeit 1945–1983, Springer, 1983, S. 148

Tönnis beantragte am 24. Januar 1938 die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai 1937 aufgenommen (Mitgliedsnummer 5.919.508).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/44901066 1937 war er nach Berlin gezogen, wo er an der Hansaklinik der erste Extraordinarius für Neurochirurgie wurde, wobei er in dieser Funktion formal Ferdinand Sauerbruch untergeordnet war. Gleichzeitig wurde er zum Direktor der neu eingerichteten Abteilung für Tumorforschung und experimentelle Gehirnpathologie beim Kaiser-Wilhelm-Institut ernannt. Tönnis gründete die weltweit erste neurochirurgische Fachzeitschrift, das Zentralblatt für Neurochirurgie, und wurde deren Mitherausgeber. Während seiner Zeit in Berlin ab 1936 ergab sich am Kaiser Wilhelm-Institut für Hirnforschung eine enge Zusammenarbeit mit Hugo Spatz und mit seinem Schüler Klaus-Joachim Zülch. Aus dieser Zusammenarbeit entsprangen viele Arbeiten zur Weiterführung der Hirntumorklassifikation. 1943 wurde Tönnis zur gleichen Zeit wie Spatz zum Ehrenmitglied der Gesellschaft bulgarischer Neurologen und Psychiater in Sofia ernannt.

Während des Zweiten Weltkriegs war er Generalarzt bei der deutschen Luftwaffe und erhielt am 31. Mai 1944 das Ritterkreuz zum Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern. Er initiierte Luftwaffenabtransporte hirnverletzter Soldaten von der Front.

Nach dem Krieg arbeitete Wilhelm Tönnis zunächst ab dem 1. April 1946 als Direktor am Knappschaftskrankenhaus Bochum-Langendreer und richtete dort ein neurochirurgisches Zentrum ein. In dieser Zeit setzte er sich unermüdlich für die Institutionalisierung der Neurochirurgie im Nachkriegs-Deutschland ein.

1946 richtete er die Abteilung für Tumorforschung und experimentelle Pathologie am Max-Planck-Institut für Hirnforschung ein. Von 1949 bis 1968 hatte er den ersten deutschen Lehrstuhl für Neurochirurgie an der Universität Köln inne. Am 13. September 1950 gründete er die Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie und wurde deren Vorsitzender.

1952 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Ab 1954 gab er mit Olivecrona und Krenkel das bei Springer erschienene mehrbändige Handbuch für Neurochirurgie heraus. Er war Präsident der Tagungen der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie in Freiburg 1948, Göttingen 1949, Bonn 1950, Köln 1959. 1957 wurde er geschäftsführender Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung und 1959 Präsident des Gesamtverbandes Deutscher Nervenärzte, Köln. 1970 stiftete er die Wilhelm-Tönnis-Stiftung.

Er starb 1978 im Alter von 80 Jahren in einem Kölner Krankenhaus und wurde in Dortmund-Oespel beigesetzt.

Familie Tönnis entstammte einer in Kley alteingesessenen, wohlhabenden Landwirtsfamilie. Er hatte zwei Brüder, von denen einer Landwirt und der andere, Benno Tönnis (1907–1944), Doktorand von Fritz Kögl, habilitierter Chemiker und seit 1938 Laboratoriumsvorstand der Treibstoffsyntheseanalyseanlage Lützkendorf in Krumpa (heute Braunsbedra) bei Merseburg wurde.

Wilhelm Tönnis heiratete 1926 in Wentorf Herma Anna Maria Frieda Köster (Chile 1903–1997 Dortmund). Das Paar hatte vier Kinder. Ihr erster Sohn Dietrich Tönnis (1927–2010) wurde als Kinderorthopäde und Spezialist für die Behandlung der Hüftdysplasie ebenfalls ein in der Fachwelt anerkannter Mediziner. Weitere Kinder waren Gisela Emmy (Emma) Adele Oberniedermayr, geb. Tönnis (1929–2024), Erika Tönnis (1934) und Gisbert Tönnis (1939–2023), der ein bekannter Künstler und Professor an der Universität zu Köln wurde.Biografie Wilhelm Tönnis, Genealogie

Auszeichnungen 1960: Otfrid-Foerster-Medaille 1968: Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft 1968: Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern

Veröffentlichungen (Auswahl) Hirnverletzungen im Polenfeldzug. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. Band 66, 1940, S. 57 ff. als Hrsg. mit H. Olivecrona: Handbuch der Neurochirurgie. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1954 ff. Diagnostik der intrakraniellen Geschwülste. In: Wilhelm Tönnis, H. Olivecrona (Hrsg.): Handbuch der Neurochirurgie. Band 4/III. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960. Rektoratsrede Köln: Die Neurochirurgie im Rahmen der Universität. Scherpe, Krefeld 1960.

Literatur Ingeborg Geiger: Das Leben und Werk von Wilhelm Tönnis unter Berücksichtigung seiner Würzburger Zeit. Medizinische Dissertation Würzburg 1981. Joachim Gerlach: Briefe an Tönnis. 1969. Joachim Gerlach: Vom Neuanfang bis zum Einzug in die Kopfklinik. 1973. Fritz König: Erinnerungen. 1952. Peter Röttgen: Der Anfang mit Wilhelm Tönnis. In: 50 Jahre Neurochirurgie in Deutschland. Triltsch Druck, Düsseldorf 1986. Peter Röttgen: Wilhelm Tönnis zum 70. Geburtstag. In: DMW. 93 (1968), S. 1211–1212. Wilhelm Tönnis: Erinnerungen 1898–1978. bearbeitet und ergänzt von K.-J. Zülch. Springer, Berlin 1984. Neurochirurgie in Deutschland: Geschichte und Gegenwart. 50 Jahre Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie. Blackwell Wissenschaft, Berlin 2001.

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Rektorenportraits der Universität Köln

Einzelnachweise

Kategorie:Neurochirurg Kategorie:Neurologe Kategorie:Mediziner (20. Jahrhundert) Kategorie:Rektor (Universität zu Köln) Kategorie:Person im Zweiten Weltkrieg (Deutsches Reich) Kategorie:Generalarzt (Luftwaffe der Wehrmacht) Kategorie:Mitglied der Leopoldina (20. Jahrhundert) Kategorie:Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie Kategorie:Ferdinand Sauerbruch Kategorie:NSDAP-Mitglied Kategorie:Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern Kategorie:Träger des Ritterkreuzes des Kriegsverdienstkreuzes (1939) Kategorie:Träger der Paracelsus-Medaille Kategorie:Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft Kategorie:Wissenschaftliches Mitglied der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft Kategorie:Korporierter im SV Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1898 Kategorie:Gestorben 1978 Kategorie:Mann Kategorie:Absolvent der Universität Hamburg